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und Tageblatt -M 195. Amtsblatt für die königlichen mb städttschen Behördeu zu Freiberg und Braud. Verautwortticher Redakteur: In Vertretung Ernst Mauckisch i« Freiberg. 40. Mittwoch, de» 24. August. Inserate werden bis Vormittag 11 Uhr angenom- OO men und beträgt der Preis für die gespaltene Zeile H UHF» oder deren Raum 15 Pf. M. W » <- Erscheint jeden Wochentag Nachmitt. '/,S Uhr für den andern Tag. Preis vierteljährlich 2 Mark 25 Pf., zweimonatlich 1M. 50 Pf. und einmonatlich 75 Pf. Die Wandlung in Oesterreich. Die Vertrauensmänner des deutsch-böhmischen Volkes haben a» das letztere anläßlich der bevorstehenden ErgänzungS- wahlen zum böhmischen Landtage einen Aufruf erlassen, in welchem den Wählern rückhaltlos gesagt wird, daß sie diesmal die Mandate in der Voraussicht der Unterlassung ihrer Ausübung verleihen sollen. Nachdem die Mehrheit des böhmischen Landtages in der Sitzung vom 22. Dezbr. 1886 jede Berathung der wesentlichsten Anliegen der Deutschen in schroffster Weise abgelehnt hatte, verließen dieselben den Landtag mit der einmüthiaen Erklärung, sich so lange fern zu halten, bis ihnen Bürgschaften für eine sachliche Würdi gung ihrer Beschwerden und Vorschläge geboten würden. Die Antwort darauf war die am 26. Januar d. I. ver fügte Entziehung der deutschen Mandate. An den deutsch- böhmischen Wählern ist es nun, durch Wiederwahl der auS dem Landtag ausgetretenen Abgeordneten den Beweis zu liefern, daß sie mit ihren bisherigen Vertretern eines Sinnes und entschlossen sind, in Treue auSzuharren, bis dem Deutschthum in Böhmen wieder die gebührende Stellung gegönnt wird. Wie es in dem erwähnten Aufruf heißt, „ist dem deutschen Volk in Böhmen die Aufgabe beschicken, erst durch schwere Prüfungen zu einer sicheren und glück lichen Zukunft zu gelangen.' Stehen bei der bevorstehen den Landtaaswahl die Deutschen in Böhmen fest zu ihren bisherigen Führern, so ist dieses erwünschte Ziel vielleicht gar nicht so fem, als mancher Verzagte annimmt. Schon seit Jahresfrist sind Anzeichen vorhanden, welche in Oester reich auf eine bevorstehende Wandlung zu Gunsten des deutsch-österreichischen Elements hindeuten, welche Besserung vielleicht schon viel weiter vorgeschritten sein würde, wenn die Deutschen in Oesterreich, statt ihre Klubstreitigkeiten an die große Glocke zu hängen, die günstigere Lage, welche sich ihnm wiederholt schon darbot, richtig benutzt hätten. Die Ergänzungswahlen zum böhmischen Landtage bieten dm Deutschen abermals eine Gelegenheit, einen Beweis der festm Eintracht zu liefern, der um so wirksamer fein dürste, als die Czechm neuerdings ihre eigene Sache gründlich verfahren und wider Willen viel gethan haben, den Deutschen den Pfad zum Erfolg zu ebnen. Thatsächlich arbeiteten die Czechm den Deutschen da durch in die Hände, daß sie, besonders auf dem Gebiete des Schulwesens, ungemessene Ansprüche an die österreichische Regierung stellten, außerdem aber sür die russischen Pan- flavisten Sympathien bekundeten, die mit einer patriotischen österreichischen Politik schlechterdings unvereinbar sind. Die Aufrollung der Fahne der slavischm Solidarität und die offenen Angriffe der jungczechischm Partei gegen das deutsch-österreichische Bündmß haben nicht nur heftige Pro teste der durchaus russenseindlichen ungarischen Regiemngs- Partei veranlaßt, sondern auch das österreichische Kabinet Taaffe gezwungen, Stellung gegen das Czechenthum zu nehmen, das noch vor Kurzem als ein Hauptpfeiler des jetzt noch im Reichsrath herrschenden Systems galt. Die Sache ist schon so weit gediehen, daß die Wiener Re