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Amtsblatt für die Nützlichen und Müschen Behörden zu Freiberg Ml, und Tageblatt. E veraiüwortlichtt «edaktem: 3»li«» Braun iu Freiberg I! Erscheint jeden Wochemag «aqmttt.'/,«llhr für dm > ' 40. Inserate »erden bis Vormittag 11 Uhr augenmw. Sonnaveud, de» 17. Dezember. 1«»« Mahnungen zur Eintracht. Der Ausgang der zweiten Lesung der Getreidezollvorlage hat Niemand überrascht und nur Wenige erfreut, weil die Agrarier bei der Ansicht des Herrn von Below-Saleske be harren, daß nur ein Kornzoll von 8M. den für die Linde rung des landwirthschaftlichen Nothstandes erforderlichen Einfluß auf die Preisbildung haben könne, die Gecmer der Kornzölle aber schon von einem Kornzoll von 5 M. eine wesentliche Vertheuerung des Brotpreises zum Nachtheil der Industrie und der von derselben beschäftigten Arbeiter fürchten. Sehr befriedigt von dem Ausgang dieser Sache kann eigentlich nur der Zentrumsführer Windthorst sein, der die ermäßigte Zollerhöhuna dadurch durchsetzte, daß ihm seine sämmtllchen Parteigenossen, selbst diejenigen, welche sich der Abg. Reichensperger vorher öffentlich gegen die Kornzölle ausgesprochen, bei dieser Gelegenheit geschlossen Heeresfolge leisteten. Angesichts dieser Thatjache blieb den konservativ-agrarischen Elementen nur die Wahl auf die im Einvernehmen mit der Reichsregierung verlangten höheren Sätze zu verzichten oder noch geringere bez. aar keine Zoll erhöhungen zu gewärtigen. Sie mußten schließlich dem Zentrum noch dankbar dafür sein, daß diese mächtige und wohldisziplinirte Fraktion für eine ermäßigte Zollerhöhung cintrat und dadurch doch immerhin etwas zu Stande kam, was die landwirthschaftlichen Kreise zunächst freilich nur als eine Abschlagszahlung betrachten werden. Die hoch konservativen Organe erklärten bereits, nichts dagegen zu haben, wenn man die Ablehnung des Secks-MarfZolles als «ine Niederlage der Agrarier bezeichne, va Etwa- doch immerhin besser sei als Nichts. Das „Deutsche Tageblatt" sowie die „Neue Preuß. Zig." sprachen sich in diesem Sinne übereinstimmend aus, betonten aber gleichzeitig, daß ihnen die Art, wie unter Windthorsts Anleitung die Verständigung ermöglicht wurde, nicht sonderlich imponirt habe. Der Vorschlag der Reichsregierung habe das sachverständiae Gutachten des deutschen LandwirthschaftsratheS zur Grund lage gehabt, dessen Beseitigung darauf hinauslaufe, das Parlament auch in technischen Fragen mit der Rolle des AlleSbesserwissens zu betrauen. Bei dieser Gelegenheit läßt die „Neue Preuß. Ztg " ihren Groll an den Freikonser vativen aus, die sie beschuldigt, durch ihre Befürwortung der Kommissionsberathung, Windthorst Zeit zur Ausführung seines taktischen Kunststücks geschafft zu haben, durch das er wieder einmal zum Meister der parlamentarischen Lage ge worden ist. Dies zeigte sich auch bei der am Donnerstag stattgefuudenen Abstimmung über die Sperrmaßregel, da hierbei unter Ablehnung aller anderen Anträge, der Kom missionsantrag in der von Windthorst amendirten Form angenommen wurde. Ueber den wieder zunehmenden Einfluß dieses Führers, der abermals das ganze Zentrum unter seine Fahne sam melte, sind auch die liberalen Fraktionen wenig erfreut, zumal sie zu argwöhnen geneigt sind, daß das Eintreten für den FÜnf-Mark-Zoll noch einen anderen Zweck hatte als nur das Auseinanderfallen der ultramontanen Partei bei den Zolldebatten zu verhindem. Die „Nationallib. Korrespondenz" schreibt: „Daß ein großes Gesetz trotz der „Kartellmehrheit' wieder einmal nur durch den Abgeord neten Windthorst zu Stande