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und Tageblatt Amtsblatt für die königlichen and städtischen Behörden zu Freiberg und Braud. Verantwortlicher Redakteur: Iuliu» Brau« iu Freiberg. MO IMUW M knvern Lsg. Prns vtertLlläürliH L Mark 2o Ps., 4^1-» M. W -» zwetmonatlich IM. SO Pf. und «üuu»üatltch 7b Pf. 40. Jahr,«,,. Sonnabend, de« 2. Juli. mm und b«Sgt der Pret» für die gespaltene Zeil« H oo T 4 »der derm Raum 1b Pf. Der 3. und der 4. Juli Sonst herrscht bei dem Beginn des Jutimonats zumeist politische Windstille; diesmal aber zeigen die sich an der längere Zeit hindurch glatt gebliebenen Fläche der Orient- Angelegenheit plötzlich wieder kräuselnden Wellen neu auf. getauchte Klippen, deren Umschiffuna keine leichte und un- acsährliche Aufgabe für die europäischen Staatsmänner ist. An diesem Sonntag tritt in Tirnowa die bul garische Sobranje zusammen, von der sich erwarten läßt, daß sie der bisherigen Verschleppungsmethode über- drüssig, ohne Furcht vor emer russischen Emmischung, ent- scheidende Entschlüsse fassen wird. Emen Tag später aber, am Montag, ist die Frist verstrichen, welche England dem Sultan für die bisher verzögerte Ratifikation der von seinem Bevollmächtigten mit Sir Drummond Wolff getroffenen Vereinbarungen nur widerwillig einräumte. In London macht man sich bereits darauf gefaßt, daß der von den Botschaftern Rußlands und Frankreichs arg einge schüchterte Beherrscher der Türkei sich in letzter Stunde weigern werde, dem so mühsam zu Stande gebrachten Ver trag durch seine Unterschrift Rechtskraft zu geben. Wenn Traf Montebello und Herr von Nelidow der Pforte auch keine drohmden Noten ihrer Regierungen übergeben habm, welche ursprüngliche Mittheilung von Paris und Peters burg aus energisch bestritten wurde, so scheint eS sich doch zu bestätigen, daß der französische Botschafter dem Sultan mündlich für den Fall der Unterzeichnung der Konvention den Abbruch der diplomatischen Beziehungen in Aussicht stellte und daß der Vertreter Rußlands die Absicht des Zaren kunbgab, event. eine Entschädigung in Hocharmenien zu suchen. Thatsächlich haben die türkischen Minister dem englischen Unterhändler die Lage der Pforte, angesichts des gemeinsamen Vorgehens von Rußland und Frankreich, als eine gefahrvolle bezeichnet und daraufhin den Aufschub verlangt, der am Montag sein Ende erreicht. Der Sultan soll, in der Absicht, die.Unterzeichnung des Vertrages ab- zulehnen und sein mit demselbm einverstandenes Kabinet zu entlassen, seinem Botschafter in Petersburg, Schakir Pascha, das Großvezierat angeboten, aber von diesem tür kischen Staatsmann eine ablehnende Antwort erhalten haben. Für die kritische Lage der Pforte spricht auch der Umstand, daß der deutsche Botschafter, Herr von Radowitz, von seinem auf unbestimmte Zeit erhaltenen Urlaub noch keinen Gebrauch machte und seine Abreise von Konstan tinopel zunächst vertagte. Sollte am Montag die Ratifikation des Vertrages nicht erfolgen, so wird die englische Regierung deshalb kaum alle Beziehungen zur Türkei abbrechen oder gar kriegerische Entschlüsse fassen. Der Unterstaatssekretär Fergusson er klärte bereits im englischen Unterhause, es sei nicht der geringste Grund zu der Annahme vorhanden, daß die von Sir Wolff abgeschlossene Konvention England mit irgend einer Macht in Krieg verwickeln könne. Im schlimmsten Falle bleibt eben die egyptische Frage in derselben Lage, n welcher sie sich vor dem Beginn der Verhandlungen Sir Volffs befand und die Stellung Englands in Egypten, ne eben auch femer nur der gesetzlichen Sanktion entbehren