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WSWenilich erscheinen dec! Nummern. Pranumeraiivn». Prei« 22j Sgr. (Z Thtr.) nierieljahriich, I Thir. für da« ganze Jahr, ohne Er höhung, in alten Tbeile» der Preußischen Lknarwie. Magazin für die Man prßnumerlrt ans diese« Beidlail der Mg. Pr. Staal«> Zeitung in Berlin in der Expedition (Mohren - Straße Nr. 34); in der Provinz so wie im Auslande bei den Wohllöbl. Post - Armier». Literatur des Auslandes. 9. Berlin, Freitag den 20. Januar 1837. England. Oliver Goldsmith. Oliver Goldsmith, dieser auch in Deutschland besonders durch seinen „Landprcdigcr von Wakefield" bekannte treffliche Englische Schrisisteller, hatte bi» sitzt noch keinen würdigen Biographen gesunden. Herr Prior, der Verfasser von Burke s Leben, unterzog sich aus vielseitig an ihn ergangene Aufforderungen einer so rühmlichen Arbeit, und so besitzen seine Landsleute jetzt eine Biographie Goldsmith s'), die, was die Dar stellung der Schicksale des merkwürdigen ManneS, seiner Gewohnheiten und seines Eharakiers betrifft, alle Erwartungen, die man mit Recht davon hegen durste, befriedigt. Herr Prior Hal mit unermüdlichem Fleiße sedcr Quelle nachgesorschl, die ihm Beitrage liefern konnte, und selbst die kleinsten Details nicht verschmäht. Es ist ihm gelungen, nachjuweisen, daß Goldsmith eine-große Anzahl von Sachen geschrieben hat, über deren Verfasser Jedermann bisher in Zweifel war; und seine neue zugleich mit der Biographie erschienene Ausgabe der Werke des Lichters enthält außerdem eine Anzahl noch bisher ganz ungedruckler Schriften. Ein wesentlicher Fehles der Biographie ist aber die etwas unge schickte Verarbeitung des reichen Materials. Die Fälle und Mamiig- faitigkeil seiner Daia mag Schuld daran seyn, daß der Lcrsaffer bei dem Versuche, sie zu ordnen, gescheiterl ist; aber das Verdienstliche seiner Arbeit bleibt darum doch ungeschmälert. Die gesammelten Cha- rakltHÜze gewähren solches Interesse, und die Menge vertrauter Briefe Gvldlmub's, die Herr Prior zum ersten Male miitheill, ist so reich an Eharaklerzügeu, daß man Alles dankbar aufnimmt, wo es nur immer livhen mag. Wir vermissen i» Herrn Prior's Werke nichts, was zur Ergänzung des Bilde» Goldsmith'» gebärt. Seine Geburt und Erziehung, leine jugendlichen Verbindungen, seine Reisen auf dem Kontinent, sein Leben in London, seine ephemere Schriststellerei zu kümmerlicher Fristung des Daseyns, seine Schwächen, sein Edelmulh u. s. w., Allee ist hier mit einer Vollständigkeit dargelcgt, die man nur würdigen kann, wenn man da« gehaltvolle Werk selbst liest. Wir begnüge» »ns damit, einige be sonders wichtige Resultate zu berühren, die man Herrn Prior s Be mühungen verdankt. E>» bekannter Ebaraklerzug Goldsmith s war feine harmlose Eitel keit, von der kein älterer Schriftsteller ibn sreispricht. Boswell, der Goldsmith nicht leiden konnte, oder wenigsten« sehr eifersüchtig auf ihn war, weil Johnson ihm so viel lkbre zollte, war der Erste, der dieser Eitelkeit öffentlich gedachte, und die Anekdoten, welche man von Gold smith erzählt, bestätigen in der Thai Boswell « Behauptungen. Herr Prior ist indessen bemüht, eine so unwürdige Anklage von dem Verstor benen abzuwehreu; aber vermöge eine« sontcrbaren Zufalls bestätigen seine gesammelten Denkwürdigkeiten die Thalsache nnr noch