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daß die Weizenvorräte nahezu ebenso groß sind, wie die Bestände an Roggen, während man noch vor weni gen Wochen der Ansicht fern mußte, daß, sehr viel weniger Weizen vorhanden sei als Roggen, Ein Grund dieser auffälligen Erscheinung liegt darin, daß das Heer ausschließlich Roggen verbraucht. 'Ferner hat sich die Bevölkerung aus patriotischen Erwägungen so ent schieden dem Roggenverbrauch zugewandt, daß die Weizenbestände nur wenig in Anspruch genommen war-, den sind. Es ist daher jetzt nicht Mehr unpatriotisch, Weizenbrot zu essen, sondern es kann nur dankbar begrüßt werden, wenn der Verbrauch sich — immer in der gebotenen Beschränkung — mehr dem Weizen zu- wendet. Darum hat die Kriegsgetreidegesellschaft auch den Weizenmehlpreis erheblich stärker heruntergesetzt als den Preis sür Roggenmehl, Wer aus diesen Tat sachen aber d en Schluß ziehen würde, es sei nunmehr wieder an d er Zeit, das Weizenmehl in stärkerem Umfange zu Kuchen zu verbacken und dem Kuchengenuß-, tzu fröhnen, würde einen verhängnisvollen Fehler be gehen, Denn zweierlei darf nicht verkannt werden: Nur das Mengenverhältnis zwischen Roggen und Weizen hat sich entgegen der ursprünglichen Auffassung ge ändert. Die Gesamtmenge reicht nur dann, wenn auch weiter sparsam gewirtschaftet und nur das Bedürfnis nach Sättigung befriedigt, nicht aber aus Gewohnheit und des reinen Genusses wegen gegessen wird. — Die Blätter ansbewahren! Wir, die wir die gewaltigsten geschichtlichen Ereignisse durchleben, die jemals die Welt erschüttert haben, machen uns wohl kaum einen richtigen Begriff von dem Werte, den in späteren Zeiten den jetzt erscheinenden Tageszeitungen beigemessen werden wird. In ihnen spiegelt sich das -tägliche Leben und Treiben in unserer .Heimat zur Zeit des größten Krieges aller Zeiten wieder und da rum wird in späteren Jahren das Lesen der Blätter der 'Gegenwart eine ganz besonders interessante und bevorzugte Lektüre werden. Wie interessant würde es uns erscheinen, wenn wir heute die Blätter aus der Zeit der napoleonischen Kriege oder selbst des 1870er Krieges verfolgen könnten, um daraus zu er sehen, welchen Einfluß diese Kriege auf das Leben in unserer engeren Heimat gehabt haben und wie die Stimmung des Volkes gewesen ist. Zwar werden die großen geschichtlichen Ereignisse der Nachwelt durch Bücher überliefert, die interessanten Einzelheiten aus der Heimat, die uns besonders nahe stehen, werden wir darin aber vergeblich suchen. Darum sollten in jeder Familie, soweit das irgend möglich ist, die Blätter für die Nachkommen aufbewahrt werden. Man Wird letzteren damit manche interessante und anregende Stunde verschaffen und auch in sich selbst von Zeit zu Zeit Erinnerung pflegen können. — Die 149. Verlustliste der Sächsischen Armee ist gestern ausgegeben worden. Inhalt: 5. Sonder-Ver lustliste des deutschen Heeres (Unermittelte, das sind in Kriegsgefangenschaft, im Lazarett oder auf dem Schlachtfeld verstorbene Angehörige des deutschen Heeres, über die zuverlässige Personalangaben fehlen.) In fanterie: Infanterie-Regimenter Nr. 100, 101, 107, :134, 139, 181, 182; Reserve-Jnsanterie-Regimenter Nr, 106, 243; Landwehr-Jnsanteric-ReM Nr. 133; Landsturin-Jnfanteric-Bataillone: I. Dresden, Frei - r berg, II. Meißen, Pirna, Zwickau; Ersatz-Bataillon Regiment Nr. 134; Jäger-Bataillon Nr. 12; Rcservc- Jäger-Bataillone Nr. 13, 25; Feld-Maschinengewehr- Zug Nr. 100. Fußartillerie: Regimenter Nx. 12, 19; Reserve-Bataillon Nr. 19. Pioniere: Bataillone: I. Nr. 12, 22; II. Nr. 12, 22; 1. Ersatz-Kompagnie 1. Bataillon Nr. 12; Reserve-Kompagnie Nr. 54. Sanitäts- Formationen: Sanitäts-Kompagnien 3. 12., 2. 