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Frankfurt a. M., 12. Juni. Ein kleiner Kaufmann au« einem deutschen Bundesstaat, in welchem keine Spielhöllen geduldet werden, kommt auf einer Geschäftsreise in hiesige Gegend und, unbekannt mit der Gefahr, welche den erfaßt, der dem Spielteufel auch nur den kleinsten Finger reicht, geht er nach Wiesbaden, spielt und verspielt 60 Thlr., Alles, was er bei sich hat. Aergcrlich über den Verlust und voller Scham, so heimkehren zu müssen, erwacht in ihm die Begierde, das Verlorene wieder zu gewinnen. Ein Brief wird in die Heimatb geschrieben und die Frau um eine schleunige Zusendung von 100 Thlrn. angegangen. Die 100 Thlr. kommen und gehen denselben Weg wie vorher die 60 Thlr. Aergcr und Scham steigen, die Begierde mehrt sich und die Sorge gesellt sich dazu. Weitere Summen werden verschrieben und sie gehen alle den Weg wie die vorhergehenden; die Frau daheim jawmert, doch der bereits verzweifelnde Mann droht und die ZusendM erfolgt. So verspielt der Mann zuerst in Wiesbaden, dann in Homburg, dann in Nanbeim und zuletzt in Wilbelmsbad binnen vier Wochen sein ganzes kleines Vermögen, 2200 Thlr., die Frucht eines geregelten Fleißes während einer fünfzehnjährigen glückliche» Ehe. Hier ringt er mit der Verzweiflung und zu Hause jammert sein Weib mit vier unerzogenen Kindern. Sein Familienglück ist gestört und fünf Menschen sind an den Bettelstab gebracht. London, 11. Juni. Die Seidenweber von SpitalfieldS find von schreckender Noth heimgesucht. In den 11 Londoner Bezirken, die man gewöhnlich unter den Namen SpitalfieldS znsammenfaßt, stehen nahezu 3000 Webestühle müßig und Hunderters» Familien nagen buchstäblich am Hungertuch. Am Sonnabend zogen sie in langen Schaaren durch die Straßen von Ostlondon, mit Almosen« büchsen in der Hand und Zetteln auf Brust und Rücken mit der Aufschrift: „Bitte, helft de» armen hungernden Webern." London. Die englische Zeitung, Daily News, hat zuerst die furchtbare Anklage gegen südwekdeutsche Fürsten geschleudert, fit sännen auf einen neuen Rheinbund mit Frankreich; eine andere Zeitung, Morning Herald, nimmt sie in Schutz. Sie sagt: schädigung von 1 Fl. Ssterr. W ffir jede Meile Entfernung von dem Sitze ihres Landtags von Wien, sowohl für die Hierher-, als auch für die Rückreise. Hl. Diese Tagegelder, sowie die ReisekostenentschädigungSbe- träge werden aus demjenigen Fond bezahlt, aus welchem die sämmtlichen Auslagen für die Reichsvertretung bestritten werden. IV Kein Mitglied des Abgeordnetenhauses darf auf deren Bezug verzichten. Mein Finanzüunister ist mit der Durchführung dieses Gesetze? beauftragt. Laxenburg, den 7. Juni 1861. Franz Joseph.— Erzherzog Rainer, v. Plener. Auf Allerhöchste Anordnung: Frhr. v. Nansonnel". Wien, 19. Juni. In der heutigen Sitzung des Unterhauses beantwortete Minister v. Schmerling eine, die Religionsfrage in Tyrol betreffende Interpellation. Derselbe äußerte: Das Patent vom 8. April d. I. sei ausdrücklich für Tyrol und Vorarlberg erlassen worden. Im Vorarlberger Landtage hätten sich keine An stände ergeben, wohl aber durch die LandlagSbeschlüffe von Tyrol. Die gegen die Akatholiken gerichteten Gesetzcsvorschläge des Land tags seien