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Wöchentlich erscheinen tret Nummern. Pränumer-lionS- Prei« 22j Sgr. (j THIr.) vierteljährlich, 3 Thlr. für da« ganze Jahr, ohne Er höhung, in allen Theilen der Preusischen Monarchie. Magazin für die Man pränumerirt auf diese« Beiblatt der Allg. Pr. StaatS- Zeitung in Berlin in der Expedition (Mohren-Straße Nr. 34); in der Prooinz so wie im Autlanb» bei den Wohllidl. Post-Aemtern. Literatur des Auslandes. a-W. 97. Berlin, Montag den 14. August 1837. England. Wahl-Sccnm und Volksleben in England. Von Möry. Oxford, rs. Juli 1M. .... Die Reise nach Irland bade ich um eine Woche verschoben, um vorher die Manufaklur-Distrikle de« nördlichen Englands zu be suchen Stall einer Schilderung de« Irländischen Elend« empfangen Sie daher diesmal einen Bericht über da« Treiben bei den Englischen Wahlen, die eben im schärfsten Gange sind. Ich besitze weder Kennt- uisse, noch habe ich Zeil genug, polnisch gründlich auf de» Gegenstand einzugchen; aber was ich auf meinem Diligencen- und Eisenbahn-Fluge durch« Land zu beobachten Gelegenheit gehabt, da« will ich getreulich erzählen, ohne mich viel auf Reflexionen einzulaffen. Ich gebe nur schlechtweg wieder, wa« ich sah und Hörle, und will die Dinge nicht in meine Gedanken und Vorstellungen kleiden. Auf der Reise behält man auch nur zum Sehen Zeit — das Nachdenken findet sich erst, wenn man ruhig zu Hause sttzr. Zu London sah ich, ganz kurz nach dem Tode König Wilhelm «, die ersten Zurüstungen zu der großen Wahlschlacht, die aber »och sehr ruhig vor sich gingen. Die Parteien scharmuzirlen von weitem gegen einander; e« wurde» Lokale sür die Wahl-ComitöS gemiclbel und eingerichtet, Anschläge und Proklamationen an die Mauern geheftet, Fahnen umhergetragen und aufgepflanzt, die Streitkräfte von beiden Seiten eifrig, aber in bester Ordnung organisirt. Indem ich sah, wie kaltblütig man dabei zu Werke ging, schrieb ich es der größeren Klug heit und Erfahrung der Engländer, ihrer langen Praxis in Wahl- Angelegenheiten zu und zweifelte nicht daran, daß Britischer Ernst und Britisches Phlegma sie auch auf da« Wahlfeld und in die Volks-Ver sammlung begleiit. Ich sah mich um nach den viclberusene» McelingS und Husting«; ich sah mich um nach de» Kandidaten, die von Hau« zu Hau«, von Kramladen zu Kramladen um Stimmen werben gebe»; ich sah mich um, wo man mit Kartoffeln, Kohlköpfen und faulem Obst nach einem Redner werfe — ich wurde nichts dergleichen gewahr. Die Jeiteliräger und Mauerbekleber waren freilich febr geschäftig; aber ich war so ziemlich der Einzige, der sich damit aufhieli, die Anschläge an den Straßenecken zu lesen. So dauerte es di« zu dem Tage, an welchem der „ewig betrauerns- werthe^' König Wilhelm zu seinen Vorfahren beigesetzt wurde. Gleich mit Lew nächsten Morgen kamen alle Kennzeichen eine« lebhafteren Kampfe« in de» Straßen zum Vorschein. Die Comitö-Häuser wurden mit Fahne» und Teppichen von alle» Farben über und über behangen, und säst im Nu waren alle Straßen de« ungeheuren -ondo» zu beiden Seiten mit Mauer-Anschlägen in Weiß, Schwarz, Noth und Gelb tapeziert. Alle Minute» fuhren Omnibus den „Strand" entlang mit Zetteln oder Tafeln, worauf in großmächtigen Buchstaben die Namen der Kandida ten zu lesen waren: „Murrav sür Westminster!" „Leader und Evans!" „Hall