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199 hatte ich das Vergnügen, zugleich mit mir mein köstliches und holdes Weib erwachen zu sehen, und ward mir dadurch die Mühe erspart, leise auf den Fußzehen zur Thür hinaus zu trippeln. Mei» Karlchen mit seinem blühenden Antlitz, mit seinem litten- und rosenglänzcnden Wangenpaar brachte mich durch sein artiges Kinvergeschwätz außer mir vor Freude, und ich war nicht mehr Herr meiner selbst, wenn ich seinen launigen Streichen und Schäkereien zu guckte, wenn er im Zimmer auf und nieder hüpfte, wie ein junges Lämmlein über Wiesengrund. Jede seiner hervorgestammelten Splben war für mich eine GotteSstimmc, und zwischen Vater und Mutter galt cs einen heißen Kampf, zuerst die theuren Lippen zu küssen, die diese wohltönenven Laute ausgestoßen. Langsam kleidete ich mich an, ein inbrünstiges Gebet zum ewigen Schöpfer emporsendcnd für die überschwänglichen Segnungen, mit denen er mich über schüttet hat, und entzückt von dergleichen erbaulichen Morgengcnüssen, die aus so düstere Nächte folgten, beweinte ich mehr denn einmal die Thorheitcn und Jrrthümer, denen ich ehedem huldigte. Alsdann verfügte ich mich auf mein Arbeitszimmer, um meinen Büchern und der treuen Muse Audienz zu crtheilen. Oesters, wenn die Eßzett gekommen und ich zu Tische gerufen war, erwiederte ich entweder mit verdrießlicher oder heiterer Miene, man möchte mich nur in Ruhe lassen, eine so gewaltige Macht üben geistige Beschäftigungen auf uns aus, in so starken Fesseln vermögen sie uns zu schlagen! Doch still! Da trat meines Lebens Zierde und Krone, mein kecker Bube ei», um mich ebenfalls zur Tafel zu laden. So wie er seine Fcuerblicke auf mich heftete und schmeichelnd seine Aermchen um meinem Körper schmiegte — da war eü aus mit meinem Studiren und Dichten, ich schien mir ordentlich wie behext, und maschinen mäßig ließ ich mich zum Sessel Hinschleppen, der meiner Frau zur Seite stanv." Nun, ein reizenderes Gemälde ehelichen Glücks kann es gewiß nicht geben, nnd wir glauben, daß selbst die eingefleischtesten und verstocktesten Junggesellen Lope beneiden und anderes Sinnes werden müßten. — Doch, als ob der Ausspruch eines alten heidnischen Sängers: „Mit mißgünstigen Augen schauen die Götter auf der Staubgeborne» Glück herab" an unserem Lope zur Wahrheit werden sollte, ward ihm sein höchstes irdisches Gut leider bald wieder geraubt. Erst ward ihm sein angebctcter Carlos im achten Lebensjahre durch den unerbittlichen Tod hinweggerafft, und kurz darauf starb auch sein braves Weib, in Folge einer qualvollen Schwangerschaft und äußerst anstrengenden Entbindung. Diese harten Schläge trafen ihn zwischen l<>07 und >608. Wie tief sie nament lich aus ein solches Gemüth, wie er es besaß, wirken mußten, in welch' gräßliche Stimmung er endlich versetzt wurde, läßt sich leicht crraehe». Er war eine völlige Beute der Verzweiflung. Isabellens Verlust konnte er schon um so eher ver schmerzen; erstens, weil er ineistentheils von ihr getrennt lebte, weil ferner die Ehe kinderlos blieb und nur kurze Zeit dauerte, weil Isabellens körperliche und Scelenpein ihm fast das Her; zerschnitt und er ihren Heimgang als eine Erlösung von so grausamen Martern betrachtete, und endlich, weil er noch als ein kräftiger Jüngling bessere Tage zu erwarten hatte. Ein ungewisses Etwas, eine dunkle Ahnung mußte ihm sagen, daß »och nicht Alles für ihn zu Ende wäre, und unwillkürlich gab er sich der sein Gemüth erleichternden und trösten den Hoffnung hin. Mit Donna Juana hatte er zwanzig Jahre in ununter brochener Gemeinschaft gelebt, sie hatte ihn Vatcrfrcuden kosten lassen, ihm nie sein Daseyn durch Kränklichkeit getrübt, und er selbst hatte jetzt ein Alter er langt, wo man füglich nicht mehr auf eine glänzende Zukunft zählen darf. In dieser Noth nimmt er seine Zuflucht zur Religion und findet in ihrem Schoß auch wirklich heilsamen Schutz. Um diese Zeit verfaßte er seine Selbstge spräche, eine echte Erbauungsschrift, ein Werk, hervorgcgangen aus einem frommen und gläubigen Sinn, ganz dazu geeignet, in dem Leser gleiche Ge fühle und Gedanken zu erwecken; meiner Meinung nach das schönste und be redteste asketische Buch, welches je in Spanien erschienen, etwa