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^?25S j welche man erstrebt, plötzlich unhaltbar werden könnten in j sicht kundgegeben haben, in der nächsten Parlamentssession Tagesschau. Freiberg, dm 5. November. Nach achttägigem Unwohlsein hat sich der deutsche Kaiser am Donnerstag wieder vom Krankenlager erhoben und es war deshalb in Berlin die Hoffnung rege geworden, daß er gestern Mittag beim Borübermarsch der Ablösung am Fenster erscheinen würde. Eine nach Tausenden zählende Menge hatte sich schon von 12 Uhr an vor dem Palais an gesammelt. Mit den Garde-Füsiliren zogen neue Schaaren heran. Eine gewaltige Wagenburg säumte dm Platz ein. Das Militär aber zog vorüber, ohne daß der Kaiser erschien. Langsam begann die Menge sich zu zerstreuen, da erreichte die schon in geraumer Entfernung Befindlichen plötzlich laute- Jubelrufen. Von allen Seiten stürzte man in fliegender Hast zurück zum PalaiS, und in der That hatte der Kaiser den Ausharrenden die Freude gemacht, noch an das Fenster zu treten. Bon dort aus konnte er beobachten, wie die Hunderte zurückeilten, wie Herren und Damen aus den Droschken sprangen, weil diese nicht schnell genug wenden konnten. Der hohe Herr hatte die Liebenswürdigkeit, zu warten, bi- sie Alle wieder zurückgekommen. Ec blieb, wie üblich im offenen Waffenrock, lange am Fenster stehen, verbeugte sich und dankte herzlich und wie man sehen konnte, selbst erfreut über die Kundgebungen welche das gewohnte Maß weit überstiegen. Der Kaiser sah wohl und kräftig auS. Bon einem eben erst überstandenen Unwohlsein war ihm Nichts anzumerken. Der heute im Saupark zu Springe stattfiadenden Hofjagd kann der greise Monarch trotzdem nicht beiwohnen und läßt sich derselbe des» halb dabei durch dm Prinzen Wilhelm vertreten. Mit dem Prinz« Wilhelm nehmen an dieser Jagd der Großherzog von Hessen, die Prinzen Heinrich und Friedrich Leopold von Preußen, sowie die Prinzen Max Emanuel von Baiern und Friedrich von Sachsen» Meiningm Theil. Außerdem sind auch noch mit Einladungen be ehrt worden die Staatsminister Or. Lucius und v. Bötticher, der Oberstkämmerer Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode, die Fürste» Putbus undHatzfeldt und mehrere andere hochangeschene Personen. — In der gestrigen Sitzung deS deutschen LandwirthschaftsratheS wurde die Berathung über die Zollerhöhungen und die Auf hebung des Identitätsnachweises fortgesetzt. Der Gutsbesitzer PaSquai (Straßburg) warnte vor Aufhebung des Identitäts nachweises und verwies aus die Erfahrungen, welche Elsaß zu französischer Zeit in derselben Angelegenheit gemacht hat. Herr Rittergutsbesitzer von Oehlschlägel (Ober-Lan- genau bei Freiberg i. S.) meinte, daß Zölle nicht eine stetige Einrichtung sein dürfen, daß das Beste für die Kultur völker eine freie Handelsbasis im Verkehr zu einander wäre. Dazu gehörte aber, daß in allen Staaten die Produktionsbe dingungen gleichmäßige wären. Unter den gegenwärtigen Ver hältnissen könne sich aber kein Staat dem Schutzzoll entziehen. Erscheint jeden Wochentag Nachmitt. >/,8Uhr für den ü , . SLM-LL'SLLLNl Sonntag, de« 6. November Inserate werden bis Vormittag 11 Uhr angenom- i mm und beträgt der Preis für die gespaltene Zeile ü IOO F < oder deren Raum 18 Pf. i * < »Folge Mißwuchses in Deutschland oder einer Weltkonjunktur. Das „Sperr' auf zur rechten Zeit!" dürste dann große Schwierigkeiten verursachen und ganz unberechenbare Nach- thelle wären zu befürchten, wenn man sich etwa urplötzlich zur Abschaffung der hohen Zölle entschließen würde. Die