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275 ist di« allgemeinste Behandlnugsatt?" — „Gar keine anzuwcntcn. Diät und Aussicht sind die beste» Heilmittel, mit Ansnahiue einiger komplizirler Fälle besonderer Geistesstörungen." — „Wie lange brau chen die gelindesten .«.ranken zu ihrer Genesung?" — „Die Zeil ist sehr ungleich." — „Sind die Rückfälle sehr gewöhnlich?" Ich fiel wieder aus der Rolle. Keine Antwort. „Wie diele Kranken bekommen und verlieren Sic im Durchschnitt jährlich?" — Er sagte mir die Zahl. Ich war mit den bestimmten Fragen zu Ende: ich suhlte jene schwankenden Ideen, die wir Franzosen so sehr lieben und die die Uu- leibalmug würzen, aus meinen Lippen sich drängen. Ich stand im Begriff, mich aus einmal zu kompronutliren, als ein possierlich lustiger Gesang in dem Saale der weiblichen Irren mich unterbrach und von dem verächtlichen Stillschweigen des Doktors erlöste; der Gesang, oder vielmehr das Geheul, ertönte in dem Korridor wieder und turchlies die grosse Lrevpc hinab die ganze Anstalt. Bereits verschiedene Male batte ich es vernommen, ohne darauf zu achten. Es war ein armes Mäd chen von 2b Jahren, die sich in ihrer Wuth aus die Leute stürzte, des halb die Zwangs-Jacke tragen mutzte und nun so aus allen Kräften heulte, und zwar, wie mir der Doktor sagte, „Lag und Nacht hin durch". Elend. Laster und Krankheit batten sic so weit gebracht. Sie satz in einem Schilderhaus, aus welchem ich lisch mit Schauder den abgeschorcncn Kops hcrausgucken sehe, welchen sie so ganz wie ein wil des Thier in seinem Käfig bewegte, dazu nun noch ei» von de» An strengungen des Singens feucrroihcs Gesicht, dicke üpvige Lippen, welche lcho» an sich die Moral ihres Liedes verriclbcn, seuchic und buhlerische Augen, als ob sie eben noch in irgend einer Kneipe der Eiiv unter den Matrosen der Docks am Schenkiisch sätze. Der Doktor sagte ihr einige Worte, aber sie börtc nicht aus ihn; er legte ihr die Hand auf de» Kops, aber sic batte nicht einmal so viel Gesübl wie ein Hund, welchem mau schmeichelt; sic sang fort und wird sorisingen, bis ihre Brust zerspringt. Nur mit Mühe kann man sic eineu Augenblick unter brechen, um ihr mit Gewalt einige Nahrung zu reiche». Des Nachts bringt man sic in einen enlsernle» Winkel dec Anstalt, wo die furcht bare Heiterkeit ihre Unglucksgcfäbriinncn, die »och nicht allen Schlaf verloren baden, nicht wieder stören kann. Die Unglückliche hat Ge- dächlnitz für die Melodie, nicht aber für die Worte, welche gant un willkürlich gehen und kommen, und von ihrem Beistände, von ihrem ganzen früheren Leben, besitzt sic nichts, als die jämmerliche Erinnerung an die Melodie eines Gaffeiihauers. Ich glaube nicht, datz man etwas Traurigeres sehen kann, als diesen abgestumpften Körper, der durch wabnsinnige Gesänge seines verlorenen Beistandes spottet; und dennoch befand sich in demselben Zimmer, einige Schritte von dieser Unglück lichen, etwas noch Bcklazcnswcnberes, was mich ganz überwältigte. Es war ein anderes Mädchen ungefähr von demselben Aller, erst an demselben Morgen zur Anstalt gebracht, die man wegen ihrer autzer- ordenllichcu Wuth hatte binden müssen. Eie satz in einer Art ver- schlosseiicm Stuhl, welchen man bei dcnjcmgc» anwendet, die sich im höchsten Grade ter Wuth befinden und dabei ruhige Augenblicke haben. Es ist dies ein vorläufiges Mittel, welches hli,reicht, die Kranken fcst- zuballcn, ohne sic aufzurcgen. .Das arme Geschöpf Halle sich nach vielem Geschrei und Anstrengungen, uni sich ihrer Fesseln zu entledigen, plötzlich beruhigt, und als man sie mir zeigte, schic» sie ganz erschöpft zu sehn. Der Kops senkte sich aus die Knicc, überwältigt durch die körperliche Masse, welche der Wille nicht mehr zurückhicll, und gewisse auf dem enlblötzke» Hals und Schulten« kaum vernarbic Geschwüre, Spuren des Lasters, das, nachdem es ihren Verstand uniergrabeii, den- felben zuletzt gänzlich vernichtet batte, waren sichtbar. Aber wvber war das Laster entsprungen? Aus dem Elende. Bei den traurigen Gelagen der Arme» reiche» sich Laster, Elend und Wahnsinn die Hande. Das Mädchen zeigte einen Ucbcrrcst trüberer Schönheit; ihre mit