mehr. ES leidet gar keinen Zweifel, daß Goldsmith von seinem Genie und selbst von seiner Persönlichkeit eingenommen war, obschon er, als rin kurze«, stämmiges und nicht allzu behäbiges Männchen, leinen sonderlichen Grund batte, sich auf sein Acußrrc« etwa« einzubilden. Aber, wie schon bemerkt, seine Eitelkeit war, wie die mancher noch jetzt lebenden unS sehr wohl bekannten Gelehrten, ungemein harmlos. Sie verleitete ihn nicht j« falscher Beurlheilung Anderer und machte ihn überhaupt niemals biltcr oder menschenfeindlich. Sein schlichtes und gerade» Wesen, seine Svmpalbie gegen Leidende und seine unverwüstliche gnle Laune, die nur Mangel und Entbehrung beugen konnten, sind Bürgschaft genug dafür, daß er, wenn er auch mehr Rücksichten zu verdienen glaubte, al« man ihm bewies, koch mindestens diese Rücksichten nicht verlangte oder gar auf Unkosten seiner Zeitgenossen wünschte. Lernen wir einen so unschuldig eitel» Mensche» kennen, so dürfe» wir ihm wohl eine Schwäche verzeihen, die keim schlimmere Wirkung bat, al« daß er sich dann und wann echmal lächerlich macht. Scho» au« seinen Echneider- Sicchnungen läßt sich abnehm, n, wie viel st m zuweilen an seiner äuße ren Erscheinung gelegen war, obschon er «;n geputzte« und zugestutzteS Wesen in hohem Grade verabscheute. Zwar finden wir ihn noch häu figer sogar nachlässig in sei, em Aeußntn; aber diese Nachlässigkeit selbst war nur eine ander« Phase seiner Euelkkil.. und er mußte ost kleine Redereien darüber hören. Eines Tages halt« Goldsmith unter emeup Hach» von Mr »saun gestanden, die eine Frau in ausländischer Tracht angaffle» Er war gerade anf dem Wege zu einem Diner bei Sir Joshua Revnpld«, und a « er südlich doil aistam, sagte Bvrle (einer , l't- 'M- «f UUrer »tu« Original-Lueltc.1 r Bde Lone.», UW von den Gästen): „Unser Goldsmith hat heute in einem Volkshaufen gesteckt, der nach einer fremden Frau gaffte. Im Vorübergehe» Hirte ich ihn auSrusen: ,,„O ihr Tölpel, die ihr eine gemalte Puppe an« glotzt und cinen Man» von meinem Genie unbeachtet lasset!"" Der arme Goldsmith beibcuerte, dieser Ausruf seh ihm nicht über die Lippen gekommen; doch gestand er zu, er habe wenigsten» einen solchen Ge danken gehabt. Diese kleine Anekdote beurkundet eben sowohl die Eitelkeit wie die kindliche Offenheit unsere« Poeten. Wer Goldsmith nur aus den Werken kennt, die bi« jetzt unter sei nem Namen bekannt geworden, der wird über die ungeheure Menge n»d Mannigsaltigkeii der literarischen Produkte staunen, die Herr Prior demselben Schrisisteller vindizirt hat Nebe» seinen eigentliche» Schöpsungen sind bändereiche Uebersetzu»geu, Eompilanonen, Biogra- phicen, kritische Artikel sür Zeilschrislcn u. s. w. aus seiner fruchtbaren Feoec gestossen. Er war gleichsam ei» literarischer Tagelöhner. In Feil von einem Jahre lieferte er eine Broschüre über da» „Gespenst im Hahnen-Gäßchen" (Oonb-Iane bihont), eine Geschichte von Mecklenburg, eine» Englischen Plutarch (in sieben Bänden), eine kurzgesaßie Geschichte von England, ein Leben des Beau Nash und viele Beiträge zu dem publie l-oÜAer, einer Zeitschrift, die noch jetzt sorlbesicht. Für alle diese Arbeiten erhielt er ungefähr >20 Psd. Sterl., eine Summe, die nicht nur dem Wcrlhe derselben keineswegcs angemessen, sondern auch nicht zureichend war, uw drücken den Sorge» zu