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Beiblatt zum Werfer Grenzbeten Druck «<d Lerlug re« Ott» Meyer, Adorf (Bogt! ) "Mo. 12 Dienstag, do« 15. Januar 1921 SS. 2aheg. Sachsea als Rormaltyp. Läu-er und ReichSrefor«. Fu der KesamtvorstandKsitzung des Berbanöes tzLchfischer Industrieller hielt der Leiter der Sächsische» -Skratstänzlet, Ministerialdirektor Dr. Schulze, «i»eu intereffanten Vortrag über de» gegenwärtigen Maud der Reichs Verfassungsreform. Bon besonderer Bedeutung waren seine Ausführungen über die E" - kdMung Sachsens zu diesen Reformfragen. Mit feinem abgerundete« Gebiete und seine« fünf Millionen Einwohner«, so führte der Redner aus, ist Sachse« geradez« als der wünschenswerte Normal typ M« ei« Land im künftige« dezentralisierten Einheits- staate auzuspreche«. AVer mit seiner hoch über dem Durchschnitt liegenden Steuerkraft, seinen besonders hohen sozialen Lasten und den besonders hohen An- wrüchen, die die sächsische Wirtschaft an den Staat Aelle« müsse, habe das Land unter dem jetzt mehr und »ehr etnreißenden Schematismus und Zentralismus besonders schwer zu leiden. Hierfür brachte der Redner zahlreiche Beispiele aus der jüngsten Vergangenheit bei, um dann fortzufahren: Wenn die sächsische Re gierung, anderen grundsätzlich unitarischen Einstellung xiemand zweifeln könne, angesichts solcher Erfahrun gen bei ihrer Mitarbeit an der Reichsreform sich gegen den Zentralismus wende und auf die Dezentralisation besonderen Wert lege, so sei das nicht der Ausfluß eines in Sachse« gar nicht vorhandenen Partikularis- »nL, sondern ihre Pflicht und Schuldigkeit, denn sie habe dafür zu sorgen, daß die ihr anvertrauten wirt schaftlichen und kulturellen Interessen, die unter dem Mhutze -er sächsischen Landesgewalt emporgeblüht seien, nicht verkümmern, sondern bestmöglich weiter entwickelt werden. Von der Grünen Woche. Oeffentliche Beraustaltunge« in Dresden. Die 9. Sächsische Landwirtschaftliche Woche, die vom St. bis 28. Januar in Dresden stattfindet und die seit Jahren unter dem Namen die »Grüne Woche" in Dresden in weitesten Kreisen auch bei Nichtberufs» landwirten bekannt ist, bringt auch diesmal wieder besondere Veranstaltungen, bei denen Gäste will kommen find. Neben der überreiche« Fülle von belehrenden Vorträgen, veranstaltet von der Land- Wirtschaftskammer und den zweckverwandten Ver- HAnden, ferner neben den Vortragsversammlungen der einzelnen Berufsgruppen innerhalb der sächsischen Landwirtschaft, finden drei große Abende statt, die sich »ft allem, auch künstlerisch mit dem Beruf des Land- »Erkes befasse«. Hier ist a« erster Stelle ei« Festabend im Vereinshaus am 23. Januar zu nennen unter dem Motto „Im Wal- und auf -er Heide", der vom Landes- verein für ländliche Wohlfahrts- und Heimatspflege veranstaltet wirb und bei dem die Hoftrompeter und ei« Frauen terzett mitwirken; außerdem werden Ge schichten »nü Gedichte von Hermann Löns vorgetragen. Der »wette Abend ist ebenfalls schon bekannt u«ter de» Namen „Jägerabend". Er findet im Saale des Zoologischen Gartens am Donnerstag, den 24. Januar, statt, und wird von der Sächsischen Jagd- kammer veranstaltet. Hier wird Major a. D. von Eampe einen Vortrag halten über das neue Schutz- Wsffengesetz und über die Bestimmungen -es Waffen- Brauches für Sen Jäger. Die -ritte große Veranstaltung, die am 26. Januar, vormittags 11.30 Uhr, im Zirkus Sarrasani stattfindet, A^lerische Darbietungen, stellt "der auch in diesem Jahr zweifellos wieder den Höhe- »Mikt der geizen Ve^nstaltungen dar. Diese alljähr- stch vom Sächsischen Land bund einberufene Hauptversammlung wird diesmal vom Landes- Vorsitzenden des Sächsischen Landbundes, Landtags, »geordneten M. Schreiber-Mftchwitz eröffnet und vringt in ihrem Hauptteil eine Rede des Vorsitzenden -es Pommerschen Landbundes, Rittergutsbesitzer von Nohr, über den Kampf der deutschen Landwirtschaft «m ihre Existenz. Sav-wirtschaftliche