19. Armeekorps; Reserve-Kompagnie Nr. 53; Landivehr- Kompagnie Nr. 22. Außersächsische Truppenteile. — Alle Truppenteile, Behörden, Angehörige vsw., die über die in der Sonder-Verlustliste (Unermittelte) Auf- geführten nähere Angaben machen können, werden ge beten, diese brieflich (nicht durch Postkarten) dein Zen- tral-Nachwcisebureau des preußischen Kriegsministeri ums Referat II, Berlin NW. 7, Dorotheenstraße 48, und soweit es Angehörige der sächsischen Truppen be trifft, auch dem Nachweisebureau des Königl. Sachs. Kriegsministeriums in Dresden-N-, Königstraße 15, zukommen zu lassen. Treuen. Eine wackere, treue Soldatenmutter, Frau Emilie verw Kölbel in Wetzelsgrün, zeigt im hiesigen Amtsblatt den Heldentod eines ihrer Söhne an. Acht Brüder und Schwestern sind bei der Todes anzeige für den lieben Gefallenen unterzeichnet; fünf Söhne und zwei Schwiegersöhne stehen noch im Felde. Mögen sie alle der alleinstehenden, verwitweten Mut ter und dem Vaterlande erhalten bleiben! Dresden, 18. Mai. (Verhafteter Muttermörder.) Im Vorraum des Bahnhofes Berlin Friedrichstraße wurde heute der 17 Jahre alte Sohn des Eisenbahn hilfsbeamten Vogel, dessen Frau am Sonntag in Dres den ermordet wurde, verhaftet. Er gestand, seine Mut ter mit einem Beil erschlagen und dann beraubt zu haben. Der Weltkrieg. — In der gestrigen Sitzung des Reichstages machte der Reichskanzler folgende Mitteilung: „Es ist be kannt, daß die Beziehungen zwischen Oesterreich-Un garn und Italien sich in den letzten Alonaten stark zugespitzt haben. Aus der gestrigen Rede des unga rischen Ministerpräsidenten geht hervor, daß das Wiener Kabinett das aufrichtige Bestreben hat, die Freundschaft zwischen der Doppelmonarchie und Italien zn sichern. Ich teile Ihnen hierdurch die Konzessionen mit, zu denen sich Oesterreich-Ungarn bereit erklärt hat: Ab- tretupg des von Italienern bewohnten Teiles von Tirol an Italien, Abtretung des westlichen Ufers der Jsonzv mit der Stadt Gradiska an Italien, ferner Autonomie für die Stadt Triest, eine besonders dem italienischen Charakter Triests angepaßte Stadtverwal tung und eine italienische Universität in Triest, ferner Anerkennung der Souveränität Italiens über Valvna, Kundgebung der politischen Uninteressiertheit Oester reich-Ungarns an Albanien, wohlwollende Berücksichtig ung der nationalen Interessen der italienischen Staats angehörigen in Oesterreich-Ungarn, Amnestie für die politischen Verbrecher aus den abzutretenden Gebieten, ferner Wohlwollens Berücksichtigung weitgehender ita- lienffcher Wünsche, feierliche Erklärung über die abzu- treteuden Gebiete, Einsetzung gemischter Kommissionen, die die Regelung der abzutretenden Gebiete vorzuneh men haben; die aus den abzutretenden Gebieten stam menden österreichisch-ungarischen Krieger dürfen nach Abschluß dieses Abkommens nicht mehr an Kämpfen teilmehmen. Deutschland hat, um die Verständigung und das Band zwischen den bisherigen Dreibundmächten u fördern und zu festigen, gegenüber dem römischen öläbinett die loyale Garantie für die Ausführung des Abkommens ausdrücklich übernommen. Tie großeMehr- heit der Bevölkerung aller drei verbündeten Natio nen wird ohne Zweifel dieses Wkommen gütheißen. Mit seinem Parlament steht das italienische Volk vor der Entschließung, ob es auf friedlichem Wege die Er füllung lang gehegter nationaler Wünsche erreichen oder ob es sich in den Krieg stürzen, gegen die Bundes genossen von gestern und heute morgen das Schwert ziehen will. Ich gebe die Hoffnung noch nicht ganz auf, daß die Magschaft des Friedens schwerer wiegen wird als die des Krieges. Wir haben alles im Bereiche der Mög lichkeit Liegende getan, um das Bundesverhältnis zu stützen und ein Bündnis fortdauern zu lassen, das allen drei Reichen bisher Nutzen gebracht hat. Wenn die ser Zweck nicht erreicht werden sollte, dann werden wir neuen Gefahren zuversichtlich und festen Mutes zu begeg nen wissen." (Stürmischer Beifall.) — Die Kriegsstunmung in Italien. Die römische „Jdea