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—— , 4«. Jahrgang. 238. ILL^ZUZLN! Donnerstag, deu 13. Olt-Her. BeMMMex und TllgeUM. Amtsblatt für die «Mm mb städttschcn Behörden zu Freiberg und Braud. BerulMoortticher Redakteur: Julius Braun in Freiberg Inserate werden bis Vormittag 11 Uhr angenom- »»»»>« men und beträgt der Preis für die gespaltene Zelle H OO I » oder deren Raum 1b Pf. « v Der Prozeß Caffarel Limousin. Die politischen Fragen haben augenblicklich in Frank reich alles Interesse verloren durch das riesige Aufsehen, welches tue entehrende Absetzung und Verhaftung des Unterchefs des französischen Generalstabes, des Generals Caffarel verursacht. Durch Zufall ist man in Paris einer entsetzlichen Korruption auf die Spur gekommen und scheint ganz verwirrt darüber, daß hochstehende Persönlichkeiten wie die Generäle Caffarel und Andlau in den von einer Frau Limousin mit namenloser Dreistigkeit betriebenen Handel mit Auszeichnungen und Verschaffung einträglicher Lieferungen verwickelt sind. Es ist kaum noch zweifelhaft, daß diese Pariser Schmutzgeschichte eine politische Bedeutung erlangen wird, denn die verschiedenen Parteien beginnen dieselben bereits gegen einander auszubeuten. Die Opportu nisten beziehen sich darauf, daß die radikalgesinnten Ge neräle Boulanger und Thibaudin in die Angelegenheit ver flochten sind. Es war in Paris längst bekannt, daß Ge neral Caffarel die 800 (XX) Frks. betragende Mitgift seiner Frau, einer Wittwe des reichen Papierfabrikanten Voisin, in kurzer Zeit vergeudet und dann zu den verwerflichsten Mitteln gegriffen hat, um seine verschiedenen kostspieligen Passionen zu bestreiten. Dm damaligen Kriegsminister Bou langer hinderte das nicht, Caffarel im März d. I. den wichtigen Posten eines Unterchess im Generalstabe anzu- vertrauen, von welchem Posten vorher der nicht hinreichend geschmeidige General Parcellier entfernt wordm war. Den fetzigen Krieasminister Ferron trifft höchstens die Schuld, daß er die Kreatur seines Vorgängers nicht sofort wieder entfernte; thatsächlich hat er ihm aber nach seinem Amts antritt die ihm von Boulanger anvertrauten wichtigen ge heimen Arbeiten sofort entzogm und ihm nur noch die Bearbeitung der Organisation der fremden Armeen über» lassen. Die Kenntniß von dem französischen Mobilisirungs- plan, den Caffarel wahrscheinlich an den Mittelsmann des Pariser „Figaro- verkaufte, erlangte der Verräther nicht erst unter der Oberleitung Ferrons, sondern noch zur Zeit der Boulanger'schen Wirthschaft, deren Wiederkehr die jetzige Skandalgeschichte für immer unmöglich gemacht haben dürfte. Nicht minder als Boulanger ist durch die Affaire Caffarel ein anderer früherer französischer Kriegsminister, General Thibaudin, kompromittirt, der freilich öffentlich jede Beziehung zu Frau Limousin abstreitet, jener zwei deutigen Geschäftsfreundin Taffarels, welche in Paris ein förmliches Bureau für Ordensauszeichnungen, Vergebung von Lieferungen und Gnadenbeweisen hielt. Einige Pariser Blätter behaupten aber, daß Frau Limousin, die im Jahre 1871 noch Madame Poulain hieß und damals in Fontenay sur-Bois wohnte, den der deutschen Gefangenschaft ent flohenen General Thibaudin vierzehn Tage lang bei sich verbarg und die dabei angesponnene Bekanntschaft spater gut auszunutzen wußte. Die Limousin, welche als eine verwachsene häßliche Person von listigem Aussehen ge schildert wird, ging fedenfalls im französischen Kriegs ministerium wie in ihrem eigenen Hause ein und aus; sie scheint aber nur mit dem General Caffarel, nicht aber mit dem Senator