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Freiberger Anzeiger und Tageblatt : 26.04.1899
- Erscheinungsdatum
- 1899-04-26
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id1878454692-189904269
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id1878454692-18990426
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-1878454692-18990426
- Sammlungen
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Saxonica
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Freiberger Anzeiger und Tageblatt
-
Jahr
1899
-
Monat
1899-04
- Tag 1899-04-26
-
Monat
1899-04
-
Jahr
1899
- Titel
- Freiberger Anzeiger und Tageblatt : 26.04.1899
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S5 Zar siaavsieütv Lage des Reiches. ohne die Erlaubniß DeweyS zu erbitten." (!) Coghlan rühmte dann Englands freundliche Haltung gegenüber den Amerikanern. Coghlan trug darauf ein den deutschen Kaiser beleidigendes Couplet vor und erging sich in weiteren obscönen Insulten gegen die deutschen Offiziere. — Staatssekretär Long ertheilte wegen dieser Vorgänge Coghlan schriftlich einen Verweis und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Bericht über seine Rede falsch sei. In Folge dessen erklärte Coghlan in einer zweiten Rede im Army and Navy Club in New-Jork: „Ich will nur wenige Worte sagen, da Jemand in Washington an meiner Rede Anstoß genommen hat. Was ich geäußert habe, ist wahr, und ich wiederhole eS. Ich sagte eS, weil ich eS fühlte. Wir in Manila sind fast zu Tode genörgelt worden. Gott verdamm' sie! Wir waren ihnen gewachsen, und ich glaubte, die Zeitungen hätten den „großen, alten Mann", Admiral Dewey, nicht in das rechte Licht gestellt; deshalb hielt ich mich für berechtigt, ihn in das richtige Licht zu stellen. Meine Aeußernngen sind in den Zeitungen, ich will nicht sagen inkorrekt oder unwahr, aber ver dreht wiedergegeben, so daß sie eine andere Bedeutung erhalten haben. Der Admiral konnte die Nörgelei lange aushalten; aber als der Moment dafür gekommen war, machte er ein Ende, und die deutschen Schiffe bewegten sich danach nicht mehr um Haares breite von der Stelle. Einmal glaubte ich, wir wären drauf und dran, sie anzugreisen. Ein Wort, eine Handlung hätte es be wirkt!" Coghlan erklärte danach einem Reporter, das von ihm verlesene satirische Couplet sei in Sidney gedruckt und vor Mo naten auf den Philippinen und im fernen Osten verbreitet worden. Er hätte es Kur auf Verlangen recitirt. Was er sonst im Union-League-Club gesagt habe, sei in dem Glauben geschehen, daß es nicht veröffentlicht werden würde." Eine Maßregelung CoghlanS kann nach diesem schimpflichen Auftreten, wenn anders die amerikanische Auffassung von den Geboten militärischer Ehre und Disziplin mit derjenigen der europäischen Staaten auch nur die leiseste Aehnlichkeit hat, nicht ausbleiben. Das Disziplinarverfahren gegen deu redseligen Offizier ist denn auch in der That bereits eingeleitet wie aus folgenden Telegrammen hervorgeht: London, 24. April. Coghlan erhielt, als er den Xrw^ LnäXav^OIad eben verlassen wollte, um zu einem anderen Klubdiner in Brooklyn zu gehen, den telegraphischen Befehl vom Staatssekretär der Flotte aus Washington, sich unverzüglich auf sein Schiff zu begeben. In den amerikanischen Regierungskreisen soll Coghlans Verhalten unangenehm berührt haben. Coghlan ist bereits früher einmal vom Kriegsgericht für seine ungebührliche Sprache über die amerikanische Regierung bestrast worden. Der deutsche Botschafter von Holleben hatte eine Konferenz mit Staatssekretär Hay; doch wird das Gerücht, er habe wegen Coghlan