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Freiberger Anzeiger und Tageblatt : 21.06.1896
- Erscheinungsdatum
- 1896-06-21
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id1878454692-189606210
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id1878454692-18960621
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- oai:de:slub-dresden:db:id-1878454692-18960621
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- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
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Zeitung
Freiberger Anzeiger und Tageblatt
-
Jahr
1896
-
Monat
1896-06
- Tag 1896-06-21
-
Monat
1896-06
-
Jahr
1896
- Titel
- Freiberger Anzeiger und Tageblatt : 21.06.1896
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Sonntag, den ZI. Juni 1896 -V .W 142 Verschiedenes. * Neber die Sprache des menschlichen Antlitzes hielt der bekannte Zoologe Prof. Selenka in der Münchener Anthro-- pologischen Gesellschaft einen Vortrag, fußend auf Untersuchungen von Darwin, Duchenne und Anderen und auf eigene Beobachtnngen, sowie unterstützt durch eine Reihe typischer Abbildungen. Es giebt eigentlich, wie der Vortragende nach der „Allg. Ztg.", aus führte, vier Verständigungsmittel zwischen den Menschen: 1. die Tastsprache, welche hauptsächlich nur bei Abwehr und beim Kosen Anwendung findet; 2. die Geberdensprache, deren Formen rein konventionell sind, was auch drittens von der Lautsprache gilt, während 4. der mimischen Sprache feste, für alle Völker gleiche Gesetze zu Grunde liegen, da gleiche Empfindungen stets gleiche Gesichtsausdrücke Hervorrufen. Letztere werden wesentlich be stimmt durch Falten der Haut, die durch Kontraktionen der darunter liegenden Muskeln entstehen. Trifft z. B. ein unerwartetes Bild Plötzlich unsere Augen, so öffnen wir dieselben weit durch Zusammenziehung der Stirnmuskeln, wobei horizontale Stirn falten entstehen; letzteres ist der mimische Zug der Ueberraschung, Verwunderung und aufmerksamen Beobachtung. Es wird ver stärkt durch den offenstehendcn Mund; wir vergessen eben, durch Anspannung unserer Kanmuskeln das Eigengewicht der Unter kinnlade aufzuheben. Bei weiterer Steigerung wird auch noch die Unterlippe herabgezogen. Bei Kindern und Wilden ist dieser mimische Zug sehr deutlich, bei blasirten Kulturmenschen schwächer, durch Gewohnheit wird er physiognomisch, wozu wesentlich das Temperament beiträgt. Nach Helmholtz Beobachtungen kann ein regsamer Geist in einer Sekunde acht bis zehn Beobachtungen an stellen, ein phlegmatischer nur zwei bis drei. Der siebzigjährige Phlegmatiker hat also etwa die gleiche Summe von Lebensmomenten wie ein dreißigjähriger Regsamer, und des letzteren Mimik wird naturgemäß viel lebendiger sein, aber auch leichter physiognomisch werden. Bei nichteuropäischen Rassen sind durch besondere Formen von Mund, Augenbrauen, Backenknochen gewisse mimische Züge typisch vertreten, aber nur scheinbar; in besonderem Affekt mimen auch sie wie die Europäer. Und da die Mimik die plastische Sprache des Gemüthes ist, bedarf es, um den Charakter einer Person zu erkennen, einer verständnißvollen Auslese der wesent lichen Züge des menschlichen Gesichts, wie das der denkende Künstler thut. . * Eine merkwürdige Zahl. In einem verschollener^ heute kaum noch aufzutreibenden englischen Büchlein „Skort