General Andlau geschäftliche Beziehungen gehabt zu haben. Der Letztere, ein angesehener Militärschriftsteller und Politiker, hat angeblich das Geschäft der Ordensvermittlung auf eigene Hand betrieben und u. A. einem reichen Fabri kanten aus Tours den Orden der Ehrenlegion für 40 VW Frks. verschafft. Gegen Andlau soll auch eme Anzeige des Pariser Juweliers Fargue vorliegen, dem Madame de Courteuil sich erbot, durch Vermittelung eines Senators das Kreuz der Ehrenlegion für eine anfehnliche Summe zu verschaffen. Wie der „Temps" meldet, fand gestern Nachmittag bei dem General Andlau eine Haus suchung statt. Der General, welcher Montag Abend von Paris abreiste, war bis gestern Abend dort noch nicht ein getroffen, so daß man an seine Flucht glaubt. Von an derer Seite wird aber angenommen, daß der General Andlau, der in den letzten Tagen bereits wiederholt vor dem Unter suchungsrichter Athalm erschien, schwerer zu überführen sein dürfte als General Caffarel, der seine Schuld gar nicht zu leugnen vermag und gegen den besonders zahlreiche ver fallene Wechsel zeugen, welche verschiedenen Militär-Liefe ranten angehörten. Als der jetzige Kriegsminister Ferron dem General Caffarel sein Vergehen vorhielt, machte Letzterer unter heißen Thränen ein volles Geständniß und behielt zunächst seine Freiheit, wahrscheinlich, weil ihm Ferron Zeit lassen wollte, sich zu erschießen und so dem Skandal zu entgehen. Caffarel scheint das aber mißverstanden und sich für be gnadigt gehalten zu haben, denn er speiste bald darauf mit der Limousin und war sehr überrascht, als er bei der Heim kehr Abends 7 Uhr von drei Polizciagenten m semer Wohnung erwartet und festgenommen wurde. Seine ver brecherische Genossin, die an demselben Abend verhaftet worden ist, rühmte sich außer mit Caffarel auch mit den Generälen Thibaudin, Boulanger und Sausster, mit dem Schwiegersohn Gravys, Wilson, mit dem Botschafter Her bette, dem royalistischen Deputirten Baron Mackau u. A. m. freundschaftliche Beziehungen unterhalten zu haben. Wie weit dies auf Erfindung oder auf Thatsachen beruht, wird die beschlagnahmte starke Korrespondenz der Limousin und die bereits eingeleitete Untersuchung ergeben. Es ist immerhin möglich, daß die Namen Saussiers, Wilsons und Herbettes nur auf Anstiften der Radikalen künstlich in die Geschichte hineinaezogen werden, um die auf Boulanger und Thibaudin fallenden Flecken minder dunkel erscheinen zu lassen. Die opportunistischen Blätter bezeichnen die Herbette und Wilson betreffenden Angaben als durchaus lügenhaft; außerdem ist der Letztgenannte sofort nach Mont sous Vaudrry gereist, um seinen etwas mißtrauischen Schwiegervater, den Präsidenten Gravy, von seiner Unschuld zu überzeugen. Die neuesten Pariser Blätter bringen ein Schreiber Wüsons, in dem derselbe seine Beziehungen zur Limousin darlegt, die aus dem Departement Indre et Loire stammt, welches Wilson in der Kammer vertritt. Im Jahre 1886 sei Frau Limousin auf deren Wunsch von ihm em pfangen worden; als er aber gesehen habe, daß dieselbe diese Gelegenheit benutzte, von allen möglichen Dingen zu sprechen, brach er die Unterredung ab Später empfing Wilson ein Schreiben der Frau Limousin, worin dieselbe auf ein Verleumdungskomplot gegen ihn anspielte und ihn zu einem Besuch aufforderte, worauf Wilson gar nicht ant wortete. Das Treiben der Limousin kam aus durch eine ehemalige Busenfreundin, eine angebliche Madame de Boissy. Diese suchte sich, nachdem die Limousin sie mit Zurück behaltung ihrer Effekten an die Lust gesetzt hatte, zu rächen und machte dem