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Drwcmliw ersannen drei Nummern. Pranumerasions- Prei« 22^ Sgr. (j Tblr.) viertciiLhrlich, 3 Thlr. für düs ganze Jahr, ohne Er höhung, in allen Theilen der Prenhischen Monarchie. für die Man prämimerirt auf dieses Bowlan der Lüg. Pr. Staats- Zeiiung in Berlin in der Expedition (Mohren-Straße Nr. 34); in der Provinz so wie im Auslande bei den Wohllödl. Post - Aemtcrn. Literatur des Auslandes. 72. Berlin, Freitag den Itz. Juni 1837. Polen. ' Ein Blick auf die Polnische Literatur. Die Literatur, sagte Krau von Siai-l, ist der Ausdruck der Gesell schaft; das klingt recht schön, cs sragl sich aber, ob es eben so wahr -st. Warum die Literatur mehr als die Malerei, mehr als die bildende Kunst, als die Architektur und die Musik? Und warum überhaupt die schönen Künste mehr als die Wissenschaften? Wenn wir sagen wollten, die Botanik seh der Ausdruck de« Bodens, würde man uns da nicht in die Schule verweisen, um darin zu lernen, was Geognostc, Geosko- pie, Gevgonic, Gcostauk und Gconomic, genug, was alle Zweige der Geogenie sehens Die Literatur ist also nur ej» sehr unvollständiger Ausdruck der Gesellschaft, nur eine ihrer lausend Seilen. Auch müßte man stell vor allen Dingen über jene unbestimmten Begriffe „Literatur" und Gesellschaft" verständigen. Was ist die Literatur eines Lvlks k wo fängt sie ans wo endet sies bis wohin erstreckt sich ihr Gebiets Lie ausgezeichnetsten Geister sind darüber nicht einmal einig. Was die Gesellschaft betrifft, so dielet sie noch ein viel weiteres Feld zum Strei ten dar. Wenn man aber auch nicht zugeben kann, daß die geschriebene Li- tcralur eines Volks immer ein ganz treuer Spiegel ist, der das Leben dieses Volks zurückstrahlt, so ist doch nicht zu leugne», daß da, wo die Civilisalion noch nicht ihre »ivcllirendc Macht ausgcüdt Hal, die VolkS- Lileralur, die als Gesang oder Erzählung von Mund zu Munde gehl, der wahrste Ausdruck von dem Charakter des Volks ist, bei welchem sie sich gebildet und erhalten hat. Sonst würde mit dem Lode des Lich ters auch sein Werk dahin sehn. ES ist sehr zu bedauern, daß unS von den Gesängen und Volks- »agcn der alten Lechen nichts übrig geblieben. Ler Vergleich, den wir dann zwischen dieser traditionellen oder Volks-Poesie und der gcschrie, denen oder gelehrten Poesie hätten anstelle« können, wäre gewiß nicht zu Gunsten dieser letzteren ausgefallen. Dies beweisen wohl die Däni schen, Schwedischen, Schottischen und Deutschen Volkslieder, obgleich Liese auf ihrem Wege bis zu unS, das heißt bis auf das sechzehnte Jahrhundert, in welchem eine große Menge derselben gesammelt wur den, vermuthlich schon große Veränderungen erlitten Haden. Zwischen der überlieferten und der geschriebenen Poesie eines Volks ist derselbe Abstand wie zwischen Kunst und Natur, zwischen dem Menschlichen und Göttlichen. Zugegeben selbst, daß unsere moderne Poesie, sowohl durch die Schönheit ihrer Züge, wie durch die Weichheit und Anmuth ihrer Bewegungen, den Abel ihrer Haltung und die Zartheit ihres Fleisches, eine zweite Statue des Pygmalion oder, wenn man will, eine zweite Ariadne von Dannecker seh; aber wo ist das Feuer, das sie beseelte ? Die Polen besitzen einige Volkslieder, die dis ins fünfzehnte Jahr hundert reichen. Diese Lieder bestehen aus vierzeiligcn Strophen, heiße» Krakowiakcn und werden zum Tanz gesungen. Zaleski Hal eine Samm lung davon unter dem Titel; l^iesnie ziolslci« i rnslcie, Lemberg 1835, veranstaltet") Zn Ermangelung einer VolkSpvestc bietet uns die Polnische Lilc- ratur eine Menge trefflicher Chroniken und einige gute lyrische Gedichte dar, von denen hier eine kurze Uebcrstcdt folgen soll. Die jetzigen Haupt-Dialekte der Polnischen Sprache sind: I) Der Großpolmsche Dialekt, der im Großherzoglbum Posen gesprochen wird; 2) der Masu rische , in der Wojewodschast Masovir»; 3) der Kleinpolnischc Dialekt, in Galizien; 4) der Preußische oder Schlesische Dialekt, der von Ger manismen strotzt; 5) der Lillbauische Dialekt, dessen sich die meisten Polnische» Dichter unserer Zeit, namentlich auch Mickiewicz, bedient haben. Wir wollen hier nicht von dem Rcichthum Ler