für Marvlebone!" Diese Fuhrwerke verbreiteten sich durch die Stadt und versahen bei der Volksmaffe den Dienst von Cirkularen, um es mit den Namen der von den Wahl-Comitö« designirten Kan didaten bekannt zu machen. Da flatterten rothe Fahnen mit der In schrift: „Die Königin und die Kirche!" auf anderen la« man: „Die Königin und die Constitution!" „Die Königin und Reform!" auf manchen auch bloß „Reform!" schlechtweg, ohne jenen mildernden Bor, und Beisatz. Eine rechte Insurrektion von Wagen, von AnschlagS- Tasel», von Fahnen, von Wahlsprüchen war j» den Straßen loS; da« Volk aber ging noch immer ruhig seinen Geschäften nach und schien nicht darauf zu achten. Ein Tag später, und die Scene hatte sich schon geändert. Ich wußte mich sticht mehr zu lassen, so wuchsen mir die Riesenzettel und Proklamationen über den Kopf; an mehreren Punkten in dec äußeren Stadt brach Tumult au«, ich suchte mich in'« Freie zu retten. Da« Dorf Hampstead liegt auf einem annnttbigen Hügel vor London, etwa wie Montmorency vor Pari«; da hinauf richte ich meine Schlitte, aber Murrah, Eva»«, Leader und Hall verfolgen mich unablässig, ohne Barmherzigkeit, von Baum zu Baum: die Stämme sind beklebt, die Zweige behangen. Dort unter der schönbelaublen Hecke von Steinborn und wilden Rostn will ich ruhen und frei Athem schöpfen — aber der Steinborn und der Rosenstrauch ist durch die Fürsorge des Torv-Comitö sür Middlesex mit Thomas Wood und Pownall ausstasfirt. Ick rette mich nach Higb-gale, wo die entlegene, wenig betretene Brücke zwei Hügel mit einander verbindet und unter dem gewölbten Brückenbogen die Straße nach Belfort läuft; da stehen Trauerweiden mit melancho lisch niederhängrndcm Laube, Pappeln um den küble» Springbrunnen, dort am Abhänge junge schlanke Tannen, und überall am Wege lustig grünende Hecken und Spaliere — was rufen sic Euch zu? was ruft die ganze Englische Natur Euch heule zu? „Murray für Westminster! stimmt für Murray! stimmt für Marquis Ehandot! stimmt kür Har court!" — Ich nahm ein Pferd und ritt in den dichten Fichtenwald hinter Margaic, der einsam, düster und duftig ist wie die noch von Menschenhand nicht gelichteten Haiden der Bretagne; unter dem dun kelgrünen Dache des Nadellaubes gehen drei Ochsen ohne Hirten herum und schielen mit gesenktem Kopse und scheuem Auge nach etwas unge wöhnlichem Weißen, womit die Bäume überzogen sind. Auch hierher hat sich ein Häuflein de« unzählbaren Zcltelheerc« versprengt, und Murray, Evans, Pownall, wie sie Alle heißen, paradircn an den Fich- lcnstämme» in Schriftarten von jedem vorhandenen Kaliber, hier in bescheidenen Lateinische» Lettern, dort in kolossalen, tiefschaltirlen Ko- lumnar-Buchstabcn. — Weit, weil von den Wohnungen der Menschen müßt Ihr entfliehen, wenn Ihr in diesem Juli-Monat ländliche Rube und Stille genießen, wenn Ihr auch nur ein Körnlein ländlicher Poesie auflcsen wollt. Siehe da, ein kleiner Teich oder See, frisch und klar zwischen grünen Rasenufern, — und wer sitzt da auf der Rasenbank und medltirt in der Einsamkeit? gewiß ein Dichter, der sich au« dem gcräuschvollcn Treiben hierher gerettet hat, einer von den Tiefsinnigen und Empfindenden, von der „Schule des Sce'S". Ich trete den Phi losophen an, ich will mit ihm übeb die Poesie phanlasiren, die im klaren, spiegelbellen Wasser steckt; der Mann