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86 die Segnungen meiner Familie. Während die zartesten Liebkosungen memer Schwestern, während Ihre wohlwollenden Worte mich kaum einer geheimen Schwermut- entrissen, trieben mir die unsinnigen Sachen, die mir Mylord schrieb und die ich im Geheimen verschlang, das Feuer ins Gesicht, und mein Herz wogte auf, als ob es zerspringen wolle. O, mein theurer Onkel! wie mächtig ist doch das Lob, wie schwach und gebrechlich unser Herz, wenn wir cs öffnen. Die Schwäche, die mein Herz so plötzlich überfällt, während ich mich fest glaubte, ist ein Geheimniß für mich. Ich begreife nicht, wie ein junger Mann, den ich nicht kenne, mir einen Augenblick lang mehr Neigung hat ein flößen können als Sie und meine Schwestern. Eine so ungerechte, so blinde Empfindung kann nur eine Nachstellung des Satans seyn." „Als ich ihn das erstemal abwies, sagten Sie mir, ich möchte mich wohl bedenken; Sie forderten mich auf, meiner Neigung zu folgen; Sie wiederholten mir die heiligen Worte: „Es ist geschrieben, die Frau soll Vater und Mutter verlassen." Ich weiß, daß dies das Gesetz der alten Zeiten ist; aber jetzt, wo es so viele heirathssähige Mädchen gicbt, die sich nichts Besseres wünschen, glaube ich nicht, daß es den Männern schwer wird, sich häuslich einzurichten, und an diesem ersten Tage, wo mein Geist ruhig war und ich nichts für Mylord fühlte, schien cs mir, als müsse ich aus Mitleid für meine beiden armen Schwestern eine von der ihrigen so verschiedene Stellung ausschlagen. Seine Mutter hat mir allerdings gesagt, daß sie dieselben ausstatten und mit sich nehmen wolle; Sie, mein Onkel, können Ihren Stand nicht verlassen, und ich habe den Gedanken nicht ertragen können, mich von Ihnen und dem kleinen Hause, in dem wir glücklich leben, zu trennen, um schöne Kleider zu tragen und im Wagen einherzufahren, in Ländern, die ich nicht kenne. Sodann sagte ich mir, daß, da das Vermögen mich nicht zur Heirat mit Mylord würde bewegen können, ich auch nicht hoffen dürfte, durch Mittheilung des Vermögens meine Schwestern zu trösten, wenn sie in meiner neuen Familie nicht das Glück fin den sollten. Wer kann Alles wissen k Ich wäre vielleicht in der Ehe glücklich gewesen, und meine Schwestern würden, wenn sie das gesehen, vielleicht auch gewünscht haben, sich zu verheiraten, und vielleicht hätten sie es nicht gekonnt. Und hätten sie sich auch verheiratet, so würden sie vielleicht keine glückliche Ehe geführt haben. So wäre unser friedliches Daseyn zerstört worden, so hätte sich unser Glück in Sorgen, in Sehnsucht, in Mißvergnügen ohne Ende und Abhülfe verwandelt. Gewiß war mein Kopf gesund; ich sah an diesem Tage plötzlich und so klar, als ob ich in einem Buche läse, alle Uebclstände dieser Heirat; ich bewies sie Ihnen und überredete Sie, mich in meinem Ent schlusse zu befestigen, wenn ich schwankend werden sollte. Aber nach meiner Weigerung wurden die Klagen Mylords so laut, daß sie meine Vernunft ein schläferten, und obgleich ich ihm weder durch meine Handlungen noch durch meine Worte oder Blicke die geringste Hoffnung gegeben, so fiel ich doch heute auf meinem Zimmer in Ohnmacht, nachdem ich ihm in harten Ausdrücken ge schrieben, er möchte mich in Ruhe lassen und nie hoffen, meine Meinung zu ändern, und als ich wieder zu mir gekommen war, zerfloß ich in Thränen, als ob man mir Ihren Tod oder den einer meiner Schwester» hintcrbracht hätte. Erschreckt über diese Schwäche, und da ich die plötzliche Gewalt dieser Neigung nicht begriff, sah ich wohl ein, daß cs Zeit scy, einen unwiderruflichen Ent schluß zu fassen, da ich meiner selbst nicht sicher war. Ich habe also am Schluffe meiner Antwort an Mylord in wenigen Worten bemerkt, daß ich mich entfernen und nicht eher zurückkcbren würde, als bis er das Land verlassen hätte. Ich fügte hinzu, daß ich zu sehr seiner Ehre vertraue, um zu glauben, daß er ein junges Mädchen lange ohne Zuflucht, fern von ihrem Hause und ihren Aeltcrn