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. mkWrIyeiqE und Tageblatt, o Amtsblatt für die königlichen und städtischen Behörden zn Freiberg und Brand. Verantwortlicher Redakteur: Julius Brauu iu Freiberg. - ' ' " > 38. Jahrgang. > - -> >»— -> , 1/» ErMint jeden Wochentag Abends'/,7 Uhr für den , I Inserate werden bis Vormittag 11 Uhr angenom- .HO l andern Tag. Preis vierteljährlich 2 Mark 25 Pf., < 1 1u«llU I men und beträgt der Preis für die gespaltene Zeile H zweimonatlich 1 M. 50 Ps. und einmonatlich 75 Pf.oder deren Raum 15 Ps Nachbestellungen auf die Monate Mai und Juni werden zum Preise von 1 Mt. 5V Psg. von allen kaiserlichen Postanstalten sowie von den be kannten Ausgabestellen und der unterzeichneten Expedition angenommen. Expedition des Freiberger Ameiger. Ein nationales Unternehmen. Dem von den städtischen Kollegien der deutschen Reichs hauptstadt eifrig unterstützten Plan der Berliner Handels- well, dort 1888 eine allgemeine deutsche Gewerbe- Ausstellung zu veranstalten, trat ein Artikel der „Berl. Politischen Nachrichten" scharf entgegen, dem man einen offiziösen Ursprung zuschrieb. Da aber das bekannte Organ des deutschen Reichskanzlers, die „Nordd.Allg. Ztg.", neuer dings aus gewerblichen Kreisen eine längere Zuschrift ver öffentlichte, welche sich sehr warm für das Zustandekommen einer allgemeinen deutschen Industrie-Ausstellung in Berlin ausspricht, ist die Annahme unhaltbar geworden, daß man bei diesem Plane auf keine Unterstützung der Rcichsregierung rechnen könne. Der eigentliche Widerstand geht vielmehr von der Leitung des schutzzöllnerischen Zentralverbandes deutscher Industrieller aus, trotzdem damit den Interessen der meisten Mitglieder dieses Verbandes wenig genützt und ihren Wünschen kaum entsprochen werden dürfte. Wenn die Gegner des Projekts von der Ansicht ausgchen, daß man jetzt den deutschen Industriellen nicht diejenigen Opfer zumuthen könne, welche eine große Ausstellung aÜen Theil nehmern auferlegt, so ist dieser Standpunkt um so un begreiflicher, als gerade die Vertreter der Politik der hohen Schutzzölle es bisher stets als einen Erfolg ihrer Thätig- leit rühmten, daß die deutsche Gcwerbthäligkeit seit dem Jahre 1879 einen hohen Aufschwung genommen habe. Ist dem so, dann haben die deutschen Industriellen erst recht Grund, aller Welt diesen Aufschwung vor Augen zu führen und brauchen die damit verbundenen Kosten auch nicht zu scheuen. Gleichviel, ob die industriellen Fortschritte des letzten Jahrzehnts der Aenderung der Handelspolitik oder anderen Ursachen zuzuschrciben sind, steht doch die That- sache einer erhöhten Leistungsfähigkeit der deutschen Fabri kation ebenso fest, wie die Vergrößerung des Antheils der selben an dem Weltverkehr. Die Verwandlung des ganzen Deutschen Reiches in ein einziges Verkehrsgebict, die be deutende Vermehrung der Verkehrsmittel, das durch die kriegerischen Erfolge gesteigerte nationale Selbstgefühl und der durch die arg verketzerte Freizügigkeit wesentlich erleich terte Austausch der Arbeitskräfte haben sehr viel dazu beigetragen, die deutsche Industrie auch auf dem Welt märkte konkurrenzfähig zu machen. Die vor etwa zehn Jahren gewonnene Einsicht, daß die deutsche Fabrikation sich nicht auf die Anfertigung billiger Massenverbrauchsartikel zu beschränken brauche, sondern auch im Wettstreit bei gediegenen Leistungen obsiegen könne, hat überaus segensreich gewirkt. Es ist ein soliderer Zug und ein höheres Streben