Vorstellungen gemacht, dort nicht geglaubt. Es heißt, die deutschen offiziellen Kreise nehmen an, daß die Washingtoner Regierung selbst Coghlan maßregeln werde. — Paris, 24. April. Nach einer New- Iorker Privatmeldung wird Kapitän Joseph Coghlan sein Schiff „Raleigh" verlaffen und außer Aktivität treten. Er selbst bedauert den Vorgesetzten gegenüber seine unbesonnenen Aeußerungen, wenn er auch vor den Reportern seine vehemente Sprache gegen Deutschland aus seiner überwallenden Vaterlandsliebe zu erklären sucht. Interessant ist, daß im Montaukklub, wo just am Abend, da Coghlan Befehl erhielt, unverzüglich New-Jork zu verlaffen und sich ausS Schiff zu begeben, derselbe Coghlan die Festrede anläßlich des Geburtstages des Klubgründers Chauncey Depey halten sollte. Als dieser vernahm, warum Coghlan nicht kommen könne, sagte Depey seinen Gästen: „Ich kann nicht finden, daß Coghlans kriegerische Worte etwas Gutes für unS bedeuteten; die Vereinigten Staaten haben bessere Beschäftigung als Krieg mit Deutschland." Man wird im Uebrigen gut thun, die Schnitzereien Coghlans in ihrer symptomatischen Bedeutung sür die Stimmung der dortigen Marinekreise oder gar in ihrer „politischen" Bedeutung nicht zu überschätzen. Wer einerseits die politische Unreife vieler amerikanischer Staatsbeamten und Offiziere — schon durch die eigenartige Entwickelung der Carriere und die Vorbildung be dingt — zu beurtheilen vermag und dazu Kenntniß von dem geradezu erstaunlich naiv-kindlichen Zug hat, der überhaupt durch die große Masse des amerikanischen Volkes geht, in gutem und in schlechtem Sinne, der wird genau wissen, was er von solchen „Coghlaniaden" zu halten hat. Das sind fast niemals über dachte, gewollte, zielbewußte Angriffe nnd Beschuldigungen, sondern Tischreden, charakteristisch kindischen Charakters, Ivie man sie drüben nur zu oft hören kann. Ter Name Coghlan deutet übrigens aus die irisch-amerikanische Abstammung hin. Dieser Mischung entwachsen in Amerika notorisch die größten „Ranh- beiue" sowohl innerhalb der unteren Volksschichten, als der oberen Zehntausend. Daß der Herr Kapitän seine „hochpolitischen" Aeußerungen in ein Spott-Couplet austönen ließ, welches übrigens längere Zeit auch in der Pariser Ausgabe des New-Jork Herald veröffentlicht war, ist geradezu typisch für einen solchen irisch amerikanischen Taselredner. Hierzu meldet dem „B. L. A." eiu Kabeltelegramm: Washington, 24. April. Der Staatssekretär Hay sprach dem deutschen Botschafter gegenüber- feine lebhafte Mißbilligung über das Benehmen des K a p i t ä n s C o g h l a n aus. Einer telegraphischen Meldung des Generals Otis über das Gefecht bei Guingna zufolge bestand die amerikanische Streitkraft aus 4 Bataillonen Infanterie mit 4 Kanonen. Der Feind wurde, wie Otis weiter meldet, mit schweren Verlusten aus seinen starken Verschanzungen vertrieben. Die Verluste der Amerikaner betrugen 2 Offiziere, 4 Mann todt, 3 Offiziere nnd 40 Mann verwundet. Die Behauptung, daß auf Lamoc» nicht der Geschäftsführer der deutschen Plantagen-Gesellschaft Herr Hufnagel, sondern Herr F. Marquardt verhaftet worden sei, mußte Zweifel erregen, denen gestern bereits Ausdruck gegeben wurde, indem gesagt wurde, es sei möglich, daß sowohl Herr Hufnagel wie Herr Marquardt verhaftet nnd später an Bord des „Falke" ge bracht wurden. Diese Vermnthuug findet jetzt Bestätigung. Auch der Umstand, daß Herr Marquardt Hufnagels Verhaftung nicht erwähnt, erklärt sich au-s dem Umstand, daß beide Verhaftungen zu verschiedenen Zeiten erfolgten, zwischen denen die Absendung des Marquardt'schen Briefes liegt. Marquardt