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Amtsblatt für die königlichen and städtische« Behörden zn Freiberg und Brand. Verantwortlicher RedÄtenr: Braun in Freiberg. i »s. s-h»««» Souuaveud, den 2. April. l Erscheint jeden Wochentag Nachmitt. V,S Uhr für dm ^0 7» Sandern Tag. P«i» vierteljährlich 2Mark 2S Pj., t/I-- G V « I zweimonatlich I M. SO Ps. und eimnonatlich 7d Pf. reibergerMME und Tageblatt. Inserate werden bi» Vormittag II Ubr angenom- g men und beträgt der Preis für die gespaltene Zeil« ü H XX oder derm Raum IS Pf. i * Der Drei-Kaiser-Bund. Bon wohlunterrichteter Seite wird versichert, daß das Umdniß zwischen Deutschland, Oesterreich-Ungarn und Rußland, soweit demselben formelle Abmachungen zu Grunde lagen, am 31. März d. I. sein Ende erreichte. Ob es deshalb stillschweigend als ein freundschaftliches Verhältniß ohne bindende Verpflichtungen für jeden einzelnen Kaiser- ftaat fortbesteht oder nicht, entzieht sich der Beurtheiluna. Die Thatsache, daß Rußland von nun ab in der Lage ist, eine Politik der freien Hand zu verfolgen, genügt voll- sündig zur Erklärung, weshalb die deutsche Reichsregierung so hohen Werth darauf legte, die Verstärkung der deutschen Wehrkraft schon am 1. April d. I. in's Werk zu setzen. Der innige Zusammenhang zwischen der Ausführung der Mitärvorlage und der Endschaft des Drei-Kaiser-Bundes dürfte jetzt selbst Denen klar sein, welche das Septennat so hartnäckig bekämpften. Wäre der Wille dieser Gegner der Mitärvorlage durchgedrungen, so würdm Rußland und Frankreich Deutschland für unvorbereitet gehalten und sich vielleicht über em Bündniß verständigt haben, das jetzt beide Staatm wenigstens für die nächste Zett als zwecklos und gefährlich ansehen müssen. Die deutsche ReichS- regieruna hat nicht nur die Schlagfertigkeit ihrer Armeen wesentlich erhöht; sie erzielte auch den Abschluß neuer Ver einbarungen mit Oesterreich-Ungarn und Italien, die um so geeigneter sind, an die Stelle deS bisherigen Drei-Kaiser- Bunixs zu treten, als sowohl England wie auch die Donaustaaten bereit sind, alle gegen etwaige-Friedens störungen gerichteten Bestrebungen wirksam zu unterstützen. Der König von Rumänien scheint nicht nur deshalb vor Kurzem in Berlin gewesen zu sein, um dem deutschen Kaiser seine Geburtstags-Glückwünsche persönlich zu über bringen. Der rumänische Monarch hat in Berlin lange Unterredungen mit dem deutschen Kronprinzen und dem Reichskanzler Fürsten Bismarck gehabt und jetzt, wo er seit einigen Tagen als Gast bei dem Kaiser von Oesterreich verweilt, soll er, wie die redseligen Wiener Blätter ver- lünden, mit dem Kaiser Franz Josef und dem Grafen Kalnoly über Maßregeln zum Schutze seines Landes gegen einen etwaigen Durchzug fremder Truppen verhandeln. In Serbien ist der österreichische Einfluß am Hofe des Königs Man völlig unnermindert und sind deshalb neue Ver einbarungen unnöthig. Gerade die von den Bulgaren ge machten trüben Erfahrungen trugen viel dazu bei, die serbische Bevölkerung vor den Einflüsterungen russischer Agenten zu warnen. So ist dafür gesorgt, daß das Auf hören des Drei-Kaiser-Bundes keine Gefahr für den Frieden Europas bedeutet, für den sich jetzt eine ganze Reihe von großen und kleinen Staaten in einer Weise verbürgen, welche allen Friedensfreunden gestattet, mit Gemüthsruhe der Zu kunft entgegen zn sehen. Von dem „Pester Lloyd", demjenigen ungarischen Blatt, welches bisher sehr geringe Sympathien für Rußland be kundete, wird gerade jetzt im Gegensatz zu den meisten andern großen Blättern die Behauptung