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Wöchentlich erscheinen drei Nummern. PrSnumcrauonk- Prei« 22j Sgr. (; THIr.) vierteljährlich, Z Thlr. für das ganze Jahr, ohne Er höhung, in allen Theilen der Preußischen Monarchie. z ' n a g a für die Man pränumeritt auf diese« Reihlatt Ler Allg. Pr. SiaatS- Zeieung in Berlin in der Expedition (Mohren - Straße Nr. Z4); in der Provinz so wie im Ausland« bei den Wohllöbl. Post - Aemtcrn. Literatur des Auslandes. 99. Berlin, Freitag den 18. August 1837. Schweiz. Schleichhändler in der Schweiz. Lon Sirt in das Thal der Arve führt rin Pfad über das raube Gebirge, das von Llüscs bis Salicnche streicht. Nur die Lontrebandiers, die aber bier an der Savovisch-Schweizerischen Gränzr ungemein zahl reich sind, kennen und betreten diesen Weg. Diese schlauen und ver wegenen Leute holen die Waaren und Vorräthe zu Marligny im Wallis ab, erklimmen mit ihrer schweren Last die steilsten und unzugänglichsten Höhen und steigen in die Savoyischc» Thäler hinab, wo ihre Ladung abgelegt, verlheiit und unbemerkt weiter in das Land spcdirt wird, wäh rend die Douaniers draußen an der Gränze aus der Wacht liegen und nichts Verbotenes die Straße hereinpassircn lassen. So besteht die Ein richtung in der schönsten Ordnung. Lin Douanier ist leicht zn erkennen: er hat eine Uniform, schmutzige Hände und eine Pfcise im Munde. Lr sitzt an der Straße, läßt sich von der Sonne bescheinen, lungert und wartet, bis ein Wagen vorbei- kömmt, der die Straße wahrhaslig nicht fahren würde, wen» er auch nur für einen Pfifferling Lonlrebande führte. „Hat der Herr was zu keklariren?" — „Gar nichts/' — Nu» kommen Lie Herren, trotz der kategorischen Verneinung, mit Stöcken und Stechern heran, reißen Koffer und Felleisen ans, lappen und wühlen mit oben besagten Händen unter dec weißen Wäsche, Taschentüchern und seidenen Stoben. Für dies Geschäft bezahlt sie der Staat: ist da« nicht kurios? Die Lontrebandiers sind wieder ein ganz anderer Schlag Leute; sie gehe» ihren aparten Weg, dis an die Zähne bewaffnet, und leiden nicht, daß ein Douanier auf ihrer Straße einherspaziert; treffe» sic einen, so machen sie nicht viel Umstände und grüßen ihn mit einer Kugel unter die linken Stippen. Zum Glück wisse» die Douaniers von der Sache und richten sich danach; wenn sie spaziere» gebe», nehmen sie einen anderen Weg. Ma» svlllc ihnen so seinen Takt gar nicht zutrauen. Die Herren Douaniers kenne ick; ich balle osl mil ihnen zu lhun. Meine Hemden baden die Ehre gehadt, an allen Gränze», von den Beamte» aller möglichen coustitutionnellen und absolulen Regierungen, befühlt und nach verbotenen Dingen durchsucht zu werken, die sich nicht darin sanden. Ader weil ich gerade von Hemden spreche, fallt mir eine hübsche Geschichte ein. Ich reiste »ach Lyon. Zu Bellegarde im Zoll- Hause waren unsere Koffer durchsucht worden, uud nun sollte e« auch an eine Uytersuchung unserer Personen gehen, wegen Verdachtes, ob wir nicht Uhrmacherwaaren am Leibe versteckt trügen. Die Aengstlichkeit läßt sich erklären, Genf ist nicht weil. Ich ließ mir die Visitation ruhig gefallen — ich bin überhaupt ein stiller, friedliebender Mensch; — aber e« reiste ein Englischer Osfizier mit uns, der gar nicht begriff, was man von ihm wollte; und als er's endlich begriff, zog er sein blankes Messer aus der Tasche und erklärte kaltblütig: „Ik stech' die Erst', wer