gekommen, ist an sich keine erfreuliche Erscheinung. Indessen bei der seit langer Zeit bekannten Stellung der Mehrheit der nationalliberalen Partei zu dieser Frage war der Ausgang schon bei Ein bringung des Gesetzentwurfes mit Sicherheit vorherzusehen. Man wird den Vorgang nicht allzu tragisch zu nehmen brauchen; das Gesammtverhältniß der Parteien unter sich und ihre Stellung zur Regierung wird dadurch nicht ver ändert werden. Es giebt noch wichtige Fragen genug, auch in der gegenwärtigen Session, bei denen die „nationale Mehrheit" in Wirksamkeit treten und Herr Windthorst in einer Opposition sich befinden wird, die zum Glück unschädlich geworden ist." Der Abg. Rickert deutete bereits an, daß Windthorst, der sich vorher in der Kommission auffallend dem freihändlerischen Standpunkt näherte, wohl nur aus sehr schwer wiegenden politischen Gründen ber der Plcnarberathung seine Partei für die doch nur wenig ermäßigte Zollerhöhung eintreten ließ. Es wird aber kaum ausschließlich als eine Folge dieses auffallenden Vorganges betrachtet werden können, wenn sich das Zentrum künftig noch mehr als bisher von der freisinnigen Opposition trennt und wieder Fühlung mit dem äußersten rechten Flügel der Konservativen sucht. Die Ab sicht zu einer solchen Schwankung scheint vielmehr schon vorher vorhanden gewesen zu sein und im engen Zusam- I menhang mit der Fehde zu stehen, die sich zwischen der „Neuen Preuß. Ztg.', dem Organ der preußischen Hoch konservativen und der als Organ des Fürsten Bismarck geltenden „Nordd. Allg. Ztg.' entspannen hat. Anscheinend handelt es sich bei diesem Zeitungsstreit freilich nur um das Verhalten der Berliner Konservativen bei künftigen Wahlen; ver Eifer, mit dem das ministerielle Blatt dabei für das Zusammengehen mit den Mittelparteien an den Tag legt, sowie der Emst, mit dem es die extremen Par teigänger bekämpft, zeigen aber deutlich, daß es sich um viel weitreichendere und wichtigere Dinge handelt ' Die „Neue Preuß. Ztg.' hatte einm von konservativer Seite in Berlin gefaßten Beschluß dahin gedeutet, daß damit der Versuch einer Vermischung mit anderen Parteien ein Riegel vorgeschoben und unbefugten Mittelparteilern das Handwerk gelegt werden solle. Die „Norddeutsche Allg. Ztg." bestritt dies und versicherte, daß in jenen Kreisen die Anhänger des Kartells die Mehrheit bilven und für das weitere Zusammengehen mit dm Mittelparteien entschlossen eintreten werden. Welches Stimmungsbild das richtigere ist, läßt sich auswärts schwer beurtheilen, dürfte auch nur von geringer Bedeutung sein. Von allgemeiner Wichtigkeit sind aber die tiefernsten Betrachtunaen, welche da« Leiborgan des deutschen Kanzlers an seine Behauptung knüpfte. Es sagte wörtlich: „Wie die Dinge in Berlin liegm, kann man für die konservative Sache nur dadurch Anhänger erwerben, daß man sie in einer gemäßigten Schattirung vertritt. Die Erfahrungen des letzten Jahres lassen darüber keinen Zweifel, »ÄWn Achtung gebietenden Erfolg haben die Konservativen erst bei den letzten Wahlm erreicht, und sie verdanken dies ihrem damaligen maßvollen Auftreten, dem Entgegenkommen gegenüber den National liberalen und Freikonservativen, und der Abwehr aller politischen und religiösen Fanatiker. ... Wir leben in einer Zeit, die nach verschiedenen Richtungen hin ernste Aspekte bietet. Das junge deutsche Reich hat manchen mächtigen und treuen Freund; aber auch seine Neider sind weder an Zahl, noch an Kraft gering, und wir müssen uns daher stets die Möglichkeit gegenwärtig halten, daß die mit schweren Opfern erkaufte Einheit Deutschlands in einem