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d Braud -,/» Erscheint jeden Wochentag Nachmttt.»/^UHr ftr d«i ^2M» Donnerstag, »« JA. Dtzemver. j Ml, II Inserate »erden bi» Bormittag 11 Uhr angenom S FHFUM» L men und beträgt der Pret» für die gespalten« Zeile 8 ZOOM oder deren Raum 1b Pf » « AmtslM für Ne vmMchW und stüdtifcheu Behörden zu Freiberg BeuLlwsniich« Redaktem: Jsliu» Brana ia Freiberg BergerMM^ undTaMliL Tagesschau. Freiberg, dm 21. Dezember. Der deutsche Kaiser ließ sich gestern Bormittag zunächst vom Grafen Perponcher und dem Polizeipräsidenten Frhru. v. Richthofen Borträge halten und empfing darauf in Gegen wart des Generals von Pape, sowie deS Gouverneurs und des Kommandanten von Berlin mehrere höhere Offiziere. Während der Mittagszeit arbeitete der Kaiser noch längere Zeit mit dem General von Albedyll. — lieber daS Befinden des deutschen Kronprinzen ging dem „B.T." folgende» Telegramm auS San Remo zu: „Das neue Gewächs am linken Bentrikularband nimmt allmählich ab. Die Besserung im allgemeinen Befinden hält an." Dagegen giebt die »Nat.» Ztg." folgende Darstellung wieder, die einem konservativ« Blatt auS San Remo zuging: „ES kann nicht meine Abficht sein, über den Zustand deS Kronprinzen ein Mosaik von Nach richten zu geb«, die, entsprechend dem schwankenden tückisch« Charakter der Krankheit, heute gut und morgm schlecht sein können und daher kein klares Bild der augenblicklichen Situation geb«. LS giebt keine Krankheit, die so trügerische Gestaltungen an« nimmt, wie der Krebs. Mau könnte fie die individuellste der Krankheiten nenn«, eben weil ihr« Individualität bei dem einen Kranken sich anders zeigt, ab» bei dem andern. Daher die wechselnd« Erscheinungen. Auf diese allerdings nur von einem Laim skizzirten charakteristischen Andeutungen ist auch der Pessimismus zurückzusühren, der sich b:i der plötzlich« Krisis im November kundgegeben hat und neuerdings plötz lich in das Gegentheil, in ein« OptimuSmuS umgeschlagr« hat auf di« gut« Nachricht«» über da» Befinden de» Kronprinz« hin. So erklärbar beide Erscheinungen find — auS dem Herz« der Million« heraus, die für ihn bang«, »offen und bet« — so trügerisch kann die Grundlage sei», auf der sie sich aufbau«. Wie dem Berdikte der im November in San Remo versammelten Aerztejury auf Carcinom doch erst «ine lange Beobachtung deS Krankheitsfalles vorausgehen mußte, die im Publikum al» Verheimlichung oder Vertuschung angesehen wurde — eine Beobachtung, die als um so sorg- ältiger geboten war, je größer die Verantwortlichkeit in An« -etracht der Persönlichkeit deS Hohm Patienten war — so be- indet man sich jetzt nach der Novemberkrisis ebenfalls wieder von Seiten der Aerzte im Zustande der Beobachtung über oie materiellen Veränderungen oder Entwickelungen am Krankheit-« jerde. Man steht vor dem Bangen vor dem Geahnten, Ge- ürchteten oder Unbekannten. Es kann heute — morgen sich wieder zum Schlimmen neigen — ein gewisser Zustand kann ich aber ebensogut Jahre lang im Schwebend« erhalten." — Bereits vorgestern wurde in Potsdam der Christbaum in der Kaserne des Garde-Husaren Regiments angezündet und war bei der Bescheerung die gesummte Familie deS Regiments kommandeur», deS Prinz« Wilhelm vonPreußen gegen wärtig. Nachdem Se. Königl. Hoheit seinen Platz in der Mitte ver zum Festplatz benutzten Bahn eingenommen hatte, blies« die Trompeter den Choral: „Ein' seste Burg ist unser Gott!" und alle Anwesenden stimmten mit ein. Darnach sangen die Trompeter das Weihnachtslied: „Stille Nacht, heil'ge Nacht", worauf