wurde bei dem Gefecht vom 19. März, Hufnagel bei dem vom 1. April verhaftet. Der Brief Marquardts ist vom 23. März. Marquardt war offenbar nur irrig verhaftet; er giebt selbst an, daß gegen ihn kein Beweis erbracht werden konnte; er war nur 14 Stunden in Haft. Hufnagel wurde als überführt betrachtet, da ihm eidliche Zeugnisse gegenüberstanden; aber auch er wurde nach fünftägiger Haft freigelassen, vermuthlich nicht nur weil die Unzuständigkeit der englischen Behörden und Befehlshaber, sondern auch die Unzuverlässigkeit jener Zeugnisse erkannt wurde. Beide Zwischenfälle kommen für die Lösung der politischen Wirren ans Samoa nicht mehr ernstlich in Betracht. Ueber die Jsteinnahme an Zöllen und Verbrauchssteuern im EtatSjahr 1898 liegt der vorläufige Ausweis nunmehr vor. Sie hat insgesammt 779,5 Millionen oder 48,1 Millionen mehr wie im vorhergegangenen Jahre betragen. An dem Mehr nehmen die Zölle mit 34,4 Millionen, die Tabaksteuer mit 0,3, die Zucker steuer mit 12,4, die Branntweinmaterialsteuer mit 1,3, die Brau steuer mit 0,4 Millionen theil. Nur die Branntweinverbrauchs abgabe und die Salzsteuer haben kleinere Mindererträge gegen das Vorjahr zu verzeichnen gehabt, die erstere von 0,6, die letztere von 0,2 Million Mark. Vergleicht man indessen nicht die effektive Einnahme deS Jahres 1898 mit derjenigen des Vorjahres, sondern zieht einen Vergleich zwischen Wirklichkeit und Etatsanschlag in Betracht, so gelangt man zu folgenden Ziffern: Im Etat für das Rechnungs jahr 1898 war die Gesammteinnahme aus Zöllen und Verbrauchs steuern auf 701,5 Millionen veranschlagt. Die Wirklichkeit hat demnach einen Ueberschuß über den Etatsanschlag von 78 Millionen ergeben. Was die einzelnen Einnahme zweige betrifft, so übertreffen den Etatsanschlag die Zölle mit 65,6 Millionen, die Tabaksteuer mit 0,8 Million, die Zuckersteuer mit 8,4 Millionen, die Salzsteuer mit 0,3 Million, die Brannt- weinwaterialsteuer mit 1,5 Million, die Brausteuer mit 1,2 Million. Bei oiesem Vergleich ist es einzig und allein die Branntwein verbrauchsabgabe, welche ein Weniger, und zwar um rund eine halbe Million Mark aufweist. Auch über einzelne andere Einnahmezweige des Reiches liegen die Jahresnachweise bereits vor. lieber die Wechselstempelsteuer ist schon soviel berichtet, daß ihr Ergebniß für 1898 das von 1897 um eine Million Mark überstiegen hat. Gegen den Etats voranschlag hat sie mit ihren nahezu 11 Millionen ein Mehr von rund 1,8 Million ergeben. Die Reichsstempelabgaben haben für 1898 eine Gesammteinnahme von 51,3 Millionen Mark aus zuweisen. Gegen das Vorjahr würde das ein Mehr von nahezu 5 Millionen, gegen den Etatsanschlag em solches von 1,5 Million bedeuten. Was die in den Reichsstempelabgaben enthaltene Börsensteuer betrifft, so hat sie ein Ergebniß von 32 Millionen gehabt und gegen den Etatsanschlag ein Mehr von 1,8 Million erzielt. Wenn der Ueberschuß der Reichsstempelabgaben über den Etatsvoranschlag diesmal nicht größer als 1*/, Million geworden ist, so liegt dies an den Einnahmen aus der Loose steuer. Schließlich sind noch die Einnahmen auS den beiden großen Betriebsverwaltungen des Reiches, auS der Post- und Telegraphen- sowie der Eisenbahnverwaltung bekannt gegeben. Die Post- und Telegraphenverwaltung hat 349 Millionen oder 24,4 Millionen mehr wie im Vorjahre erbracht, die Reichseisen bahnverwaltung 79,4 Millionen oder 4,3 mehr als im Vorjahre. Gegenüber den Etatsanschlägen bedeutet das bei der ersteren ein Mehr von 17,5 Millionen, bei der letzteren ein solches von 4 Millionen Mark. Alle diese Einnahmezweige haben also in der