ausgestellt, das Drei-Kaiser-Verhältniß bestehe auch heute noch fort; es sei gar nicht auf Zeit vereinbart und brauche deshalb auch «ar nicht erneuert zu werden. Nachdem eine Verständigung über die Oiientfrage nicht zu erzielen gewesen und ein gleicharriges Vorgehen bei der Behandlung der bulgarischen Angelegenheit nicht gelungen sei, habe sich Rußland auf den Standpunkt der Passivität zurückgezogen, damit gegen die ursprünglichen Vereinbarungen der drei Kaiser keines wegs verstoßen und das alte Bundcsverhältniß nicht an- »etastet. Da weder Deutschland noch Oesterreich-Ungarn sich veranlaßt fühlen würden, diese Passivität Rußlands zu stören und gewaltsame Lösungen der schwebenden Fragen P erzwingen, liege auch kein Grund vor, das alte Ver- hältmß als aufgehoben zu betrachten. Diese seltsame Aus lassung des Pester Blattes entspricht freilich nur der Sinnes änderung vieler Ungarn, deren Eifer gegen die russische Orientpolitil seit der Erhöhung der Lasten für Verstärkung der Wehrkraft der Gesammtmonarchie merkwürdig abgekühlt ist Der „Lloyd" weiß sehr wohl, daß es der Liebling des Zaren, der Geheimrath Katkow, war, der zuerst öffent lich auf die bevorstehende Endschaft der „formellen Ab machungen" des Drei-Kaiser-Bundes hinwies und mit dem dollen Brustton der Ueberzeuguna versicherte, der Zar denke nicht daran, sich weiter durch ein solches Bündniß die Freiheit der Bewegung rauben und die Hände binden i« lassen. Deshalb sucht tzas Pester Blatt die Strömung, welche Katkow iu Rußland vertritt, als eine solche darzu - stellen, welche das Drei-Kaiser-Verhältniß nicht beeinflußt. Der „Lloyd" sagt wörtlich: „Die Doppelströmung und die politische Zwei-Seelen-Theorie sind russische Speziali- täten. Autokratie und Revolution gehen dort Hand in Hand und thöricht ist, wer sich einreden läßt, daß beide gegen einander wirkten; nach außen hin arbeiten sie stets zusammen. Der Zar in Petersburg läßt den Nachbar mächten Gerechtigkeit widerfahren und steht mit ihnen auf dem besten Fuße; Katkow in Moskau fühtt gegen die selben einen ununterbrochenen erbitterten K«g, und darf es in dem autokratischen Rußland ungestraft thun. So kann das Drei-Kaiser-Verhältniß fortbestehen, während Rußland unausgesetzt seine Minirarbeit im Orient und auch im Westen Europas betreibt. Warum sollte es sich unter diesen Umständen von dem „Verhältniß" förmlich- los sagen?" Diese letzte Frage des ungarischen Blattes be antwortet sich von selbst dahin, daß gerade das geschilderte russische Doppelspiel Deutschland und Oesterreich Ungarn gezwungen hat, Vorkehrungen zu treffen, um eine jetzt kaum noch zu befürchtende förmliche Absage Rußlands sehr gleich- giltig aufnehmen zu können. Es fehlt auch sonst nicht an Stimmen, welche ein Abnahme des Einflusses des Geheim rath Katkow auf dm Zarm feststellen: auch der Peters burger Korrespondent der „Times" äußert sich in diesem Sinne. Der ministerielle Petersburger „Herold" brachte in dm letzten Tagen eine Andeutung, als ob sich daS Un wetter von verschiedenen Seiten überAatkow zusammenziehe. Wird doch selbst behauptet, der neue Fiuanzminister d. Wyschnegradski, der als Anhänger Katkow's in das Kabinet gekommm ist, arbeite an dem Sturze seines Gönners; er sähe die Unmöglichkeit ein, die russischen Finanzen unter dm augenblicklich waltenden Verhältnissen auf einen irgmd erträglichen Fuß zu bringen. Indessen wußte Katkow schon so vielen Gegnem zu trotzen, daß man den Erfolg abwarten muß. Während seines jetzigen Aufent haltes in Petersburg wird er sicher den an der Spitze der russischen