Narben bedeckten Schullern waren von einem glänzenden Weitz; sic ballc cinc» zartcn Hals und starkcS Haar, welches noch au dcmsrlben Abend unter ter Schcere fallen solllc. Ich waglc nicht, den Doktor zu bitten, mir ihr Gesicht zu zeigen. Wenn ein Ucbcrrest von Schaan, her Grund war, Latz sie dasselbe verbarg — wie viel Borwürse würde ich mir nickt haben machen müssen, die letzte Spur von Verstand, die ihr geblieben, verletzt zu haben! Der Doktor aber ging in seiner Eigenschaft als Wiederbersteller des Verstandes nickst so blöde zu Werke, er hob ihr sansl den Kopf in die Höhe, wobei sie ansangs nachgab, als ob sic cingeschlafcn gewesen wäre; kaum jedoch hatte sie uns gesehen, so stietz sic einen unterdrückten Seufzer aus, wie ein keusches Mädchen, das man in scinec Unschuld überrasch,, entzog sich konvulsivisch der Hand deS Doktors und vergrub ihren Kopf wieder in ihrem Schootzc. Ich halte kaum Zeit gehabt, sic zu sehen; aber so schnell dieser Anblick auch vorubcrging, so schien es mir doch, datz ihr weicher und erschöpfter Blick nicht ber einer Wahnsinnigen war, und datz — entweder weil das Uebel sehr »cu war und noch nicht ganz das göttliche Ebenbild ver wischt hatte, oder weil ihr Wahnsinn" nur ei» Fieber gewesen — ihre Augen nur Schaam und Reue, die beiden edelsten Schmerzen vernünf tiger Wesen, ausdrückleu. Zitternd wie ei» Espenlaub verließ ich das Zimmer. Bis dalli» hatte ich den Lakonismus des Doktors geschont, aber in diesem Augen blick war meine GcmülbSbewegung so stark, datz ich nicht widerstehen konnte, ibn, wider Wille», in den „Uebcrstutz der Unterhaltung" sortzu- reißen und ibn fei» ganzes Leben hindurch sagen zu lassen, datz die größten Narren »ich, de» Irrenhäusern wohne». — „Glauben Sic nicht, mein Herr", sagte ich ihm mit bewegter Stimme, „datz es besser wäre, dieses arme Mädchen allein zu lassen, als sic mit jener für immer verlorenen Person, deren Anblick eine» gesunden Menschen verrückt mache» würde, in dasselbe Gemach zu sperren? .... Ich zweisie nickt, daß Sie es vielleicht gctban hätte», wenn Ihre Anstalt, anstatt in Sale und Kammern zum Zusammcnwobnc», in besondere Zellcn eingetllcili wäre ... Glauben Sie nicht, datz cs, da ter Wahnsinn dieses Mäd chens die Folge eines unordentlichen Lebenswandels ist, besser wäre, statt sie gleich bei ihrer Ankuusl mitte» unter die noch viel Wahnsin nigere», als sie selbst ist, zu bringen und ihr dadurch, so zu sagin, de» Stempel des Tollllauscs auszudrückcn — glauben Sie nicht, datz cs bester wäre, sie mst verständigeren und sanslmnlhigtre» Personen zu umgeben, welche, durch vrdenitiche Borstellungen, Haltung und Nulle ihre vielleicht mehr zerrüttete als zerstörte Bcrnunst zurückfül'ttr»? Mutz das Mädchen nolbwendiger Weise wallnstnnig sevn, weil man sic Ihnen als wahnsinnig überliesert Hal? Mutz dec Kerkermeister, wenn er einen Gefangenen erhält, aus dem Vcrhastbcsehl schließen, datz der Gefangene nicht unschtildig scv? — O, mein Herr, welch ein edles Amt verwalten Sie! Sie geben denen, welche sie nicht mrllr haben, die Berminst zu rück, Sic erwecken die Lobten, denn sie rufen die Seele des Menschen in den Körper des Ldicies zurück, aber wie viele Sorgen mag dieses Amt einem ernste» und ei»sickstsvoilen Mann, wie Sic es sind, mache»! Wie mitzlich u»d gefährlich ist dieses Studium, uud wie sehr mutz man besürckicu, datz die Schwierigkeiten den Arzt, welcher diese Wahnsinnigen zu behandeln Hai, abschrecke» nnd verhütten! , . , . Was ich Ihnen so eben sage, gilt vielleicht nicht von einem ernsic» imd seiner Gefühle su mächtigen Mann, wie man das Glück hat, dies in Ihrem Lande z» sevn, aber wenn ich hier nicht einen Tbeil meines BcrstantrS zurückge. lasscn habe, so kann ich nicht glauben, datz die Unglückliche, welche wii so eben gesehen, ganz und gar verrückt sep; ja, ich glaube vielmehr ganz gewitz, datz die Gcsellsckasl, die Sie ihr gegeben Haden, sic unheilbar verrückt mache» müsse," — Der Doktor gab eine einzige Antwort ans alle diese Fragen, die ich absichtlich nach jedem Sttllschweigen sorlgc- fübrt hatte, um ibn auss Aeutzersic zu lrciben. Wir waren nämlich unlen an der grotzc» Treppe