Wirklichkeit Ueberschüssc über den Etat ergeben, so daß der Gesammtab- schluß des Rechnungsjahres 1898 schpn jetztalS durchaus günstig bezeichnet werden kann. Haltlosigkeit der Anschuldigungen erwiesen ist, so wird vr. Esser nun jedenfalls nicht mehr zögern, die Blätter, die jene An schuldigungen verbreitet haben, vor den Strafrichter zu ziehe». Das liegt in seinem und im allgemeinen Interesse. Im Berliner Universitätsgebäude hat am Sonnabend die erste Vernehmung d«S Privatdozenten vr. Arons in seinem DiSziplinarprozeß stattgefunden. Die Vernehmung dauerte vier Stunden. Oesterreich. Heute verlautet mit Bestimmtheit, daß Kaiser Wilhelm zur Enthüllung deS Denkmals deS Erzherzogs Albrecht am Pfingstsonntag, 21. Mai, nach Wien kommen werde. Prinz-Regent Luitpold und der König von Rumänien werden zu dieser Feier gleichfalls erwartet. DaS Landesgericht Wien fällte auf Antrag der Staatsanwalt schaft ein Erkenntniß, daß die Broschüre unter dem Titel „Luthers Selbstmord" vom Pfarrer Deckert ein Vergehen der Beleidigung einer gesetzlich anerkannten Kirchen-und Religions- genoffenschaft begründe, weshalb das Verbot der Weiterver breitung dieser Broschüre und die Vernichtung noch vorhandener Exemplare augeordnet wurde. Polnische Wirthschaft! Der „Kurjer StaniSlawowSki" (Galizien) veröffentlicht das in zweiter Instanz ergangene Urtheil des StaniSlauer Kreisgerichtes in der Strafsache des Barbiers Wolf Blau in Nadworna, welcher wegen Beleidigung des dortigen BezirkShauPtmanneS LadiSlauS Halecki zu zweimonatlichem Arrest verurtheilt worden war. DaS Berufungsgericht sprach den An geklagten frei, weil er den Wahrheitsbeweis erbracht habe, daß Bezirkshauptmann Halecki ihn durch fünf Jahre sür Rasiren und Haarschneiden nicht zahlen wollte, und als der Angeklagte schließlich seine Dienste verweigerte, ihm androhte, er werde ihn zu Grunde richten, daß ferner der Bezirkshauptmann allen von ihm abhängigen Personen verbot, sich bei dem Angeklagten rasiren zu lassen, bei den Steuerbehörden durchsetzte, daß dem Angeklagten eine fast zehnmal höhere Erwerbsteuer als bisher auserlegt wurde und als dieses Steuerausmaß von der Landes behörde herabgesetzt wurde, diese Rekurserledigung monatelang zurückhielt und inzwischen den Angeklagten für die übermäßig erhöhte Steuer pfänden ließ, wobei dem Angeklagten sein Bett zeug und andere unentbehrliche, nach dem Gesetze von der Exe kution befreite Gegenstände weggenommen wurden. Der Ange klagte habe somit bewiesen, daß Bezirkshauptmann Halecki aus schmutzigen Motiven seine Amtsgewalt mißbrauchte. Ungar«. AuS Schäßburg (Siebenbürgen), 19. d., wird ge schrieben : Heute sollte hier durch eine deutsche Theatergesellschast Sudermanns „Heimath" aufgeführt werden. Die Vorstellung sollte eben beginnen, als der Bürgermeister erschien und mittheilte, ein Telegramm des Ministers deS Innern untersage die deutsche Vorstellung. Das Publikum entfernte sich nur zögernd unter lauten Unwillensäußerungen. — So also sieht das „Versöhnungs regime d«S Herrn v. Szell auS, wenn es sich um die deutsche Kunst handelt! Bon deutscher Politik nicht zu reden! Belgien. AuS MonS, 24. April, wird drahtlich gemeldet: Die Zahl der Ausständigen '.ist heute auf 10700 gestiegen, d. i. 7000 mehr als am Sonnabend. In Versammlungen, die gestern «-gehalten wurden, erklärten die Arbeitgeber allgemein, sie könnten die verlangten Lohnerhöhungen nicht bewilligen, da sie seit 1896 eine mehr als 25prozentige Lohnerhöhung bewilligt haben. Im Becken du Centre und in Charleroi ist die Lage dieselbe wie am Sonnabend. Wie verlautet, beschlossen die Glas