Geistlichkeit stehenden bekannten Günstling des Zarm, Pobedonoszew, so bearbeiten, daß alle Klagen des von ihm tief verletzten Ministers des Auswärtigen, von Giers, »»gehört verhallen. Bestätigt sich die erschütternde Botschaft des „Bureau Reuter", daß am Mittwoch abermals ein Mordversuch gegen den Zarm verübt worden ist, so wird das den Ein fluß der orthodoxen und panslavistischen Partei am russi schen Hofe eher vermehren als verhindern Der gewiß tief ergriffene, an und für sich schon dem Klerus sehr zugeneigte Zar dürfte durch wiche wiederholte Anschläge gegen sein Leben der russischen Geistlichkeit und jenen Rathgebern noch mehr in die Arme getrieben werden, die ihm be ständig den nationalen Krieg als das beste Mittel gegen die von den Nihilisten und Verfassungsschwärmern ver ursachten inneren Unruhen anpreisen. Zu dem entgegen gesetzten Radikalmittel, das sein Vater zu spät, unmittelbar vor seinem Tode durch Mörderhand, ergreifen wollte, zum Erlaß einer Verfassung nach westeuropäischem Muster, wird sich Zar Alexander III. schwerlich entschließen. Ein Bündniß mit dem französischen Freistaat müßte, nach Ansicht Katkows, den Nihilistm weit mehr imponiren, die von auswärtigen Feinden dem russischen Reiche drohendm Gefahr die all gemeine Begeisterung für den Zaren neu beleben. Das neue Attentat kommt Herrn Geheimrath Katkow und seinen orthodoxen Hintermännern sicher sehr gelegen. Zum Glück ist in Frankreich die Lust zu einem Bündniß mit Rußland so ziemlich geschwunden. Seitdem das deutsche Volk sich so entschieden für das Scptennat und für eine stacke Abwehr gegen Osten und Westen aussprach, ist es in Frankreich ganz still geworden von der Dringlichkeit des Boulanger'schen Entwurfes zur Reorganisation des französischen Heeres. Seit die Hoffnung, vor Deutschland einen großen militäri schen Vorsprung zu gewinnen, geschwunden ist, die Furcht vor Beseitigung des Einjährig-Freiwilligen-Jnstituts die be sitzenden Klassen Frankreichs stört, und die französischen Offiziere von dem neuen Plan ein langsameres Avancement der mittleren Rangstufen befürchte« müssen, bezeichnet man allgemein die Finanzlage Frankreichs als ganz ungeeignet für eine weitere Vermehrung der Heercsausgaben. Die Raschheit der Ausführung der deutschen Heeresvermehrung verleidete Frankreich die Lust an der weiteren kostspieligen Entwicklung der militärischen Reformen und sicherte das deutsche Reich vor allen fast unberechenbaren Eventualitäten der russischen Politik. Der erste April 1887 ist deshalb ein Ehrentag für die deutsche Politik, denn an diesem Tage tritt an die Stelle des Drei-Kaiser-Bundes ein wett um fangreicheres Staatenbündniß zur Sicherung des europäisch« Fri.dens und vollzieht sich gleichzeitig die Vermehrung der deutschen Wehrkraft in einer Weise, welche Deutschlands Grenzen gegen alle Wechselfälle im Osten und Weste« sichert. Am diesem Tage vollendet Fürst Bismarck sei» 72. Lebensjahr mit dem frohen Bewußtsein, abermals für das deutsche Vaterland Großes geleistet zu haben. Möge eS dem eisernen Kanzler vergönnt sein, noch lange für Deutschlands Wohl und für Europas Frieden zu sorg« und zu schaffen. Glück auf! Tagesschau. Freiberg, den 1 April. Der deutsche Kaiser ließ den städtischen Behörde« der ReichShsuptstadt folgendes Dankschreiben zugehen: „Mit froh« Herzen habe ich die Glückwünsche empfangen, welche mir vo« dem Magistrat und den Stadtverordneten zur Wiederkehr meines Geburtstages dargebracht worden find. An einem s» wichtigen Zettabschnitt, wie ihn die Vollendung deS neunzigste« Lebensjahres