gegenwärtige wirthschaftliche Lage Rußlands erscheint in sehr ungünstigem Lichte. In Handel und Industrie dauert die Stockung fort und auch in der Land- wirthschaft haben sich die Verhältnisse trotz der reichen Ernte nicht besser gestaltet, da die Verwerthung der Erzeug nisse nicht möglich ist. Bezeichnend für die Lage des Grund besitzes ist der Umstand, daß erst in diesen Tag« die Moskauer Agrarbank zum exekutiven Verkauf von nicht weniger als 460 Gütern zu schreiten sich genöthigt sicht, von welchen die Hypothekarzinsen seit längerer Zeit rück ständig sind. Die gemeldete Vorschiebuna bedeutender Truppenmassen gegen die Westgrenze Rußlands hat sich nicht bestätigt, doch läßt sich nicht in Abrede stellen, daß die russische Militärverwaltung an der Hebung der Wehr kraft des Reiches in den westlichen Gouvernements noch immer so intensiv arbeitet, wie im Frühjahr inmitten der allgemeinen Kriegsbesorgniffe. reikWrM^E und Tageblatt, o Amtsblatt für die Umglicht« und städtischen Behörden zu Freiberg und Braud. Beramwortticher Redakteur: Iuliu» Braun in Freiberg Um den in Wien zusammengetretenen österreichisch-un garischen Delegationen Raum für ihre dringlichen Berath- ungen zu schaffen, ist der österreichische Reichsrath vertagt worden, ohne daß die czechische Interpellation über den Mittelschul-Erlaß im Parlament zur Sprache gekommen ist. Die Angriffe der Czechen gegen den Unterrichtsminister von Gautsch sind völlig erfolglos geblieben, was die Juogczechen der charakterlosen Zaghaftigkeit der Altczechen, die Letzteren aber dem alle anderen Parteien abstoßenden wilden Treibm der Jüngelchen zuschreiben. Dieser Bruderzwist wird jeden falls auf dem nächsten böhmischen Landtage lebhaft fort gesetzt werden. Inzwischen verderben es die Czechen immer mehr mit der österreichischen Regierung. In Prag ist in diesen Tagen eine czechische Brochure, welche das deutsch österreichische Bündniß bekämpft, nach ihrem Erscheinen auf höheren Antrag mit Beschlag belegt worden. Wie ver lautet, hatte die französische Regierung einige hundert Exemplare bestellt. Das deutschfeindliche Machwerk soll einen einflußreichen Czechenführer zum Verfasser haben, der Oesterreich vor der deutschen Schlange warnt und für Frankreich und Rußland schwärmt, »selche Deutschland nie derwerfen werden. Während sich die erste Abtheilung des italienischen Expeditionskorps unter dem Jubel der Bevölkerung von Neapel dort nach Ostafrika einschiffte, ist bereits ein eng lisches Kanonenboot mit dem ersten Sekretär der englischen Gesandtschaft in Kairo, Portal, sowie dem Major Beech und Aliwet Effendi in Massauah eingetroffen, welche von England beauftragt sind, den Frieden zwischen Italien und Abessinien bei dem Negus zu vermitteln. Die italienischen Blätter versichern, daß diese englische Mission keineswegs von der Regierung Italiens ailgeregt worden ist und den Fortgang der kriegerischen Operation nicht hemmen wird. Die Italiener wollen durchaus zuerst Siege erringen und erst dann die Friedensvorschläge des Negus entgegen nehmen. Daran thun sie aber nicht recht, denn wenn man nutzloses Blutvergießen ersparen kann, ist das sicher der beste Erfolg. Wenn auch anfangs der Präsident der französischen Republik gesonnen war, eher selbst zurückzutreten, als die von Cuneo d'Ornano beantragte parlamentarische Unter suchung in einer für seinen Schwiegersohn Wilson kränken den Form zuzulassen, besann er sich doch eines Anderen, nachdem Wilson gestanden hatte, daß er Schriftstücke des Staates in seinen Privatbesitz zurückbehalten