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— — V- F77 «s. Sahrs«». Sonntag, de« 3. April Inserate werden bi» Bormittag 11 Mr angenom- I OO^ mm und beträgt der Preis für die gespaltene Zeile I H «WO « oder deren Raum 1b Pf Erscheint jeden WochmtagRat^uttt. V.SUHr für dm andern Tag. Preis vierteljährlich 2 Mart 25 M-, zweimonatlich 1 M. bü Pf. und einmonatlich 7b Pf. einer der wirthschaftlichen Entwicklung entsprechenden Re- orm bedürfen. Da die „Nordd. Allg. Ztg" beretts er« lärte, dieser Antrag laufe auf den schon von den Deutsch reisinnigen im Reichstage aufgetischten Plan einer Reichs einkommensteuer hinaus, läßt sich kaum erwarten, daß sich der Finanzminister von Scholz nach Ostern mit dem er wähnten Vorschläge einverstanden erklären wird. und Tageblatt. * Amtsblatt für die königlichen und städtischen Behörden zu Freiberg nnd Brand Berautworllicher «Hakte«: Jilins Brann in Freiberg Die Woche. Das nahe bevorstehende Osterfest schaffte dem deutschen Reich« schon im Voraus einen Men Gottesfrieden; die parlamentarische Arbeit in der Reichshauptstadt wurde be reits eingestellt, um den deutschen Reichstagsabge ordneten und dm Vertretern des preußischen Volkes die Heimkehr in den Schooß ihrer Familien zu ermöglichen, bevor noch die Festtage ihren Anfang nehmen. Ueber allen Wipfeln ist Ruh, nur in den tieferen Blättern rauscht es noch hie und da, aber dieses Flüstern hat nichts Beun ruhigendes. Es handelt sich dabei mehr um vergangene, als um künftige Gefahren, denn die weise Politik des deutschen Reichskanzlers, welche den- äblaufmden Drei- Saiser-Bund rechtzeitig durch ein weit umfassenderes Staaten- büÄniß ersetzte, und die Umsicht der deutschen Heeres leitung, welche die von dem Reichstag genehmigte Ver stärkung der Wehrkraft des Reiches mrt großer Schnellig keit ms Werk setzte, schützen Deutschland hinreichend vor etwaigen feindlichen Anschlägen. Von dem Wohlwollen unserer östlichen und westlichen Nachbarn haben wir freilich auch jetzt noch nichts zu hoffen. Die von russischen Blättern gegen den deutschen Vertreter in Sofia anläßlich seines «erkaltens bei der Hinrichtung der aufständischen Offiziere in Rustschuk geschleuderten ungerechten Beschuldigungen lassen aber die deutsche Regierung ebenso ßleichglltig wie die LorwÜrfe, welche in Frankreich gegm den französischen Botschafter in Berlin, Jules Herbette, sowie gegen den prisen Gelehrten von Lesseps wegm ihres angeblich deutsch- reundlichen Verhaltens erhobm wurden. Beide Männer md am Hofe des deutschen Kaisers wegen ihrer ehrlichen Friedensliebe vielfach ausgezeichnet worden; sie konnten aber weder die Betheiliguna Deutschlands an der Pariser Ausstellung im Jahre 1889, noch die von ihnen vor- Mlagene Neutralrsirung' Elsaß-Lothringens durchsetzen. Die deutsche Reichsregierung wünscht jeden ernsten Zwist mit Rußland und Frankreich zu vermeiden, aber sie will keine Gemeinschaft mit Staaten, in welchen deutschfeindliche Kundgebungen, wenn nicht begünstigt, so doch ruhig ge duldet werden; sie gestattet auch keinem Staat, mit uns über unsere wohlerworbenen Güter zu rechten. Die Ab sicht, den Reichslanden ihre bisherige Selbständigkeit zu entziehen, Elsaß-Lothringen dadurch für die ungünstig aus gefallenen Reichstagswahlen und für einzelne deutschfeind liche Kundgebungen zu bestrafen, scheint aber wieder auf- gegeben. Der Statthalter der Reichslande, Fürst Hohenlohe, khrt von Berlin wieder nach Straßburg mit der frohen Ueberzeugung zurück, daß das staatsrechtliche