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reMerM^ und Tageblatt. F164 38. Jahrgang. Sonnabend, den 18. Juli. Amtsblatt für die königlichen und Wüschen Behörden zn Freiberg und Brand. Verantwortlicher Redakteur: Julius Brauu iu Freiberg. Erscheint jeden Wochentag Abend« ^/,7 Uhr für den andern Tag. Preis vierteljährlich 2 Mark 25 M., zweimonatlich 1 M. SO Pf. und einmonatlich 75 Pf. Inserate werden bis Vormittag 11 Uhr angenom- o kk men und beträgt der Preis für die gespaltene Zeile 1 oder deren Raum 1b Pf. Zum sechsten deutschen Turnfest in Dresden. „Das Gefühl höchster Freude beseligt das Herz jedes deutschen Turners bei der 25. Wiederkehr des Tages, an welchem in Deutschland unter dem Schutze des freiheits liebenden und volksfreundlichen Herzogs Ernst von Sachsen- Koburg-Gotha, dessen Ideal von Jugend auf die Einheit und Macht des Vaterlandes war, der Grundstein gelegt wurde zu einem Bau, der sich heute über alle deutschen Gaue erstreckt und auch im Auslande feste Stützen hat." Mit diesen Worten leitet vr. Hans Brendicke in der „Festschrift zum sechsten deutschen Turnfest in Dresden" einen Abriß der Geschichte der deutschen Turnkunst während der letzten 25 Jahre ein, indem er gleichzeitig auf das erste allgemeine deutsche Turn- und Jugend fest hinweist, das vom 16. bis 19. Juni 1860 zu Ko bürg gefeiert wurde, welches den Anfang einer neuen Aera für das Turnwesen Deutschlands bezeichnete. Nach I. C. Lion datirt die Turnerei aus der Zeit Friedrichs des Großen, in welcher sie zunächst angeregt durch Basedow, Vieth, und Guts-Muths als privaterzieherische Gymnastik auftrat. Gefördert durch das Volksprophetenthum Pesta lozzis, wandelte sich die Turnkunst in der Zeit von > 1810 bis 1819 zu einer Patriotisch-nationalen um und er rang durch Jahns Eröffnung des Turnplatzes in der Berliner Hasenhall>e (1811), durch Fichte, Friesen und ! Schleiermacher eine Stellung, die ihr 1819 in Folge der politischen Ereignisse wieder streitig gemacht wurde. Es folgte die Zeit der Turnsperre, dann das Anstalts- turnen mit idealem Hintergründe und nach 1848 das Vereins- und Schulturnen. In der neuesten Zeit ist das Turnen immer mehr wissenschaftlich gefördert worden und hat nach Begründung der deutschen Turnerschaft im Jahre 1860 eine festere Organisation, besonders aber in den letzten zehn Jahren eine planmäßige Ausbreitung erfahren. Die früheren politischen Hindernisse stehen der Förderung des Turnbetriebes nicht mehr im Wege. Die Behörden schenken der Sache eine theilnehmende Beachtung, betrachten das Turnen nicht mehr als eine Maske der Demagogie, sondem j als das, was es ist und sein soll: eine nothwendige Ergänzung des öffentlichen Unterrichts. Während des deutsch-französischen Krieges sandte die ! deutsche Turnerschaft ihre besten Söhne in das Feld als Krieger zu des Vaterlandes Ehre. Von deutschen Turnern kämpften in Feindesland 11591, als Krankenpfleger wirkten 1119, cs erlagen 601, das eiserne Kreuz erhielten 580 und an vielen Orten organisirten die Turnvereine eine freiwillige Krankenpflege. Das Turnen bezweckt nicht die weitere s freiheitliche Entwickelung Deutschlands, wohl aber will es Vorschule und Pflanzstätte sein für die Heranbildung tüchtiger Staatsbürger. Der Gedanke an die Zusammen gehörigkeit der deutschen Stämme, die Hoffnung auf ein ' einiges Deutschland, welche für den Turnvater Jahn „der Traum seines erwachenden Lebens, das Morgenroth seiner Jugend, der Sonnenschein der Manneskraft und der Abcnd- stern im Greisenalter" war, er fand in der freiwilligen Vereinigung der deutschen