von Sr. Majestät abgelehnt. (Bravo.) Vorarlberg betreffend, seien ebenfalls entsprechende Anordnungen anläßlich auf reizender Placate rc. ergangen. Ein ähnlicher Erlaß sei "an das Episkopat in Brixen gerichtet. Ebenso an die k. k. Statthallerei in Tyrol. Die kirchlichen Behörden sollten im Einklänge mit den politischen Behörden die Bevölkerung in angemessener Weise belehren, die Beamten strenge ihrer Amtspfllicht nachkommen. (Lebhafter Beifall.) Das Patent vom 8. April 1861 stelle in logischer Form die früher» kaiserlichen Entschließungen zusammen; außerdem regele Se. Majestät mit demselben als oberster Schutzherr der protestantischen Kirche in eigener Machtvollkommenheit die inner» Verhältnisse der Protestanten. Eine Abänderung könnte nur auf verfassungsmäßigem Wege erfolgen. Lemberg, 15. Juni. Der unter Joseph II. gebildete israelitische Schulsoud, welcher bis jetzt mit dem christlichen vereinigt war, wird nach einen: StaatSministerialerlaß gegenwärtig ausgeschieden und zum Vehufe der Gründung einer Rabbinatsschule und zur Unter stützung der jüdischen Volksschulen im ursprünglichen Eapualbetrage von 263,000 Fl. herausgegeden werden. Wie wir hören, haben die hiesigen orthodoxen Jude» bereits ein Project zur Organisirlmg eines solche» Seminars überreicht, worin sic nichts weniger vn- langen, als daß darin von den „weltlichen" Wissenschaften nur die Mathematik, und zwar diese nach einer hebräischen Uebersetzung der Euklid, gelehrt werde. Am zwcckbringendstcn wäre eS wohl, daß der ganze Fond zur Gründung von israelitischen Volksschulen verwendet werde. AuS Wien vom 17. Juni wird der „D. A. Z." geschrieben: Daß die Auslösung des ungarischen Landtags nahe bevorsteht, hält man hier für eine ausgemachte Sache, und es fragt sich nur, ob die Regierung die Wahl eines neuen Landtags veranlassen oder eS mit directen Wahlen von ungarischen Reichsrathsmitgliedern wird versuchen wollen. Daß die Sachlage nicht so günstig ist, um zu sanguinischen Hoffnungen zu berechtigen, ist allerdings wahr. Die von dem ungarischen Landtage bei der Adreßdebatte ausgesprochenen politischen Theorien, welche dem Volke schon früher nicht fremd waren, sondern jahrelang den Gegenstand politischer Gespräche /bildeten, sind nunmehr vollständig in Fleisch und Blut des Volks Äbergegangen. Eine gänzliche Zurückweisung aller ungarischen Forderungen dürfte einen Schrei der Entrüstung im ganzen Lande erregen und bei dem Fortbestände der gegenwärtigen Eomitatsein- richtungen leicht zu blutigen Auftritten führen. Dergleichen Excesse find schon der jetzigen Bewegung nicht fremd geblieben, und erst kürzlich wurde in Tirnan das Haus eines slowakischen Bürgers teinahe demolirt, weil derselbe die Einsendung einer VertrauenS- .«dreffe an den Slowakencongreß zu St.