Kriegsminister F«r on und dem Polizei beamten Goron Enthüllungen, welche den Letzteren bewogen, Caffarel eine Falle zu legen, indem er einen Polizeiagenten beauftragte, die Rolle eines dekorationslustigen Provinzialen zu spielen. An der schließlichen Verurtheilung Caffarels läßt sich kaum zweifeln. Der Angeklagte, welcher eigentlich Caffarelli Dufulgua heißt, ist der Avkömmling einer korstkanischen Adelsfamilie, deren Glieder unter Paoli gegen die Fran zosen und Genuesen ruhmvoll kämpften, und der Enkel eines berühmten Generals, der unter Napoleon Bonaparte in Egypten großen Ruhm erwarb. Sein Bruder ist Oberst und Militär-Attachs in Konstantinopel. Er selbst war einer der besten Zöglinge der Militärschule zu St. Cyr, wurde 1850 Lieutenant und war1867 bis zum Major und Ordonnanz- Offizier Napoleon III. avancirt. In der Garde machte er den Krimfeldzug wie auch die Kampagne von 1859 mit, und der große Krieg gegen Deutschland fand ihn als Oberst lieutenant des vierten Gardevoltigeur Regiments. Die Metzer Kapitulation verschaffte ihm Gelegenheit, als Ge fangener die deutschen Festungen kennen zu lernen. Im Jahre 1884 zum Brigade-General ernannt, wurde er General stabschef zu Orleans und zog die Aufmerksamkeit des Ge nerals Boulangers auf sich, der ihn im Dezember 1886 zum Kommandeur der Ehrenlegion ernennen ließ und ihn trotz seines anstößigen Lebenswandels und seiner zerütteten Vermögensverhältmsse im März 1887 zum Souschef des großen Generalstabs machte. Der jetzige Kriegsminister Ferron hat die strengste Bestrafung Caffarels und seiner Mitschuldigen in Aussicht gestellt und wird sich der Prozeß voraussichtlich öffentlich und infolge der Betheiligung bürger licher Persönlichkeiten nicht vor dem Militärgericht, sondern vor den Geschworenen abspielen. General Ferron fühlt sehr wohl, welchen tiefen Eindruck die Enthüllung einer solchen in den Kreisen des großen Generalstabs eingertssenen Korruption auf die öffentliche Meinung machen muß. Davon zeugen die von ihm bei der Enthüllung des Lyceums in Chartres gesprochenen Worte: „Ich werde um so schärfer vorgehen, je höher die Schuldigen in der militärischen Hierarchie stehen. Aber das Vergehen des Einzelnen be fleckt nicht die Ehre der Armee; bewahren Sie derselben daher Ihre Achtung!" Jedenfalls wird sich dies letzte Verlangen schwer erfüllen lassen, wenn es sich im Laufe der Untersuchung h; musstet!en sollte, daß es sich eben nicht um einen „Einzelnen" handelt. Tagesschau. Freiberg, dm 12. Oktober. Der deutsche Kaiser ließ sich gestern Vormittag erst die gewohnten Borträge halten, arbeitete darauf mit dem Vertreter de» MilitärkabinetS Oberst von Brauchitsch und konfertrte später mit dem Vertreter der Auswärtigen Angelegenheiten dem Geheimen LegationSrath von Bülow. — Sestern Nach- mittag fand in Berlin auf dem Matthäikirchhofe da» Begräb- niß eine» bewährten Heerführer«, de« General« Grafe» v. Kirchbach statt. Bor dem Sarge standen drei Tabouret« mit den OrdenSkiffen. Kränze entsandten da« deutsche Krou- prinzenpaar, da« Osfiziertorp« de« 1. schlesischen Jäger-Ba« taillon« Nr. b, de« 2. Posenschen Infanterie-Regiment« Nr. 19, de« 1. Bataillon« de« westpreußischen Landwehr-Regiment» und de« König« Grenadier-Regiment«. Einen Lorbeerkranz überschickte da« Offizierskorps de« Gardefüfilier-Regimeat». Die Trauerparadr, bestehend au« je einem Bataillon de« Kaiser Franz-Gardegrenadier-Regtments, wie de« 3. Garde« Regiments und je einer Eskadron des 2. Gardedragoner-Re« gimrnt» und de« 2 Gardeulanen-Regiment« und zwei Batterie» deS 2. Gardefrldartillerir-Regiments, befehligte