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und Tageblatt Amtsblatt für die kömglichen nnd städtischen Behörden zn Freiberg nnd Brand. Verantwortlicher Redattem: Jul iE» vraun in Freiberg. »8. S«4», »a i Wochentag Nachmilt, b llhr für den . Dienstag, den 8. Dezember. Inserate werden bt«Vormittag 1t llhr angenom- UHLNL ! men und beträgt der Preis für die attpaltene Zeile lOOv« oder deren Raum 1b Pf. Welthandel und Weltmacht. Die beste Mahnerin zur Bescheidenheit ist die Geschichte, denn diese lehrt uns, daß die Geschicke der Völker ebenso dem Wechsel und Wandel unterliegen wie die mannigfachen Gebilde der Natur. Deshalb erscheint auch die einem Artikel der „Deutschen Weltpost" enthaltene Mahnung an das deutsche Volk beherzigenswert!), trotzdem eS den Ausspruch von dem Marschieren an der Spitze der Zivili sation mit Stolz auf sich anwenden dürfe, niemals über- müthig zu werden, sonder» stets an die Geschichte, an ihre Lehren und an ihr Richterwort zu denken. Wenn wir das gigantische Buch der Geschichte ausschlagen und darin blättern, sehen wir deutlich das kaleidoskopische Bild des Wechselns, Wandelns, Entstehens und Vergehen« der Reiche. Das Ziel aller Staatsmänner ist es, die Macht des StaateS ru steigern, und wenn sie nicht zu potenziren ist, die errungene Machtstellung zu erhalten. Wie dies geschieht, sagt uns klar die Geschichte. Sie erzählt uns, daß die Kulturhöhe und die Machtstellung eines Landes zu allen Zeiten seiner WirthschastS-Organisation entsprach. Im Mittelalter stand Obentalien mit seinen blühenden Handelsstädten an der Spitze der Nationen, weil der Welthandel seinen Weg über Italien nahm und größtentheils in italienischen Händen ruhte. Weltmacht und Welthandel sind immer vereint gewesen und unzertrennbar wie Licht und Schatten. Die Entdeckung neuer Welt-VerkehrSwege, die durch VaSco de Gama und Kolumbus von Portugal und Spanien auSging, verlegten nicht nur den Welthandel nach der iberischen Halbinsel, sondern ward auch Veranlassung, daß Italiens Macht- stellung abnahm und nach und nach auf Spanien >»d Portugal übergmg. Nun stand Spanien, wie seine »n- geheunn Kolonialerwerlmngen in Südamerika beweisen, als wichtigster Staat da und seine Einrichtungen w»rden damals überall nachgeahmt, wie in der Jetztzeit die deutschen Institutionen. Alö Spanien später seinen Welthandel und seine dominirende Machtstellung durch seine mangelhafte wirtbschaftliche Verwaltung verlor, rissen die Holländer de» Welthandel an sich; später arbeitete sich Frankreich durch das kaufmännische Genie des großen Finanzministers Colbert ebenfalls zu einem mächtigen vandelsstaat empor. Schon vorher erließ England die Navigationsakte, welche verbot, daß andere als englische Schiffe in England landen durften, wodurch die Axt an die Handelsstellung der Holländer gelegt wurde. Englands Industriebetrieb wird der größte der Welt und sein frei- händlerisches System wird überall nachgeahmt. Handels verträge auf freihändlerischer Grundlage werden mit anderen Mkern abgeschlossen, bringen aber diesen nicht den gleichen Vortheil wie England, das durch seine Handelspolitik groß und mächtig wird. Der bereits erwähnte Artikel der .Deutschen Weltpost" behauptet, daß Deutschland so lange warten mußte, ehe es eine wichtige Rolle spielen konnte, veil ihm eine einheitlich nationale WirthschaftS-Organisation fehlte und Sonderintercssen zu sehr im Vordergründe standen. Erst mit der Gründung des Zollvereins steigt Deutschlands virthschaftliche und politische Macht und schon seit Jahr zehnten ringt eS seitdem mit der Königin der Industrie, vil