Schicksal von Elsaß-Lothringen noch nicht entschieden sei. Der bis dshin in Straßburg versammelte Landesausschuß erfuhr noch vor seiner am Donnerstag erfolgten Vertagung, daß die viel verbreitete Nachricht von der beabsichtigten Auflösung der Statthalterschaft, des Ministeriums und des Landesaus schusses jeder Begründung entbehre. Den Bewohnern der Reichslande, von denen so viele bei der letzten Anwesenheit des Kaisers in Straßburg bereits eine gute deutsche Ge sinnung bekundeten, wird demnach Zeit gegönnt, sich langsam wieder in deutsche Verhältnisse einzuleben und sich für die Zukunft vor den Einflüsterungen der Klerikalen und ihrer nach Paris gezogenen Landsleute besser zu hüten. — Die deutschen Reichstagsabgeordneten habe» ihre Osterferien in der Ueberzeugung angetreten, daß die Reichsregierung nicht gesonnen ist, sich in der Handwerkerfrage durch die eingereichten Initiativ-Anträge nach der Richtung der Zwangsmnungen weiter treiben zu lassen. Sie gewannen aber auch die weitere Ueberzeugung, daß in der laufenden Session des Reichstags nicht nur eine Zuckersteuervorlage, sondern auch «in neuer Branntweinsteuer-Gesetzentwurf zu erwarten sei, da bei der Nothwendigkeit der Deckung der vermehrten Ausgaben des Reiches neue Hilfsquellen baldigst erschlossen werden müssen. Auch für den preußischen Staat ist die Finanzfrage zu einer brennenden geworden, weshalb die Preußischen Konservativen noch rasch vor dem Antritt der Osterserien einen Antrag auf eine Steuerreform einbrachten, welcher darauf berechnet ist, die Landwirthschaft möglichst zu schonen. Dieser Antrag geht davon aus, daß die in Preußen bestehende Klassen- und Einkommensteuer den Grundsätzen einer gleichmäßigen Besteuerung nicht entspricht, daß die Ungleichheit der Besteuerung des Grundbesitzes gegenüber dem beweglichen Vermögen die Einführung einer Kapital-Rentensteuer nothwendig erscheinen läßt, daß schließ- M )m Hinblick auf den Rückgang des Kleingewerbes die Bestimmungen der Gewerbesteuer vom stehenden Gewerbe Ohne eine bemerkenSwerthe Veranlassung wurden m den etzten Tagen die drei österreichischen Minister Taaffe, DunajewSki und Gautsch von dem Kaiser Franz Joseph durch Verleihung hoher Orden ausgezeichnet. Allgemein wachte man diesen kaiserlichen HuldbeweiS in Verbindung mit den jüngsten parlamentarisch«» Vorgängen und erblickte >arin einen Wink für die ReichSrathsmebrheih auf weitere ' Angriffe gegen die in der Gunst des Monarchen festwur- > zelnden Staatsmänner zu verzichte«. Die Czechen, welche , >«n dem Finanzminister v. DunajewSki seinen Widerspruch zegen den' vielsprachigen Banknotentext vergolten hätten, , und die Klerikalen, welche mit Herrn von Gautsch auch die : interkonfessionelle Schule zu beseitigen gedachten, sind durch ! die kaum mißzuverstehende Kundgebung der Krone nicht wenig verblüfft. Das österreichische Abgeordnetenhaus duldete es in dieser Stimmung ruhig, daß die von ihm zegen den Willen des FinanzministerS abgeänderte Bauk- rorlage durch das Herrenhaus wieder die ursprüngliche Fassung zurückerhielt und der Ausgleich mit Ungarn ge sichert wurde, ohne daß das Kabinet Taaffe nöthlg hatte, sich weiteren Anforderungen der klerikal-nationalen Mehr heit des Reichsrathes zu fügen. Während man in Italien die Verdienste des Grasen Robilant um die Aufrechterhaltung der innigen Beziehungen zu Deutschland und zu Oesterreich-Ungarn anerkennt, be- «theilt man seine Stellung zur Kolonialpolstik Italiens n ungünstigster Weise. Die Abberufung des bei der