in die ganze deutsche Produktion gekommen und in Bezug auf Pflege des Kunstgewerbes so viel geschehen, daß bereits von mancher Seite das allerdings unbegründete Bedenken auftauchte, die künstlerische und wissenschaftliche Strömung könne sogar der praktischen Seite des Gewerbslebens Eintrag thun. Jedenfalls ist der Stand der deutschen Produktion ein ganz anderer, besserer und gediegenerer als vor einem Jahrzehnt und das Jedem zu beweisen, der dafür Interesse hat, war längst eine deutsche Ausstellung berechtigt „Will man das Wort nicht gelten lassen, soll man's mit Händen greifen und fassen!" Ein richtiges Gesammtbild der deutschen Industrie ist überhaupt noch niemals ermöglicht worden. Die Provinzial- Ausstellungen trugen, so nützlich dieselben sich auch erwiesen haben, doch immer ein mehr oder minder einseitiges Ge präge und da wo die Industrie ganz Deutschlands vertreten war, auf den großen Weltausstellungen zu Wien, Paris und London, hat man der deutschen Abtheilung nirgend das Wohlwollen gekönnt, welches sie verdient, aber in vollem Maße nur in der Heimath finden kann. Weltausstellungen haben zudem einen solchen Umfang, daß kaum Jemand Muße und Geduld hat, alle Abtheilungen sorgfältig zu durchmustern, so daß sie mehr die Schaulustigen anziehen, als die Wiederverkäuser. Auf den Sonderausstellungen dagegen wird man häufig das Unbedeutende zum Ereigniß werden sehen, einzelne Fabrikationszweige über Gebühr ver treten finden, andere aber wiederum ganz vermissen, deren Vertretung Manchen verhindern würde, aus dem Auslande Waaren zu beziehen, die er besser und billiger ganz in der Nähe haben kann. Das System der Prämnrung ist zudem auf den bisherigen Ausstellungen ein solches gewesen, daß es wünschen swerth erscheint, wenn zahlreichen leistungs fähigen Fabriken, die sich weder auf Weltausstellungen noch auf Provinzialausstellungen Geltung verschaffen konnten, Gelegenheit geboten wird, dies in würdiger Weise nachzu holen, ohne daß die nationale Abneigung ihr Streben be einträchtigt. Hat die neue Schutzzollpolitik eine Mauer um Deutsch land gezogen, welche die deutsche Industrie nicht nur vor dem fremden Wettbewerb schützt, sondern auch dieselbe vielfach auf den inländischen Markt zurückverweist, so muß wenigstens innerhalb dieser Schranken die möglichste Be wegung zugelassen werden, um die deutsche Produktion ge sund zu erhalten. Mehr als je ist jetzt zu wünschen, daß die deutschen Konsumenten erfahren, was in Deutschland produzirt wird, sonst werden trotz der hohen Importzölle nach wie vor fremde Erzeugnisse zu theurcu Preisen bezogen und die Zollerhöhungen aus deutschen Taschen bezahlt werden. Eine im Jahre 1888 in Berlin stattfindcnde Gewerbe-Ausstellung würde allerdings der für 1889 pro- jektirten Pariser Weltausstellung Eintrag thun, wenn dies auch von den Veranstaltern bestritten wird. Ein großer Theil der nach Paris gehenden Einkäufer hat 1889 sicher noch im Gedüchtniß, was er ein Jahr vorher in Berlin gesehen hat und wird um so kühler prüfen und um so weniger sich von den bekannten Schaustücken blenden lassen. Die deutsche Industrie aber wird durch die gleichsam als Generalprobe dienende deutsche Gewerbe-Ausstellung um so besser für den Wettbewerb auf der Pariser Weltausstellung vorbereitet sein. Nicht gering ist auch die Politische Wirkung zu veran schlagen, welche die Berliner Ausstellung auf alle deutschen Industriellen auszuüben vermag. Die Letzteren sind bereits auf dem besten