out» in »ritlunetlc anä curia» calcnlLtion" wird der „Romanwelt" zufolge eine ganz merkwürdige Zahl erwähnt, gewissermaßen eine Phönixzahl, denn wie der wunderbare Vogel Phönix aus der Asche immer wieder ersteht, so kommt diese Zahl aus allen Mul tiplikations-Operationen, die man mit ihr vornimmt, immer wieder zum Vorschein. Diese -Zahl lautet: 526315789473684210. Man multiplizire sie mit 2 und man erhält: 1052631578947368420. Die letzte 10 der ursprünglichen Zahl hat sich nur nach vor» gestelt. Man multiplizire mit 3, und man erhält die Zahl wieder, nnr in anderer Gruppirung, es folgt hinter der kleinen Gruppe 15 die große Zifferngruppe 789473684210 und dann die Gruppe 5263. Zum Schluß selbstverständlich noch eine Null. Mit 8 multiplizirt, erhält man die ganze Zahl wieder, nur steht die erste 5 als letzte Ziffer. Mit irgend einer anderen Ziffer multiplizirt, z. B. mit 7, bekommt man erst die Gruppe 3684210, dann die Gruppe 52631578947 mit der Null zum Schluß. Dasselbe Resultat bei der Multiplikation mit zweistelligen Zahlen. Z. B. mit 24: nach einer 1 folgt die Zahl 26315789473684210 und dann noch eine 4 und eine 0 und die aus der Gruppe her- ausfallende 1 und 4 ergeben in der Addition die zur vollständigen Zahl noch fehlende 5. Auch bei der Multiplikation mit drei- und mehrstelligen Zahlen kehrt die geheimnißvolle Zahl immer wieder, und zwar so, daß die kleine Zahlengruppe, die an der vollständigen ursprünglichen Zahl etwa fehlt, sich durch Addition der von dieser abweichenden Zahlengruppen ergiebt. Z. B. wenn man die Zahl mit 9753 multiplizirt, erhält man die ursprüng liche Zahl in der großen Gruppe 213789473684210- vor dieser steht dann noch die Zahl 513 und hinter ihr die Zahl 013: Vie Addition dieser beiden 513 -t- 013 ergiebt aber die zur vollständigen Zahl noch fehlende Gruppe 526. Multiplizirt man mit der um gekehrten Zahl 3579, so tritt die letzte Eigenthümlichkeit noch auffälliger hervor. Man erhält als Resultat erst eine zunächst ganz unmotivirt erscheinende 188, dann die beiden großen Gruppen 3 684210 und 52631578 aus der ursprünglichen Zahlenreihe, zum Schluß wieder eine völlig unmotivirt erscheinende Zahl, näm lich 758, und die selbverständliche Endnull. Man addire acker die 188 zur 758, und man erhält die dritte, zur vollständigen ursprüng lichen Zahlenreihe noch fehlende Gruppe 947. Vielleicht finden die Mathematiker unter unseren Lesern die Formel für das in dieser Phönixzahl wirksame geheimnißvolle arithmetische Gesetz. — Uebrigens hat die Ziffer noch weitere Eigenthümlichkeiten. Wenn man von der aus 9 Ziffern bestehenden ersten Hälfte der achtzehnstelligen Zahl die zweite Hälfte abzieht, so erhält man als Resultat wieder die erste Hälfte; und umgekehrt erhält man die zweite Hälfte als Resultat der Substraktion der ersten von der zweiten. Zählt man aber die erste mit der zweiten Hälfte zu sammen, so giebt's lauter Neunen, eine Zahl, die auS 9 Neunen besteht. Wenn man die Zahl umkehrt, so daß die Schlußnull voran und die Anfangsfünf an der letzten Stelle steht, und man zählt diese umgekehrte Zahl zu der ursprünglichen zu, so erhält man eine Zahl, deren zweite Hälfte mit einer einzigen kleinen Abweichung (die sich aber wieder in eine bestimmte Beziehung bringen läßt) das genaue Spiegelbild der ersten Hälfte ist, unv cuch diese beiden Hälften