Maschinen ans der Grünen Woche. Gelegentlich der 9. Sächsischen Landwirtschaftlichen Woche findet neben der Saat- und Pflanzgut-Aus- ^elluna des Landessaatbauvereins für Sachsen auch rine Ausstellung von landwirtschaftlichen Maschinen statt, die für jeden Fachmann zweifellos wertvolle Hin weise bringen dürfte. Es werden hier Traktoren -»wohl für Ackerbaumaschinen als auch für Industrie- Maschinen mit den dazu gehörigen Anhängegeräten zu sthenfetn, ferner moderne Landmaschinen und Geräte Mr Milchwirtschaft und Geflügelzucht. Hierbei wir- «ch die moderne Flaschenmilchbereitung, besonder» berücksichtigt werden durch neueste Modelle von Tief- kühlanlagen, Flaschenreinigungsmaschinen, Füllappa- raten, ferner für dre Geflügelzucht von Brutapparaten, künstliche« Glucken, Futter- und Tränkgefäßen usw. Sie Sleuerplane der Reichsregienmg. Bekanntgabe erst nach der Kabinettsderatuug. ' Amtlich wird mitgeteilt: Der Haushaltsplan für ^lS29 ist in diesen Tagen mit den Deckungsvorlagen de« Reichsministern zur vertraulichen Kenntnis ge bracht worden. Das Reichskabinett wird sich in seiner Sitzung am 14. Januar 1929 mit den ihm zuge- Sangenen Vorlagen beschäftigen. Vor Abschluß dieser Beratungen können Mitteilungen nicht gemacht werden. Aach Beendigung der Beratungen wird sich der Reichs- »inister der Finanzen in einer Pressekonferenz über den Haushalt und die Deckungsvorlagen aussprechen. Wie zu erwarten war, haben die Pressemeldungen über die Steuerpläne Hilferdings in Bayern alar mierend gewirkt. Die „Bayerische Etaatszeitung" schreibt dazu, daß der bayerische Ministerpräsident erst am Donnerstag sich mit triftigen Gründen gegen ein» Erhöhung der Biersteuer gewandt habe. Der neue Haushaltsplan des Reiches beweise mit aller Deutlich keit, wie wenig das Reich Rücksicht auf Vorstellungen der Länder nehme. Der bayerische Finanzminister stehe vor der Aufgabe, seinen mühsam aufgestellten Haushaltsplan erneut zu korrigieren. Durch die neuen Steuerpläne werde das herrschende Prinzip der Macht des Stärkeren in einer Weise dargestellt, daß man nur mit einem Gefühl des Grauens in die Zukunft schauen könne. Aächlliche Sturmszenen. Poincars und die Elsässer. In der Nachtsitzung der französischen Kammer kam es wiederholt zu stürmischen Unterbrechungen. Der erste Zwischenfall wurde durch den Elsässer Wal ther hervorgerufen, der im Namen seiner Freunde er klärte, er werde gegen die Regierung stimmen, weil er die Regierungspolitik im Elsaß mißbillige. Er habe die feste Ueberzeugung, daß die Regierung niemals dis elsässische Frage lösen werde, da sie sich weigere, dis im Kolmarer Prozeß Verurteilten zu amnestieren. Die Regierung vergifte die politische Atmosphäre im Elsaß. Die elsässischen Abgeordneten weigerten sich, sich über Patriotismus belehren zu lassen. Als »er Redner erklärte, Vie Presse vergifte die Dinge, sprang Ministerpräsident Poincarv ans mit der Bemerkung: ,Ha, Ihre Presse, man wird die In famie« dieser Presse kennenlernen. Ich werde Zitate daraus entnehmen, und wenn Sie dann darüber nicht erröte«, werde ich sagen, daß Sie «»fähig sind, in einem frauzSsischen Parlament zu sitzen." Unter ungeheurem Eiir« fügte Poincare Hinz«: „Sie sind ei« Jesuit!" Zu neuen stürmischen Austritten, die sogar zu einer Unterbrechung der Sitzung führten, kam es, als der sozialistische Abgeordnete Vincent Auriol den Deputierten der Marin-Gruppe, Paul Reynaud, wegen Aeußerungen in einer Versammlung angriff. Da dieser ohne Wortmeldung und entgegen dem Verbot des Kammerpräsidenten zu sprechen begann, kam es zu leb, hafte« Tumulten, wobei die Linke die Internationale und die Rechte die Marseillaise saug. Dem unbe schreiblichen Lärm, der diese Szene begleitete, konnte Kammerpräsident Bouisson nur dadurch ein Ende machen, daß er den Hut auffetzte und den Sitzungssaal »erließ. Moskaus Antwort an Polen. Litwinow gegen Zaleskis Winkelzüge. Wie aus Moskau gemeldet wird, ist dem polnischen