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1857 66. Sonnabend, den 21. März Srs cheint jeden Wochentag früh S Uhr. Inserate wer de» bi» Nachmittag« Z Uhr für die nächst- «rscheinende Nummer angenommen. berechn«. Freiberger Anzeiger ----- UNd gespaltene Zeile »der — - , d«en Raum mit 4* Tageblatt Gedanken eines Freiberger über den beab sichtigten Neubau des Rathhausdaches. Wenn das Dachgebälke eines Hauses schadhaft wird, so zeigt sich dies gewöhnlich äußerlich in seinen eingebogenen First linien und Dachflächen, innerlich aber an den angefaulten Haupt- balkcn und den aus den Fugen gegangenen Holzverbindungen. Am Ralhhausdache ist nun aber äußerlich von obigen Schäden keine Spur sichtbar, und was den stark nach einwärts hängenden südlichen Gibel betrifft, so steht er schon so lange in dieser Stellung, als Schreiber dieses sich dessen erinnert. Diese Ansicht des GibelS ist zwar nicht schön, doch bringt sie keine Gefahr, so lange die Anker nicht abgerostet sind. Nun ist es nicht zu bezweifeln, daß sich im Innern des Rathhausdaches mancher faule Balken befindet und Laß das Sparrwcrk hier und da aus den Verbindungen gegangen ist, allein bei der außerordentlichen Masse und Stärke Les Holz werkes ist dieser Umstand nicht so gefahrdrohend, als bei der jetzt üblichen Holzersparniß und leichtere» Construction der Dächer. Ein so defecter Zustand des Rathhausdaches, daß er jetzt eine förmliche Erneuerung unabweisbar macht, läßt sich aber auch darum nicht annehmen, weil schon in früherer Zeit im Rathe stets ein sdgenanntcr Bauinspector fungirte, welcher die Bauaufsicht über alle communlichen Gebäude führte, und seit 1830 ist diese Function der städtischen Baudeputation übertra gen, die unter der Leitung eines bauverständigen Rathsmitglie- des (gleichviel welchen Berufs er eigentlich ist) alles Bauwürdige und Unwürdige zu prüfen hat. Warum hat nun diese Depu tation den gewiß schon lange so gefahrdrohend gehaltenen Zu stand des Rathhausdaches nicht früher einmal zur Sprache gebracht? Wenn nun das Sprichwort wahr ist, „daß man an dem Zustande des Daches die Ordnungsliebe des Hausbesitzers er kennt" — so müßte eine große Verantwortlichkeit auf die beauf sichtigende Behörde fallen, wenn sie gerade das wichtigste Gebäude der Stadtcommun in seiner Unterhaltung s o vernachlässigt hätte, daß nun mit einem Male keine Reparatur mehr möglich ist, und ein neues Dach aufgesetzt werden muß! Die wie es heißt, schadhaft und fcuersgefährlich gewordenen Schornsteine können doch wohl auch ohne Abtragung und Er neuerung des ganzen Daches wieder neu und sicher aufgeführt werden! — Nun soll man sich allerdings damit beruhigen, daß der neu angestellte städtische Baumeister mit einer Deputation des Raths und der Stadtverordneten, den großen Schaden entdeckt, besichtigt und kein anderes Mittel mehr ausreichend gefunden hat, als den alten Bettel wegzurcißen, und das Rathhaus mit einem neuen schönen und recht flachen Dache zu versehen, da mit zugleich die Gebäude hinter dem Rathhause, wie es deren Besitzer auch wünschen, mehr Licht erhalten. Der neue Dachbau soll auch dem Vernehmen nach sehr wohl feil auegeführt werden können, weil man eine große Summe Geldes aus dem alten starken Holze des gegenwärtigen Daches zu lösen gedenkt und das neue nun mit wenigeren und schwä cherem Holze aufführen wird, was also einen dreifachen Nutzen gewähren dürfte. Es ist aber eine bekannte Sache, daß flache Dächer, und wenn man sie auch mit Schiefer oder Metall ein deckt, in unseren Gegenden keinen Vortheil gewähren und die Reparaturen nicht aufhören. Aber auch abgesehen von dieser Erfahrung, so ist es unbegreiflich, wie ein flaches Dach zum Styl des alten ernsten Gebäudes und seiner gaiizen Umgebung pas sen soll!