addirt, liefern lauter Neunen. Auch sonst spielt die Neun eine Rolle bei der merkwürdigen Zahl: wenn man die achtzehn Ziffern, aus denen sie besteht, zusammen- ;ählt, erhält man die Summe 81, das ist 9x9. Wir haben noch die Zahl mit sich selbst multiplizirt und erhielten eine 36- stellige Zahl, die mit der ursprünglichen gar nichts gemein zu haben schien. Denn sie lautete: 277 008 310249 307 478 670360110 803 324100. Als wir sie aber in ihre beiden Hälften abtheilten und diese addirten, erschien als Summe wieder die geheimnißvolle Reihe, nur daß voran die Gruppe 9473684210 stand und dann erst die andere Gruppe 52631578 folgte. Also auch bei dieser umfang reichen Operation erwies sie sich als die Phönixzahl. * Die Macht ver Annonce. Die praktischen Engländer und Amerikaner verstehen am besten, den ungeheuren Nutzen des Inserats und der Ankündigung zu würdigen, und sie wissen, daß die großen Summen, die sie für diese Zwecke verwenden, Zinsen und Zinseszinsen tragen. Es giebt Unternehmungen, die nur durch die kolossalste Oeffentlichkeit die größten Erfolge erzielt haben; überall findet man sie, überall stößt man auf ihre Namen. Der Reisende, welcher z. B. über den Aermelkanal fährt, um England zu besuchen, erblickt, noch einige Meilen von der Küste entfernt, eine Tonne im Meer, auf welcher mit Riesenlettern ge schrieben steht: „Lears Loup" (Pears Seife). Bei dem ersten Blick, der auf die Kreidefelsen von Dover fällt, liest man sofort wieder, „Pears Seife", und auf Schritt und Tritt, in jedem Bahnhofe, auf den Pflastern der Städte, an jeder Mauerecke, in allen Gassen finden sich Bilder und Zeichnungen, die zuweilen mit künstlerischem Geschmack ausgeführt find und auf denen wieder zu lesen ist: „Pears Seife". Das ganze Unternehmen ist auf einem in solchem Umfange vielleicht noch niemals durchgeführten System von Ankündigungen und Plakatirungen aufgebaut. Pear hat Volkssänger und Bänkel-Gesellschaften bezahlt, nur zu dem Zweck, daß sie populären Gassenhauern einen Text unterlegen, in dem Pears Seife empfohlen wird. Vor einem Jahre wurde dieses Unternehmen in eine Aktien-Gesellschaft verwandelt und diesem Umstande verdanken wir einige Kenntniß über das Ver- hältniß zwischen den Auslagen für Ankündigungen und dem Rein gewinn. Im Jahre 1885 hatte Pear für Ankündigungen den Betrag von 31159 Pfund Sterling (IPfund --- 20 Mark) aus gegeben und der Gewinn stellte sich auf 95106 Pfund. JmJahre 1886 summirten fick die Kosten der Ankündigung mit 58 884 Pfund und der Gewinn nnt 117 565 Pfnnd. Im Jahre 1887 wurden für Annoncirungen 82312 Pfund ausgcgeben; der Gewinn be zifferte sich mit 128109 Pfund. Im Jahre 1888 erforderten die Ankündignngskosten 86491 Pfund und der Gewinn stellte sich auf 133706 Pfund. Im Jahre 1889 stiegen die Ausgaben von Annoncirungen auf 119902 Pfund, der Gewinn auf 149770 Pfund. Im Jahre 1890 betrugen die Ankündigungskosten 126994 Pfund, (2'/- Mill. Mark)der Gewinn stellte sich auf 165 355 Pfd. (3^ Mill. Mark). Für das Jahr 1891 werden die Annoncirungskosten mit 103596 Pfund und der Gewinn mit 175920 Pfund berechnet. Pear hatte also im Laufe von 7 Jahren mehr als 12 Millionen Mark ausgegeben und mehr als 17 Millionen Mark als Rein gewinn erzielt. Im Allgemeinen ist mit einzelnen Unterbrechungen der Gewinn im Verhältmß zu den Auslagen für Ankündigungen »I