Geschäftsträger am Freitag die Antwort der Sowjet regierung auf die letzte Note Polens in der Frage des Litwinow-Vorschlages überreicht worden. In der Note wird darauf hingewiesen, daß die Re gierung der Sowjetunion die Erklärung der polnischen Re gierung über ihre grundsätzliche Annahme der sowjetrussi schen Vorschläge mit Befriedigung zur Kenntnis genommen habe. Weiter wird das Bedauern ausgesprochen, daß in der polnischen Note eine Zusage zur sofortigen Verwirklichung der Vorschläge der Sowjetunion fehle. Die Sowjetregierung habe ihre Vorschläge für so klar und unzweideutig ge halten, daß sie sich berechtigt fühlte, ebenso eine klare Ant wort zu erhalten. Die Sowjetregierung habe seinerzeit Polen und den baltischen Staaten eine Einschränkung der Streitkräfte vorgeschlagen, was jedoch von diesen abgslehnt worden war. Nachher habe auch die Sowjetregierung den baltischen Staaten die Unterzeichnung von Nichtangriffs- vakten und einer Abmachuna voraeschlaaen, die eine Nicht- , poincares nächtliche Kammerreb«. Die «»fteahme ft» politische« «reife». Die in der Nachtsitzung der französischen Kam mer in Paris abgegebenen programmatischen Erklärun gen des Ministerpräsidenten haben in den Politische» Kreisen der französischen Hauptstadt lebhaftes Inter esse erweckt und finden auch in den Blättern stark« Beachtung. Das ,HournaldeSDLbatS" greift die außen politischen Ausführungen des Ministerpräsidenten auf and meint, es hänge besonders von Deutschland ab, »ah die Arbeiten der Sachverständigen einen raschen Fortgang nähmen. Eines der begrüßenswertesten Er gebnisse der Kammersitzung fei, Deutschland gezeigt zu haben, daß es nichts zu gewinnen habe, wenn es dem Rade in die Speichen greife. Das Blatt macht im gleichen Zusammenhang den Radikalsozialisten zum Vorwurf, daß durch lhre Fehler die interalliierten Schulden in London und Washington so schlecht li quidiert worden seien. Ihre Gefälligkeit gegenüber ausländischen Staatsmännern habe die Frage der Re parationen verwickelt und Frankreichs Ansehen ge mindert. Der „Temps" meint, Frankreich habe, wie di» Rede Poincares bestätige, viel mehr das allgemeine In teresse der Welt als sein eigenes im Auge. Besondere Bedeutung mißt das Blatt der Stelle der Rede bei, wonach Frankreich, falls die Sachverständigen ihm nicht Gerechtigkeit widerfahren ließen, das absolute Recht wahren werde, aus den Dawesplan zurückzugreifen und einfach dessen Durchführung zu verlangen. Die, die im Ausland hofften, Frankreich werde bei den kom menden Verhandlungen gespalten sein, irrten sich. Die französische Regierung habe nur eine auswärtige Po litik. Poincare und Briand hätten im engsten Ein verständnis die geplante allgemeine Regelung vorbe reitet. veteiligung an gegen di« Sowjetunion gerichteten Gruppie rungen vorsah. Auch diese Vorschläge habe die Polnischs Regierung abgelehnt. Es liege jetzt keine Notwendigkeit zur Erörterung de» Krage vor, welche Gründe die polnische Regierung bcw-^U haben, die Unterzeichnung des Paktes von diesen oder je c« Bedingungen abhängig zu machen. Es sei jedoch nicht über flüssig, hiuzuzufügen, daß Polen die Unterzeichnung des Kellogg-Paktes in Paris nicht von diesen Bedingungen ab hängig machte. Die letzte Tatsache habe die Sowjetregierung bewogen, sich mit den letzten Vorschlägen an die polnische Regierung zu wenden. Sie habe angenommen, daß Polen, da es bi dingungslos den Kellogg-Pakt unterzeichnet habe, auch gegen sein sofortiges Inkrafttreten mit der Sowjetunion nichts einzuwenden habe. Dagegen könne man die letzt« polnisch« Note so auslegen, als ob die polnische Regierung die Unterzeichnung des Protokolls von der Beteiligung andere» Mächte abhängig mache, was noch mehr unverständlich er scheine, wenn man berücksichtigte, daß rm Falle der Ratifi zierung des Pariser Vertrages von 15 Staaten dieser auto matisch zwischen der Sowjetunion und Polen ohne den Bei tritt aller baltischen