angelangl, welche das Haus iu zwei ver schiedene Anstallcn Grill. Da reichst er mir auf gul Englisch die Hand und sagte: ..slime is nnkllinz mur« ko ho seen." (Mehr lsi hier nicht zu seh«».) Nachdem er mich noch mit Ansiand gegrützl, ging er hastig in sein Zimmer, und derselbe Diener, welcher mir die Thür zum Ein tritt geöffnet balle, öffnest sie mir zum HmauSsttlen. Ich ging mit der Ueberzcngung, datz der Doklor von mir und bon allen Franzosen im Allgemeine» die Idee hege» werde, datz wir die bo denloseste» Schwätzer über unnütze Dinge sehen, wenn er cs überhaupt jemals der Mühe werlb hält, über die Franzose» und über mich cinc Idcc bei sich auskommc» zu lassen. Nisard. (li. cl. ?) Hallam'S Europäische Literatur-Geschichte. Lateinische und Italiäuische Dichtkunst im sech zehnten Jahrhundert. Die drei ausgezeichnetsten Lateinischen Dichter Italiens in dem Zeilraume von IS20 bis Isis», der für diese Literatur bedeutender ge- wordcu ist, als irgend ein Zeitabschnitt nach der Wiederherstellung der Wisscnsckasstn, waren Sannazaro, Vida und Zracafiorio. Der Erste von ihnen, Sannazaro, auch Sa» Nazaro oder Actins Sincerus ge nannt, war rin Neapolitaner und Anhänger der Aragonesischen Linie der Könige dieses Landes. Daher folgte er dem Letzten derselben, Friedrich, nach seiner ungerechten Tbromnttctzung, nach Frankreich und blieb dort bis zum Tote seines Herrn. Unter dessen Negierung waren schon vor ISilZ viele seiner Dicklungen erschienen, das Hauplgedicht aber „von der Grbnrl der Jungfrau" (sie ziartu virKinis) ward erst im Jahre IS22 bekamst gemacht. Mai, Hal an demselben nickst mil Unrecht die Vermengung heidnischer Mythologie mil der Lehre des Evangeliums, wenigstens in der Sprache des Gedichls, geladell, aber maii dürste wohl mchl lcichl elwas Acbnlichcs an Neinheil, Eleganz und Wohlklaug des Versbaues finden. Wolle ohne klassische Auloriläl, zwcisclbasie Spracksorwcn nnd moderne Gedanken und Ansichlen, die in Lateinische» Versen so häufig sind, kommen in Samiazaro's Versen so gul wie gar nicht vor; denn sein reiner Geschmack Hal ibn rin so eckl Virailianisches Kolorit für dieselben erwählen lassen, und sein geübtes übr, verbunden mit der größten Leichtigkeit in Handhabung der Sprache, seine Verse so melodisch gemacht, datz er keinen Neben buhler zu scheuen braucht. Die Fischer-isklogc» des Sannazaro, welche noch mehr bekannt geworden sind, verdienen wenigstens dasselbe Lob: sic scheinen die Schönheit nnd Aumuib des herrliche» Golfes zu alhmeu, den sic beschreiben. I» seinen Elcgiem endlich kann er mit Tibull wetteifer». N»r da, wo Sannazaro nach lvrischcr Erhabenheit strebt, süblt man, datz er sich nicht in seiner Sphäre bewegt, die Gedanken siche» da»» unter dem Ausdrucke, uud er ist auch nicht frei von gc- zicrlen und geschraubten Wendlingen; im klebrigen aber dürslt es sehr schwierig sev», kalle und prosaische Slellen, wie wohl in den Werken anderer Neu-Lateinischer Dickster, in seinen Gcdichlm wabrzuncbmcn. Vida ans brcmona verdienl nach der Meinung Eimaer ein nicht geringeres Lod als Sannazaro; seine Lehrgedichte über die Dichtkunst und über das Schachspiel (H-acchia) wurden im Jahre 1327 gedruckt, seine Ebristiake, die allerdings den Namen eines episcken Gedichts ver dient, im Jahre ISN, nnd das Gedicht über den Seidenwurm slim». I>)x) im Jahre IS37 Vida'« Vorschriften und Lehren waren klar u»d verständig, und wir müssen besonders in seinem Schachspiel und in dem Gedichte rom Seidenwnrm die Kunst bewundern, mil welcher er bic abstraklcste» Thcoricc» und Beschreibungen, b>e sich ganz und gar »ickl sür eine pocttschc Darstellung z„ rignen scheinen, in seiner eleganten und klassischen Sprache auszubrücken versia,ideu hat. Die Ebrifiiadc isi, besonders wenn wir ans die poetische Sprache Rücksicht nehmen, kein so antzcrorbenliichcr Beweis von Vida's grotzc,n Talente, abrr dcr Gcgcusiand selbst ist geschickter gehandhabt als i» Samiazaro's ah„- lickem Gedichte. Uebcrbaupt siebt Vida^ trotz mancher glänzender Par- nren, muer dem» sich besonders dcr Schluß des zweiten Bucks vou der Dichtkunst auszrickntt. unter Leni Neapolitanischen Dickster. Sein