gestiegen. Der Günstling. von B. von der Lancken. (4S. Fortsetzung.) (Nachdruck verboten.) „Hal" Nur dieser eine Laut entfloh den Lippen der Asakoff. Wild, leidenschaftlich preßte sie die zitternde Hand auf das hochklopfende Herz. Mochte Edel die Bewegung, den Ausdruck falsch deuten, genug, sie wiederholte ihre Bitte und als Wlasta sich von ihr abwendend, einen Schritt gegen die innere Thür that und fürchten mußte, daß alles umsonst aewesenwäre, daß sie nichts für Kelling erreicht hätte, da überwand die Liebe den Stolz und sich vor Wlasta aufs Knie werfend, umklammerte sie ihre Hand und rief: „O Fürstin, Fürstin, seien Sie edel, seien Sie großmüthig! Auf den Knieen flehe ich Sie darum an." Bei diesen Worten erhob Wlasta Asakoff mit einer unnach ahmlich stolzen Bewegung das zierliche Haupt und ohne der vor ihr Knieenden ein Zeichen zu machen, sich zu erheben, sagte sie mit eisiger Kälte im Ton und Blick: „Ja, Komteß Steier, ich sehe Sie zu meinen Füßen und die Stunde, in der ich die Geliebte des Boris Kelling vor mir auf den Knieen für ihn bitten sehe, diese Stunde macht vieles Bittere gut, das ich im Leben erfahren habe." Edel zitterte wie in Fieberschauern, ihr Antlitz war geister bleich, ihre Augen hingen mit verzehrendem Ausdrucke an dem Munde ver Redenden. „Sie sprechen das erlösende Wort nicht, Fürstin?" fragte sie. Wlasta schloß die langen Wimpern. Ein Gedanke, grausamer al- alle übrigen, durchzuckte sie. „Nein, Sie werden dies Wort nie von mir hören, und wenn Sie stundenlang vor mir im Staube darum bäten." „Schon zu lange that ich es!" rief Edelgarde außer sich und sprang empor. „Es sei denn," vollendete Wlasta, „daß ich einen Beweis Ihrer Selbstlosigkeit empfinge." „Meiner Selbstlosigkeit?" „Ja, Sie sagten mir, Sie seien Boris' Braut, Komteß Edel. Verzichten Sie darauf, sein Weib zu werden, so will ich thun, was Sie von mir erbeten haben." Ein halbunterdrückter Aufschrei entrang sich Edels Lippen, ihr Haupt sank langsam auf die Brust herab, die schlanke Gestalt wankte. „Nie," flüsterte sie, „niemals!" „Ich wußte es," antwortete Wlasta Asakoff mit schneidendem Hohne. „Sie baten mich nicht so sehr um seiner Ehre als um Ihres persönlichen Glückes willen." Diese Worte trafen wie ein Dolchstich Edels Herz. Ein Kampf, kurz aber furchtbar, entspann sich m ihr, ein Kampf, in dem ihrer Seele Lebensquell dahinströmte, in dem ihr armes Herz, stückweise zerrissen, sich verblutete, in dem Liebe und Entsagung übermächtig miteinander rangen; aber auch ein anderes Gefühl, das Edels reiner Natur bisher fremd geblieben war, begann sich in ihrer Brust zu regen, und sie war zu sehr Weck, zu leiden schaftlich, um sich nicht von demselben Hinreißen zu lassen und mehr menschlich als groß zu handeln. „Wohlan, Fürstin," sagte sie, mit Aufbietung aller Willens kraft vor Wlasta hintretend, „ich will Ihnen den Beweis geben, wie groß meine Liebe ist — im Vergleiche zu der Ihren?" Die Fürstin erbleichte und wich unwillkürlich einen Schritt zurück — Edel kannte ihre Gefühle für Boris — wie klein mußte sie vor diesem Mädchen dastehen, wie verächtlich vor Edelgarde dastehen, die fest und unbeirrt fortfuhr: „Ich verzichte darauf, Boris von Kellings Weib zu werden, wenn Sie Ihr Wort einlösen und sofort die nöthigen Schritte thun, um dem Großherzoge einen klaren Einblick in den Zusammen