würde, bliebe unverändert diejenige des faktischen Besitzers les Nillandes. Es ist nicht anzunehmen, daß Frankreich u kriegerischen Maßnahmen seine Zuflucht nehmen werde, um seinen früheren Einfluß in Egypten wieder zu gewinnen. Eine etwa von Frankreich und Rußland veranlaßte Rekla mation der Pforte wegen der noch ausstehenden Erfüllung des Cypern-Vertrages würde die englische Regierung vor- aussichüich damit beantworten, daß vorher der Sultan erst für die in jenem Vertrag zugesagten umfassenden Reformen in Kleinasien und Armenien Bürgschaften zu leisten habe. Von Frankreich hat England um so weniger zu befürchten, als ein großer Theil der Franzosen jeder Aktion wider strebt, welche sie auf Jahre hinaus verhindert, mit Deutsch land wegen der beiden verlorenen Provinzen abzurechnen. Die deutsche Reichsregierung hat in Egypten keine näheren Interessen, wünscht aber die Türkei lebensfähig zu erhalten und von dem russischen Einfluß befreit zu sehen. Dieselbe kann in der jetzigen sichtlichen Bemühung Rußlands, Frank reich in der egyptischen Frage dienlich zu sein, kein beruht- gendes Symptom für die Zukunft sehen und wird dadurch höchstens zu diplomatischen Gefälligkeiten für England ver anlaßt werden. Das wird hinreichen, um selbst diejenigen Kreise in Paris und Petersburg, die schon längere Zeit mit dem Gedanken eines Friedensbruches liebäugeln, Schritten in der egyptischen Frage abgeneigt zu machen, ßie sie zwischen Deutschland, Oesterreich-Ungarn, England l und Italien in ein sehr gefährliches Kreuzfeuer bringen könnten. Aehnlich verhält eS sich mit der bulgarischen Ange legenheit, die durch den Zusammentritt der Sobranje in Tirnowa am Sonntag in ein neues Stadium tritt. Wenn von Petersburg aus wiederholt versichert wurde, daß diese Angelegenheit alles Interesse für Rußland verloren habe, so wird eS sich bald erweisen, was von dieser Versicherung zu halten ist, denn die des langwierigen Provisoriums über- drüssigen Bulgaren, welche alle Furcht vor einer russischen Einmischung verloren haben, dürften von ihren Vertretern entscheidende Beschlüsse verlangen. Die bulgarischen Re genten stellen eS nicht mehr in Abrede, daß die Sobranje sich auch mit der Fürstenwahl beschäftigen wird. Kurz vor seiner Abreise nach Tirnowa gestand dies auch der bulga rische Minister des Aeußeren, Natschewitsch, in Sofia dem dortigen Korrespondenten eines Berliner Blattes unum wunden zu. Wie Natschewitsch hinzufügte, möchte die bul garische Regierung der Nationalversammlung die Entschei dung überlassen und nur, wenn es die Sobranje dringend verlangt, einen Kandidaten für den so lange erledigten Thron suchen. Die Mittheilung der „Agence Havas" aus Sofia, daß der Regent Stambulow dem englischen Konsul in Tirnowa gegenüber die Ansicht äußerte, die Sobranje werd« den Prinzen von Koburg zum Fürsten wählen, klingt jedenfalls glaublicher, als die angebliche Behauptung d«S Justizministers Stoilow, daß Prinz Alexander von Batten berg eine Wiederwahl angenommen hätte, falls die Zu stimmung von zwei Großmächten sicher gewesen wäre. Die Kandidatur Battenberg ist als abgethan zu erachten, aber auch die Kandidatur Koburg hat nicht die geringste Aus sicht auf die Zustimmung Rußlands, weil man in Peters, bürg durchaus Bulgarien keine endgiltia geordnete Regie- rungsverhältmsse gönnt und selbst von der Wahl deS Prin zen von Mingrelien sich nicht die geringste« Vortheile ver spricht. Das Beispiel des Battenbergers hat dem Zaren gezeigt, daß selbst der russenfreundlichste Regent Bulgariens sich in Sofia mit der Zeit einlebt und bald die Lust