begegnen, die bei literarischer Tbäligkeit um so stören der sind. „Er arbeitete", so erzählt Herr Prior, „mit nie erkaltendem Eifer, und balle er sich einmal etwas erübrigt, das ihn in den Stand setzte, ein wenig zu feiern, so spieiie ihm seine Freigebigkeit einen Streich, und seine Kaffe war schon wieder leer, ehe er an sich selber dachte. Goldsmith'» Rus sühne ihm viele vo» Armuth gedrückte Verwandle — besonders Irländer') — zu; und unaufhörlich wurde er mit Empfehlungs-Schreibe», Bitten um Verweudnug u. s. w. gepeinigt. Ein Gesuch konnte er nie abschlagen; ja, ost gab er die willkommene Unterstützung schon, ehe man ihn darum ansprach. So erschöpfte er bald seine Hülssquellcn und fesselte sich dann wieder zu ei.itr neuen sauren Arbeit an sein Schreibpull Als Goldsmith eines Tage« mit ein paar Freundrn i>, einem Kaffeehause saß, ließ sich vo» der Straße eine auffallend schöne weibliche Stimme hören. Schon nach wenigen Minuten rannte Goldsmith hinaus und gab der Sängerin alle« Geld, da« er bei sich trug Als er zurückkebrte, scherzten seine Freunde über eine so ungeheure Freigebigkeit; er aber entgegnete: „Ihr habt nur die Lieblichkeit, nicht den Jammer ihrer Töne gehört." Das Interessanteste in dem vorliegenden Werke ist unstreitig Gold smith« Privat-Korrespondenz, die man wohl stink« Herzens wahre Sprache neniien kann. Hier erschließt er seine schöne Seele mit so lieblicher Naivetät, daß wir in diesem Genre keine anziehendere Lektüre kennen. Wir beschließen unsere Anzeige mit einigen Auszügen au« dieser Korrespondenz. Der nachstehende Auszug ist einem Briefe ent, lkhnt, den Oliver Goldsmith im Liste» Lebensjahre an seinen Bruder, einen Geistlichen in Irland, schrieb. Der Inhalt de« Brieses betrifft seine Existenz in London und den Einfluß dieser Existenz aus sein ganze« Wesen. „Ich habe mich in Betreff meiner,Reife nach Ostindien nicht ver rechnet; auch ist mein Entschluß nicht wankend geworden. Dessenun geachtet empfinde ich es schmerzlich, daß ich in meinem Listen Jahre zum ersten Mal in die Well trete. Seit unserem letzten Zusammen» fevn war ich keinen Tag krank, und doch bin ich der kräftige, rührig» Mensch nicht mehr, der ich sonst gewesen. Du kannst Dir kaum einen Begriff davon machen, wie sehr acht Jahre voll Täuschungen, voll Sorgen und geistigcr Anstrengung mich zerrüttet haben. Wenn ich mich recht erinnere, so bist Du sieben oder acht Iabrc älter als ich; und doch möchte ich wellen, daß ein Fremder, der uns Beide sähe, mir die Ebre erzeigen würde, das Gegenlhtil anzunebmen. Denke Dir ein blei» che« melancholisches Gestchl mil zwei tiefen Furchen zwischen den Brauen, mit ein paar abschreckend finsteren Auge» und einer dicken Pcrrücke — dann'hast Du mein treues Portrait vor Dir. Du, mein Bruder, bist ohne Zweifel frisch und gesund und verlebst manchen glücklichen Tag im Kreise Deiner Kinder oder derjenigen, die Dich al« Kind gkkannl haben. — Seitdem ich weiß, wa« da« bedeutet, ein Mensch zu sevn, süble ich eine Art von Vergnügen, da« mir bis da hin unbekannt glblicbcn. Ich habe unter kalten Spekulation«-Men- sckcn gelebt und ihr ganzes mißtrauisches Wesen angenommen. Ich würde jetzt sür die Gesevschoje meiner Freundt daheim ebc» so untaug« '> Er selbst war deka».l Ulet» ln Irland geboren, j» Palla« in der Gras- schasr Longford.