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d Brand. 40 Jatrga,, M/* Erscheint jeden Wochentag Rachmttt.'/»« Uhr für dm 2S7. Freitag, dm 23. Dezember Amtsblatt für die Nützlichen und städtischen Behörden zn Freiberg SennttDortlicher Redakteur: Jilin« Braun in Freiberg m- Tageblatt. " Inserate »erden bi» Vormittag 11 Uhr anaenom- mm und beträgt der Preis für di« gespaltene Zeile H FHO F oder deren Raum 13 Pf. < Bulgarien als Friedenspreis. In wohlunterrichteten Kreisen steht man die Lage als gebessert an und hofft auf Erhaltung des Friedens, weil Oesterreich und Italien von dem deutschen Reichskanzler bewogen worden sein sollen, Rußland in Bulgarien ge währen zu lassen. Man verkennt in dem deutschen Aus wärtigen Amt nicht, daß der Zar selbst den Panslavisten und Nihilisten gegenüber in eine sehr kritischen Lage käme, wenn die russische Orientpolitik in Bezug auf Bulgarien zu einem schimpflichen Rückzug gezwungen würde. Was Rußland seit dem Berliner Kongreß unablässig anstrebt, ist eine ähnliche Stellung in Bulgarien zu erlangen, wie sie Oesterreich in Bosnien und der Herzegowina zugetheilt wurde. Ob sich Rußland damit auf die Dauer begnügen würde, ist eine andere Frage; wahrscheinlich wird es aber den Weg von Sofia nach Konstantinopel nicht rascher zurücklegeu können, als die österreichischen Truppen von Bosnien nach Salonichi. Ein großer materieller Gewinn kann der russischen Regie rung nicht daraus erwachsen, wenn es ihr jetzt gelänge, von den Mächten die Zustimmung zu einer Okkupation Bulgariens zu erhalten; der moralische Gewinn wäre für den Augenblick aber durchaus nicht zu unterschätzen. Da rüber wird man sich hoffentlich in Petersburg nicht täu schen, daß die deutsche Reichsregierung zwar nicht die geringste Lust verspürt, für die Selbständigkeit der Bulgaren die Knochen wackerer deutscher Grenadiere einzusetzen, daß sie aber keinen Kampf scheuen würde, wenn es gelten würde, die Festsetzung Rußlands am Bosporus und den Dardanellen zu verhindern. Deutschland wird niemals dul den, daß russische Zollwächter an diesem Thor des Welt Handels einen Riegel vorschieben, aber bis dahin hat es noch gute Wege. Bulgarien ist jedoch nicht so werthvoll, um dafür einen Weltkrieg zu entzünden; seine Bedeutung in den Augen unseres Reichskanzlers kennzeichnet noch immer das Wort Hamlets: „Was ist ihm Hekuba?" An ders verhielt es sich bisher mit Oesterreich und Italien. Wenn es auch feststeht, daß Graf Kalnoky dem Prinzen Ferdinand von Koburg die Fahrt nach Sofia ernstlich Widerrieth und seine Absicht, bei einer Wiener Bank ein Darlehn aufzunehmen, durchkreuzte, so hat doch das Wiener Kabinet seine Sympathie für die Selbständigkeit Bulgariens nie verleugnet. Den gleichen Standpunkt nahm Italien bis vor Kurzem ein, doch gilt eine baldige Schwankung der Politik Crispis in dieser Beziehung keineswegs aus geschlossen. Die Vermehrung des deutschen Heeres um eine halbe Million Streiter, welche Dank dem Vertrauen, das die Friedenspolitik unseres Kaisers in der ganzen Welt genießt, nirgend auf Bedenken stieß, hat den Russen sichtlich die Lust benommen, direkt mit dem österreich-ungarischen Bundes genossen des deutschen Reiches anzubinden. Indem man von Petersburg aus Bulgarien als den einzigen Differenz punkt zwischen Rußland und Oesterreich bezeichnete, baute man sich selbst gleichzeitig eine goldene Brücke zum Rück zug von der galizischen Grenze und ermöglichte es dem deutschen Kanzler, in Wien und Rom ehrenvolle Zuge ständnisse für Rußland zu fordem. Die Amtsentsetzung des bisherigen