Turnvereine die erste volksthüm- liche nationale Verwirklichung, lange bevor noch die deutschen Stämme durch „Blut und Eisen" zusammengeschmiedet wurden. Des Vaterlandes Ruhm und Ehre war des Alten im Bart höchster Zweck; sein Wort und sein Beispiel haben die Jünger geeint. Die Kraft der auf Vaterlands liebe aufgebauten Jahn'schen Schöpfung giebt dem Turnen die nationale Bedeutung, die in dem großen Bunde der deutschen Turnerfchaft ihren rechten Ausdruck gefunden hat. Wenn so nach manchem heißen Ringen und Kämpfen das Bächlein zum Strom geworden ist, der mächtig durch Deutschlands Gauen wallt, stellt die Turnerei Sachsens einen frischen Nebenfluß dar, der sich in diesen Strom ergießt und demselben klare Fluthen zusührt. Für diese säck fische Turnerei ist vorzüglich die Entwickelung bedeutsam, welche das Dresdner Turnwesen genommen hat und diese ist in der bereits erwähnten Festschrift von Robert Heeger aus eigner Erfahrung treu gezeichnet worden. Darnach stellten sich zuerst in den zwanziger Jahren einige Fechtmeister der sächsischen Armee an die Spitze von gymnastischen Anstalten; besonders wußte der Fechtmeister Grübner sich Reck und Barren dienstoar zu machen. Der Fechtlehrer am Dresdner Kadettenhause, Werner, welcher später in Dessau eine gymnastische Akademie leitete, wirkte in den dreißiger Jahren theoretisch und praktisch für die Turnerei, wenn auch in einem etwas theatralischen jSinne. Im Jahre 1843 erblühte aber in Dresden eine Turnstätte im echt Jahn'schen Sinne, bei welcher der! noch jetzt in Kötzschenbroda lebende sächsische Beamte Steg- iich verdienstlich und anregend wirkte. Mit diesem gemein- am gründete der später nach den Maiereignissen nach Amerika geflüchtete, aber mit den amerikanischen Turnern das jetzige sechste deutsche Turnfest besuchende tüchtige Turn lehrer Lehmann am 12. Februar 1844 den Dresdner Turnverein, der am Ende desselben Jahres schon 292 Mitglieder zählte. 1845 legte der Privatturnlehrer Heu singer, em Schüler Jahns, seinen Privatunterricht zu Gunsten des Vereins nieder, wurde in demselben besoldeter Lehrer und machte sich bald darauf auch durch die Aus bildung von Turnlehrern verdient. Den Theilnehmern an diesem Kursus gestattete das Kgl. Sächs. Ministerium den unentgeltlichen Besuch der anatomischen Vorlesungen des Professor vr. Günther, eines um die vaterländische Turnsache hochverdienten Militärarztes. Auf dem am 31. Ott. und 1. Nov. 1846 in Dresden abgehaltenen ersten sächsi schen Turntage kam es zu einem ziemlich fruchtlosen Systemstreit, bei dem sich der Turnrath auf Lehmanns Seite stellte. Im Jahre 1846 wurde am städtischen Waisen hause die erste Schulturnhallc in Dresden eingewciht, um für die Pflege des Turnens eine dauernde Stätte zu bleiben. Als Abgeordneter des Dresdner Turnvereins auf dem am 2. und 3. Juli 1848 zu Hanau abgehaltenen deutschen Turntage äußerte sich der jetzt noch der Sache des Turnens treuergebene Prof. vr. Wigard im Sinne des sächsischen Turners vr. Seidenschnur, der ein Jahr vorher bei dem Turnfest in Frankfurt a. Main ausdrücklich erklärt hatte: „Die Politik gehört nicht in die Turnvereine und ist für sie gefährlich." Der Maiaufstand brachte trotzdem über den Turnverein zu Dresden schweres Unglück und erhielt nach demselben der Verein mit Mühe seine Fahne zurück, sowie die Erlaubniß, das Kinderturnen fortzusetzen. Ostern 1850 wurde aber der Turnunterricht in den neuqeregelten Plan der Annenrealschule eingereiht und am 5. Ium desselben Jahres übertrug das Königliche Unterrichtsministerium dem bewährten Fachmann vr. Montz