England, um den Weltmarkt. Wie Deutschlands Handel steigt seine Macht, deren Erhöhung und Erhaltung von seinem Handel abhängt. Deshalb muß Deutschlands Politik darauf gerichtet sein, den eigenen Handel und die Industrie, sowie seine Landwirthschaft möglichst zu be günstigen. Zu dem Kampfe mit England auf dem Gebiete der Industrie konimt der Kampf der Landwirthschaft mit Amerikas, Australiens und Indiens jungfräulichen Boden erzeugnissen, deren Billigkeit Englands industrielle Leistungen steigern müssen, weil eS schon seit Abschaffung der Korn- Me bereit ist, seinen geringen Getreidebau der Industrie zn opfern. Ist Deutschland in gleich günstiger Lage? Nein! Denn wenn e« die Vortheile billigeren Brotes der Industrie zu Gute kommen lassen wollte, so würde die Landwirthschaft, die beinahe die Hälfte seiner Einwohner ernährt, empfindlich leiden. Es gilt ein Mittel zu suchen, Enol>mds wohldurchdachte Handelspolitik, durch welche in Folge billiger Getreide-Einfuhren die Länder, die großen- theils auf die Landwirthschaft mit angewiesen sind, in wirth- schastliche Krise« aerathen sollen, unschädlich zu machen. Durch hohe Getreioezölle kann die Fluth überseeischen Ge treides zwar abgehalten und die Landwirthschaft geschützt Verden, aber auf Koste» der Exportfähigkeit unserer Industrie, die erhalten bleiben muß. Es ist nicht zu leugnen, Eng lands Politik hat in Deutschland Landwirthschaft und Industrie in Gegensätze gebracht, aber beide — Landwirth- schast und Industrie — müssen erhalten werden, denn sie bedingen Deutschlands Macht. Es ist zweifellos, daß die deutsche Industrie durch die hohen Gctreidezölle leidet und daß ihr auf dem Weltmarkt dadurch die Konkurrenz erschwert wird. Deutschland muß veshald dahin streben, einen anderweiteu Absatz einer Industrie-Erzeugnisse zu suchen, um von seinem Handel und seiner Macht nichts einzubüßen. Dazu wird einerseits seine Kolonialpolitik dienen, anderer seits ein großes Zollgebiet, das sich gegen Boden-und ndustrielle Erzeugnisse abschließt, ein Zollgebiet, das Deutsch land, Oesterreich-Ungarn, die Balkanländer und die Schweiz umfaßt. Solche umfassende Zollvereinigungen scheinen auch andern Ländern den Gegenstand ernster Verhandlungen in zu bilden. ES ist vielleicht nur noch eine Frage der Zeit, daß England mit seinen Kolonien ein Zollgebiet bilden wird, um sich den Absatz seiner Produkte in den Kolonien zu sichern, eine Möglichkeit, die durch das neue englische Kabinet wieder in den Vordergrund ge treten ist. Es ist ferner ein öffentliches Geheimniß, daß Nordamerika darnach strebt, das ganze amerikanische Fest land oder mindestens einen groß«, Theil desselben zu einem Zollgebiet zu verschmelzen. England weiß es, daß die Weltmacht von dem Welthandel unzertrennlich ist, deshalb strebt es darnach, diesen wieder zu erringen und ist dabei in der Wahl seiner Mittel nicht gerade wählerisch. Der Feldzug gegen Ober-Birma hatte sichtlich keinen andern Zweck, als Siam und den südwestlichen Theil Chinas zu nner ausschließlichen Domaine des englischen Handels zu machen. Der in Mandalay so rasch erzielte Erfolg ist um s» höher z« veranschlagen, als die Franzosen durch ihre Partelzwistigkeiten verhindert werden, die in Anam und Tonkin mühsam errungene Stellung für den Handel mit Ostasien auSzubenten. Von der deutschen Rcichsregierung läßt sich aber erwarten, daß sie die bei der Frage der Dampfersubventionen Und der Organisation der neuen deutschen überseeischen Erwerbungen bisher befolgte Politik festhaltex werde, ohne sich von der prinzipiellen Opposition an dem Satze irre machen zu lassen, daß