Wege, sich ebenso der partikulanstischen Ge wohnheiten wie der vaterlandslosen weltbürgerlichen Manieren zn cntschlagen. Eine deutsche Gewerbeausstcllung in Berlin würde die hervorragendsten Fabrikanten des Reiches einander näher bringen, ihr nationales Selbstgefühl noch höher steigern und manches Vornrtheil schwinden machen, das in manchen industriellen Kreisen noch gegen die deutsche Reichshauptstadt gehegt wird. Neuerdings sind noch alle Süd- und West deutschen von einem Besuche in der rasch und mächtig emporgeblühten Residenz des deutschen Kaisers mit Genug- thuung und Befriedigung in die Hcimath zurückgekehrt; sie haben aber auch dort fast immer eine freundliche Erinnerung zurückgelassen und wesentlich dazu beigetragcn, in der Reichs hauptstadt die Meinung von der Tüchtigkeit und den Leistungen aller deutschen Stämme zu verbessern. Die deutsche Gewerbe-Ausstellung ist aus allen diesen Gründen ein wirthschaftlich-nützliches nationales Unternehmen, dem jeder gute Deutsche den besten Erfolg wünschen wird. Tagesschau. Freiberg, den 30. April. Der deutsche Reichstag ist nun bereits sechs Monate versammelt und hat in fast täglichen Sitzungen eine solche Thätigkeit entwickelt, daß der allseitige Wunsch der Volks vertreter, die Session vor Pfingsten geschlossen zu scheu, sehr begreiflich erscheint. Der Senioren-Konvent trat gestern zu sammen, um sich darüber mit der Reichsregierung zu ver ständigen. Man hält es aber in Negierungskreisen für un ausführbar , auch nur die Zolltarifnovelle bis Pfingsten in zweiter und dritter Lesung abzuwickeln und erachtet doch die Fertigstellung dieser Aufgabe als völlig unerläßlich. Man hat freilich von Abendsitzungen u. dergl. mehr zur Erreichung dieses Zieles gesprochen, indessen ist man angesichts des schwachen Besuchs der Tagessitzungen in dieser Beziehung bereits be denklich geworden. Nun besteht aber, wie man dem „Hamb. Korr." schreibt, die Regierung darauf, womöglich auch die ge- sammten Entwürfe, welche sich auf das Unfallgesetz beziehen, durchbcrathen zu lassen: ferner sollen der Ausliefernngsvertrag mit Rußland, der Handelsvertrag mit Birma und, so weit es thunlich, auch die Justizresorm zur Berathung kommen. DaS ist freilich ein Pensum, welches sich kaum in sechs Wochen er ledigen läßt. Dauernde Beschlußunfähigkeit scheint die Regie rung nicht zu befürchten; ein Appell an die ihr ergebenen Parteien würde, so meint man, seine Wirkung nicht verfehlen, und damit auch die Oppositionsparteien heranziehen. — Un ermüdet arbeitet die Gewerbeordnungs-Kommission des Reichs tages weiter. Dieselbe nahm vorgestern mit 9 gegen 5 Stimmen den Antrag des Abg. Ackermann und Genoffen an, nach welchem Derjenige, welcher der auf Grund des 8 100o Nr. 3 (Verbot des Haltens von Lehrlingen, seitens der der Innung nicht an- gehörcnden Arbeitgeber) getroffenen Bestimmung zuwiderhandelt, mit Geldstrafe bis zu 150 Mark und im Unvermögensfalle mit Haft bis zu 4 Wochen bestraft werden soll. Die Mehr heit der Kommission erklärte sich mit Rücksicht auf die Ge schäftslage des Reichstages dafür, vor Allem die Frage des Befähigungsnachweises im Plenum zur Debatte zu stellen und erst dann die weiter für die Innungen geplanten Vorrechte in Anregung zu bringen. Die Abfassung des schriftlichen Berichts der Kommission ist dem Abg. Geiger übertragen. Wie der „Rheinische Kourier" wissen will, meldet eine in Wiesbaden eingetroffene Depesche aus Zanzibar, daß die afrikanische Expedition der