Kloß das Direktorat der Dresdner Turnlehrer-Bildungs- Anstalt und kurze Zeit darauf die Oberaufsicht über das gesammte Schulturnwesens Sachsens, welches durch ihn aus kleinen Anfängen zu großer Blüthe gelangte. Die 1862 erbaute Turnlehrer-Bildungsanstalt, welche am 7. Juli 1863 feierlich eingeweiht wurde, ist jetzt die Stätte der Wirksam keit des mit jugendfrischer Thatkraft ausgerüsteten Nach folgers von Kloß, Woldemar Bier. Der Dresdner Turnverein hatte schon 1854 eine eigene Turnhalle erbaut; am 27. Oktober 1860 wurde die Ritz'sche Turnanstalt gegründet; der 1861 entstandene Turnverein zu Neu- und Antonstadt bezog am 13. September 1863 eine aus eigenen Mitteln erbaute Turnhalle. Von da ab vermehrte sich die Zahl der Turnvereine in der sächsischen Hauptstadt derart, daß dort jetzt zehn Vereine vorhanden sind, welche 1900 steuerzahlende Mitglieder zählen. Bei 46 Schulen wird in eigenen, bei 35 Schulen in ermietheten Räumen getumt; von 38316 Schülern erhielten im vorigen Jahre 9046 Knaben und 7561 Mädchen Turnunterricht. Demnach blüht und gedeiht die Turnerei in Dresden und liefert für alle sächsische Städte ein hocherfreuliches Vorbild. So ziehen denn unsere Freiberger Turner mit frohen Herzen nach der Hauptstadt Sachsens, vollbewußt gleichen ernsten Strebens für eine gute Sache und werden hoffentlich von dem Verlauf des dort gefeierten sechsten deutschen Turnfestes vollbefriedigt aus dem schönen Elbflorenz zu unsern Bergen zurück kehren ! Tagesschau. Freiberg, den 17. Juli. Auch in diesem Jahre zeichnete der deutsche Kaiser aus Anlab seines Badeaufenthaltes in Ems viele Personen durch Ordensverleihungen und Geschenke aus. Der Badekommissar Kammerherr von Lepel erhielt als kaiserliches Andenken eine mit Brillanten besetzte goldene Tabatisre, Badeinspeltor Müller, Polizeikommissar Weinard und Polizeirath Bornheim Brillant nadeln, Regisseur Eckart, Maschinist Todt und Bademeister Bommcrsheim goldene Manschetten- und Hemdenknöpfe, Schau spieler Bollmann und Brunneninspektor Blum Brillantringe, der Kursaal-Portier Ritz eine goldene Uhr mit Kette. Zahl reiche andere Personen erhielten von dem Kaiser Geldgeschenke. — Vorgestern Abend 9>/z Uhr ist der Kaiser im besten Wohl sein von Koblenz nach der Insel Mainau abgereist. Den peinlichen Vorfall im Schützenhause zu Hannover, über den in gestriger Nummer kurz berichtet wurde, stellt das „Berl. Tagbl." in folgender Weise dar: „Wie alljähr lich, so fand auch am 14. d. M. bei Gelegenheit des Schützen festes ein Festmahl statt, zu welchem die obersten Regiermigs- beamten wiederum eingeladen werden. Trotz mancher wclfischen Ungeschliffenheit, welche bei diesem Esten zu Tage tritt, kamen die Beamten der Einladung nach. Gebräuchlich ist, daß jeder Theilnehmer am Festmahl der Reihe nach beim Umgang des Sektpokals einen Toast ausbringt. Als diesmal die Reihe an den Bürgervorsteher Winkelmann kam, brachte dieser einen Toast auf den Herzog von Cumberland aus. Der Oberpräsi dent der Provinz, Geh. Rath v. Leipziger, verließ sofort den Saal und ihm folgten alle Beamten, auch eine große Anzahl von Mitgliedern des Schützenkollegiums. Der Senator Bube erklärte daraus dem Bürgervorsteher Winkelmann, er habe die Gastfreundschaft so gröblich verletzt, daß er nicht länger ge duldet werden könne. Winkelmann entfernte sich in einen Nebensaal, wurde aber auch aus diesem verwiesen, worauf der Oberpräsident an dem Festakt wieder Theil nahm. In der gestern in Berlin stattgefundenen Prozeß-Ver handlung gegen dm Hofprediger Stöcker handelte cs sich in der Hauptsache um die