Se. Königl. Hoheit Prinz Wilhelm folgende Ansprache hielt: „Husaren! Seit dem vorigen Jahre, wo wir daS Wcihnachtsfest hier feierten, hat sich die Zeit geändert, sie ist ernst geworden. Wir stehen vor einer vielleicht unsicher« Zukunft; da ziemt es sich, an unsere alte Devise, die wir an unserer Kopsbedeckung tragen: „Mit Gott für König und Vaterland!" zu denk«. Bor allen Dingen: „Mit Gott!" Möge Er un» beistehen in dieser schweren Zeit, da einer unserer größten Heerführer und Feldherren, der unsere Arme« angeführt hat in so manchen Krieg«, unter schwerer Prüfung steht. Wie sollte da nicht in dies« Tagen das Herz eine- jeden preußischen und deutschen Soldat« beten für die Gesundheit und Genesung dieses hohen Herrn I Möge der Herr, der unserem Heere stets beigestanden in schweren Zeiten der Entscheidung, auch ferner mit uns sein! „Für König und Vaterland!" Dafür dienen wir, dafür werdet Ihr ausgebildet. Ihr seid aus der großen Armee und der weiten Familie, deren Vater der König ist und in der engeren Familie Eures Regiments. Dies will Euch, so weit es geht, Eure Familie ersetzen, daher wird sür Euch Weihnachten bereitet, wie ein Familienvater es für seine Kinder thut. Wir übergeben Euch hiermit diese Ge schenke, die Ihr Euch gewünscht habt, und ich wünsche Euch bei diesem Fest zugleich rin gutes neues Jahr! Möget Ihr Euch in demselben als treue tüchtige Husaren bewähren und möget Ihr stets besten eingedenk sein, daß Se. Majestät der Kaiser und König als die drei Grundpfeiler seiner Armee be zeichnet: die Tapferkeit, daS Ehrgefühl und den Gehorsam, Der Wiener Marfchaltsrath. Nachdem in dem Organ des russischen Kriegsministers, dem militärischen Fachblatt „Der Invalide" Deutschland und Oesterreich aggressiver Absichten geziehen und die an der Ostgrenze des deutschen Reichs und Galizien stehenden Hecreskräfte bei Weitem überschätzt worden sind, kann irgend eine offizielle Widerlegung dieser Behauptungen von Seiten - Deutschlands und Oesterreich-Ungarns kaum ausbleiben. Was von nichtamtlicher aber fachmännischer Seite über die thatsächlichen gegenseitigen militärischen Verhältnisse an der galizischen Grenze durch die Wiener „N. Fr. Presse" mitgetheilt worden ist, widersprach vollständig den von dem „Invaliden" aufgestellten Ziffern, war aber gerade dadurch nicht geeigret, die öffentliche Meinung in Wien und Pest zu beruhigen. Die Ansicht, daß das Blatt des russischen Kriegsministers jene Gruppirung bedeutender Hahlen nur in der Absicht brachte, dem Zaren selbst Zweifel an der Friedensliebe der mitteleuropäischen Regierungen einzu flößen und damit den letzten R st der bei seinem Aufent halt in Berlin empfangenen freundlichen Eindrücke zu ver wischen, hat viel für sich. Der deutsche Botschafter General von Schweinitz wird sich bemühen, den Kaiser von Ruß land über das Irrige jener Darstellungen aufzuklären und auf Wunsch des Erzherzogs Albrecht soll von Wien aus eine hohe Persönlichkeit besonders nach Petersburg reis«, um den Zaren von der Friedensliebe Oesterreichs zu über zeugen. Bei der militärischen Berathung, welche am Sonn abend Vormittag Kaiser Wilhelm mit dem Prinzen Wil- - Helm, dem Feldmarschall Grafen Moltke, dem General- Ouartiermeister Grafen Waldersee, dem Kriegsminister General Bronsart von Schellendorff und dem General von Albedyll gehabt hat, soll erwogen worden sein, ob und wie die irrigen Behauptungen des „Invalid«" öffentlich wider legt werden könnten, ohne Dinge prciszugeben, die aus wohlbewogenen Gründen im Interesse der Sicherheit des Reiches nicht