gierungsorgane die Czechm förmlich als gegnerische Partei behandeln, die deutschböhmischen Wahlaufrufe und die Reden der deutschböhmischen Führer Schmeykal und Plener mit unverkennbarem Wohlwollen schonend besprechen und daß auch die regierungsfreundlichen klerikalen Blätter gegen die czechischen Forderungen auf dem Gebiete des Schul wesens entschieden Front machen. Es versteht sich von selbst, daß diese Haltung der Wiener Regierungspresse zu- nächst nur darauf berechnet ist, den übermüthig gewordenen Czechm zu Gemüthe zu führen, was aus ihnen würde, wenn das Ministerium Taaffe sich von ihnen abwendete und den Forderungen der Deutschen ein williges Gehör schenkte. Diese Forderungen sind gar nicht so ungeheuerlich, denn sie beschränken sich auf die Aushebung der Sprachen verordnung, die Abgrenzung der Verwaltungsdez rke, die Zweitheilung des Oberlandesgerichts, des Landschulrathes und des Landeskulturraths in Böhmen und auf die gesetz liche Anerkennung der deutschen Staatssprache. Bereits werden in Böhmen zahlreiche klerikale Stimmen laut, welche die Berechtigung dieser Forderungen anerkennen, und die kler kalen Blätter Böhmens rathen deshalb diesmal ihren Genossm nicht die Unterstützung der czechischen Kandidaten, sondern die Wahlenthaltung an, welche immerhin den deutschböhmischen Kandidaten förderlich sein wird. Angesichts dieser für sie gefahrdrohenden Lage appellirm die „Narodni Lisch" in einem „gegen die gemeinsamen Feinde" gerichteten Artikel an die Eintracht im Czechenlager und schlagen vor, unter Aufgebung aller politischen Unter schiede der Gemeinsamkeit m der Vertheidigusg der bedrohten Nationalen Interessen durch eine vereinte Kundgebung aller nationalen Elemente einen entsprechenden Ausdruck zu geben. ES sei nöthig zu bezeugen, daß dre Verfügungen des Mi nisters von Gautsch und die czechenfrindlichen Kundgebungen aus Wien und Pest die bisherige Verschiedenheit im czechi schen Volke beseitigten. Auch daS Organ der Altczechm, die Prager „Politik", stimmt einen sehr entschlossenen Ton an und sagt über die Kundgebung der deutschen Vertrauens männer: „Die Herren stellen an uns, die Majorität, die verletzende Zumuthung, unter das candinische Joch ihrer von maßloser Ueberhebung zeugenden FriedmSbedingungm z» kriechen, damit sie nach dem berauschenden Genüsse, den ihnen eine solche bodenlose Demüthigung unseres Volkes bereiten müßte, als triumphirmde Sieger den Landtagssaal wieder betteten können. Nun, um den Preis unserer ruhm vollen historischen Vergangenheit, unserer nationalen Ehre und Janorirung des Staatsinteresse» wäre uns der auf solche Weise diktirte nationale Friede in Böhmen denn doch zu theuer, und so aufrichtig wir denselben auch erstreben und herbeiwünschen: die feierliche Stunde, in welcher wir unS zu dem uns durch sie zugemutheten Atte der Selbst- wegwerfung entschließen würden, werden unsere politischen und nationalen Gegner nicht erleben". Das Letztere ist ist doch noch sehr die Fraae, wenn auch diese feierliche Stunde nicht sehr bald schlagen wird, da zunächst auch noch die Wiener RegierungSprekse die von dem Abg. v. Plener formulirten BedingunoM M» .dm Wiedereintritt der Deutschen in den böhmischen Landtag als unannehmbar bezeichnet. Dieselben Blätter erklären aber ziemlich ein- müthig, daß die von dem deutschen Abg. vr. Ruß am 1b d.M. in Bodenbach in einer Versammlung seiner dortigen Wähler gemachten Friedensvorschläge eine Diskussion ermöglichen, welche eine Beseitigung des für alle Faktoren im Staate unleidlichen Zustandes herbeiführen könnte. Von deutsch liberaler Seite wird es dem Abg. Ruß verdacht, daß er nicht ganz dieselben