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Ein illustrirtes Fachjournai für die Wollen-, Baumwollen-, Seiden-, Leinen-, Hanf- und Jute-Industrie sowie für den Textil-Maschinenbau; Spinnerei, Weberei, Wirkerei, Stickerei, Färberei, Druckerei, Bleicherei und Appretur. Redaktion, Expedition — Fernsprech-Anschluss: Nr. 1058. Leipzig;T^nerstr. 17. Herausgeber und Chefredakteur: Theodor Martin. Redakteur Martin, Leipzig. Organ des Vorstandes des Vereins der Sächsischen Textil-Berufsgenossenschaft * Deutscher Wollkämmer und Kammgarnspinner, und des Voigtländisch-Erzgebirgischen Zeichner-Verbandes. N°-9. 1891. Nachdruck, soweit nicht untersagt, ist nur mit vollständiger Quellenangabe gestattet. VI. Jahrgang. Deutsche Textilerzeugnisse in Constantinopel. u den gangbarsten deutschen Textil erzeugnissen in Constantinopel ge hören Flanelle. Gewebte, bunte, wollene Flanelle werden zum grössten ; Theile aus Bayern bezogen, haben indessen seit s einiger Zeit unter der Zunahme des Verkaufes ! baumwollener bedruckter Flanelle (Kalmuks Kjöper) zu leiden gehabt. Der Absatz dürfte ungefähr 4000 Stück (ä ca. 30 m) betragen haben, und zwar waren es meist billige Qua- j litäten von 90 cts. bis 1,40 frs. Ein guter Theil davon waren gestickte Flanelle. Als bessere : Artikel in Wollflanellen wurden bedruckte j Elsässer Waaren in schönen bunten Dessins zu 75—80 cm Breite zum Preise von 1,50—1,60 frs. gekauft, und zwar ca. 2000 Stück. In weissen I Wollflanellen betheiligen sich Frankreich und | Holland, ersteres mit feinerer Waare zum Preise j von 1—2 frs. per m, 70—75 cm breit, letz teres mit 70 cm Breite, dicke Waare zum Preise | von 80 cts. bis 1,50 frs., lebhaft am Import. Deutsche Flanelle fanden infolge der hollän dischen Concurrenz geringeren Absatz. Be druckte bessere Sorten Baumwollflanelle (Kjöper) sind gut gegangen Sie wurden in erster Linie aus Oesterreich, ausserdem auch aus Deutsch land bezogen. Die österreichische Waare ist durch gefällige, dem hiesigen Geschmack ent sprechende Dessins beliebt. Import ca. 8000 bis 10 000 Stück, Preis 65—75 cts. per m. Vorübergehend wurden auch sogenannte Lambs- | kins englischer Provenienz (eine Art Baumwoll flanelle) gesucht. Nach den Beobachtungen der , österreichisch-ungarischen Handelskammer in | Constantinopel scheint der Verkauf sowohl von Woll- und halbwollenen, wie von Baumwoll- . flanellen nicht mehr so gross wie in früheren I Jahren. Das Publikum hat sich verschiedenen anderen Stoffen ähnlicher Art zugewendet. In bedruckten Kattunen setzt die deut sche Industrie zunächst in besserer Waare ihre Bemühungen, gegen die herrschende englische Concurrenz aufzukommen, mit anerkennens- werthem Erfolge fort. Baumwollsammete, farbigeundschwarze, kommen in billigen Gattungen aus England, Preis 6 d. bis lsh. 6 d. per Yard, in besserer Güte, 80 cts. bis 2 frs. per m, aus Deutschland. Sehr Weniges liefert auch Oesterreich. Die deutschen Fabrikate zeichnen sich durch be sondere Lebhaftigkeit der Farben aus und wer den deshalb, trotz höherer Preise, zum Theil den englischen vorgezogen. Für die erstehende türkische Kleiderconfec- tion werden seit einiger Zeit neben den billigen englischen Stoffen aus Kunstwolle mit Zwirn, auch deutsche billige, baumwollene und halbwollene Stoffe eingeführt. Damenkleider kommen in schönem Mu ster und Schnitt aus Berlin. In billigen und mittelfeinen Cravatten ist Crefeld, in feiner Waare Frankreich tonan gebend. Am meisten begehrt waren wieder die Regattes (Matrosenknöpfe), während neue Modeformen nur bei den Detaillisten beschränk ten Absatz fanden. Da fast Jedermann infolge der eigenartigen klimatischen Verhältnisse T ricotleibchen trägt, so ist die Einfuhr darin sehr gross und dürfte sich jährlich auf nahezu 2 Mill. Mark belaufen. Baumwollene Gattungen zu 6 bis 15 frs. das Dutzend kommen zumeist aus Ita lien und England, feinere zu 15—40 frs. aus Frankreich, halbwollene zu.12—18 frs. grössten- theils aus Italien und Deutschland, schwere, dicke Waare aus England, feinere Gewebe aus Deutschland, Italien und der Schweiz. In Stoff- und Baumwollhandschuhen be herrscht Deutschland ausschliesslich den Markt. —hn. Die Reichenberger Tuch- und Woll- waaren-lndustrie. (Von unserem Reiehenberger Correspondenten.) on den zahlreichen Tuchmacher städten, welche das Kronland Böh men bis zum Beginne dieses Jahr hunderts aufzuweisen hatte, hat eine einzige, die Stadt Reichenberg, bis heute ihre volle Lebenskraft bewahrt; dieselbe bildet nun mehr das Centrum eines Industriebezirkes, der sich durch die Grossartigkeit und die Vorzüge seine]' Production eine ehrenvolle Stellung und einen weit über die Grenzen der Monarchie hinaus geachteten Namen errungen hat. Die Anzahl der selbstständigen Betriebe für Tuch- und Wollwaaren (Fabriken und Klein gewerbe zusammengenommen) im Rayon der Reichenberger Handels- und Gewerbekammer beläuft sich auf 590; mit denselben sieben mittelbar und unmittelbar in Beziehung. 7 0 Streichgarn- und Abfallspinnereien, 11 Leisten garnspinnereien, 1 grosse Kammgarnspinnerei, viele Färbereien und Appreturanstalten. Von den 70 grossen Tuch- und Modewaaren- fabriken des Kammerbezirkes haben 47 ihren Sitz in der Stadt Reichenberg; die grössere Anzahl derselben besitzt eigene Spinnereien, Färbereien und Appretur-Einrichtungen. Neben den fabriksmässigen Betrieben existiren in der Stadt selbst noch etwa 115 Tucherzeuger, welche das Gewerbe nicht in fabriksmässigem Umfange und noch mit Handwebstühlen (von 2—12 an der Zahl) betreiben. Dieselben be schäftigen zusammen beiläufig 1000 Handweber, während die 43 Tuchfabriken mit 1500 mecha nischen Stühlen arbeiten, die grossen Fabriks etablissements für Modewaaren (Damen-Con- fectionsartikel und Kammgarnstoffe für Herren- und Damen-Bekleidung), darunter Weltfirmen wie Johann Liebig & Co. und Franz Liebig,