talienischen Kolonie in Massauah durch seine Verhand- ungen mit dem abessinischen Freibeuter Ras Alula unmög- ich gewordenen Generals Gens und die Ernennung des Generalmajor Saletta vermehrten nur die Zahl der Gegner Robilant's. Gentz versicherte öffentlich, daß er zu den miß- iebigen Verhandlungen durch unklare Anordnungen des Ministers desAeußern veranlaßt worden sei, und Saletta's frühere Wirksamkeit in Massauah war auch keine derartige, daß man jetzt von ihm größere Erfolge als von Gentz er warten könnte Graf Robilant wird deshalb in dem in der Bildung begriffenen Koalitionskabinet keinen Platz finden. Die bisherigen Verhandlungen des greisen Staats mannes DepretiS mit den zu Ministern des Innern und der Justiz designirten Oppositionsführern Crispi und Zanardelli führten bisher noch zu keinem Ergebniß, weil diese Letzteren nichts ohne Zustimmung Cairoli's thun wollen, der sich mit einer abermaligen Premierschast des scheinbar unentbehrlichen leitenden Staatsmanns DepretiS nicht befreunden mag. Eine in Frankreich schon seit längerer Zeit drohende Ministerknsis ist am Mittwoch durch die Gewandtheit und Beredtsamkeit des Konseilpräsidenten Goblet glücklich beseitigt worden. Trotzdem der einflußreiche Führer der Radikale», Clemenceau, der bisher als der wärmste Freund des Kriegs ministers Boulanger galt, sich den Gegnern des Kabinets zugesellte, genehmigte die Deputirtenkammer mit 290 gegen 220 Stimmen die vom Finanzminister Dauphin verlangten Ergänzungskredite, nachdem Goblet die Kabmetsfrage ge stellt hatte. Der Konscilpräsident zwang dadurch, daß er bei einer eigentlich untergeordneten Budget-Angelegenheit die Vertrauensfrage stellte, seine wahren Gegner Farbe zu bekennen. Es zeigte sich dabei, daß die Feinde des Ministeriums unter dm Radikalen zu suchen sind, das heißt bei jener Partei, welche bis jetzt die meisten Freundschafts beweise von dem Kabinet empfangen hat und welche einen nicht geringen Einfluß auf der Gang der Regierungsmaschine in Frankreich ausübte. Diese Erfahrung wird nicht unge nützt bleiben. Trotzdem sich im englischen Parlament die An hänger Gladstones und die irischen Parnelliten verbanden, um zu verhindern, daß die strenge irische Strafrechtsnovelle Gesetzeskraft erlange, ist kaum noch daran zu zweifeln, daß das Ministerium Salisbury durch daS Gesetz Mittel er langen wird, den Widerstand der Irländer zu brechen. Die liberalen und radikalen Unionisten sagten dem Kabinet dabei ihren Beistand zu, um den unerträglichen Unordnungen ein Irland endlich ein Ziel zu setzen. Von irisch« Seite droht man bei Anwendung von Gewaltmaßregeln mit neuen Attentaten; das Ministerium Salisbury scheint aber nicht gesonnen, sich dadurch einschüchtern zu lassen. Die durch das „Bureau Reut«" verbreitete Nachricht von einem neuen Attentat gegen dm Kais« von Ruß land hat sich glücklicherweise nicht bestätigt. Seit dem letzten Mordversuche auf dem NewSky-Prospekt sind noch nicht drei Wochen verflossen; die Verwegenheit der Nihi listen müßte sehr gewachsen sein, wenn sie jetzt schon Wied« und zwar in Gatschina selbst einen solchen Anschlag in'S Werk zu setzen wagten. In Petersburg verlautete, der von Katkow so tief verletzte Minister von GierS habe seine Ent lassung «beten und erhaltm und werde durch den Grafe« Schuwaloff ersetzt werden, d« von Berlin nach Petersburg abgereist ist. Was den Katkow-Fall betrifft, so scheinen regelmäßige Verhandlungen mit ihm und über ihn in der russischen Hauptstadt stattzufinden. -Der Minister