bildet, ist mir dir warme Theilnahme. welche « Ihren Worten zum Ausdruck gelangt, besonders erfreulich ge wesen. Ich habe aber auch mit großer Befriedigung wahr genommen, welche Mühen und Anstrengungen von den Be wohnern der Stadt aufgewendet worden find, um mir durch sichtbare Zeichen, der Bedeutung deS TazeS entsprechend, die Festesfreude zu erhöhen. Die reiche Ausschmückung iu de« Hauptstraßen, die glänzende Beleuchtung, welche bis io die fernsten Theile der Stadt reichte, die gehobene Stimmung, welche überall herrschte und vor meinem PalaiS sich wieder holt m jubelnden Zuruf« kundgab, Alles dies hat sich z« einer Huldigung für mich vereinigt, welche mein Herz ont tieser Rührung erfüllt hat. Geht auch, wie die Adresse zu treffend bemerkt, die Freude, mit welcher Fürsten und Völker den Festtag begrüßt haben, über unseren Welttheil noch hin aus, so hat doch Berlin mit seinen festlichen Veranstaltung«, und seinen zum Theil künstlerischen Schöpfungen den glanz vollen Mittelpunkt der ganzen Bewegung gebildet. Für alle diese mir persönlich gewidmeten Beweise der Verehrung mein« aufrichtigen Dank zu sagen, ist mir ein Bedürfniß des Herzens, dem ich gern folge einer Stadt gegenüber, welche von jeher mein lebhaftes Interesse in Anspruch genommen hat, in der ich den größten Theil meines Lebens mit flohen und trüb« Erfahrungen, freilich auch mit manchen Enttäuschungen, zu« gebracht habe. Wenn die Vertreter meiner Residenzstadt, welche in den Werken selbstloser Menschenliebe stets in frei gebigster Weise vorangegangen ist, meinen Geburtstag dazu ausersehen haben, um der aus Anlaß meiner und meiner Ge» mahlm goldenen Hochzeit gegründeten AltersoersorgungSanstalt von Neuem die erhebliche Summe von 300 000 M. zuzuführeu, so gereicht dieser edelmüthige Beschluß Ihnen selbst zur Ehre. Er entspricht aber auch meinen innersten Gefühlen und Wünsch«, so daß ich cs mir nicht versagen kann, Ihnen meine besondere Anerkennung dafür auszudrücken. Berlin, den 28. März 1887. gez Wilhelm." — Das Befinden des .greisen Monarch« kst ein verhältnißmäßig gutes und macht seine Genesung befrie digende Fortschritte. Gestern Vormittag hörte der Kaiser d« Vortrag des Hausmarschalls Grafen Perponcher, konferirte «it dem Kriegsminister, Generallieutenant Bronsart von Schellen dorff und arbeitete Mittags längere Zeit lmit dem Chef düs Militärkabinets v. Albedyll. Gestern Nachmittag 3 Uhr em pfing der Monarch di« von Petersburg zurückgekehrte preußische Militärdcputation und später den deutschen Kronprinzen. Wie verlautet, ist der bisherige Generalinspekteur der Artillerie von Voigts-Rhetz zum Generalinspekteur der Feldartillerie und Generallieutenant Rocrdansz zum Geueralinspckteur der Fußartillerie designirt worden. — Der .Reichsanzeiger" publizirt das Gesetz über Feststellung des Reichshaushaltsetats pro 1887/88, das Anleihegesetz, sowie das Gesetz über den weiteren Erwerb von Pcivatbahu« für den Staat. — Auch das preußische Abgeord netenhaus hat nun seine Osterferien angetreten. Dasselbe beschloß in seiner gestrigen letzten Sitzung, wegen Abwesenheit vieler Mitglieder, den Gesetzentwurf, betreffend die Leistung« für Volksschulen, von der Tagesordnung abzusetzen und über wies den Entwurf, betreffend den Verkehr aus Kunststraßeu, einer besonderen Kommission. Die nächste Sitzung wurde aus den 19. April anbcraumt. — Der Statthalter der Reichs lande, Fürst Hohenlohe, begab sich auf seinen Posten nach Straßburg zurück, nachdem er in Berlin sich von dem Kaiser und dem deutschen' Kronprinzen verabschiedet hatte.