-Marton in Vorschlag gebracht hatte. Die Regierung ihrerseits ist gesonnen, solange sie «S vermeiden kann, von,, Gewaltmaßregeln keinen Gebrauch zu machen. X — Die heutige „W. Ztg." publicirt bereits das erste con- stifutionelle Gesetz, nämlich bas Gesetz in Betreff der Tagegelder und Reisegebühren für die Mitglieder des Abgeordnetenhauses des ReichsratheS. Dasselbe lautet: , . „Auf Antrag der beiden Häuser MemeS ReichsratheS finde ich zu verordnen wie folgt: ... I. Sämmtliche Mitglieder des Abgeordnetenhauses des Relchs- rathes erhalten ein Tagegeld von 10 Fl. österr. Währ., und zwar für die Zeit ihrer Anwesenheit bei dem Reichsrathe. H. Außerdem erhalten die Abgeordneten eine Reisekostenent- wichtiger innere Kampf vor: die Fortgeschrittenen unter den Liberalen haben eS bereits in einem Wahlprogramm ausgesprochen, daß der Kampf gegen da« Herrenhaus in seiner jetzigen Zusammensetzung MV damit gegen die Uebermacht der Feudalpartei die Hauptaufgabe des preußischen Bürgerthums und des nächsten Abgeordnetenhauses sein müsse. Erfreulich in demselben ist auch, daß öffentlich von preußischen Männern ausgesprochen ist, daß Preußen des Anschlusses an das übrige Deutschland bedürfe. Seither wurde mehr der umgekehrte Gedanke in Preußen hervorgchoben, daß nämlich Deutsch land des Anschlusses an Preußen bedürfe. — In Nordamerika herrscht eine gewaltige Erbitterung gegen England, weil eS die Sclavenstaaten, welche ihre LoSreißung von der Union erklärt haben, als gleichberechtigte kriegführende Partei anerkannt und somit sich nicht entschieden für die Aufrechthaltung der Union erklärt hat. Es scheint allerdings, als wäre dem Engländer eine dauernde Spaltung der Vereinigten Staaten Nordamerikas nicht unerwünscht; wo Spaltung ist, ist Schwäche, und 'man sieht in England die Nordamerikaner für Nebenbuhler zur See an. — In Italien tgucht eine Art Ronge auf. Ein Priester in Brescia, Antonio Salvoni, hat einen Aufruf zur Gründung einer freien katholischen Mrche an die Geistlichen erlassen. Leipzig, 17. Juni. (Eonst.Z.) Wie wir soeben erfahren, hat die hiesige Verbindung „Alemannia" seitens des königlichen Kultus ministeriums die Erlaubniß erhalten, „ Schwa rz - Notb - G o ld " tragen zu dürfen. Man bringt diese erfreuliche Thatsache mit den deutschpatriotischen Aeußerungen, die Minister v. Beust bei bekannter Gelegenheit gethan, in Verbindung^ In Berlin fand am 11. Juni d. I. die Grundsteinlegung Ke das neue RathhauS unter großen Feierlichkeiten statt, denen -auch der König und die Königin, der Kronprinz und die Kron prinzessin, sowie noch mehrere andere Prinzen beiwohnten. Von dem Umfange des von der Communalbehörde bereits im Jahre 1860 begonnenen Baues kann man sich einen Begriff machen, weyn man annimmt, daß derselbe einen Raum, größer als der Marktplatz in Bischofswerda, einnimmt und mehr als 3000 Menschen sgßt und daß das ganze Häuserviereck zwischen der Königüraße, Jüdenstpaße, Nagelgasse und Spandauerstraße für 975,418 Thlr. angekauft und niedergerissen worden ist. Das jetzige Tagelobn für die bei dem Baue beschäftigten Baugewerken ist 1 Thlr. für den Maurer- und Zimmerpolier, 21>/, Sgr. für den Maurer und Zimmer- aesellen, 13^/, Sgr. für den Handlanger, bei einer Arbeitszeit von v Uhr Morgens bis 7 Uhr Abends. Bei dieser Gelegenheit be merken wir, daß im Quartal 1861 in Berlin 9879 Grundstücke, 37,220 Wohnungen, 2508 Remisen, Böden, Keller rc., zusammen 99,728 Gelasse mit einem Miethswerthe von 12,985,209 Thlrn. vorhanden, und von ihnen 89,364 bewohnt waren, während 1364 leer standen. Die MiethSsteuer sämmtlicher Gelasse beträgt 865,600 Thlr. (43,143 Thlr. mehr, als im Jahre 1860).