umbcrirrcn lassen würde. Ich hoffe, daß er mich nicht auf seine Abreise wird warten lassen, und daß Sie, mein theurer Onkel, mich abholen werden, sobald er sich auf den Weg gemacht haben wird." „Denken Sie aber nicht, mein Onkel, daß das Opfer meine Kräfte über steige, und möge Ihre zu nachsichtige Güte Sie nicht auch diesmal bewegen, mich mcincm Entschlusse abwendig zu machen. Im Namen des Himmels! wenn Sie mich lieben, wenn Sie mich schätzen, wenn Sie glauben, daß meine Hoff nung nicht von dieser Welt ist, und daß ich wcrth bin, nach dem Ruhme Got tes zu streben, so sagen Sie meinen Schwestern nicht ein Wort; sie würden sich mir zu Füßen werfen und, ohne mich zu beugen, meinen Kampf erschweren. Hören Sie mich, theurer Onkel, mein theurer Beichtiger, ich weiß, was ich thue. Ich leide, aber ich kann leiden, nachdem ich eine Nacht im Gebete zu- gcbracht." Hier zeigte die Schrift eine Unterbrechung und im Folgenden eine festere Hand. „Mein Onkel, schelten Sie mich nicht. Ich habe Ihnen versprechen müssen, nie unserem Herrn oder der Jungfrau Maria oder den Heiligen ein Gelübde zu. leisten, ohne Sie vorher zu fragen. Verzeihen Sie mir, ich habe gesehen, daß Sie schwächer für mich sind als ich selbst, und ich habe mich durch ein unwiderrufliches Gelübde beim Sonnenaufgänge verpflichtet, im Jungfrauen- standc zu verbleiben. Ich habe nicht leichtsinnig gehandelt, das versichere ich Ihnen. Ich habe den heiligen Geist gebeten, mich zu erleuchten; ich habe meine Zeit gewählt. Der Morgenstern glänzte, und es war noch dunkle Nacht. Ich sagte zu mir, ich werde mich bedenken, bis die Helle des Tages diesen Stern verscheucht hat. Ich kniete nieder vor mcincm Fenster, dem Sonnen aufgänge zugewcndet, welcher das Zeichen ist der Ankunft des Menschensohnes auf Erden -, ich fühlte, daß die Gnade zu mir herniederstieg. Ja, ich fühlte es, denn je mehr die Kühle des Morgens meine zerschlagenen Glieder erquickte, desto mehr fühlte ich gleichsam einen Hauch des Himmels mein Herz erleichtern, und je mehr der Osten sich entflammte, desto mehr fühlte ich meine Hoffnung und meinen Glauben sich wieder beleben. Endlich, als der erste Strahl der Sonne die Hecke des Gartens überschritten batte, wurde ich von einer Art von Verzückung ergriffen, glaubte ich, das Antliy ces Herrn m dieser Feuerkugel strahlen zu sehen; mein Herz verging in Seufzern des Glücks, und ich stand auf in unwillkürlicher Bewegung, indem ich die Arme gegen ihn auöbreitete und ausricf: „Ich schwöre!" „Alles ist gesagt, mein Onkel; von der Heirat darf nicht mehr gesprochen werden-, seit einer halben Stunde fühle ich mich so freudig gestimmt, daß ich wohl einsehe, daß ich das gute Theil ergriffen und den Willen Gottes erfüllt habe. Weder Sie noch meine Schwestern sollen mir ein Verdienst daraus machen. Wenn Sie auch nicht da wären, so würde ich doch Gott diese Seele frei erhalten, die bis jetzt nur ihn angebetet und in dieser Liebe weder Leiden noch Täuschung noch Schrecken gefunden hat." „Jetzt reise ich nach Brescia; ich werde bei unserer blinden Cousine ab steigen; ich werde ihr sagen, daß Sie mich geschickt haben, um eine Alirrdecke zu kaufen, und ich werde Sie erwarten, mein theurer Onkel." Als Giulia und Luigina von diesem Briefe Kenntniß erhielten, wollten sie sich in Arpalice's Arme stürzen. Aber der Pfarrer, der zum Vorlesen die Stunde gewählt hatte, wo Arpalice ihre Blumen pflegte, bat sie, nicht davon zu sprechen. „Verdoppelt Eure Aufmerksamkeit und Zärtlichkeit gegen sie", sagte er. „Machet sie noch glücklicher, als Ihr sie jetzt macht, wenn es möglich ist. Lasset sie zuweilen in zarten Fällen hören, daß Ihr wisset, welcher außer ordentlichen Tugend sie fähig ist. Aber versprechet mir, daß Ihr Euch nie über diesen Gegenstand aussprechen wollt." Sie versprachen es und blieben ihrer Verpflichtung treu. Als ich den Pfarrer fragte, warum er dieses Schweigen so ausdrücklich gefordert habe, sagte er zu mir: „Jede erhabene That hat eine natürliche Erklärung, und