neuen Kampf gegen unsere Neider zu Vertheidigen sein wird. Darin liegt eine dringliche Mahnung an alle Diejenigen, die zu Kaiser und Reich stehen, sich fest aneinander zu schließen. . . . Wenn eine der Parteien noch politische Elemente in sich birgt, die keinen Frieden zu halten vermögen, die kurzsichtig genug sind, die Sonderinteressen der politischen oder religiösen Fraktion, der sie angehören, für das Wesentliche zu halten, so wünschten wir, daß diese Gegner des Kartells doch noch genug patriotisches Empfinden besitzen, um auf eine weitere politische Thätigkeit zu verzichten. Wo aber das erforder liche patriotische Gefühl mangeln sollte, sind die Ka tell- parteien verpflichtet, mit rücksichtslosem Zwange nachzu helfen.' Es liegt nahe, daß die wichtigsten Vorlagen, welche demnächst im Reichstage zur Berathung gelangen, u. A. die Gesetzentwürfe über die Ausdehnung der Wehr pflicht und die Verlängerung des Sozialistengesetzes ein weiteres Zusammenhalten der Kartellparteien dringend wünschenswerth erscheinen lassen. Bei der Kornzollerhöhungs vorlage konnte man dem Zentrum schon einmal gestatten, eine maßgebende Rolle zu spielen, bei dm Fragen aber, die eine hohe nationale Bedeutung haben, ist eine echt nationalgesinnte, feste uneigennützige und zahlreiche Regie rungsmehrheit nöthig, um einm großen moralischen Ein druck zu erzielen. Zur Bildung einer solchen Mehrheit ist aber die Eintracht aller Kartellparteien unerläßlich. Tagesschau. Freiberg, dm 16 Dezember Der deutsche Kaiser erließ eine KabinetSordre an den preußischen Justizminister, in der gesagt wird, daß der einge lieferte Bericht über die Justizverwaltung der letzten fünf Jahre Sr. Majestät Anlaß zur Befriedigung geboten habe. Besonders hervorgehoben wird die Wahrnehmung, daß die neue Justizorganisation sich immer mehr einlrbe und bewähre, sowie die günstige Wirkung der neuen Gesetzgebung auf die Unterstützung der wirthschaftlichen Bedürfnisse und die bester Gestaltung des GesängnißwesenS. — Die Nachrichtm über daS Befinden deS deutschen Kronprinzen lautm gänzlich widersprechend. Der „Reichsanzeiger' veröffentlicht folgendes Bulletin: „Inden letzten Wochen haben sich die entzündlichen Erscheinungen im Kehlkopf Sr. kaiserlichen und königlichen Hoheit des Kronprinzen völlig zurückzebildet, die Geschwulst selbst zeigt sich an ihrer Oberfläche theilS benarbt, theils mit flachen, «in wenig zur Ausbreitung neigenden Wucherungen bedeckt. DaS Allgemeinbefinden ist ungestört. San Remo, den 1b. Dezember 1887. Schrader. Krause. Mark Hovell.' Dagegen wurde der „Köln. Ztg.' aus San Remo telegraphirt: „Wegen eine- leichten ReizzustandeS der Kehle ist dem Kron prinzen eine Einschränkung im Sprechen auferlegt; e- ist jedoch keine Heiserkeit ausgetreten.' Daß vr. Mackenzie die Reise nach San Remo auf besondere telegraphische Aufforderung angetretrn hat, scheint festzustehen; vermuthlich hat die als „Reizzustand der Kehle' bezeichnete Veränderung den Anlaß dazu gegeben. Di« „Berl. Nat. Ztg." erfuhr, daß der berühmte Chirurg Professor van Bergmann gestern Vormittag seine Vorlesung in der Klinik ganz plötzlich abgesagt hat. — — Der deutsche Reichstag berieth gestern dm 2. Paragraph der Getteidezollvorlag«, in welcher die Kommission «inen Zusatz eingefügt hatte, wonach alle in diesem Gesetz genannten Gegenstände, falls sie bis zum 31. März 1888 in Folge von Verträgen eingeführt werden, welche nachweislich vor dem 26 November d. I- abgeschloffen stad, nach dm bis jetzt gütigen Zollsätzen versteuert werden sollen. Statt ,31. März' beantragte Abg. Windthorst zu