italienischen Botschafters in St. Petersburg, des Grafen Greppi, bewies bereits, daß der Minister präsident Crispi von den bisherigen Beziehungen zu Ruß land nicht befriedigt war; eine Besserung dieser Beziehungen würde aber auf die Haltung Oesterreichs nicht ohne Ein fluß bleiben. Schon jetzt soll man in Wien geneigt sein, für den Fall, daß Rußland dagegen abzurüsten verspricht, den Prinzen Ferdinand von Koburg zum Verlassen Bul gariens arffzufordern. Da der Prinz einer einfachen Kollektiv note der Mächte kaum weichen würde, müßte man außer dem Rußland auch die Vollmacht zu Gewaltmaßregeln geben. Die freiwillige Abreise des Prinzen von Sofia würde die Kaisermächte von ernsten Sorgen befreien, aber zunächst ist darauf nicht zu rechnen, da seine ehrgeizige Mutter, die außerordentlich reiche Tochter des verstorbenen Königs Ludwig Philipp von Frankreich, ihm noch immer die Mittel liefert, seine Volksthümlichkeit in Bulgarien aufrecht zu erhalten. Seit der bedrohlichen Bewegung der russischen Truppen an der galizischen Grenze scheint eine diplomatische Aktion im Gange zu sein, welche die bulgarische Frage zum Aus gangspunkt hat. Der Wiener Korrespondent der „Voss. Ztg " versichert, daß man in der österreichischen Hauptstadt Bulgarien als den einzigen Angriffsgrund für Rußland be trachte und fügt hinzu, „wenn je in Wien Sympathien für den Koburger bestanden, so seien dieselben jetzt verschwunden." In demselben Sinne erklärt der Wiener Berichterstatter der „Times" der Frieden, oder wenigstens eine zeitweilige Waffenruhe zwischen Deutschland, Oesterreich und Rußland werde durch das Aufgeben des Prinzen Ferdinand erzielt werden. Derselbe behauptet, es sei in Oesterreich augen blicklich eine gewisse Ernüchterung eingetreten. Es werde vielleicht den Bulgaren schaden, dem europäischen Frieden aber zu Gute kommen, daß die Bulgaren thöricht genug waren, die gute Sache ihrer nationalen Unabhängigkeit und Volksfreiheit mit der schlechten eines orleanistischen Friedens störers zu verquicken, für welchen nicht, wie für den Fürsten Alexander, die Männer- und Frauenherzen höher schlagen. Bei den innigen Beziehungen der „Kölnischen Zeitung" zu dem deutschen Auswärtigen Amte ist es von besonderer Bedeutung, daß dieses Blatt der Herrschaft des Prinzen ein baldiges Ende weissagt. Die „Köln. Ztg." schreibt in folgender feindseliger Weise: „Vergegenwärtigt man sich alle unlauteren Mittels die der Prinz zur Erlangung des bul garischen Thrones in Anwendung gebracht hat, so geht Alles auf ein Netz von Jntriguen hinaus, in dem er sich schließlich selbst verstricken mußte. Zweideutigkeit und Trug spielen bei dieser Thronbesteigung die Hauptrolle, und in diesem Rahmen wird der Vorgang mit den gefälschten Schriftstücken erst vollkommen verständlich. So ver blendet auch die Rathgeber des Prinzen über die Aussichten seines Unternehmens fern konnten: über einen Punkt mußten sie sich klar sein, nämlich über die Unmöglichkeit, auf die Dauer eine Stellung zu behaupten, die jeder thatsächlichen Grundlage in Bulgarien selbst entbehrte und nur auf einer Reihe von Täuschungen beruhte. Unter solchen Umständen bot ein Krieg zwischen Rußland und dem verbündeten Deutschland und Oesterreich die einzige, obgleich sehr frag würdige Aussicht auf Erfolg. Blieb der Friede im Osten noch längere Zeit aufrecht erhalten, so war sein Unternehmen, ohne Anerkennung seitens der Mächte und ohne jeden politischen Rückhalt in Bulgarien, vollständig aussichtslos. Die Haltung Deutschlands, Rußlanvs und Frankreichs gegenüber dem Unternehmen