die Schriften der heiligen Theresia abgerechnet. Man erblickt da eine Seele, welche von nun an, von allen irdischen Neigungen und Trieben, von allen eitel» und ver gänglichen Bestrebungen sich hinwegkehrend, mit Inbrunst sich Gott zuwen det. Nicht genug, schon seit längerer Zeit gehörte er zu den Familiären der Inquisition"); er dachte sich noch inniger und unzertrennlicher an die Kirche anzuschließen. Nach beendigter mehrmonatlicher Probezeit und Vorbe reitung in milden und frommen Werken trat er >600 in den dritten Orden des heiligen Franziskus. Von diesem Augenblicke an gesellten sich zu Lope's Lebensweise ganz neue Pflichten und Gewohnheiten. Jeden Morgen beim Aufstehen las er Vie Messe in einem Betzimmer, welches er eigens dazu in seinem Hause hatte cinrichtcn lassen; und als einen besonders auffallenden Um stand hat man bemerkt, daß er die heilige Opserhandlung (die Einsegnung des BrodteS und Weines) zitternd und weinend beging, was unfehlbar von außer ordentlicher Aufregung zeugte. An bestimmten Tagen der Woche ließ er sicd geißeln, und, wie cs heißt, ohne sich im mindesten zu schone». Nachdem er sich zuletzt als Mitglied in den zu Madrid gebildeten Priesterbund hatte aufnchmeu lassen, erfüllte er mit ängstlicher Pünktlichkeit alle die Obliegenheiten, die sein Amt erheischte. Gefangene befreien, Arme bekleiden, die öffentlichen Versor gungs-Anstalten besuchen, kranke Geistliche pflegen und, wenn sie ihrem Leiden erlagen, sie nach den, Friedorte hin geleiten: dies waren ungefähr die Ge schäfte, denen er sich mit Eifer und Hingebung widmete, wodurch er sich vor den übrigen Genossen auszeichnete und zum Lohne dafür bald zum Oberhaupt der Brüderschaft ernannt wurde. Man wähnt vielleicht, als ob Lope unter bewandlen Verhältnissen, seinem -) Die itamiliarw tcr InqMüvn war«» cigtntlich die Hecher und KundsMm dirsc» KcWiden Gericht«, sür welche« indek Lepe nicht weiter wütig war, sondern er llibrtt jenen Namen bloß al« einen Ehrentitel. Ebe» so bewarben sich um denselben andere Leute der nie deren AdelSklasic, um hierdurch vom katholischen Gesichtspunkt au« die Reinheit ihre« Ge schlecht« darjiUhun. Talente zum Trotze, es verschmäht und für eine Gotteslästerung angesehen habe, ferner für die Bühne thätig zu sepn. Keinesweges; sogar in dem Jahre, wo er zum Priester geweiht werden, >609, bearbeitete er seine neue drama tische Kunst, einen gründlichen Nachweis über die Art, Theaterstücke zu schrei- ben, deren er selbst wiederum eine ziemliche Anzahl verfertigte, um die gegebenen Regeln durch wirksames Beispiel anschaulicher zu machen. Ein ganzes Jahr- zehend brachte er theils im Dienste der Poesie, theils mit der Erziehung seiner Kinder und mit der Uebung frommer Werke zu, welche letzteren freilich wohl sein gegenwärtiger Stand erforderte, zu Vene» ihn indeß mehr eigener Trieb, inneres Bedürfniß, sein lebendiger Drang, allenthalben Gutes zu stiften, bestimmte. Seine einzige Zerstreuung und Erholung verschaffte ihm ein kleines, an sein Wohnhaus anstreifendeS Gärtchen (fiuerncilla). ES hatte dasselbe eine Aus dehnung von nur etlichen Fuß, es beherbergte etwa ein Dutzend Blumen, ein paar Bäume, darunter einen, welcher Pomeranzen trug, einen Weinstock und endlich einen auf etwas plumpe Weise aus Scherben von thönernen Gefäßen gemachten Springbrunnen. Doch dieses magere und winzige Gärtlein genügte vollkommen, Lope's schaffenden Genius zu erwärmen und zu nähren, eS be- herrschte ihn wie eine mächtige Fee, es vermochte ihn zu jeder Stunde und Minute, sein Flügelroß zu besteigen, cs locktc hervor und enthüllte den Schmuck und Rcichthum, die unvergleichliche Pracht dieses unerschöpflichen Geistes. Schaue man doch hin auf jene sprudelnden Wasserfälle, auf jene stolzen him- inelanstrcbcndcn Spitzsäulen, aus jenen Sce, über welchen unzählige Nachen mit schwellenden Segeln hintanzcn, Schwänen gleich, die mit entfalteten Flü geln, die Wasser «heilend, dahinschwimmen; erinnere man sich doch der unabseh- baren, mit dem schärfsten Auge nicht zu verfolgende» Platanen-Allee und der zu beiden Seiten prangenden Bildsäulen dcr großen Männcr aller Länder und Jahrhunderte u. s. w. u. s. w. Wo findet man alle diese Wunder und Herr lichkeiten? Wer