arbeiter im Becken von Charleroi gemeinsame Sache mit den Grubenarbeitern zu machen. — Der Jndustrierath ist auf Freitag einberufen. Allem Anschein nach wird der Ausstand noch die ganze Woche dauern. Frankreich. Der Kassationshof vernahm gestern in geheimer Sitzung den Kapitän Freystätter, den früheren Polizei- ,Präfekten Löpine, den Untersuchungsrichter BertuluS und die 'Generale Roget und Gonse. ES ist nicht bekannt, ob Gegenüber stellungen stattgefunden haben. Bereinigte Staaten. Die längst begraben geglaubten Märchen von angeblichen Feindseligkeiten, die während der Blokade von Manila zwischen Admiral Dewey und deutschen .Marineoffizieren vorgekommen sein sollen, haben in unerwarteter Weise eine Auferstehung erfahren. Ein in die Heimath zurück gekehrter Kapitän, Coghlan mit Namen, hat in einer Nachtischrede über seine Erlebnisse auf den Philippinen allerhand Renommistereien zum Besten gegeben, die, wenn sie ernsthast zu nehmen wären, das Unverschämteste genannt werden müßten, was ein Amerikaner sich je gegen Deutschland herausgenommen. Allein der ebenso tapfere wie ritterliche Kapitän hatte offenbar, als er seine Brandrede vom Stapel ließ, seine fünf Sinne nicht beisammen, er hatte sicherlich bereits des Guten zu viel gethan, als ihm die albernen Jagdgcschichten entschlüpften. Daß trotzdem sein Auftreten ein unqualifizirbarcs und keiner Entschuldigung fähiges ist, wird hoffentlich Herrn Coghlan von seinen Vorgesetzte» sehr bald entschieden genug bedeutet werden. Der Anfang hierzu ist bereits gethan. Auch die amerikanische Presse scheint in diesem Falle für den großsprecherischen Kriegshelden keinen Lorbeer- bereit zu halten, sodaß man bei uns in völliger Ruhe der weiteren Entwickelung dieser neuesten Chauvinistenblüthe zusehen darf. Ein Telegramm berichtet: „London, 24. April. Ungebührliches Aufheben wird in .der amerikanischen und englischen Presse von einer Rede des amerikanischen Kapitäns Coghlan vom Kreuzer „Raleigh" im .Union-League-Club in New-Jork gemacht, worin er die über angebliche Differenzen zwischen amerikanischen und deutschen ^Offizieren vor Manila verbreiteten Lügen wieder aufwärmte. "Coghlan sagte: Ein deutscher Offizier kam während der Blokade auf DeweyS Schiff mit einer Beschwerde. Dewey bemerkte ihm: „Sagen Sie Ihrem Admiral, seine Schiffe müssen still stehen, wenn ich es befehle. Ich wünsche die Blokade komplett zu machen." Der deutsche Offizier erwiderte: „Wir segeln aber unter unserer Flagge." Dewey antwortete: „Die Flaggen können für einen halben Dollar die Elle überall gekauft werden, Jeder kann diese Flaggen führen, die ganze spanische Flotte könnte mit diesen Flaggen aus uns zukommen, deshalb muß und will ich Ihnen Einhalt gebieten; sagen Sie Ihrem Admiral, ich blokire hier, ich habe die Art seines Benehmens satt, ich habe es so leicht wie möglich für ihn gemacht; jetzt ist aber die Zeit gekommen, wo er einhalten muß. Hören Sie auf mich, sagen Sie Ihrem Admiral, der geringste Verstoß von ihm oder seinen Offizieren kann nur eins bedeuten. Sagen Sie ihm, er wird Krieg bedeuten! Mißverstehen Sie mich nicht, wenn ich sage, er wird Krieg bedeuten. Wenn Ihre Leute zum Kriege mit den Bereinigten Staaten bereit sind, können sie ihn in fünf Minuten haben." — Beim Fortgehen bemerkte der deutsche Offizier zu einem amerikanischen: „Ich glaube, Ihr Admiral hat nicht recht verstanden", ober der Amerikaner erwiderte: „O ja, und er meint, was er sagt". Danach wagten die Deutschen nicht öfter alS viermal hintereinander zu athmen Geheimer IustiMH Professor vr. von Kar über die Aussichten der