die natürliche Erklärung schließt die erhabene That nicht aus. In Arpalice lebt ein unendlicher, ein chrcnwerthcr Stolz, wenn ich so sagen darf. Zugleich ist in ihr so viel Glauben und Geradheit, daß sie ihr Opfer als eine ganz geringe Sache betrachtet, während ihr Schwanken, ihre Neigung zu dem jungen Manne und die Sehnsucht, die sie erstickt hat, ihr als eine Schwäche erscheint, über die sie erröthet. Und ich, der ich alle Falten des Herzens kenne, weiß, daß ihre Schwestern, wenn sie die Größe ihres MutheS gerühmt hätten, sie mehr gedemüthigt als erfreut haben würden. Wer weiß, ob der Kopf der beicen Anderen nicht von eitler Neugierde entflammt seyn würde, wen» diese gefährliche Unterhaltung in Gang gekommen wäre. Wer weiß, ob Arpalice's Liebe nicht ans der Asche erstanden seyn würdet Uebcrdies sind alle mit dieser Ucbcreinkunft zufrieden: ich habe Giulia und Luigina sagen wollen, wie viel Dankbarkeit und Bewunderung sie ihrer Schwester schuldig wären. Hätte ich cs nicht gesagt, so würde ich Arpalice der verdoppelten Liebe beraubt haben, die sic als Lohn ihrer großen That verdient. Aber solche Tra gödien müssen in der tiefsten Stille des Bewußtseyns abgemacht werben und nur Gott zum Zeugen haben." „Uebrigcns", fügte er hinzu, „sind meine Richten durch eine unwandel bare Zärtlichkeit vereinigt geblieben. Das Pfarrhaus hat nichts von seiner Reinlichkeit verloren, der Garten nichts von seiner Schönheit. Arpalice ist frischer als je, wie Sie sehen ; noch immer wird gesungen, noch immer gelacht; noch immer wird die Nachfolge Christi vorgelescn und gebetet, und Gott segnet die einfachen Herzen. Wenn aber Jemand bei uns heiterer und zufriedener mit feinem Schicksale ist als die Anderen, so ist cs sicherlich Arpalice." Italien. Aus dem Leben eines Musikers. Blangini ist todt, in Stille, Vergessenheit und eigener Abspannung gestorben, ein anmuthiger Komponist, der seine Blüthentage gehabt, der seine Jugend mit Königen und Königinnen zugebracht an den Höfen von Frankreich und Deutschland, und der wenigstens drei Wochen der Liebhaber der schönen Fürstin Pauline gewesen. Er war ein geistvoller Mensch, naiv wie ein Kind, enthusiastisch wie ein Jtaliäncr, liebte die Musik bis zur Thorheit, die Malerei, ohne etwas davon zu verstehe», und die Frauen mit allen galanten Feinheiten, die Benscrade besingt. Fclir Blangini wurde geboren 1781 zu Turin; sein Vater war Jurist, das ganze Erbgut, welches er seiner Familie hinterließ, bestand in einigen, nicht musikalischen, Noten, aus denen ein Anrecht auf die Herrschaft Toricella für sie hervorgehen sollte. Blangini warf die Noten ins Feuer und wollte lieber die Tonleiter spielen lernen, als nach Jtaliänischen Herrschaften jagen, die im Werthc nicht höher ständen, als die Spanischen Schlösser. Seine Mutter, eine Genuesen» aus adligem Geschlechte, war, ungeachtet ihrer be- schränktcn Vcrmögensumständc, sehr gastfrei gegen die crilirten Franzosen von 1792. „Durch diese Gastfreundlichkeit", sagte Blangini, „hat sie uns auf würdige Weise die Thore Frankreichs geöffnet." Unter de» adligen Verbann ten, die zu dem Herzen und zur Börse der Madame Blangini ihre Zuflucht nahmcn, gedenke» wir der Frau von Saint S... mit cinem Worte. Sie hatte während des Erils selbst zu Turin den Herrn von Tro... gchcirathet. Berauscht von dem Glücke der Flitterwochen, beschlossen die jungen Gatten, nach Frankreich zurückzukehren. Madame Blangini wußte ihnen für diese ge fährliche Reise hundert Louisd'ors zu verschaffen. Sie reisten ab, der Mann zu Land, die Frau zu Meer, entschlossen, keine Mühsal und Gefahr zu scheuen, um nur das geliebte Vaterland wiedcrzuseheu. Sie langten zur Zeit des höchsten Schreckens in Paris an und fanden fick, um sich in der Furcht vor der Guillotine alsbald aufs neue zu trennen. Die junge Frau verkleidete sich als Bürgcrmädchen und arbeitete bei einer Näthcrin in aller Ruhe; wohin sich Herr von Tro... begab, weiß man nicht. Doch seine unglückliche Gattin be-