und seit sechs Jahren seine Briefe, mit dem Petschaft Gravys versehen, unfrankirt abgesandt habe. Die französische Regierung steht nun der Angelegenheit zunächst abwartend gegenüber, sieht ihre Aufgabe nur in der Wahrung der Kompetenzen und fürchtet keinen ernsten Ausgang, weil die sämmtlichen republikanischen Gruppen sich doch schließlich einigen müssen, um den monarchistischen Angriffen zu begegnen. Nicht ohne Besorgnisse sahen aber die amtlichen Kreise in Paris der Verhandlung über den die Rentenumwandlung betreffenden Gesetzentwurf entgegen, da die Radikalen diese Gelegenheit benutzen wollten, dem Kabinet Verlegenheiten zu bereiten. Der Angriff verlief aber wirkungslos, da am Donnerstag das Amendement des Radikalen Pichon, in welchem eine Konversion in 4proz. Rente beantragt wurde, von Rouvier erfolgreich bekämpft und von der Kammer mit 344 gegen 173 Stimmen abgelehnt wurde. Die Kammer nahm die Konversi nsvorlage mit 276 gegen 161 Stimmen an, be schloß aber dann die sofortige Verlesung des Berichts der Enquöte-Kommission. Aus oemselben ging hervor, daß die Kommission nach Vernehmung der Minister, welche sich gegen eine parlamentarische Untersuchung ausgesprochen, im Uebrigen aber sich bereit erklärt hatten, der Kammer jede nothwendige Auskunft zu geben, mit allen gegen eine Stimme bei ihren ersten Beschlüssen verharrte und dem gemäß die Enquete beantragt. In Folge der Unbotmäßigkeit Dinizulus, des Sohnes Cetewayos, drohen England neue kriegerische Verwicke lungen in Südafrika. Um so Wünschenswerther erscheint dem Kabinet Salisbury ein baldiger Abschluß der Wirren in Irland und soll deshalb das Ministerium sogar die Ab- Die Woche. Einem früheren deutschen Kaiser aus dem Geschlechte der Karolinger wird das Scherzwort: „Sperr' auf zur rechten Zeit!" nacherzählt. Auch in unserer Zeit hat dieser Satz seine Geltung und mahnenve Bedeutung. Als unser greiser Kaiser sich im besten Wohlbefinden anläßlich der Manöver in Stettin aufhielt, hätte der sich in Kopenhagen aufhaltende Zar nur einen kurzen Abstecher zu machen brauchen, um das Oberhaupt des deutschen Reiches zu begrüßen und sicher würde dieser Besuch damals dazu bei- getraaen haben, manche Mißverständnisse zu beseitigen und die Beziehungen zwischen den Kabineten von Berlin und Petersburg wieder günstiger zu gestalten. Trotzdem der deutsche Reichskanzler zu jener Zeit noch fest daran hielt, daß die Bulgaren zur Beobachtung der von ihnen miß achteten Bestimmungen des Berliner Vertrages angehalten werden müßten, wurde die deutsche Politik von den russi schen Blättern auf's Heftigste angefeindet und eine etwaige Fahrt des Zaren nach Stettin als eine Art von Canosfa- Gang hingestellt. Die sich verschlimmernde deutsch-feind liche Haltung der russischen Regierungsblätter, die gegen Deutschland gerichteten Zollerhöhungen und vermehrten Zollplackereien, sowie verschiedene mißliche Vorfälle an der deutsch-russischen Grenze erzeugten schließlich auch in den leitenden deutschen Kreisen eine Verstimmung, deren Be deutung man in Petersburg nicht verkennen wird. Eben sowenig kann es der russischen Regierung entgangen sein, daß der den Besuchen des Grafen Kalnoky und des Mini sters Crispi in Friedrichsruh das Freundschaftsband um Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Italien in einer Weise gefestigt worden ist, über welche bereits der leitende Staats mann bei seiner Tafelrede in Turin einige schätzbare An deutungen gab, die aber auch deutlich zwischen den Zeilen der sehr entschiedenen Rede zu lesen war, mit