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Erscheint jeden Wochentag sriih S Uhr. Inserate wer de» bis Nachmittags 3 Uhr sür die nächst erscheinende Nummer angenommen. Freiberger Anzeiger und Tageblatt. P-ei« vierteljährlich 1S Ngr. Inserate werden die gespaltene Zeile »der deren Raum mit 3 berechnet. ' - , Sonnabend, den 10. Januar. 185^. Ein türkisches Postamt. (Aus dem Englischen.) Das Posthaus ist ein kleines hölzernes Gebäude, vielleicht nur einen Stock hoch, vielleicht auch von zwei Stockwerken, in welchem Falle das zur ebenen Erde als Stall benutzt wird und das obere zum Wohnen dient. Eine Treppe hoch oder im Kor ridor am Eingänge hängt ein Vorhang vor der Thür, wie es in allen türkischen Wohnhäusern Gebrauch ist, deren Eigenthü mer einigen Anspruch auf Rang oder Reichthum machen. Man zieht den Vorhang zurück und tritt in ein Zimmer von mitt lerer Größe mit dem stereotypen, die ganze Wand einnehmenden Divan, auf dem ein wohlbeleibter, alter, bärtiger, verschlafener Türke mit untergeschlagenen Beinen sitzt. Die lange Pfeife in der Hand, raucht er träge fort, ohne ein einziges Wort zu sprechen. Neben ihm stehen einige Körbe, von denen feder ein paar Briefe enthält; ein Kohlenbecken ist in der Mitte des Zim mers und gewöhnlich ein Holz-Feuer an dem oberen Ende desselben. Von Zeit zu Zeit tritt ein Freund oder Bekannter des Hausherrn ein, zieht die Pantoffeln aus, hockt auf dem Divan nieder, raucht ein wenig, plaudert noch weniger und geht wieder ab. Sobald die Sonne untergeht, wird das Amt ge schloffen und der Postmeister wackelt, so schnell sein weites, loses Beinkleid und seine noch weiteren Pantoffeln es ihm erlauben, von dannen. Dies ist die gewöhnliche Routine in einem tür kischen Postamte und das gewöhnliche Treiben des Postmeisters. Endlich aber kommt der Tag, an welchem die Post aus Konstantinopel erwartet wird. Leute, welche Mittheilungen von dort entgegensehen, fangen an, im Posthause zu erscheinen, um sich darnach zu erkundigen; der Beamte erwiedert mit unver hohlener Zufriedenheit, daß die Post noch nicht eingetroffen ist; denn ein Aufschub, der Andere zur Verzweiflung bringt, ist dem Muselmann von altem Schlage stets willkommen. Die Wege sind schlecht, die Kawassen haben sich länger als gewöhnlich in den Dörfern aufgehalten, und wer einen Brief erwartet, kann ihn ja morgen eben so gut lesen, wie heute. Endlich kaffen sich die Postpferde sehen und nehmen langsam ihren Weg nach dem Postamt. Lange, ehe sie es erreicht haben, verbreitet sich die Nachricht von ihrer Ankunft in der Stadt. Die Soldaten melden es ihren Offizieren, diese den Paschas; die PaschaS sen den ihre Boten ab, die Franken gehen selbst, und der ganze Strom ergießt sich in das einzige Zimmer des Postmeisters- Da Letzterer sieht, daß ihm der Rückzug abgeschnitten ist, so überläßt er sich seinem Schicksale, holt die in grobes Papier eingewickelten Briefpackete hervor und öffnet sie in Gegenwart der versammelten Menge. Jetzt beginnt das Werk des Sortirens, dessen Originalität den Beamten in einem andern europäischen Posthause nicht ge ringes Erstaunen einflößen würde. Unter den Harrenden befin den sich wahrscheinlich eine Menge Achmets, Mustaphas, Me- hemets, Ults re. und Dutzende ihrer Namensvettern leben noch außerdem in der Stadt. Keiner derselben hat einen Zunamen und sie unterscheiden sich nur durch die Farbe ihres Bartes, die Form ihrer Nase, oder irgend eine andere Eigenthümlichkeit in der Gestalt oder in den Zügen. Wo die Persönlichkeit von zwei oder mehreren Achmets oder Mustaphas sich zufällig gleicht, hat der Postbeamte einen schwierigen Stand, da überdies wohl noch hundert Individuen in der Nachbarschaft