hang der ganzen Sache zu verschaffen. Verpflichten Sie sich dazu mit Ihrem Wort?" „Mit meinem Wort!" Wlasta Asakoff verharrte regungslos. Nur bei dem Blick in das todtblasse, schmerzdurchwühlte Mädchenantlitz mochte es wie Mitleid über sie kommen und sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihre Hand gegen Edel ausstrecken; aber stolz trat diese einen Schritt zurück. „Leben Sie wohl, Fürstin!" sagte Edel mit fester Stimme. „Sie haben Boris und mir viel — an Glück Alles genommen, waS wir besaßen, aber Eins können Sie uns nicht nehmen, das Bewußtsein unserer gegenseitigen Liebe, wie Sie dieselbe nie empfinden und auch nie verstehen werden. Und darum, Fürstin, sind Sie arm und ich bin reich, unendlich reich!" Langsam wandte sie sich und schritt hinaus. Wie erschien ihr die Welt öde und leer — todt, auSgestorben, wie ihr eigenes Herz! Als sie zu dem alten Major ins Zimmer trat, erschrak er über ihr Aussehen. „Edel, mein Kind," rief er, seine Arme nach ihr ausbreitend. Ihre Selbstbeherrschung war zu Ende, mit einem Aufschrei hing sie an seinem Halse und barg ihr Köpfchen an seiner treuen Brust. „Onkel Fritz, Onkel Fritz," schluchzte sie, „seine Ehre habe ich gerettet, aber ich — ich habe ihn verloren! Mein Boris!" Eine tiefe Ohnmacht umfing sie. Ein schweres hitziges Fieber folgte derselben, das sie viele Wochen ans Bett fesselte, während welcher Zeit Herr von Questen berg im Verein mit einer barmherzigen Schwester sie mit hin gebender Treue Pflegte. Mann und Weib — und sie selbst draußen stehend an der Pforte des Glückes! — „Nein und tausendmal nein!" schrie sie auf. „Nein — seine Liebe konnte ich nicht erringen, seine Achtung habe ich verscherzt, seine Dankbarkeit — will ich nicht, unv sein Weib soll Edel Steier niemals werden — niemals!" Einundzwanzigstes Kapitel. BoriS von Kelling mußte nach vielem Hin- und Herüberlegen doch endlich zu einem festen Entschluß über seine Zukunft ge langen. Ein Leben, wie er es bisher in Berlin geführt, konnte ihn auf die Länge der Zeit weder befriedigen, noch konnte sich darauf eine neue Zukunft für ihn aufbauen. Welchen Beruf aber sollte er ergreifen und wodurch konnte er sich in einen solchen ein führen? Bei den Kavallerie-Regimentern hatte er Bekannte, er hatte auch einige Besuche gemacht; aber er fühlte doch, man kam ihm anders entgegen, als einst. Seine Verhaftung, wie alle sich an dieselbe knüpfenden Vermuthungen und Gerüchte, letztere natürlich vergrößert und verschlimmert, hatten zu viel Staub aufgewirbelt und die Offiziere waren gezwungen, eine gewisse Reserve einem Mann gegenüber zu zeigen, der sich so leichtsinnig in freiheitliche Bestrebungen und Verbindungen mindestens sehr bedenklicher Art eingelaffen hatte. Die Untersuchung war nieoer- geschlagen, man hatte Kelling nichts Sträfliches beweisen, ihn aber auch nicht vollständig freisprechen können ; die ganze Geschichte hatte mindestens ihren kleinen Haken und der Name Kelling zur Zeit eine zweifelhafte Berühmtheit erlangt. Auf eine Stellung bei einem Mitgliede des königlichen HauseS konnte er unter diesen Umständen nicht rechnen; eine solche bei einem vornehm sein wollenden und auf sein Geld protzenden Parvenü, dessen Söhnen er Reitunterricht geben sollte und der ihn als Stallmeister enga- giren wollte, lehnte er mit den letzten hundert Mark in ver Tasche