welcher Kaiser Franz Joseph die österreichisch-ungarischen Delega tionen in Wien eröffnete. Jedenfalls ist nicht mehr daran zu zweifeln, daß Oesterreich-Unaarn und Italien sich einem gewaltsamen Eingriff Rußlands in die bulgarischen Verhältnisse widersetzen würden und daß sich dann in Deutschland kein Finger rührt, um die treuen Bundesgenossen des deutschen Reiches an der weitgehendsten Versechtung ihrer Orient-Interessen zu ver hindern. DaS „Sperr' auf zur rechten Zeit!" ist lebhaft in die Erinnerung zurückgerufen worden durch die über raschende Nachricht, daß der Kaiser von Rußland die Heim reise von Kopenhagen am 12. d. M. über Deutschland antreten und dabei einen Besuch in Berlin abstatten wolle. Der Gesundheitszustand unseres Kaisers ist aber jetzt leider nicht derart, um eine solche aufregende Begegnung mit dem Zaren wünschenswerth erscheinen zu lassen. Bemerkenswerth ist es, daß die Berliner Regierungsblätter es auch als unwahrscheinlich bezeichneten, daß es dem ebenfalls leidenden Reichskanzler möglich sein werde, bei einer Zusammenkunft des Zaren mit dem deutschen Kaiser oder dem Prinzen Wilhelm anwesend zu sein. Die öffentliche Meinung in Petersburg und in Berlin ist jetzt unverkennbar dem ver späteten Höflichkeitsakt so wenig günstig, daß derselbe vielleicht ganz unterbleibt. Die vom „Reichsanzeiger" veröffent lichte kaiserliche Verordnung über die Einberufung des deutschen Reichstages gab das Signal zu zahllosen Erörte rungen über die der deutschen Volksvertretung harrenden Aufgaben. Zunächst wird sich der Reichstag mit dem Etat zu beschäftigen haben, der, wenn nicht politische Auseinander setzungen allgemeiner Art damit verknüpft werden, an sich zu weitläufigen Erörterungen und starken Meinungsver schiedenheiten keinen Anlaß bieten wird. Dagegen tragen zwei andere Gegenstände den Stoff zu sehr heftigen Kämpfen m sich: die Getreidezollerhöhung und die Verlängerung der Legislatur-Perioden. Die Aussichten der Kornzoll-Vor lage, welche eine Verdoppelung der bestehenden Zölle ent halten soll, sind sehr unsicher. Eine Mehrheit dafür könnte nur schwer gewonnen werden, wenn der weit überwiegende Theil des Zentrums zustimmt, was bis jetzt noch sehr zweifelhaft erscheint. Aus den Verhandlungen des am Donnerstag in Berlin zusammengetretenen Landwirthschafts- rath^s war zu entnehmen, daß viele Mitglieder desselben von dem bisherigen Schutz der Landwirthschaft noch keines wegs befriedigt sind, da sich der Minister vr. Lucius veranlaßt fühlte zu betonen, das die Zölle doch Gutes gewirkt hätten, daß man aber der Landwirthschaft nicht mit einem Schlage über die Krisis hinweghelfen könne. Der Antrag des Korreferenten über die Getreidezölle bewies auch die volle Erkenntniß der Gefahr, daß die höheren Zölle, eine im Sinne Chamberlains ausgearbeitete Bill vorzubringen, welche den Irländern ein größeres Maß von Selbstver waltung zugesteht. Bei der Verhaftung des renitenten irischen Deputtrten O'Brien in Middleton kam es zu sehr heftigen Auftritten und wurde der Gefangene schließlich unter starker Husarenbedeckung nach dem Gefängniß in Cork abgeführt, wo er ebenso wie der wegen Widerstandes gegm die Obrigkeit verhaftete Gladstonianer Blunt Sträflingstracht tragen und Sträflingsarbeiten leisten muß. Hierin liegt der Hauptunterschied zwischen dem Gladstone'schen Zwangsgesetz von 1881 und dem Salisbury'schen von 1887; damals wurden die Parnelliten in Kilmainham als politische Gefangene behandelt und genossen alle Annehmlichkeiten des Lebens, die Freiheit abgerechnet.