sein mögen, die auf denselben Namen hören und deren Haare, Bart oder Augen braunen er unmöglich speciell besichtigen kann. Jeder dieser Ulis und Achmets besteht darauf, daß man ihm alle auf diese» Namen lautenden Briefe eiuhändigt und will nichts davon hö ren, daß sie vielleicht einem andern Namensvetter angehöre». Erwägt man, daß oft ein Dutzend Packete mit dreihundert Briefen ankommen, und daß Niemand da ist, um sie auszugeben, als der unglückliche Postmeister, der im Mittelpunkt eines dicht gedrängten Kreises auf der Erde kauert, so ist es nicht zw ver wundern, daß er in einem solchen Augenblick kaum weiß, wo ihm der Kopf steht. Für den, der nach begonnener Operation in daS Zimmer tritt, ist er zuerst gar nicht sichtbar; nachdem man sich jedoch durch die wogende Menge Bahn gebrochen, sieht man ihn die Packete hastig öffnen, die Adressen der Briefe durch eine enorme Brille betrachten und einen verzweifelten Versuch machen, sie zu sortiren, indem er sie, da Fächer hier unbekannt sind, zum Theil in seine Weste, zum Theil hinter die Kiffen, unter seinen Sitz und zwischen das Futter des Divans steckt, obgleich er offenbar durch das Geschrei und die Zudringlichkeit der Umstehenden so konfus geworden, daß er außer Stande ist, das Ordnen nach irgend einem bekannten alphabetischen, phy- siognomischen oder lokalen Princip vorzunehmen. Nicht wenige von den Briefen liegen aus der Erde herum, wo sie liegen bleiben, bis Jemand sie aufhebt und dem Adressaten zustellt. Endlich macht ein ungeduldiges Individuum, welches während der letzten fünf oder zehn Minuten hartnäckig behauptet hat, daß jeder zum Vorschein kommende Brief sein Eigenthum sein könne und endlich erklärt, nicht länger warten zu wollen, einen kühnen Griff unter die Correspondenz und schleppt, von dem Beifallsrufe der Menge ermuthigt, einen Korb voll nach der anderen Seite des Zimmers, wohin ihm eine Schaar von War tenden folgt, und wo sofort eine Vertheilung der Beute beginnt, gleichgültig gegen das Zetergeschrei des Postmeisters, der bei dem Pascha zu klagen droht, und außerdem noch persönliche Rache an dem Frechen zu nehmen schwört, der ihn an der Er füllung seiner Pflichten hindert. So fährt er noch einige Mi nuten mit Sortiren und Schmtmpfen fort, indem er gelegentlich diesen oder jenen an jene Standesperson gerichteten Brief dem Bedienten derselben einhändigt; zuletzt aber erhebt er sich bis zur Höhe seines Amtes, springt auf, wirft die Pfeife weg und stürmt, ohne mit dem Umziehen seiner Pantoffeln die Zeit zu verlieren, durch das Zimmer, entschlossen, wie es scheint, den Schuldigen beim Kragen zu fassen. Diesen Augenbick benutzen die Umstehenden, um sogleich über die Briefe herzufallen; sie bemächtigen sich eines Bündels nach dem andern und tragen sie in verschiedenen Richtungen fort, um den Inhalt vielleicht in dem Vorsaal oder auf der Treppe, vielleicht unter einem Thor» weg im Hofe, in Muße zu besichtigen. Sobald ein jeder die sür ihn bestimmten (oder nicht bestimmten) Briefe herausgenom-i men, werden die übrigen in einen Korb geworfen, wo die zu nächst Kommenden sie einem ähnlichen Proceß unterwerfen, und- sollten dann noch welche zurückbleiben, so kann der Postmeister, wenn er vorbeigeht, sie sammeln und in Sicherheit bringen. Unterdessen hat er wahrscheinlich im Innern des HauseS seine Autorität behauptet und die Wünsche seiner ungestümen Gäste befriedigt. Einige Briefe sind möglicherweise an den rechten Mann gekommen; der größte Theil ist sicher in den Besitz von Personen gelangt, die nicht das mindeste Recht dar auf haben, die Ucbrigen sind unter die Kissen des DivanS weggesteckt oder liegen auf der Erde umher. Vielleicht werden