erwiederl meinen Gruß und schiebt mir eine Proclamation von Thomas Wood für Middlesex in die Hand. Er saß da, um Spaziergänger anzuwerben, und wartete mit Schmerzen, daß man ihn von seinem Posten ablösen sollte; die Rascnbank war ibm nicht weich und schwellend genug, und er balle sie hoch mit seinen Zetteln gepolstert. — Ich lasse den Mann sitzen und reite weiter. Ei» lieblicher Weg, üppiger Rasen, zu beide» Seiten mit Schlehdorn, Hagebutten und wilde» Nelke» doppelt eingefaßt; drüben die Hochwiese mit dem lachende» Roth des Heidekrautes übergossen: prachtvolle, breitästige Bäume, von der Natur selbst in eine Allee ge pflanzt, und an deren Ende ein einzeln gelegenes Haus, so still, so nett, so kunstlos wie das Häuschen im Walde, von dem unsere Kindermährchen erzählen, wohnlich, sauber, einladend, die Krone aller Englischen Cot tages. Wir sind bei Cricklewood. Hier findet man die köstlichste Bc- wirlhung zu einer Guinee sür die Person; echten Rahm bekömmt man zu trinken und das berühmte, unverfälschte Aele, von dem die Walter Scott'schcn Romane und Helden so würzig duften. Die Lage des Häuschen« ist entzückend schön, ei» Rosengarten dahinter; ein Rasen platz, dessen zarte Fläche sich unter dem leisesten Lustbauch kräuselt; ein Springbrunnen und darüber die allgegenwärtige Büste Nelson'«; eine kleine Kapelle zum Andenken an Waterloo; eine Terrasse mit weiter Aussicht und drauf ein Pavillon, wo man frühstückt. Der gegenwärtige Besitzer und einzige Bewohner der reizenden Anlage, Herr Edward Worthly, schloß mir den Pavillon auf. Bon außen überzog ibn ein Helles, grüne« Moo«, das lauter idyllische Gedanken weckte; drinnen, wa« fand ich? den unvermeidlichen, unausweichlichen „Murray sür Westminster!" In Gestalt von Omnibus, von Riesen-Patentbogen, von Fahnen, von Zettelmenschen, von Comitö-HauS-Schildern batte er mich verfolgt, und hier lag er wieder in fünfzig Exemplare», der Mensch mit dem häßlichen Namen, der wie Sand im Munde knirscht und mir die küße Milch von Cricklewood gerinnen macht. Und bei dem Allen ist Murray nicht für Westminster gewählt worden! lohnte es sich darum, die Wälder und die Felder in ihrer Ruhe zu stören? Meine Reise gj»g jm Fluge von London »ach Uorkshire, über Bir mingham, Manchester, dann nach Liverpool, nm von da nach Dublin überzusetzcn. I» jenen drei großen Handels- und Fabrikstädten fand ich Alles noch ruhig. In Birmingham fliegt ein Griechischer Tempel und ei» Völkischer Palast neben dem anderen auf; in Manchester klappern Maschinen u»d rollen Webstühle nm die Wette; in Liverpool war eben der große Portikus der Eisenbahn serlig geworden. Eine schöne und großartig ausgeführte Idee! auf zweiunddreißig mächtigen Säulen ruht die Wölbung, und darüber läuft der Eisenpfad, der den Hasen mit der großen Eisenbahn, die Weltmecrstraße mit der zukünftigen Europäischen Industrie-Straße verbindet. Ein Siegesbogen, der den Triumph de« HandelSgeiste« und der Civilisalion für späte Geschlechter bezeugen wird. Darum haben die Liverpooler auch in gerechtem Stolz eine Medaille geschlagen auf die vollbrachte große Bereinigung szreat juoction) ihrer Eisenbahn mit der großen zwischen Birmingham und Manchester. Solche Medaillen lob' ich mir, es gicbt keine von schönerem Korn und Geprägt. Welche Denkmünze auf Krieg und Sieg und Menschenschläch-