Staater^ rechtskräftig werde. Ein „Tag des ZucheS". Zur Stärkung »er geistigen Kultur. Unter dem Vorsitz des Reichsministers Severing fand im Reichsministerium des Innern eine Besprechung mit den führenden Verbänden des Schrifttums, des Buchhandels, der Jugendwohlfahrt, Volksbildung und Volkswohlfahrt über den Vorschlag des Reichsverban- oes des Deutschen Schrifttums statt, durch Veranstal tung eines „Tags des Buches" der geistigen Verflachung des Volkes zu begegnen. An der Besprechung nahmen auch Vertreter der Länder, des Parlaments, der Ge werkschaften und des Städtetags teil. Ter Minister wies «. a. auf »ie Notwendigkeit hin, gewisse« »«geistige« Ausschreitungen «n» Erschei nungen auf »em Gebiete »es Sports unv »es Film wesens durch Stärkung »er geistigen Kultur zu begeg ne«. Das geschehe am besten vavnrch, »aß »em gute» ventschen Buch wiever größere Verbreitung unv Gel tung verschafft werve. Hiera« mitzuwirten feie« Reich «n» Länver bereit. Nach anschließender Aussprache wurde di« Ver anstaltung von Buchtagen in Berlin und dem Reich gebilligt, deren Veranstaltung unter Förderung der Reichs- und Staatsbehörden vor sich gehen soll. Als „Tag des Buches" ist der Todestag Goethes, der 22. März in Aussicht genommen. Sle glücklichen Gewinner. GlückSlo» SSO 848. Der Hauptgewinn der vierten Klasse der jetzt lau fenden Preußisch-Süddeutschen Lotterte von 100 000 Mark, der am letzten ZiehunaStage gezogen wurde, ist nach Berlin gefallen. Der Gewinn fiel auf die Los nummer 390 848. Da dieses LoS in den beiden Abtei lungen in Achteln gespielt wird, erhält jeder Losbesitzer nach Abzug der vorgeschriebene« 20 Prozent bar HO 000 Mark ausbezahlt. Deutsches Reich. — Berlin, lxn 14. Januar 1929. * Hindeuburg Ehrenbürger der Stabt Lenze«. Die Lenzener Stadtverordneten beschäftigten sich in ihrer letzten Sitzung mit der Beschlußfassung über die Tausendjahrfeier der Stadt. Bürgermeister Scheel brachte einen Antrag des Magistrats ein, den Reichs präsidenten von Hindenburg zum Ehrenbürger der tausendjährigen Stadt zu ernennen. Die Stadtver ordneten nahmen diesen Antrag einstimmig an und be schlossen ferner auf Antrag der Sozialdemokraten, den neuen Bahnhofsplatz Friedrich Ebert-Platz zu benennen. Die Bilder beider Reichspräsidenten waren im Sitzungs saal aufgestellt und mit Tannengrün geschmückt. ° Berlin. Der bekannte radikalpazifistische Professor Friedrich Förster, der in den letzten Jahren mehrfach un liebsam von sich reden machte, ist aus der Redaktion de« pazifistischen Zeitschrift „Menschheit" ausgeschieden. Auslands-Rundschau. Flameukundgebung gegen »en belgischen Justizminister« --- Der belgische Justizminister Janson ist in Ant werpen, wo er vor der Jugend der Liberalen Partei sprechen wollte, von Aktivisten niedergeschrien worden. Schon vor Beginn der Versammlung wurde der Saal von Anhängern der Flamen besetzt. Kaum hatte Jan son mit seinen Ausführungen begonnen, als die Flamen begannen, ihn niederzuschreien. Die Polizei räumte darauf den Saal. Auf der Straße sammelten sich dis Flamen aufs neue und griffen die Polizei an. Meh rere Polizisten wurden dabei verletzt. Erst als Ver stärkungen herbeigeschafft waren, gelang es, die De monstranten zu zerstreuen, wobei einige Verhaftungen vorgenommen wurden. Frau Hana« dreht den Spieß um. --- In der Skandalaffäre der Gazette du Franc" ist jetzt erne überraschende Wendung eingetreten. Fran Hanau hat gegen den Direktor der „Numeure" Anque til, den Geschäftsagenten Amard und andere Personen, die belastende Aussagen gemacht hatten, Gegenklage wegen Erpressung erhoben. Das geschah im Verlauf einer Konfrontation mit diesen Zeugen. „Amard," erklärte sie, „hat mir nicht nur 150 000 Franken abgenommen, für die dem Untersuchungsrichter dis Quittungen vorliegen, er hat mich noch viel mehr Geld gekostet. Aber ich bin nicht sein einziges Opfer. Er hat auch von dem Ackerbauminister Hennessey 150 000 Franken erpreßt."