verliert, in seinem Lande sich von russischen Beamten Vor schriften machen zu lassen. Lassen die übrigen Großmächte es nicht zu, daß das bulgarische Land im Namen deS Zaren von einem russischen General verwaltet wird, so wird Rußland dagegen alles Mögliche thun, um die Errichtung einer festm und selbständigen bulgarischen Regierung zu verhindern. Welche Mittel Rußland zu Gebote stehen, um die Bul garen an ihrem jetzigen bellagenswerthen Zustand festzu wurzeln, entzieht sich noch der Beurtheilung. Zum Kriege wird es der Zar nicht kommen lassen, denn der Krimkrieg und der türkische Feldzug haben hinreichende Beweise ge liefert, wie es mit der militärischen Macht Rußlands bestellt ist. Die bereits vielfach verbreiteten Nachrichten von ernstm Mißhelligkeiten innerhalb der bulgarischen Regierung, zwischen den einzelnen Regenten und Ministern, lassen ahnen, wie die russische Staatskunst ihren Einfluß in Sofia auf unblutige Weise zurückzuerovern gedenkt. Jedenfalls muß man sich in dieser Beziehung auf seltsame Ueberraschungen gefaßt machen, wenn es auch sehr zweifel haft scheint, daß das russische Spiel in Tirnowa so leicht gelingen werde, wie in Belgrad, wo dasselbe von der russen freundlichen Königin Natalie aus Liebe zu ihrem Geburts lande mächtig unterstützt wurde. Auf der Balkanhalbinsel ist der Widerstreit der Interessen Oesterreich-Ungarns und Rußlands neuerdings ebenso verschärft worden wie der jenige Frankreichs und Englands im Nillande, was die ottomanische Regierung in arge Bedrängnisse bringt und vermuthlich veranlaßt, die befreundete deutsche Regierung um Rath und Beistand zu bitten. Die orientalische Frage verwirrt sich leider von Jahr zu Jahr mehr und ist es nur zu wünschen, daß die Zeit noch fem liegt, in der dieser gordische Knoten mit dem Schwerte zerhauen werden wird. Tagesschau. Freiberg, den 1. Juli. Der deutsche Kaiser unternahm Mittwoch Abend noch eine zweite Spazierfahrt und wohnte dann bis um 9 Uhr der Vorstellung im Berliner Schauspielhause bei. Gestern Mittag '/il Uhr erschien der Monarch, als um diese Zeit die neu anfzirhende Stadtwache beim königlichen PalaiS vorübermar- schirte, am Fenster seines Arbeitszimmers und wurde von dem vor dem PalaiS überaus zahlreich versammelten Publikum mit begeisterten Hochrufen begrüßt. Im Laufe deS Nachmit tags nahm der Kaiser dm Vortrag des Staatssekretärs deS auswärtigen Amtes Grafen Herbert Bismarck entgegen upd empfing in dessen Gegenwart dm griechischen Gesandten Rhan- gabö, der zur AbschiedSaudienz erschien. — In seiner gestrig« Sitzung stimmte der deutsche BundeSrath dm G«fttz- entwürfen, betreffend die Zuckerbesteuerung und die Unfallv«- ficheruug der Seeleute, mit dm von dem deutschen Reichstag« beschlossenen Amderuugm zu und überwies die vom Reichs, tage bei der Berathung deS BranntwetustmergesetzeS beschlos sene Resolutton dem Reichskanzler. I« letzter Zett find dem deutschen BundeSrath« mancherlei Gesuche bezüglich einer verschärften Sonntagsfeier zugegangm; namentlich wünscht« mehrere Antragsteller da» Verbot der Tanzvergnügungm an Sonntagen. Der BundeSrath lehnte diese Anträge ab. Den selben Mißerfolg hatte eine Eingabe von Studenten der deut schen Hochschule in Prag, welche die Anrechnung der von Studirendm deutscher Nattonalität aus der Universität Prag verwendet« Zeit wünscht«. Wie verlautet, wird sich der BundeSrath am 10. d. M. vertag« und erst Anfang Sep tember behuf» Ausführung des BranntwriusteuergesetzeS wieder zusammmtretm. — Die von einem Finanz-Konsortium unter Führung der deutsch« Reichsbank übernommene 8 '/,prozmtige