de» Innern, Graf Tolstoi, reiste nach Moskau, um darüber mit soll in einem Schreiben an den Zaren für Katkow Fürbitte gethan haben. Die Dinge in Rußland treiben unaufhaltsam einer Entscheidung zu» < Tagesschau. Freiberg, de« 2 April. Die Genesung deS deutfche*Kais«s schreitet fort, doch sollen die Kräfte nur langsam zunehmen. Gestern Nachmittag empfing der greise Monarch den Statthalter Fürsten Hohenlohe, d« seine Abreise nach Straßburg wieder verschobeu hatten sowie den Fürsten Bismarck, den der Kais« zu sich berief, um ihm seine Glückwünsche zur Vollendung deS 72. Lebens jahres auszudrücken. Dem deutschen Reichskanzler brachten gestern Vormittag und Mittag die Musikkapellen deS zweit« Garderegiments des Kaiser Alexander-, deS Kaiser Franz- GardegrenadierregimenlS und des Potsdamer Gardehusarrn- regimentS Ständchen. Die Prinzen Wilhelm, Heinrich, Alexander und Georg von Preußen brachten dem Reichskanzler persönlich ihre Glückwünsche dar. Aus Berlin, auS dem ganzen Reiche und aus dem Auslande gingen von früh ab unausgesetzt Glückwunschschreiben, Telegramme und Geburtstagsspenden ein. Die Minister und Staatssekretäre gratulirten persönlich, mehrere hundert vornehme Personen gaben im Reichskanzlerpalais ihre Karten ab. Die Zahl der Glückwunsch-Telegramme über- tieg bis Mittag 500, darunter waren auch solche von dem Aönig von Rumänien und dem König von Württemberg- — In der am 3t. d. M. stattgehabten Plenarsitzung rrthcilte der deutsche Bundesrath dem Entwurf einer Verordnung, betreffend die Einfuhr bewurzelter Gewächse auS den bei d« Reblaus-Konvention nicht bethciligten Staaten, und dem Ent wurf von Bestimmungen wegen Ausdehnung der ärztlichen Prüfung auf die Schutzpockenimpfung die Zustimmung, und beschloß, dem Zemral-Jnnungsverbande der Schornsteinfeger meister zu Berlin die Fähigkeit beizulegen, unter seinem Namen Rechte zu erwerb« und Verbindlichkeiten einzugehen. Die Ergebnisse der Ermittelungen über die Lohnverhältniffe rc. der Arbeiterinnen in der Wäschefabrikation und Konsektionsbranche sollen dem Reichstage mitgetheilt werden. Mehreren Eingabe« von Versicherungsgesellschaften wurde keine Folge zu gebe« beschlossen. Ferner wurde Beschluß gefaßt über Eingabm wegen einheitlicher Gestaltung der Verkehrsbeschränkungen zum Schutze gegen Viehseuchen, des Verbandes deutscher Schlosser- Innungen zu Berlin, betreffend die Bildung einer BcrufS- genoffenschaft der deutschen Schloff«, ein Gesuch um Aus dehnung der Unfallversicherungspflicht auf Töpfereibetrieb«, mehrerer Krankenkassen wegen Abänderung deS Gesetzes üb« die Krankenversicherung der Arbeit«, endlich auf eine Eingabe, betreffend die Beschäftigung von Arbeiterinnen in Glashütten. — Dem deutschen Reichstage soll demnächst eine mili tärische Eisenbahnvorlage zugehen, welche de« Bau einig« für Truppentransporte wichtiger Linien in Süd deutschland, namentlich einer die schweizer Grenze vermeidenden Bodensee-Gürtelbahn, anordnet und zwar unter angemessen« Kostenbetheiligung des Reichs und der nächstbetheiligten Bundes staaten. Die neue Handwerkervorlage d« Regierung hält an dem fakultativen Charakter d« Innungen streng fest. Von d« obligatorischen Einführung des Befähigungsnachweises ist völlig abgesehen; doch sollen zur Bestreitung gemeinnütziger Einrichtungen der Innungen Geldbeiträge auch von Nicht- innungsmitgliedern «hoben werden. Unter diesen gemein, nützigen Einrichtungen sind vorzugsweise die von den Innungen einzurichtenden Schulen zu verstehen. Wie vorauszusehen.