setzen: „1L. Januar'. — Die Abgg. Bulle und Woermann bean tragten einen Zusatz, wonach diese Vorschriften auch auf solche Waareu Anwmdung finden sollen, welche über die Häsm der ZallauSschlüffe eingeführt werden, wmu der Nachweis erbracht w>rd, daß au- der Zeit vor dem 26. November Thatsachm voiliegm, auS welchen hervorgeht, daß die W-aren schon damals zur Einfuhr in da- Zollinland bestimmt waren. — Ferner hatten die Abgg. v. W e dell-Malchow und Graf Behr-Behrenhoff beantragt, die Erhebung der jetzigen Zollsätze auf da- bi- zum 26. November für Rechnung deutscher Empfänger verladene Getreide zu beschränken. Diese Bestimmung soll weder Anwmdung finden auf Verträge, in denm Bestimmungen über die Zollentrichtung enthalten find, noch auf ausländisches Getreide, welche- nach dem26. Novbr. auS öffentlichen oder Privatlagern in den freien Verkehr über geht. Ansprüche find binnen 4 Wochen nach der Publikation deS Gesetze- anzumelden. — AIS Abänderung zu diesem An irage wünschte Abg. v. Land-berg statt „verladene Ge treide' zu sagen „zur Verladung aufgegebene'. — Nachdem Abg. Frhr. v. Ow über die Verhandlungen der Kommission berichtet hatte, betont« Abg. Struckmann, daß der Antrag der Kommission nicht seinen Wünschen entspreche, da er ge wünscht hätte, da- bisherige Prinzip, Gesetzen keine rück wirkende Kraft zu geben, nicht verlassen zu sehen. Jedenfalls bitte er, dm AommiffionSvorschlag mit dem Antrag Windthorst anzunehmen, durch den die Härten, welche daS Gesetz unleugbar enthält, wenigstens etwas gemildert würden. Im Reichstage werde wohl Jeder der Tendenz, vor Einbringung deS Gesetze- abgeschlossene Verträge zu schützen, geneigt sein. Und wmu die Regierung eine solche Bestimmung nicht in daS Gesetz aus genommen habe, so könne sie nur durch Zweckmäßigkeitsrücksich ten dazu veranlaßt gewesen sein. Ohne eine U.bergangsmaß- regel würden die Vertragsschließenden außerordentlich geschädigt; vor Allem gelte das von dm Müllern. Das Gesetz von 188b habe auch eine Bestimmung getroffen, wie sie die Kommission hier einzufügm beabsichtige. Er frage die Regierung, ob und in welchem Umfange damals Scheinvrrträge zu ihrer Kennt- niß gelangt seien. Es würde dann Bettug und llrkandm- sälschung vorliegen, derm sich ein großer Kaufmann, — und um solche handle eS sich hier — nicht schuldig machen würde. Vor dem 26. November Spekulationsverträge abzuschließen, sei doch kein an sich unerlaubtes Geschäft. Der ganze Handel beruhe ja nur auf SpekulatiouSvrrträgen. Ein wirklicher Grund, für die Regierungsvorlage zu stimmen, liege also nicht vor. Er bitte um Annahme deS Kommissionsvorschlags mit dem Anträge Windthorst, so daß eS bis zum 15. Januar möglich sein würde, das Getreide auf Grund der bezeichneten Ver träge «inzusührrn. DaS Recht-bewußtsein im Volke erfordere den Schutz der letzteren, der Handel würde sonst glauben müssen, daß er sich bei seinen Operationen nicht einmal mehr aus die Reichsgesetzgebung verlassen könne. — Minister vr. Lucius bat, die vorliegenden Anträge sämmtlich abzulehnen. Im preußischen Landtage sei das Gesetz angekündigt wordm, ebenso bei Eröffnung des LandwirthschaftsrathS und dieHandelS- welt sei hellseherisch genug, um derartige Andeutungen zu ver stehen. Eine Rechtsverletzung liege nicht vor. Daß die Ge schäftswelt sich auf daS Gesetz eingerichtet habe, beweise der Umstand, daß seither schon ein« sehr starke Mehreinsuhr von Getreide stattgefunden habe. Es liegen ihm Beweise vor, daß bei ausländischen Konsulaten Versuche gemacht worden seien, Verträge zu verifizirrn in der Weise, al» ob fit vor dem