Afrikareisenden Böhm und Reichardt verunglückte. Böhm sei todt, Reichardt aber gerettet und in Zanzibar eingetroffen. Die ultramontane Presse fordert alle Katholiken Deutsch lands auf, am 25. Mai d. I. das 800jährige Gedächtniß des Todes des Papstes Gregor VH., der am 25. Mai 1085 zu Salerno gestorben ist, durch eine allgemeine Feier zu begehen. Man will, wie die „Germania" schreibt, die gegebene Gelegen heit benutzen, um „das katholische Volk über diesen großen Papst zu belehren und die durch Jahrhunderte auf ihn ge wälzte Schmach von ihm abzuwälzen." Der Kaiser von Oesterreich empfing vorgestern Mittag tm Schloß Schönbrunn den Erbgroßherzog Friedrich Wilhelm von Baden, der sich Sonntag Abend in Wien mit der Prin zessin Hilda von Nassau verlobt hat. Dienstag Nachmittag fuhr der österreichische Monarch zum „Hotel Imperial", um dem glücklichen Bräutigam seinen Gegenbesuch zu machen. Bei der Verlobung selbst hatte am Sonntag im Palais des Herzogs Adolf von Nassau ein Diner stattgefunden, nach dessen Be endigung der Herzog den Anwesenden das freudige Ereigniß mittheilte, der sich dann persönlich in die Wohnung der früheren Erzieherin der Prinzessin begab, um diese ebenfalls davon zu benachrichtigen. Noch an demselben Abend wurden das deutsche Kaiserpaar und die Eltern des Erbgroßherzogs von dem Bräutigam selbst telegraphisch von der stattgehabten Verlobung in Kcnntniß gesetzt. Für den deutschen Kaiser hat diese Ver lobung einen besonderen Werth; sie bedeutet für ihn die volle Aussöhnung mit dem Hause Nassau, das der geschichtlichen Umwälzung der letzten Jahre die öffentliche Anerkennung bisher versagte und diese Anerkennung jetzt wenigstens still schweigend vollzieht. — Die „Wiener Allg. Ztg." behauptet, daß zwischen Deutschland und Oesterreich Verhandlungen wegen eventueller Zusammenziehung eines neutralen Geschwaders im Mittclnieere stattfinden. — In der ungarischen Haupt stadt ist der preußische Landwirthschaftsminister Di. Lucius auf besondere Einladung des ungarischen Ministeriums ein getroffen, um dort in Vertretung des Deutschen Reichs der feierlichen Eröffnung der Landesausstellung beizuwohnen. Es dürste, wie die „Nordd. Allg. Ztg." bemerkt, darin ein Akt besonderer Zuvorkommenheit zu erblicken sein, daß ein aktiver Staatsministcr, dessen Ressort an der Entwickelung der land- wirthschaftlichen Verhältnisse Ungarns ein besonderes Interesse hat, mit dieser Mission beauftragt wurde. Wie man aus Rom meldet, ist die Abreise des italieni schen Königspaares zur Eröffnung der neuen Wasserleitung in Neapel definitiv auf den 9. Mai festgesetzt. In vorgestriger Sitzung der italienischen Kammer legte der Minister Mancini die in London am 18. März 1885 abgeschlossene Konvention über die Garantie der egyptischen Anleihe und die dies bezüglichen diplomatischen Aktenstücke vor, sowie ferner die jenigen iiber die zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien stattgehabten Unterhandlungen in Görz in Betreff der Fischerei ini adriatischen Meere. Der Deputirte Cairoli theilte mit, er beabsichtige den Minister des Auswärtigen über die Kolonial politik der Regierung zu inlerpellircn. Die Letztere ist auf das Treiben französischer Missionäre (Lazaristen) in Massauah aufmerksam gemacht worden, von denen alle die unwahren, beunruhigenden Nachrichten der letzten Tage stammen. — Am 6. Mai treten die Panzerschiffe „Dandolo", „Duilio", „Amadeo" und „Castelfidardo", die Widderschiffe „Affondatore" und