Friedevskonstleni. Der bekannte Göttinger Strafrechtler, der als eine der ersten Autoritäten auf dem Gebiete des internationalen Privat rechts gilt, schreibt der „Berl. Wissenschaft!. Korresp.": Ihre Fragen, betr. die bevorstehende Friedenskonferenz glaube ich in folgender Weise beantworten zu sollen: 1. Eine Abrüstung als unmittelbares oder bis zu einem nahe liegenden Zeitpunkte sich vollziehendes Ergebniß einer inter nationalen Abmachung halte ich für unmöglich. Gegenseitiges Mißtrauen, überall hervortretender Expansionstrieb und Ueber- hitzung des Nationalgefühls oder selbst des Rassenhaffes in einem z. B. im XVIII. Jahrhundert oder bis zum zweiten Drittel des XIX. Jahrhunderts unbekannten Grade, stehen dem entgegen. Dazu kommen die Kolonialbestrebungen, die jeden Augenblick zu Verwicklungen Anlaß geben können. Eine Abrüstung ist an sich selbstverständlich möglich; sie wird auch einmal in größerem Um fange eintreten, aber nur als allmähliches Ergebniß einer Periode, in welcher der Ehrgeiz der Nationen und Regierungen keinen Stoff zur Betheiligung findet oder in welcher nach einem ungeheuren, die Kräfte verzehrenden Kriege zugleich eine all gemeine Abspannung und das Bedürfniß nach Wiedersamm lung von Kräften, mit elementarer Macht sich geltend macht, oder aber, wenn das Gefühl für Recht und Billigkeit und Moral in der gejammten Kulturwelt einen Grad erreicht hat, von welchem wir jetzt noch recht entfernt sind, oder endlich, wenn die Rüstung allerseits geradezu unerträglich gesunden wird. 2. Eine Abrüstung oder wenigstens einen Stillstand oder ein langsameres Tempo der Rüstungen halte ich für wünschens- werth. Bis zu einem gewissen Grade halte ich freilich selbst Ausgaben des Staates für kriegerische Ausbildung des Volkes und für das Heer für produktiv. Aber anscheinend ist dieses Maß in manchen Staaten bereits überschritten und leiden da runter andere Kulturaufgaben in empfindlicher Weise. 3. Ich glaube aus den schon unter 1 angegebenen Gründen nicht, daß die Haager Konferenz eine Abrüstung zu Stande bringen wird. Es ist unmöglich, die Rüstungen der verschiedenen Staaten in sicherer Weise gegen einander abzuschätzen. Ein Staat kann auch durch Anlage von Eisenbahnen und Kanälen sich für den Krieg rüsten. Rußland könnte dies in sehr wirk samer Weise thun, während die weiter vorgeschrittenen Staaten des Westens dann inzwischen, wenn ein Stillstand anderer Rüstungen oder Kriegsverhinderungen geboten wäre, ruhig zu sehen müßten, bis Rußland fertig wäre. Internationale Kon trolle der Rüstungen ist meines Erachtens nur als schädliche Schein-Kontrolle ausführbahr; ein Verbot neuer Kriegserfindungen oder ihrer Erprobung ist ebenfalls unausführbar und wider streitet dem allgemeinen Kultur-Fortschritte. Zudem würden die in Erfindungen weiter fortgeschrittenen und daran reicheren Staaten des europäischen Westens voraussichtlich gegenüber Rußland wieder in Nachtheil gerathen, welches letztere immer mehr Gewicht durch die bloße Masse der Kombattanten erhalten würde. 4. Besondere schnell wirksame Mittel, die Abrüstung oder den Stillstand der Rüstungen herbeizuführen, giebt es meiner Ansicht nach nicht, wie aus dem unter 1. Gesagten hervorgehen dürste. Alles, was den dort bezeichneten nationalen Charakter fehler und verkehrten moralischen Richtungen Einhalt thut, ist aber selbstverständlich auch für Abrüstung, Stillstand der über mäßigen Rüstungen und für den Frieden indirekt wirksam. ES giebt hier kein sogenanntes spezifisches Mittel, sondern nur eine langsame wirkende Hygiene.
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