Nazionale", das Hauptorgan der konstitutwt- nellen Kriegshetzer, richtet einen wütenden Angriff gegen den ersten Generaladjutanten des Königs, General Bru- sati, wegen seiner Propaganda wider das Ministerium und zugunsten Giolittis. In intimen Kreisen wieder hole Brusati beständig, Giolitti habe bei seinem jüng sten Eingreifen keine Uebergriffe begangen, sondern nur seine Pflicht getan, denn die Mmachuugen mit den Treiverbandsmüchten seien nur von Sonnino ins Werk gesetzt und trügen vielleicht auch die Unterschrift Sa- landras, aber keineswegs diejenige des Königs. Und nur dieser schließe Verträge ab. Der General Brusati behaupt« aruch, daß die Verpflichtungen verderb lich für Italien feien, denn im Norden von Tirol und der Schweiz halte Deutschland starkeKräfte bereit, ungerechnet der österreichischen Kräfte. Der General erkläre auch, der König sei vom besten Willen für das Vaterland befeelt, aber diejenigen, die heute: „Es lebe der König!" rufen, täten es, damit er sich von Giolitti entferne. In ihrem Herzen jedoch seien die gegen die Dynastie, und er (Brusati) selbst würde es nicht wagen, heute den König durch die Stra ßen Roms zu führen. DieS seien die Ansichten des Generals Brusaft, die er rückhaltlos verbreite und als die Ansichten des Königs ausgebe. Der General habe auch wiederholt Zusammenkünfte mit Bülow im Palace- Hotel gehabt. — Die Machtverhältnisse der Zentralmächte und des Dreiverbandes in italienischer fachmännischer Be leuchtung. Ter Militärschriftsteller Kommandeur Bo- namico aus Florenz faßt die politische nnd militärische Lage im „Popolo Romano" vom 15. Mai dahin zu sammen: Deutschland steht in West und OK so gesichert da, daß es n v ch Überzehn Armee korps für unvorhergesehene Erfordernisse verfüg bar hat. Oesterreichs militärische Lage ist gebessert und wird sich ohne europäische Komplikationen nock- weiter bessern. Englands tatsächliche Machtverhält nisse .auf dem westlichen Kriegsschauplätze sind nicht geklärt; eine kraftvolle Offensive sicht kaum in naher Aussicht. Fran kr eich sucht überall nach fremder Hilfe, vertraut weniger auf eigene Kraft. Rußland kann nach Ueberzeugung fast aller Militärkritiker eine allgemeine Offensive zurzeit nicht aufnehmen. Auf dem Balkan herrscht ein Zustand der Wachsamkeit, wicl>- tige Operationen stehen nicht bevor. Die Meer- eng euf rage ist noch weit von der Lösung entfernt. Selbst wenn die Eroberung der Meerenge einträte, würde sie den europäischen Zwist nur verwickelter ge stalten und verlängern. Kürz, die militärische Lage ent wickelt sich für die Zentralmächte günstig, aber mit nur geringem augenblicklichen Uebergewicht, das zur Erreichung großer Ziele nicht genügt, doch immer hin die letzte Lösung des Konflikts vorbereiten könnte. Für ein Eingreifen, eine Heldenhafte Aufopfe rung Italiens ist die jetzige Lage nicht gerade vorteilhaft aus folgenden Gründen: Ter Drei verband vermag im Augenblick keinen tödlichen Stoß gegen Deutschland oder Oesterreich auszuführen. Er könnte uns auf unserem Kriegstheater keine rechtzeitige H-ilfe bringen, so daß wir allein den übermäch tigen Feind abwehren müßten. Oesterreich ist gegen Serbien und Montenegro durch günstige geographische Grenzen gedeckt, und auch ein Angriff Rumäniens würde schwerlich so blitzartig erfolgen können, daß dadurch Italiens Schicksal beeinflußt werden würde. Die Bal kanlage ist unsicher, solange die Frage Konstantinopels ungelöst ist. Ein schwerer Fehler wäre es, wenn Ita lien in die Molken griffe. Italien wird wahr scheinlich Zu den militärischen Gesamtoperativnen kaum wesentlich beitragen können. Die feindliche Offensive würde, um den angeblichen Verrat zu rächen, blitzartig gegen die Poebene und wer weiß wohin ver stoßen Italien möge sich keinen Trugbildern Hin gaben. Auch ein kurzer Einfall in Oberitalien würde das Land verwüsten. Venedig, vielleicht auch die Lombardei, könnten im Besitz des Fe indes blei ben (W. T.