kommt, un die Zweit' darzu, durkh und durkh", wenn Einer auch nur von fern Miene machen sollte, an ihn zu greifen. Da« gab einen großen Rumor; die Herren wollte» ihrem Reglement nicht« vergeben, aber der lange resolute Eisensrcffcr vv» Waterloo, mit der spitzen Klinge von blankem Englischen Stahl, jagte ihnen einen heiligen Respekt ein. Der Inspek tor nahm alle seine Autorität zusammen: „Durchsucht den Mensche»!" rief er gebieterisch; der aber wurde wüihend: „Komm' Sic an! ik sneid' Sie i» Stücke», die Erst' sammi die Zweit' und die Drill', mit da«!" und er streckte da« Messer dem Inspektor unler die Nase, der drei Schritte zurückwich Dit Sache hätte ei» tragische« E»de nehme» können, denn dec tapsere Gentleman war sebr böse und ganz außer sich; da trat ich dazwischen und machte einen Vorschlag zur Güte. „Der Herr", sprach jch, „wird so gut sev», sich selbst zu entkleide» und seine Kleidungsstücke de» Herre» vo» der Louane einzuhändigen; so können Sie Ihre Schuldigkeit lhun, ohne tem Anstande gegen den Herrn zu i" treten." Da« war der Engländer gleich zufrieden; er zog rasch bie Kleider vom Leibe und warf ein Stück nach dem ankeren, wie es herunter war, den Douanier« an den Kopf. Er schälte sich rein aus, und ich werde die Art und Weise und den Ton nie vergessen, wie er zuletzt lein Hemde dem Inspektor fast ins Gesicht schlug: „Da nehm', miserable Kerl!" Mit den Herren Lontrebandiers ist meine Bekanntschaft nicht weit her, aber wir haben doch einmal mit einander zu lhun gehabt, al« ich mir nämlich eines Tage« einsalle» ließ, ans jenem Wege über da« Ge birge ganz allein von Sist nach Sallrnch« zu marschireu. Ich Halle mir den Pfad vorher genau deichreiben lassen; elwa eine Slunke, ehe man die höchste Fläche des Berges erreicht, geht man läng« den Ufern eines kleinen Berg-Sees, welcher le I-c ste Oers heißt, und dann verfolgt man eine scharfe Felseiikanle, die aus einem Eis- und Schneefelde her» vorragl; hernach geht e« auf der andere» Seilt abwärts durch die schöne Waldung, welche den Wasserfall von Arpeuas umkränzt, bi« nach Sallenche. — Ich war von dreistündigem Stcilausstcigcn schon ziemlich ermüdet, als ich endlich den kleine» See vor mir sah: ein mäßiger Teich zwischen Abhängen und Mallen, deren Helle« Grün sich im Wasser dunkler wiekerspiegell, während das Auge i» der Tiefe dieser klaren, durchfichligen Fluih die glänzende», schillernden Moose und Wasser pflanzen unlerscheiket, die de» Boden überkleidc». Ich streckle mich am User nieder und delrachlcte wie Narciffu« im seuchlcn Elcmenl mein eigenes Bild. Mil diesem Genuß verband ich einen anderen, nämlich de» einer schmackbaslen Hübnerkeule; ich aß und sah mich essen, und da« war das Schöne an der Beschauung, daß mir kein Bissen darüber verloren ging. Außer meiner werlhen Person sah ich im Spiegel unlen die ganze umliegende Landschaft, die Bergkuppen, die Wälder, die ganze Natur verkehrt, sogar zwei Rabe», die hoch in den Lüsten, da unlen aber lies zu meinen Füßen im Abgründe flogen. Das Schauspiel festeste und ergötzle mich, und wer weiß, wie lange ich mil dem Kopfe über dem Wasser gelegen und die ganze Welt vergessen hätte — aber aus ein mal sah ich auf einem Abhänge, der sich zu meinen Füßen spiegelte und über den ich nachher meinen Weg nehmen mußte, elwa« sich rühren und de» Kopf aus einer Spalte hervorstccken; ob e« ein Mann, ein Weib, oder