des Prinzen war bekannt und durch die internationale Lage fest vorgezeichnet. Wie sollte ohne Friedensstörung darin eine Aenderung zu Gunsten des Prinzen eintreten? Und wie sollte er ohne Anerkennung der Mächte auf die Dauer seine Herrschaft in Bulgarien aufrecht erhalten, wo er nur von Stambulows Gnaden ein klägliches Scheindasein fristet! Fand der ersehnte Krieg statt, so bot sich wenigstens die Möglichkeit günstiger Umstände, die ihm erlaubt hätten, sich m Bulgarien zu halten. Wurde der Friede erhalten, so mußte das künstliche Kartenhaus seiner Erfolge bald zu sammenklappen. Hier also deckt sich das persönliche In teresse des Prinzen von Koburg mit den Interessen der orleanistischen Politik; hier war denn auch der entscheidende Anlaß, die Hauptkarte auszuspielen und Rußland mit Deutschland zu verhetzen. Dieser Srreich entspricht vollständig den Mitteln, mit denen der Prinz Ferdinand und seine Hintermänner auf der ganzen Linie gearbeitet haben. Dieses Falschspiel konnte wohl eine Zeitlang auch einige politische Kreise täuschen; politische Thatsachen lassen sich aber damit nicht schaffen; am aller wenigsten kann man mit solchen Schlichen, die nur die Ohnmacht ihrer Urheber verdecken sollen, in die verwickelten Verhältnisse der Balkanhalbinsel thatkräftig eingreifen. Dies bezeugt zur Genüge das Schicksal der russischen Ränke in Bulgarien, denen doch ganz andere Machtmittel zu Gebote standen. Das koburgische Unternehmen wird daher seinem natürlichen Schicksal schwerlich entgehen, sondern sich als das erweisen, was es wirklich ist, nämlich als einen groß artigen politischen Humbug, verbunden mit einer ganz leicht- sertigen Gefährdung des europäischen Friedens." Diese Sprache ist so deutlich, daß an dem Willen des Fürsten Bismarck, auf Kosten der bulgarischen Selbständigkeit eine Verständigung zwischen Rußland und Oesterreich zu er möglichen, nicht länger gezweifelt werden kann. Wenn der arg bedrohte Weltfrieden ein Opfer heischt, wenn dadurch ein entsetzlicher Krieg zwischen den größten Staaten Europas vermieden werden kann, darf das Loos des gewiß be- dauernswerthen kleinen bulgarischen Volkes nicht in Betracht kommen. Was aber den Prinzen Ferdinand betrifft — so gilt von ihm das klassische Wort: „Auch Patroklus ist gestorben und war mehr als Du!" Tagesschau. Freiberg, den 22. Dezember. Das deutsche Kaiserpaar empfing am Dienstag Nach mittag den Beluch des Prinzen und der Prinzessin Wilhelm von Preußen, mit welchen die Majestäten um 5 Uhr gemein sam das Diner einnahmen. Am Dienstag Abend besuchte der Kaiser da- königliche Theater und nach dem Schluß der Bor stellung war im PalaiS eine kleinere Theegesellschast, zu welcher auch der Prinz und die Prinzessin Friedrich von Hohenzolleru und mehrere andere hochgestellte Personen erschienen waren. Nestern Vormittag ließ sich der Kaiser vom Grafen Perponcher Bortrag halten, empfing Mittags den Major a. D. und freie« StandeSherrn Grasen zu Lynar auS Lübbenau und arbeitete längere Zeit mit dem Wirklichen Geheimen Rath v. WilmowSki. Um 4 Uhr Nachmittags hatte der Monarch eine längere Kon ferenz mit dem Grafen Herbert BiSmarck. — Ueber das Befinde« de» deutschen Kronprinzen, bei dem der Erbprinz und die Erbprinzessin von Meiningen zum Besuche eintrafen, gingen in den letzten Tagen sehr günstige Berichte ein. Personen, welche den deutschen Kronprinzen in dm letzten Tagen in San Rem» gesehen haben, versichern übereinstimmend, daß er geradezu blühend auSsehe, daß die Stimme rein und klar sei, an Klangfarbe seit Bavmo nichts elngebüßt und