der General major v. Finckrnstrin. Im Auftrage Sr. Maj. de« Kaiser- Waren anwesend General v. Rauch und Major v. Plrffev, im Austragr de« deutschen Kronprinzen die Major» v. Kessel, v. Lyucker und Rabe, außerdem Staatssekretär v. Schellin,, Geheimrath Bötticher und andere Hohr Staatsbeamte. Di« Generalität war vollzählig zugegen. Al« Vertreter de» 5. Armee- korp« war General v. Meerscheidt-Hülleffem anwesend. De putationen hatten entsandt das 26., 46, 66. und 47. Infan terie-Regiment, da» Posensche 2. Leibhusaren-Regiment, da« 1. schlesische Husaren-Rrgiment und alle Berliner Regimenter. Sämmtltche nach Berlin abkommandtrteu Offiziere de« ü. Armeekorps «arm bei der Feier zugegen, welche Gesang eiu- leitete und bei welcher Hofprediger Frommel die Rede hielt, Sergeanten de« Kaiser Franz-Regiment« trugen dm Sarg an die Gruft, in welche derselbe unter militärischen Ehren bei- gesetzt wurde. Große Beachtung findet unter den österreichisches Liberalen eine Programmrrde, die der Führer der deutsch- österreichischen Partei am Sonntag zu Sternberg in Mährm hielt. Herr v. Chlumetzky erklärte nämlich in seiner Ansprache, man müsse zunächst die Bildung eines tüchtigen Geschäfts ministeriums, auf der altösterreichischen Tradition beruhend, anstrebm. Die deutsch-österreichische Partei ihrerseits solle politische Bundesgenossen zu werben suchen. Dieser letzter« Satz wird so gedeutet, daß die deutsch österreichische Partei zu einer Annäherung an die deutsch-konservativen Element« deS ReichsratheS und wohl auch an die Polen und Italiener ge neigt sei. — Gestern nahm der österreichische ReichSrath seine Sitzungen wieder auf und legte die Regierung zunächst im Abgeordnetenhaus« einen Gesetzentwurf vor, betreffend dm Schutz fremden EigenthumS gegen Gefährdung durch Bergbau und betreffend die Ersatzleistung für Bergschäden. Von dem Abgeordneten Polak wurde eine Interpellation wegen einer Zuckersteuervorlage, und von dem Abgeordnetm Rieger eine solche an die Gesammtregierung wegen deS die Mittelschulen betreffenden Erlasses eingebracht. Nach einem dem öster reichischen Abgeordnetenhause gestern zugegangenen Schreiben des Ministerpräsidenten Grafen Taaffe werdm die österreichisch ungarischen Delegationen zum 26. Oktober einbrrufm werdm. Gutem Vernehmen nach lehnte der italienische Bot schafter in Wien, Ritter Nigra, den ihm angebotenen Pofte» eines italienischen Ministers des Auswärtigen ab, well er sürchtet, daS Schicksal de« Grafen Robilant zu erleiden. Den Ministerpräsident CriSpi will daS Ministerium deS Aeußern nur bis zur Klärung der Situation in nächster Session leiten. — Laut Berichten au« Massauah bat der Oberbefehlshaber der dortigen Garnison, General Saletta, um seine Entlassung. Die zum Besuche ihrer Eltern, des Königs und der Königin von Belgien in Lacken eingetroffene österreichische Kronprinzessin Stephanie wohnte Sonntag Abend in Brüssel mit der Königin der Vorstellung des „Barbier von Sevilla" bei. Die Freude der Prinzessin, ihre Eltern wiederzusehen, war eine überaus große. Bei ihrer Ankunft umarmte sie ihre Mutter immer von neuem, so daß die Königin sie lächelnd daran erinnern mußte, daß auch andere Personen, so der österreichische Gesandte Graf Chotek, warteten, um sie zu be grüßen. Im Schloßparke zu Lacken, wo sie ihre Jugend ver bracht hat, suchte Kronprinzessin Stephanie ihr« früheren Lieb lingsplätze auf und begrüßte lächelnd Alle, die ihr entgegen kamen, selbst die Schildwachc, welche das Gewehr präsentirte. Die Kronprinzessin macht täglich Spazierfahrten mit der