nur ein Thier gewesen, vcrmochle ich nichl zu unlcrscheiden, denn cs verschwand im Nu. Ich hob den Kops in der Nichlung auf, aber es war »ichl« mehr zu sehe». ES wird wohl eine Täuschung ge wesen seyn, dachte ich: da« Wasser wird sich ei» wenig bewegt haben; und machte mich auf den Weg, in der festen Meinung, daß weit und breit kein lebendiges Wesen außer mir aus den Bergen einhergehe. Weil ich mir aber koch gar zu deutlich bewußt war, etwa« gesehen zn haben, so blieb ich von Zeit zu Zeit stehen und.sah mich um; und als ich der Stelle näher kam, wo mir der Kopf erschienen war, schlich ich sachte und vorsichtig hinter etlichen Felsstückcn herum, um auszuspähen, was c« etwa gäbe, und doch jede schlimme Begegnung zu vermeiden. Der Weg, der hier in die Höhe führte, war ein Hohlpfad zwischen zwei niedrige» natürlichen Steinwänden, vielleicht vom Wasser ausge waschen. Man Halle wir unlen in Clüses eine Geschichte erzählt, die hier wohl an ihrer Stelle ist, da sie sich in demselben Hohlwege zuze« tragen hat. Achtzehn Eonstebandiers, jeder mit einem Sack Pulver aus der Berner Pulvermühle beladen,. wollten über den Berg hinüber nach Savoyen. Sie gingen einzeln hinter einander; der letzte in der Reihe merkt, daß sein Sack leichter und immer leichter wirk. Anfangs behagte ihm das; aber mit der Zeil fing er klüglich an, sich zu besin nen, daß e« wohl mit seiner Ladung nicht richtig aussehen müsse. Lei der war es so: der Sack halte ein Loch, und hinter ihm bezeichnete ei» Pulverflreis auf eine lange Strecke den Weg, woher sie gekommen waren. Der Schade wäre zu verschmerzen gewest», aber da« Schlimmste war : da« Pulver konnte die Zolljäger auf die Spur des Trupp« leite», und dann hätten sie einen harten Stand gehabt. Der Hintermann ruft „Hall", der ganze Zug steht still, wirft die Säcke ab, und jeder sctzt sich aus seinen, um sich den Schweiß abzulrocknen und der Branntwein« flasche zuzusprechen. Der vorsichtige Hintermann, ein Feldherr»-Genie, kehrt um und geht der Pulverspur dis an ihren Anfang nach. Nach zweistündigem Marsch erreicht er die Stelle, wo sein Sack gerissen war, und um die Spur schleunigst zu vernichten, steckt er seine bren nende Pfeife daran. Es dauert keine zwei Minuten, so hört er einen furchtbaren Knall, der an den Bergwände» tausendfach wiederhallle und mil beläudcndem Donnern und Rollen durch alle Thäler und Schluchten lief. Er sperrte Mund und Ohren auf: ein solche« Feuer werk Halle es nichl gegeben, seildem die Alpen stehen. Nämlich die siebzehn Säcke, die sich am anderen Enke der Pulverlinie besanden, mit den siebzehn Familienvätern darauf, waren in die Lust geflogen. Die Geschichte ist nicht so ohne, und es läßt sich zweierlei Schö nes dabei bemerken. Erstlich ist sie wahr und ganz anmuihig und spaßhaft; sie ist aber nicht bloß wahr, sondern auch wahrscheinlich; sie wird bezeugt durch die örtliche Tradition und durch de» Felsengang, der sich »och an derselben Stelle befindet — davon kann sich Jeder mit eigenen Augen überzeugen. Aus diesen Gründen halte ich die Be gebenheit für so gewiß, wie den Zug Hannibal'S über den kleinen Bern hard. Denn wodurch beweist man, daß Hannibal über den kleinen Bernhard gezogen ist? weil der Berg noch an derselben Stell» steht, das ist sonnenklar. Und wa« noch mehr ist, am Fuße des Berge« liegt ein großer, ganz weißer Stein; das ist offenbar derselbe, den der Kar-