bekannt werden dürfen. In den letzten Tagen fand ein sehr lebhafter Depeschenwechsel zwischen dem Ber liner und dem Wiener Auswärtigen Amte statt, der nicht durch den „Jnvaliden"-Artikel allein verursacht, sondern wohl noch eher durch die deutschen Besorgnisse über das österreichische Zaudersystem veranlaßt worden sein dürfte. In mehrtägigen langen Ministerkonferenzen, die unter dem Vorsitz des Kaisers von Oesterreich stattfanden, ist über die in Galizien zu treffenden Vorsichtsmaßregeln der Beschluß gefaßt worden, die letzteren auf ein sehr bescheidenes Maß zu beschränken, einestheils um nicht die Finanzen der Ge- sammtmonarchie allzusehr zu schwächen, anderntheils um nicht den Zorn Rußlands zu reizen. Der Minister- rath soll Beschlüsse gefaßt haben, deren Durchführung nur einen Aufwand von ungefähr 12 Millionen GuU« verur sachen wird. Diese Ziffer ist kleiner als jener Rest von 22 Millionen Gulden, wsicher von dem im Frühjahre be willigten Rüstungskredit übrig geblieben war und auf dessen Ausgabe der Kriegsminister verzichtet hatte. Trotzdem wird die neue Belastung störend auf das österreichische und auf das ungarische Budget einwirken. Herr v. Dunajewski hat das Defizit für das Jahr 1888 mit rund 21 Millionen Gulden beziffert; dasselbe wird in Folge der auf Oesterreich entfallenden Quote des jetzt in Anspruch genommenen Rüstungskredites auf mehr als 29 Millionen Gulden steigen Es ist auch unter solchen Umständen vorauszusehen, daß der Finanzminister eine besondere Bedeckung für das Defizit wird in Anspruch nehmen müssen, denn gegenwärtig stehen ihm nur als bereits bewilligte Krebste zur Verfügung 11 Millionen Gulden in Titres der einheitlichen Notenrente, welche für die Schuldentilgung des Jahres 1887 bewilligt, aber nicht begeben worden sind, ferner 7 Millionen Gulden in Titres der März-Rente, welche ebenfalls bewilligt, aber noch nicht emittirt worden sind. Eine neue österreichische Anleihe wird also im nächsten Jahre wohl kaum zu ver meiden sein. Das Defizit des ungarischen Finanzministers wird durch die beschlossene Ausgabe um rund 4 Millionen Gulden erhöht werden. Durch diesen Kredit wird fast der ganze Betrag jener neuen Steuern absorbirt, welche vom Parlament bereits bewilligt sind. DaS Mißverhältniß Wischen der Zahl der österreichischen und der russischen Truppen au der galizischen Grenze wird durch die be schlossenen Maßregeln doch noch lange nicht abgeändert. Um dort ein vollständiges Gleichgewicht herzustellen, müßte eine weit größere Summe für eine umfängliche Truppen-Dislokation geopfert werden. Zur Bewilligung einer solchen Summe bedürfte es aber auch der Wiedereinberufunfl der Delegationen, von der man in dem österreichischen Mimsterrath abzusehen beschloß. Wie das Pester Blatt „Naplo" erfahren hat, ge wann der ungarische Ministerpräsident Tisza die Ueber- zeugung, daß die finanzielle Lags größeren militärischen Kundgebunflen ungünstig sei, was hinreichend erklärt, daß die ministeriellen ungarischen Blätter „Nemzet" wid „Pester Lloyd" fortwährend versichern, daß die russischen Truppen ansammlungen an der galizischen Grenze keine kriegerische Bedeutung haben, sondern nu» bezwecken, Oesterreich zu einer Aenderung seiner Orientpolitik zu veranlassen, oder die Aufmerksamkeit von einem unmittelbar bevor stehenden Einbruch der Russen in Bulgari« abzulmken. Für die Berechtigung dieser letzteren Anschauung sind aller dings mannigfache Anzeichen vorhanden. Die bulgarische Ministerkrisis trug zwar keinen sehr ernsten Charakter, auch bestätigte sich bisher