— Es kömmt mir vor, als wenn man einem geharnischten Ritter ein Käppi aufsetzen wollte. — Ich hätte aber geglaubt, daß man bei einer so wichtigen Bausache vor definitiver Beschlußfassung erst noch das Gutach ten eines unpartheiischen, renommirten auswärtigen Baumeisters, z. B. des Herrn Landbaumeisters Hänel, oder des Herrn Bau« commissars Arndt in Dresden, einholen würde, denn di« Lei stungen des neuen Herrn Stadtbaumeisters, denen ich übrigens nicht zu nahe treten will, sind hier doch zu unbekannt lind die Deputationsmitglkeder des Stadtrathes und der Stadtverordneten sind keine Sachverständigen von Profession, um sich auf diescS Urteil hin einseitig und beifällig bestimmen zu lassen. Vielleicht wären die vorgenannten auswärtigen Balimeister weniger baulustig gewesen und hätten uns einen Rath gegeben, wie wir unser altes, dem tiefen Gebäude angtmessenes Räth- hausdach noch einmal tüchtig zusammenflkcken könnten. Man würde hierdurch Zeit gewonnen haben, den Neubau noch auf eine günstigere Zcitperiode zu verschieben, in welcher hoffentlich die städtischen Caffen in einem vortheilhafteren Zustande sich befin-, den als gegenwärtig und wo die städtische EinkommensteUerab- gabe, wenigstens für die Fixbesoldcten, eine sehr drückende ist. Der Neubau soll zwar, wie schon erwähnt, recht wohlfeil (?) ausgesührt werden, wer aber kann mit Sicherheit voraussehen, welche Uebelstände noch außerdem zum Vorschein kommen! — Und hätten nun auch diese auswärtigen Baumeister einen Neu bau des Rathhausdaches jetzt als unabweisbar erkannt, dann würden sie sicher nicht vorgeschlagen haben, daS alte ehrwürdige wenn auch architektonisch gerade nicht ausgezeichnete Gebäude durch ein modernes flaches, zu dem Styl desselben schlecht passendes Dach zu verunstalten. Alle Gebäude deS Marktes sind zwei- und dreistöckig und mit hohen Ziegeldächern versehen, es müßte also schon des Gesammteindruckes wegen ein flaches Dach auf dem nur einstöckigen Rathhause als eine Kuriosität im großen Maaßstabe erscheinen. Im kleinen Maaßstabe haben aber wir schon an den chinesischen hölzernen und mit Pappe überzogenen Domthürmchen und Ler Nase auf dem Dongtsthurm Wahrzeichen genug. Die Erfüllung des Wunsches um Licht der Hausbesitzer hinter dem Rathhause kann hier nicht in Berücksichtigung gezo gen werden, wo es sich um die Verunstaltung des Nathhauscs und des ganzen Marktes handelt, so gern ich ihnen auch Licht gönnen wollte. Die gegenwärtige Baulust am und im Rathhause findet übrigens Gelegenheit genug an Gegenständen, deren Nothwen digkeit gewiß Niemand in Zweifel zieht, z. B. eine neue stei nerne Treppe, Nutzbarmachung der Parterreräume, Pflasterung der Hausflur re. Auch könnte man einen neuen südlichen Gibel, doch im Styl des Gebäudes, aufsetzen und die Eingangslhore, wenigstens dasjenige auf der Hintern Seite des Gebäudes, wür diger Herstellen. l Es kann mir nicht ein fallen, zu glauben, durch diese Ge danken im Interesse der Sache eine Aendernng der einmal ge faßten Beschlüsse bewirken zu können, aber gut ist es doch, solche Angelegenheiten öffentlich zu besprechen, damit man später wie« der einmal darauf zurückkommen kann. - —