seit Toblach bedeutend zugenommm habe. Die Aerztr seien über die Diagnose nicht einig, doch hab« die thatsächlich erwiesene Rückbildung einiger geringerer Wucherungen die Ansicht bestärkt, daß man eS gar nicht mit KcebS zu thun habe. Mackenzie sei noch weniger al» früher gmeigt, an die KrebSnatur der Erkrankung zu glauben, aber auch andere Aerzte haben jetzt die Möglichkeit zugegeben, daß sich eine andere, minder bösartige Natur des Leiden» herausstelle. Nach einem Telegramme der „Magdeb. Ztg." hat Mackenzie sogar direkt die Hoffnung auf einen günstigen Verlauf der Krankheit geäußert. Wie von Berlin auS offiziös mitgetheilt wird, ist der deutsche Kronprinz über die Theilnahme und Anhänglichkeit, die dem- elben in Briefen und Telegrammen zu erkennen gegeben wird, m hohem Grade gerührt und erfreut. In den letzten Wochen ind derartigen Kundgebungen aber auch Geschenke aller Art und zwar in solchen Mengen beigesügt, daß eS nicht mehr möglich ist, dem Kronprinzen von diesen Gaben, die nach Hunderten zählen, einzeln Kenntniß zu geben. Es wäre da her sehr erwünscht, wenn in Zukunft, betreffs dieser so freund lich gemeinten Zusendungen zuvor beim kronprinzlichen Hof marschallamte, in Berlin angesragt würde, wohin die näher zu bezeichnenden Gaben gerichtet werden sollen. Die deutsche Kronprinzessin leidet augenblicklich an einer Erkältung. — OlfiziösAoird ferner gemeldet, daß die Vorlage wegen der VerlängKung des Sozialistengesetzes dem Reichstag nach der Wiederaufnahme der Sitzungen zugehen wird. — Die ministeriellen „Berliner Pol. Nachrichten" schreiben: „Die dem bekannten Artikel deS „Invaliden" zu Theil gewordene Würdigung saßt vornehmlich, ja beinahe ausschließlich, den militärischen Standpunkt in's Auge, und doch besitzt jener Artikel auch nach der politischen Seite hin eine nicht gering zu veranschlagende Tragweite. Einmal geht auS jenen Dar legungen mit unumstößlicher Gewißheit hervor, daß in der systematischen Jcrefiihrung der öffentlichen Meinung Rußland» mittels eines Gewebes von Jntriguen und Fälschungen, der gleichen in solchem Umfange noch kaum erhört sein dürften, nicht nur kein Stillstand eingetreten ist, sondern vielmehr mit ungeschwächtrn Kräften fortgrfahren wird, und daß gerade der „Russische Invalide" durch seine Veröffentlichung mit dazu beiträgt, das russische Volk durch falsche Dar stellungen in eine Stimmung hineinzuhetzen, welche man al» planmäßige Vorbereitung auf den Krieg auffaffen muß. Ferner legt jener Artikel des russischen Armeeblattes ein beredte» Zeugniß dafür ab, wie berechtigt die Besorgnisse sind, welche in Deutschland schon seit länger als Jahresfrist hinsichtlich der Gestaltung der internationalen Beziehungen ge hegt wurden und heute so lebhaft und intensiv fortbestehen, als nur je. Endlich aber — und auf dieses Moment möchten wir den Hauptnachdruck legen — hat der Artikel des „Russi schen Invaliden" bewirkt, daß die von interesstrter Seite ver suchte Unterstellung, al» wolle die deutsche Politik Oesterreich- Ungarn in einen Krieg mit Rußland drängen, zu Schanden geworden ist, denn der mrhrerwähnte Artikel hat in Oester- reichUngarn allgemein der Ueberzeugung zum Durchbruch verhalfen, daß die vitalsten Interessen der Monarchie es er heischen, sich für alle Fälle in Bereitschaft zu setzen, wie die» einer Situation entspricht, deren bedrohlicher Charakter in so »»verhüllter Weise zu Tage tritt." Unter solchen Umstände« verdient eine von der sreikonservativen „Post" veröffentlichte lieber« ficht der gegenwärtigen Truppen-Ausstellung an der deutsch-