hat diese Zaubcrwelt geschaffen« Lope. Und was ist's, das seiner Imagination diesen kühnen und erhabenen Schwung verliehen? Eben jenes schmale und dürftig auSgestattcte Gärtchen. Und wen cs verlangt, dem Meister die Freude an seinem Werke ganz nachzuempfinden, gleich ihm an dem Anblicke dieser seligen Gefilde sich zu erquicken, mit dem Hochgenuß, wie er, jene süßen, sanft säuselnde» Lüfte einzuschlürfen, niit einem Worte sich in Räume zu versetzen, wie sie mit so magischem Glanze selbst die größte Künstlerin, Mutter Natur, nicht zu gestalten vermag: dcr nehme bloß Lope's Brief an den Licentiaten Francisco de Rioja zur Hand; man lese ihn mit strenger Aufmerk, samkeit und lasse sich kein Jota entgehen. Gegen das Jahr >020 zeigt sich mit einem Male in Lope's Hause ei» hol des junges Mädchen, Namens Marcela, ein wahrer Schutzengel des schon an der Schwelle des GreiscnalterS stehenden Dichters. Wer, wird man fragen, war diese Marcela? Auch hierauf kann wieder nicht mit Bestimmtheit geant wortet werben. Montalvan spricht von ihr nur mit äußerster Zurückhaltung, als von einer nahen VcrnMndten Lope's. Und dieser selbst bezeichnete sie in mehreren seiner Schriften als den theuer« Gegenstand seiner Liebe. Bleibe nun Marcela's Herkunft immer räthsclhaft, so war sie, dies ist wenigstens klar und erwiesen, eine seltene und höchst ausgezeichnete Person. Indem ihr Lope, >620, eines seiner besten Stücke (kl remeüio e» la <Ieiniic>>a) widmet, richtete er folgende Worte an sie: „Ich habe in meinen jungen Jahren den Stoff hierzu aus Montemajor's „Diana" entlehnt, und du kannst dort die Geschichte Nach lesen, deren Wahrheit uns die Chroniken über jene Kriege verbürgen, welche unsere heldcnmüthigcn Ahnen mit den Arabern geführt. Fassest du hier mehr die Sache selbst ins Auge, als die Art und Weise, wie ich sie behandelt habe, ist dir die Wurzel und das Blut, aus dem du entsprossen, mehr werth und scheinen sie dir mehr Beachtung zu verdienen als ein günstiger Genuß, so er. weise meiner Arbeit die Gunst und die Ehre, sie durchzulesen, und merze mit deinem geläuterten Verstände die Mängel jenes Jugendversuchs hinweg. Denn trotz deinem noch so zarten Alter strahlt dein Geist schon in so vollem Glanze, daß ohne Zweifel die Natur, welch« ihn dem Himmel, dir zum Trost und zur Entschädigung für manche körperliche Gebrechen, abgefordert, ihn dir aus Ver- sehen zu frühzeitig verlichen hat. Dies ist wenigstens meine Meinung, und keiner von denen, die dich kennen gelernt, wird diese Sprache, den treuesten Ausdruck meiner innersten llebcrzeugung, für eine fade Schmeichelei nehmen. Gott behüte dich und mache dich glücklich, wie sehr.du auch immer vermöge des dir eigentümlichen Sinnes verhindert bist, cS wirklich zu werden, zumal wenn du mein Loos erben solltest! Doch in diesem Falle selbst dürfte vielleicht dein Herz dieselbe Erleichterung finden, wie ich sie in deiner Nähe fühle! Dein Vater." Daß das Geschick sich nicht sättigcn konnte, dem armcn Lope stets neue Wunden zu schlagen! In dem Augenblicke, wo er sich selig pries, ein so himm- lischeS Wesen wie Marcela uni sich zu haben, dachte sic, sicher von höheren Bc- weggründcn angespornt, sich von dem Manne, vesscn Stolz und Freude sie war, zu trcnncn. Im fünfzehnten Lebensjahre trat sie unter die Barfüßerinnen des Karmeliter-Ordens. Lope hat uns selbst dies Ereigniß in einem seiner an ziehendsten Briefe, nämlich in dem an Don Francisco de Herrera, mitgetheilt, und seine Erzählung hat eine echt nationellc Färbung, ein wahrhaft Spanisches Gepräge. „Eincs Tages, am frühen Morgen, erscheint Marcela auf meiner Studirstube. Sie wünscht, mir ein Vorhaben ernster Art zu entdecken. Sie wolle, sagt sic stotternd, sich vermählen, und ihr Auserwählter sep der Inbe griff aller Tugenden, aller Größe und Erhabenheit, wie sie noch nie ein Mensch besessen. Dieser Bräutigam, dieser Gatte war — derErlöser. Ich bemühe mich, sie zur Aenderung ihres Entschlusses zu bestimmen; umsonst, sie bleibt un- erschütterlich und legt das Gelübde ab." Ma» wird begreifen, was für ein schwerer Kampf sich in Lope's Gemüth zwischen seinen religiösen Empfindungen und der väterlichen Zuneigung entspann, die er für Marcela hegte. Sie,