Forderungen wie der Abg. v. Plener stellte; die Sache ist aber um so ungefährlicher, als die Czechm auch unter diesen milderen Bedingungen keinen Frieden schließen würden. Noch hoffen die Czechm, dem Ministerium Taaffe, das ihnen früher im Vertrauen auf ihre Loyalitäts-Versicherungen so viel gewährte, Gesetze vorschreiben zu können, aber sie dürften sich d»rin hoch täuschen. Gegen die bekannte Mittel- schulen-Verordnung ruft das Czechenblatt „Narodni Lisch" alle Fraktionen des czechisch-slavischen Volkes mit dem Be merken auf, daß es sich hierbei um die ganze Entwickelung der czechischen Volksbildung handle, zu deren Schutz in den betreffenden Gemeindm Massenkundgebungen unerläßlich seien. Dasselbe Blatt kündigt an, daß am 4. September in Pilsenetz bei Pilsen ein Meeting stattfinden wird, bei welchem über die derzeitige traurige politische Lage und über die Mittel zur Anspornung des czechischen Volkes zu neuer politischer Thätigkeit verhandelt werden soll. Für den Feldzug der Czechm gegen den Unterrichtsminister von Gautsch muß sogar die soeben erfolgte Stiftung des neuen „Ehrenzeichens für Kunst und Wissenschaft" und die erste Verleihung desselben die Munition liefern. Unter dm elf Männern, welche das Ehrenzeichen erhielten, befindet sich nämlich kein einziger Czeche! Fast noch heftiger als die czechischen Blätter Böhmens tobt die czechische Presse in Mährm gegen den Mittelschulm-Erlaß des österreichischen Unterrichts- Ministers. Die „Morawska Orlice" schreibt wörtlich: „Welche Stellung das czechische Volk in Mähren zur Re gierung einnehmen, ob unser bisheriges stützendes Verhältniß zur Regierung fortbestehen oder sich in offenen Widerstand verwandeln wird, liegt an dem Ministerpräsidenten Grafen Taaffe. Derselbe muß Antwort auf die Frage geben, ob die Regierung mit der Handlungsweise des Unterrichts ministers in Urbereinstimmung und ob sie entschlossen ist, sich den unausbleiblichen Folgen derselben auszusetzrn, welche sich durch den Widerstand der Böhmen und dieSPrengung der Regierungsmehrheit im Parlamente äußern würden." Damit ist ein großes Wort gelassen ausgesprochen, denn wenn das Ministerium Taaffe vor dieser Drohung nicht zurückweicht und die Deutschen in Böhmen fest zu sammenstehen, muß sich schon bei dem Wiederbeginn der parlamentarischen Thätigkeit in Oesterreich eine für die deutsche Partei günstige Wandlung vollziehen, die im Grunde nur eine nothwendige Folge des deutsch-österreichi schen Bündnisses ist, das keine weiteren Zugeständnisse an die slavischm Elemente zuläßt. Tagesschau Freiberg, dm 23. August. Der deutsche Kaiser nahm gestern die gewohnten Vor träge entgegen und zog den Erbprinz von Reuß mit Gemahlin, den Prinzen Croy und die Gräfin Wtmpsfrn zur Tafel. Auf Anordnung des Kaiser» findet das Adlerschießen deS OffizterkorpS vom 1. Varderegiment zu Fuß Mittwoch im Katharinenholz bet Potsdam statt. Wie verlautet, beabsichtigt der Kaiser, dem sich augenblicklich in Kiel aufhaltenden Prinzen Ludwig von Baiern eine besondere, die ganze bairische Arme« ehrende Auszeichnung zu gewähren. — Gestern früh begab sich der Ches der deutschen Admiralität, Generallieutenant v. Caprivi an Bord deS Aviso „Pfeil", um dem Ostsee-Ge schwader entgegenzufahren. DaS ganze Manövergeschwader, miLdem Prinzen Ludwig von Baiern an Bord des Panzer schiffe» „Kaiser", verließ ebenfalls gestern früh dm Kieler Hafen, macht heute Landungsvrrsuche in der Eckernsörder Bucht und kehrt Donnerstag nach Kiel zurück. — Am Gedenktage der Schlacht bei Gravelotte hat auf dem Kampfselde von Düppel eine erhebende Feier stattgefunden. Auf dem Massen grab«, in dmen einst 