deutsche Reichs-Anleihe im Betrage von 100 Mill. Mark gelangt am 5. d. M. zur öffentlichen Zeichnung uud zwar zum Kourse von SS Prozent. — Der «Münster ver« sammelte ProviuziÄlaudtag genehmigte die Vorlage, betreffend dm Zuschuß von einer Million zu dm Grunderwerbskostm deS Dortmund-EmS-KanalS mit großer Stimmenmehrheit. — Die Schwierigkeit«, welche die in de« Gesche als Voraus setzung für L« Bau des Rhein-Em»-Ka«al» vorgeschri«. bene Ausbringung der Kost« deS Grunderwerbes dm Inte ressenten noch immer verursacht, habm in ihnen dm Wunsch angeregt, diese Gesetzesvorschrift wmn auch nicht aufgehoben, so doch gemildert zu sehen. Daß solche Wünsche Aussicht aus Erfüllung habm, unterliegt zur Zeit erheblichen Zweifekr. Jedenfalls wird die Berufung auf dm Oder-Spree-Kanal, auf welch« derartige Wünsche sich stütz«, al- zutreffend nicht an- zuerkennen sein. Dmn bei diesem Kanal handelt eS sich ent fernt nicht um die Herstellung einer völlig neu« künstlich« Wasserstraße, wie bei dem Rhrin-EmS-Kanal, sondern darum, eine vorhandme, aber dem heutigen VerkehrSbedürfniß nicht entsprechende Wasserverbindung dm gegenwärtigen Verkehrs- Verhältnissen anzupaffm. Für solche Unternehmungen find auch sonst bisher Beiträge der Interessenten regelmäßig nicht erhob« worden. ES kommt hinzu, daß die auszubauend« Strecke Oder-Oberspree nur das Mittelglied einer groß« Wasser-Straße bildet, welche Schlesien mit Berlin und selbst Hamburg verbindet, die Anlieger der Strecke Oder-Ober- spre« mithin an dem Zustandekommen de- Unternehmen- da- weitaus geringste Interesse haben, und schon aus diesem Grunde billigerweise nicht zu Beiträgen herangezogen werd« können. Wenn aber schließlich selbst mrf den Nord-Ostsee-Kanal hingewiesm wird, so übersieht man völlig, daß dieser vom Reich, und zwar zum Theil auS Landesvertheidigungsinterefsen gebaut wird. Das Reich kann, soweit es im besonder« Jnte- riffe seiner Glieder eine BorzugSleistung für gebot« erachtet, sich dieserhalb selbstverständlich nur an di« Bundesstaaten halten. Demzufolge zahlt Preußen auch als Gegenleistung deS ihm aus dem Kanal erwachsenden Sondervortheil ein« Beitrag von 50 Million« Mark. Im Uebrigen trifft auch bet dem Nord-Ostsee-Kanal der Umstand zu, daß die von ihm durchschnitten« LandeStheile in ungleich geringerem Maß« Vortheile von dem Unternehm« zu erwarten haben, als andere räumlich davon getrennt« Distritte, mithin billigerweise von Sonderbeiträgen freizulaffen warm. — Industrielle Kreise Bremens bringen den Bau des Rhein-Weser-Elb-Kanals (Linie Minden-Hannover) wieder in Anregung und plan« die Anlag« eines Anschlußkanals von Brem«« nach Minden. Zu letzterem ist schon eine große Strecke vermessen, vor wenigen Tag« auch der Auftrag ertheilt, die Restlini« von Eldagsen bi- Sulingen zu berechn«. Die Gesammtkostm der Linie Bremen-Minden sind auf etwa 21 Millionen Mark ver anschlagt. Dem nach Galizien gereist« öfterr-ichifchen Kron prinzenpaare bereitete die dortige Bevölkerung einen sehr sym pathischen Empfang. Als Kronprinz Rudolph am Dienstag nach dem Krakauer Ausflugsorte Wola Justowska fuhr, gab« ihm etwa achthundert Krakus« in malerischer Tracht zu Pferde das Geleite. In Wola JustowSka wurden das PalaiS und der Park der Fürsten Czartoryski besichtigt. Der Kronprinz und seine Gemahlin wohnt« sodann dem Johannisfeste auf der Weichsel bei. Das volksthümliche, überaus originelle Fest, das hier alljährlich am 24. Juni gefeiert zu werden pflegt, Heuer aber mit Rücksicht auf den erwartet« Besuch deS Kron« prinzrnpaares verschob« wurde, nahm, vom Wetter begünstigt,