die Meldung von dem Ausbruch von Unruhen in Bulgari« nicht, aber daß dort die Unzufrieden heit >m Wachs« begriffen ist, scheint festzusteh«. Anderer seits drängt die Stimmung in Rußland zu irgend einer auswärtig« Aktion, well der jetzige, Unsummen verschlin gende bewaffnete Friede auch für das Zarenreich unerträg lich ist. Jedenfalls wäre der angebliche Plan der Russen, über Varna und Burgas Truppen in Bulgari« zu land«, weit ungefährlicher in der Ausführung als ein unmotivirter Angriff der galizisch« GrenM-te, der nur die'Folge haben könnte, Deutschland und Italien zur Hilfsleistung zu zwing«. Die deutsche Reichsregierung war stets dafür, Bulgari« Rußland zu überlass«; vielleicht haben die russisch« Truppenanhäufungen in Polen inzwischen auch Oesterreich mit dem Gedanken einer Okkupation Bulgariens ausgesöhnt, da das, was von der österreichischen Heeres- eitung bisher in's Werk gesetzt wurde, kaum hinreicht, Rußland davon zurückzuschrecken. Der Wiener Korrespon dent des „Frankfurter Journals" erhielt sogar von maß gebender militärischer Seite die Versicherung, daß weder sie österreichischen Generalmt«danzeii noch die llnterinten- danzen Maßregeln treff«, die auf ernstere Verwickelungen Hinweisen. An die österreichisch« Staatsanwaltschaften ist em Befehl ergangen, Blätter, welche Besprechungen über Kriegsvorbereitungen, Mobilisicungen, Eisenbahn- und Auf marsch-Verhältnisse veröffentlich«, mit Beschlag zu belegen. Die Redaktionen wurden hiervon verständigt Ebenso er ging die Weisung, Telegramme, welche derartige Meldungen enthalten, zu hindern. Dies scheint darauf hinzudeuten, daß denn doch mehr als bloße Barackenbauten und Equi- pirungsarbeiten im Werke sind. Wenn nicht in Wien gegründete Aussicht vorhanden wäre, sich auf Kosten des Prinzen Ferdinand von Koburg mit Rußland auf friedliche Weise zu verständigen, würde die Langsamkeit, mit der man in Oesterreich an den Grenzen schutz geht, zu eigenthümlichen Betrachtungen über den Werth der österreichischen Bundesgenossenschaft im Kriegs fälle Veranlassung geben. Während im ganzen deutschen Reiche der einheitlichen obersten militärischen Leitung gegen über das unbeschränkteste Vertrauen herrscht, haben die langwierigen Verhandlungen des Marschallsraths in Wien selbst in Oesterreich eine weitgehende Kritik hervorgerufen. Es wirkte sehr befremdlich, daß man überhaupt einen solchen Apparat für nöthig hielt, während die österreichisch-ungarische Heeresorganisation zuständige Organe für derartige Be- rathungen besitzt. Die von dem Marschallsrath beschlossene abwartende Stellung erinnerte aber besonders die militärischen Kreise an den ehemaligen Hofkriegsrath, dessen Zauderpolitik die Thatkraft der Feldherren Maria Theresias lährrte und dadurch wesentlich zu den Erfolgen Friedrich des Großen im siebenjährigen Kriege beigetragen haben soll. Die Lang samkeit der österreichischen Kriegführung ist auch von Napoleon I. scharf bekrittelt worden und die späteren Er folge Radetzkys und Hainaus und Jellachich schrieb man vielfach dem Umstande zu, daß im Jahre 1848 das Kriegs ministerium den Hofkriegsrath verdrängt hatte, der zum Nachtheil für die Schlagfertigkeit der Armee später wieder als „Militär-Zentral-Departement" auftauchte. Von Berlin aus schenkt man den jetzigen Vorgängen in Wien die größte Aufmerksamkeit und macht man sich dort vollständig mit dem Gedanken vertraut, im Ernstfälle durch den aus der Erweiterung der Wehrpflicht entstehenden Machtzuwachs auch ohne jede fremde Hilfe Deutschland auf zwei Fronten zu Vertheidigen.