Weltmacht und Welthandel unzertrennliche Begriffe sind. Tagesschau. Freiberg, den 7. Dezember. Der deutsche Reichstag hält heute und morgen keine Plenarsitzungen, um zunächst der Budgetkommisfion Gelegenheit zu geben, die ihr überwiesenen Abschnitte deS Etats möglichst für das Plenum vorzubereiten. Am 17. d. M. will der Präsident den Reichstag bis nach dem Neujahrsfest vertagen, so daß ein Abschluß der Etatsarbeiten vor Beginn der Weih- nachtSferien völlig ausgeschlossen erscheint. — Bei der am Sonnabend stattgefundenen zweiten Lesung des Etats der RcichSjustizverwaltung begründete zunächst Abg. vonStrombeck Namens der Budgetkommission den Antrag, die Ausgaben zur Remunerirung von Hilfsleistungen, sowie von Sachverständigen für gesetzgeberische Vorarbeiten von der in Ansatz gebrachten Summe von 29 060 Mk. auf 25 000 Mk. herabzusetzen, womit der Reichstag einverstanden war. Die für drei- neue Rathsftellen am Reichsgericht gestellte Mehr- sorderung von 36 000 Mark rechtfertigte Staatssekretär von Schelling mit der vermehrten Arbeitslast beim Reichsgericht. Abg. von Grävenitz äußerte sich befriedigt über die beab sichtigte Erleichterung der Geschäftslast der gegenwärtig fungirendcn Richter. Auf Anfrage deS Abg. Windthorst bezüglich des Baues des Reichsgrrichtsgcbäudes erklärte Geh. Rath Meyer, daß sich die Inangriffnahme deS Baues durch die erforderlich gewordene Umarbeitung der Pläne verzögert habe. Die Aufstellung der Forderung für den Bau würde jedoch wahrscheinlich noch im Laufe dieser Session dem Hause zu- gehen. Auf Antrag des Abg. vr. Braun wurde darauf das Kapitel „Reichsgericht" von der Tagesordnung abgesetzt. Bei dem nun folgenden Etat des Reichsschatzamtes verwies Abg. v. Schals cha auf die geringere Theilbarkeit der heutigen Dezimalmünze, welche nicht wie daS frühere Münzsystem eine Theilbarkeit durch 3 gestatte; er gab anheim, 2'/, Pfennigstücke zu prägen. Geh. Nath Schraut konnte eine derartige Aen- drrung nicht in Aussicht stellen. Abg. vr. Braun wider sprach ebenfalls, da, um den Wunsch des Abgeordneten von Schalscha zu erfüllen, die Aenderuug unseres ganzen Münzsystems erforderlich würde. Nachdem der Etat des Reichsschatzamts ohne Debatte bewilligt worden war, folgte die Berathung des Etats des Neichseisenbahnamts. Hierbei befürwortete Abg. Kröber die Einführung einer zweiten Stückgutttaffe, sowie billigere Transportbedingungen für das Holz. Geh. Reg.-Rath Körte versprach Berücksichtigung des ersten Wunsches, erachtete aber für die zweite Anregung das Reichseisenbahnamt als nicht kompetent, worauf sich über die Machtbefugnisse dieser Behörde eine Debatte entspann, an welcher sich die Abgg. Hammacher, Schrader uud Windthorst betheiligten. Der Letztere behauptete, ein einzelner stath sei im Stande, die Arbeit des ganzen 'Reichseisenbahn- amtes zu Hten. Dieses Amt fei aus der Idee der Reichs« eisenbahnen entsprungen, die zum Glück unausgeführt blieb und bleiben soll. Der Etat des Reichseisenbahnamtes wurde be willigt, das Gleiche geschah ohne jede Debatte bei dem Etat des Rechnungshofes. Der Etat des ReichSinvalidensondS wurde auf Antrag des Abg. v. Maltzahn-Gültz an die Budget ommission verwiesen. Damit war die Tagesordnung erledigt. Der Präsident schlug vor, die nächste Sitzung am nächsten Mitwoch abzuhalten, worauf Abg. KoScielskl bemerkte, daß es erfreulich sein würde, wenn die einzelnen Fraktionen sich recht bald über die Interpellation bett, die Ausweisungen schlüssig machen wollten. Er würd e am Mittwoch beantragen, die In terpellation am Donnerstag zu besprechen. Abg. Freiherr von Franckenstein