64 tapfere Düppelstürmer, Brandenburger und Westfalen, gebettet wurden, beging man am 18. d. M. die Einweihung eine» prachtvollen Denkmals in sür die Ver hältnisse großartiger Welse. Ein Komitö, au dessen Spitze der HardeSvogt Hansen-Vronken steht, und daS es sich zur Auf gabe stellt, die Kriegergräber vor Düppel und in der Land schaft Sundewitt zu konserviren, hat dieses Denkmal errichtet, zu dessen Kosten der Kaiser eine ganz bedmtmde Summe hergab. An her Einweihung nahmen thril daS in SLnderburg garmsontrmd« 3. Bataillon des Füsilierregtments Nr. 86 mit flatternder Fahnen die Kriegervereine von Sonderburg und Gravenstein und eine große Anzahl von Schulen der Umgegend. Nachdem daS Bataillon um das Denkmal aufmarschirt und die Fahue vor demselben postirt war, spielte dir Militärkapelle den Choral „Ei»' feste Burg ist unser Gott", worauf Probst Reuter, bezugnehmend auf den Tag von Gravelotte, die Weihrede hielt und betonte, daß diese Düppelstürmer die erste blutige Saat znr Macht de» wieder geeinten Deutschland» gelegt, die 1870/71 so herrlich« Frucht gezeitigt habe. Die Schlußworte der Rede lauteten: „So stehe denn diese» Denkmal al» ein Zeuge der große« Zeit, die wir an Deutschlands Nordmark erlebt, und der treue« Vaterlandsliebe, die den Tod nicht gescheut, rin Zeichen der Dankbarkeit über den Gebeinen der Gefallenen für das Opfer, das sie gebracht, für die Güter, die sie unS erworben, eine Mahnung den kommenden Geschlechtern noch zur Vaterlands liebe, zur Treue gegm den König und zur Gottesfurcht." Tief bewegt schritten nun die zahlreichen Deputationen, sowie viele Osfiziersdamm auS Sonderburg und Deutschgesinnt« auS der Umgegend, zum Denkmal und legten Kränze von Lorbeer, Rosen und Immortellen auf die Stufen nieder. Dann ergriff der Kommandant von Sonderburg-Düppel, Oberst von der Schulenburg, daS Wort und dankte demnächst dem Redner, dann dem Komitö und gelobte, daS Denkmal zu schützen im Namen Sr. Majestät. Das Bataillon präsentirte und laut und begeistert erschallte das Hoch auf Deutschlands Helden kaiser, womit die Feier abschloß. — Auf die Verhältnisse in den Reichslanden wirft di« Thatsache ein grelles Streiflicht, daß Herr Back in Straßburg höheren Orts um die Ge nehmigung nachgesucht hat, aus seiner Stellung als Unter- staatssekrrtär wieder auSzuscheiden und sich lediglich dem Amte als Bürgermeister von Straßburg widmen zu dürfen. Als Nachfolger für den Posten deS Unterstaatssekretärs soll der schon früher im «lsaß-lothringischen Landesdienst beschäftigt gewesene Geheime Ober-Regierungsrath Schraut zu Berlin io Bettacht kommen. — Wie der „Wests. Merkur" mittheilt, haben die in Fulda versammelt gewesenen Erzbischöfe und Bischöfe Preußens ein gemeinsames Hirtenschreiben an ihre Diözesanen über das bevorstehende Priester-Jubiläum deS heiligen Vaters gerichtet, welches am ersten Sonntag im Sep tember von allen Kanzeln der verschiedenen.Diözesen verlesen, vor diesem Zeitpunkte aber nicht veröffentlicht werden soll. Die Ernennung des Bischofs Kopp zum Fürstbischof von Breslau ist dort in den letzten Tagen eingctroffen. Die In thronisation desselben findet voraussichtlich Ende Oktober statt. Die in Wien stattgehabten Besprechungen der öfter» reichischen und ungarischen Minister führten zu der Uebereinkunft, sür das Repetirgewehr zunächst 3Vz Millionen Gulden zu bewilligen. Der ungarische Landesverlheidigungs- Ministcr leitete außerdem, um den Bedarf an Gewehren für die Honveds zu sichern, besondere Verhandlungen mit der österreichischen Waffenfabrik ein. Die Zahlungen sollen, damit keine jährliche Mehrbelastung durch die Gewehranschnffungen