ab. Die elegante, behagliche Wohnung war gekündigt, der ver wöhnte, vornehme Mann stieg langsam von Stufe zu Stufe herab; er aß in billigen Restaurants und trank statt des Weines Bier zu Mittag, und als er eines Morgens mit seiner Wirthin die Rechnung in Ordnung gebracht hatte und den Rest seines Kassen- iestandes überschlug, konnte der schöne Kelling nicht über mehr als vierzig Mark disponiren. Er biß die Zähne zusammen und tampste mit dem Fuß, eS überkam ihn eine Art Verzweiflung ; er ging zu Kempinsky, trank eine Lafitte zu neun Mark und versetzte sich dadurch m einen Zustand, der noch kein vollständiger Rausch war, aber ihm eine gewisse Anregung gab, in der er sich üötzlich allen Widerwärtigkeiten gewachsen und hoch über der Situation stehend glaubte. In dieser Stimmung ging er nach Hause, warf sich aufs Sopha und schlief ein. Als er nach ein paar Stunden erwachte, kam er sich dagegen sehr klein vor und nach einem Blick in sein Portemonnaie sogar recht elend — Rest sechsundzwanzig Mark. „Und keine Aussicht, daß dieser „schäbige Rest", wie er in bitterer Ironie ausrief, „in absehbarer Zeit wieder zu einein „Bestand" anwachsen könnte." Gleichviel, es sollte, es mußte jetzt anders werden. In seiner glücklichen Zeit hatte er einmal im Uebermuth eine kleine Sport- Humoreske geschrieben, man hatte sie angenommen und gut bezahlt. Ob ihm eine solche Arbeit nicht auch jetzt gelingen würde ? Er setzte sich an den Tisch, nahm Papier und Feder zur Hand und schrieb, schrieb so eifrig, daß er nicht darauf achtete, wie die Wirthin die Lampe und sein frugales Abendbrot auf den Tisch stellte. Um Mitternacht war er fertig — er hatte sieben Stunden fast ohne Unterbrechung gearbeitet, zum ersten Male m seinem Leben zu seinem Unterhalt. Er legte daS kleine Manuskript fort, zog seine Brieftasche hervor und entnahm derselben zwei Bilder; beide legte er vor sich auf den Tisch. „Was würdest Du sagen, meine kleine Edel, wenn Du wüßtest, welche harten Zeiten Dein Liebster durchkämpfen muß! Und Du, Mutter? liebe theure Mutter? Du, das weiß ich, würdest jetzt, jetzt erst mit Deinem „Jungen" ganz zufrieden sein, jetzt, wo er anfängt, ein echter rechter Mann zu werden." (Fortsetzung folgt.) * * * Nachdem Edel sie verlassen, warf die Fürstin sich wieder auf ihr Ruhebett, verschränkte die weißen Hände unter dem Haupt und starrte mit trockenen, brennenden Augen zur Decke hinauf, und nie, nie hatte das stolze Weib sich verlassener nnd elender gefühlt als nach dieser Stunde. Ja, Edel hatte Recht, sie war reich, unendlich reich im Vergleich zu ihr, reich in der Liebe, die Boris ihr schenkte, reich in der selbstverleugnenden Liebe, die sie ihm darbrachte. Wlasta stöhnte laut auf — wer hinderte sie, auch solche Liebe zu üben? groß und selbstlos und tapfer zu handeln? Zwei Menschen glücklich und zu ihren Schuldnern zu machen? Sekundenlang kam es wie stiller, heiliger Friede über sie bei diesen Gedanken — aber nur sekundenlang. Wenn ihre lebhafte Phantasie ihr Boris und Edels Glück mit leuchtenden Farben vor das geistige Auge zauberte, wenn sie daran dachte, wie Kelling dies Mädchen nur noch mehr lieben würde, wenn er Alles erführe, wenn sie die Beiden vor sich sah, Hand in Hand, durch den Segen des Priesters verbunden fürs ganze Leben als
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