-B.) — Zum italienischen Kriegsgeschrei. In der Neuen Züricher Zeitung führte Graf Voltolini be züglich Italiens aus, wenn eine Lösung ber gegenwär tigen Krise unter Vermeidung eines schrecklichen Waf fenganges erreicht werde, so sei darin nur der Wunsch der Mehrheit zur Durchsetzung gebracht. Werd« dagegen der unheilvolle Brand entfesselt, so bötveise dies aufs neue, daß «eine Minorität, welche über kräftige Lungen verfüge, imstande sei, ihren Wil len gegen jenen der Mehrheit, gegen Einsicht und Vernunft, ja selbst gegen die vitalsten Interessen der Nation durchzusetzen — Tie „Neue Züricher Ztg." meldet aus Genf: Frankreich habe Italien Eisenbahnwagen für Trup pentransporte zur Verfügung gestellt. Rom, 18 Mai. Der König hat den neuen russi schen Botschafter von Giers zur Ueberreichuug des Be glaubigungsschreibens empfangen. — Für heute abend Vs 10 Uhr ist ein neuer Ministerrat in Rom einberufen worden. Basel, 18. Mai. Wie die Nationalzeitung nach Privatnachrichten aus Chiasso meldet, fordert das Ti- rekftonskomitee der sozialdemokratischen Partei Italiens im Avanti alle Arbeiterorganisationen zu einer letzten allgemeinen Kundgebung gegen den Krieg für Mittwoch auf. Tie Parteileitung hat ferner beschlossen, die Be ziehungen zur internationalen Sozialdemokratie auf recht Zn erhalten und an dem Kongreß der Sozial demokraten der neutralen Staaten, welcher am 30. Mai in der Schweiz stattfindet, teilzunehmen. Tie inter ventionistische Presse fordert jetzt zur Einigkeit und Ruhe auf. Die Studenten streiken nicht mehr. Basel, 18. Mai. (Die französische Hetze geht ans Werk.) Ein scharfer Leitartikel der Baseler Nachrichten kritisiert einen Artikel der Libertoe, in .welchem die' Schweiz vor einem drohenden Einbruch deut scher Truppen gewarnt wird und betont, baß die Schweiz ihr Gebiet gegen jeden Einbruch bis Mss äußerste verteidigen werde, aber auch fest überzeugt sei, daß Deutschland im Falle eines Krieges mit Italien die schweizerische Neutralität ebenso genau und loyal wahren werde wie bisher. — Korrekte Haltnng der Schweiz. Ter Schweizer Bundesrat hat die Kantonsregierungen angewiesen, aus Gründen der schweizerischen Neutralität öffentliche Ver sammlungen über die Bersenknng der „Lusitania" zu verbieten. — Japanische .Hilfe für den Dreiverband. New- york. Die bittere Not scheint den Dreiverband ver anlaßt zu haben, dringlicher als bisher in Tokio wegen der Entsendung eines japanischen Heeves nach Europa vorstellig zu werden. Die Haltung der der Regierung nahestehenden Presse läßt darauf schließen, daß in allerletzter Zeit Schritte in dieser Richtung unter nommen sein dürsten. AM auffallendem Eifer wird die seit einiger Zeit völlig aus dem Gedankenkreis Der japanischen Politiker entschwundene Frage eines Ein greifens Japans auf dem europäischen Kriegsschauplatz in den letzten Tagen von den führenden Blättern er örtert. Der „Dmathi" besteht daraus,' daß unverzüglich vier Armeekorps nach Europa ab geschickt werden müß ten, Bedingung sei jedoch der Abschluß eines Offen siv- und Defensivbündnisses zwischen Japan und dem Dreiverband. Ein deutlicher Hinweis, von welcher Seite diesmal der Hilseruf ergangen sein dürfte, bietet fol gende Aeußerung des „Asajki": Seit Beginn des Krieges haben sich die Beziehungen zwischen Japan rind Rußland so herzlich gestaltet, daß die Unterzeich nung eines Bündnisvertrages zwischen beiden Ländern' nur eine Förmlichikeit bedeutet. Lissabon. Ter neue Ministerpräsident Chagas, der sich von Oporto nach Lissabon begeben wollte, um sein Amt anzutreten, ist gestern auf dem Bahnhof von Entroamento von dem Senator Joan Freitas durch Revolverschüsse schwer verletzt worden. Freitas wurde von Gendarmen niedergeschlagen und getötet. Chagas wurde nach Lissabon gebracht.