öffentliche Beleidigung des Fabrikanten Schmidt in Elberfeld. Nach der Behauptung des Klägers sollte bei der letzten Reichstagswahl Hofprediger Stöcker am 7. November v. I. im evangelischen Vereinshause am Johannes- tisch bezüglich des Privatklägers sich dahin geäußert haben: „Die elmdrn Lügm, welche mein Gegenkandidat Herr Schmidt sogar aus rothes Papier drucken läßt, werdm nicht verfangen; gegen solche Infamien schützt mich der dortige gesunde konser vative Sinn und das dortige gesunde und kräftig lebende Christenthum. Sie wissen, was solche Buben von mir schreiben, ist nicht wahr, einfach, weil ich Hofprediger Sr. Majestät des Kaisers bin." Wegen dieser Aeußerung wurde gestern Hof prediger Stöcker zu 150 M. Geldstrafe, eventuell fünfzehn tägigem Gefängniß verurtheilt. Dem Beleidigtm wurde ferner die Publikationsbefugniß im „Reichsboten" und im „Siegener Wochenblatt" zugesprochen. Auf die Widerklage des Hof predigers Stöcker wurde Schmidt in einem Falle freigesprochen, im zweiten Falle zu 50 M. Geldstrafe ev. zu fünftägigem Gefängniß verurtheilt. In diesem Falle wurde dem Hof- perdiger Stöcker die Publikationsbefugniß im „Siegener Volks blatt" zugesprochen. Für das Deutsche Reich bildet das Unternehmen der deut schen ostafrikanischen Gesellschaft in Usagara, dem Hinterlande von Zanzibar, die Quelle unangenehmer Verwickelungen. Es bleibt abzuwärten, ob es nicht dem neuen deutschen General konsul in Zanzibar, Travers, besser als seinem Vorgänger, Rohlfs, gelingen wird, eine Verständigung herbeizuführen, welche sowohl das Interesse der deutschen Kaufleute in Zanzibar als dasjenige der deutschen ostafrikanischen Kolonisationsgesell schaft wahrt. Zunächst bestätigt sich leider die Nachricht vom Einrücken der Truppen des Sultans von Zanzibar in Usagara. Graf Pfeil protcstirte gegen dieses Vorgehen unter Aufhistung der deutschen Flagge. In Zanzibar wird ein ständiger politi scher und kaufmännischer Vertreter der ostafrikanischen Gesell schaft eingesetzt werden.. Der Kaiser von Oesterreich wünscht dem greisen deut schen Kaiser die mühevolle Fahrt nach Ischl zu ersparen und will sich deshalb zu demselben nach Gastein begeben. Für den Fall jedoch, als Kaiser Wilhelm es sich nicht nehmen lassen sollte, der kaiserlichen Familie in Ischl zu begegnen, würde die Ankunft des deutschen Kaisers dort erst am 11. August d. I., nach Beendigung der Kur in Gastein, erfolgen. Noch vor der Zusammenkunft mit Kaiser Wilhelm wird sich Kaiser Franz Joseph nach Innsbruck zum zweiten österreichischen Bundesschießen begeben und vom 8.—10. August d. I. in der Hauptstadt Tirols verweilen. Das Projekt einer sommerlichen Drei-Kaiser-Entrevue in Oesterreich scheint vollkommen auf gegeben zu sein. Es verlautet nämlich mit Bestimmtheit, daß Kaiser Alexander in diesem Sommer Rußland nur verlaffen wird, um sich zu seinen Verwandten nach Kopenhagen zu be geben. — Das Kreisgericht in Spalato beschloß die Einleitung einer strafgerichtlichen Untersuchung gegen den dortigen Bezirks hauptmann Baron Conrad, einen Sohn des österreichischen Unterrichtsministers, wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt. Der selbe hatte bei den Reichsrathswahlen für die Kroaten Partei ergriffen. Ebenso wurde eine Untersuchung gegen einen der Polcnpartei angehörigen Bezirkshauptmann in Zloczow ein geleitet. Die französischen Journale streiten darüber, ob die Pariser Bevölkerung am Dienstag bei dem Nationalseste eine Abnahme oder Zunahme der republikanischen Gesinnung bekundet habe, aber selbst die Regierungsorgane konstatiren, daß lediglich