bezeichnete dies aber als aussichtslos, da die Fraktionen vor Mitwoch Mittag nicht zusammentreten könnte«. Die offiziöse „Nordd. Allg. Ztg." und die hoch konservative „Kreuzzeitung" befinden sich seit kurzer Zeit in einer lebhaften Zehde. Das Organ deS Reichskanzlers wirft der „Kreuz peilung" vor, in den bedmtendsten Momenten der neueren preußischen Geschichte „auf der verkehrten Seite gestanden", namentlich aber Bismarck'S deutsche Politik zur Unzeit bo- ämpft zu haben. — Nach vorläufiger Zusammenstellung ergab ich bei der Volkszählung in der deutschen Reichshouptstadt eine Bevölkerung von 1316 382 Köpfen. Bei der Volks zählung am 1. Dezember 1880 wurde eine Bevölkerung von 1123 608 Köpfen ermittelt. Berlin ist also innerhalb 5 Jahren um ca. 200000 Personen gewachsen. — Gestern Mittag verstarb dort der Stadtverordneten - Vorsteher vr. Straßmann, der acht Jahre dem preußischen Abgeordneten- ;ause angehörte, in weiteren Kreisen aber durch die im Jahre >869 von ihm bewirkte Gründung des „Vereins gegen Ver armung und Bettelei" und durch seine Wirksamkeit als Präsident des 1b81 neu gegründeten „Deutschen Vereins für Armen pflege und Wohlthiitigkeit" bekannt worden ist. — Jin Auf trage des Königs von Baiern begab sich gestern der Minister von Crailsheim nach Nürnberg, um der heute dort statt- ändendcn Feier des 50 jährigen Bestandesder Nürn berg-Fürther Bahn anzuwohnen. In Oesterreich machen Personalveränderungen im Unterrichtsministerium großes Aussehen. Vor wenigen Tagen noch machte eine streng offiziöse Notiz die Runde durch alle Wiener Blätter, wonach der Rücktritt des Sektionschefs Fiedler im Unterrichts-Ministerium umsoweniger erfolgen werde, als man an höchststehenber Stelle Werth auf dessen Verbleiben lege. Am Sonnabend brachte trotzdem die amt- liche „Wiener Zeitung" an erster Stelle die Nachricht, daß Fiedler in den Ruhestand getreten sxi. Zu dessen Nachfolger wurde der ulttamontane Hofrath der steiermärkischen Statt halterei, vr. Arthur Graf von Enzenberg, ein Tiroler von Geburt, ernannt. — Die österreichischen Blätter versichern aus's Bestimmteste, daß die von den Russe» so stark bekrittelte Mission des Grafen Khevenhüller nicht nur mit Wissen, sondern unter ausdrücklicher Zustimmung des Berliner Kabinets ins Werk gesetzt wurde, wie denn überhaupt während des ganzen Verlaufes der Orientkrisis die beiden Verbündeten Kaisermächte in voller Gemeinschaft vorgegangen sind. Es machte in Wien deshalb einen eigenthümlichen Eindruck, daß angesehene deutsche Preßorgane eine Verschiebung dieser Ver hältnisse annahmen und sogar den ungarischen Minister- Präsidenten Koloman Tisza in einen Gegensatz zu dem Grasen Kalnoky stellen wollten. — Im böhmischen Landtage beantragten am Sonnabend die Abgg. Plener und Genossen eine bessere nationale Abgrenzung der Gerichts- und Verwaltungsbezirke als wirksames Mittel zur Herbei- snhrung besserer nationaler Verhältnisse, sowie die Ausdeh nung des Landtagswahlrechts auf die Fünsguldenmänner. In Beantwortung der in der italienischen Kammer gestellten Interpellation CanziS über die Kolonialpolitik Italiens erklärte der Ministerpräsident Depretis, er sei für eine kom merzielle, aber nicht für eine erobernde Kolonialpolitik. Damit stehe die Besetzung Massauahs nicht im Widerspruch, weil dies ein durch besondere Verhältnisse veranlaßtes Faktum sei. Der Minister des Aeußeren, Graf Robilant, erklärte sich mit De pretis vollkommen einverstanden und er sagte, Italien müsse Deutschland nachahmen, dessen Schutzaktion den kommerziellen Unternehmungen seiner Reichsangehörigen solge. Auf die Frage