Polnischen Sprache reden, sondern nur erwähnen, daß die Polnischen Declina- tionen aus sieben Fällen bestehen, und daß verschiedene Zeiten der Conjngaüone» so seine Schäumungen auSdrückcn, daß eS unmöglich ist, sic in einer anderen Sprache anszudrückcu, außer etwa in dem alten Griechisch. Auch die Hauptwörter schmiegen sich mit bewundernSwer- lbcr Biegsamkeit allen Erfordernissen des genauesten Ausdrucks an; es yicbk keine Nuance per Größe, Ausdehnung, Beschaffenheit, Tiefe und dergleichen, die sich »ich, mit fast mathematischer Richtigkeit wiedcr- qcben ließe. Dieser glücklichen Eigenschaft ihrer Sprache, so wie der Freiheit ihrer Satzbildung, verdanken die Polen die Möglichkeit, daß sie alle Schönheiten und auch die feinsten Züge fremder Sprachen in ihr , ", Eine Deutsche Uedersetzung von 86 solcher Krakowiakcn bat Herr x. A. Märcker im zweiten Pande von Mundt's „Dioskuren" -Perlin, I8Z7- mitactheilt. Idiom übertragen können. Schwieriger jedoch wird es ihnen, bis Poesie angemessen wiederzugebcn; da nämlich der Accent fast immer auf der vorletzten Silbe liegt, so entsteht daraus oft eine unangenehme Monotonie; auch haben sich die Dichter die auf die neuesten Zeiten, gleich den Französischen, damit begnügt, die Silben, ohne Rücksicht auf die Quantität, zu zählen. Die Polnische Sprache ist einer der Haupl- zweigt der Slawischen. In den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrech nung strebte sie schon nach einer eigenen Form, sie wurde aber in ihrer Ausbildung durch das mit dem Christenthum eingeführte Latein behin dert. Vom vierzehnten Jahrhundert an mischten sich, in Folge der Einwanderung Deutscher ädoloinecn, Germanische Wörter hinein, beson der« in Alles, was sich aus Künste und Gewerbe bezieht. Erst im sechzehnten Jahrhundert erhielt die klassische Sprache ihre ganze Kraft und Reinheit. Es gelang ihr sogar, den Gebrauch des Lateinischen zu beschränken, welches damals die Hof- und Gelehrten-Sprache war. Aber im folgenden Jahrhundert gericth sie von neuem in Gefahr, und erst unter Stanislaus August nahm sie wieder einen edleren Schwung. Die Geschichte der Polnischen Literatur läßt sich in drei Abschnitte iheilcn. Der erste, der einen Zeitraum von vier Jahrhimderten umfaßt, begreift die Werke in sich, welche seit der Einführung des Chrisien- lhums in Polen bis zu der durch den Kardinal Hosius bewirkten Auf nahme der Jesuiten erschienen. Der zweite erstreckt sich über einen Zeitraum von ungcsähr zweihundert Jahren und umfaßt dic Werke, welche von der Begründung des Jesuitenordens in Polen bis zur Wie derherstellung der Wissenschaften unter Stanislaus LeszczynSki, und der dritte endlich die Werke, welche von da an bis auf unsere Tage er schienen sind. Die ältesten Schriften, deren dic Polnische Literatur gedenkt, sind die Lateinischen Rational - Chroniken von Marti» Gallus , der wahr scheinlich Kurek (Hahn) hieß und zu Anfänge de« zwölften Jahrhun derts lebte; die Chroniken von Vincenz Kadlubck und Boguphalus, Bischof von Posen, gestorben im Jahre 1253, die in eine einzige, 1768 in Warschau erschienene Sammlung vereinigt sind, und das t^lironioaa xuinnnniun zmickiüoum ot iinneratnruni romarmrum (Basel 1559), vou Marlin Sirzcmbski oder Polouus, Beichtvater des Papstes Niko laus Ili., der im Jahre 1279 starb. Aber nach einem so glänzenden Ansangc blieb die Polnische Literatur plötzlich in ihrem Laufe stehen, und erst unter Kasimir III. erhob sie sich wieder. Diesem ausgeklärten Fürsten verdankt man das Gesetzbuch, welches im Jahre 1349 versaßt wurde, und er war es auch, der in demselben Jahre die Universität Kra kau stiftete; diese Anstalt, die besonders im sechzehnten Jahrhundert eine so große Bedeutung sür die Wissenschaften erhielt, ward jedoch erst im Jahre 1400 von Wladislaus Jagiello mit Genehmigung des Papste« eröffnet. Im Jahre 1490 wurde zu Krakau dic erste Polnische Druckerei angelegt. Das erste bedeutende Werk, welches nach Eröffnung der Universität Krakau erschien, war die ausgezeichnete Geschichte des Johann Dlugosj oder Longinue, Bischvs« von Lemberg (1415 — 1480), betitelt „kisto- liae zwlonia« Iil>ri XIII". Aus derselbe» Zeit sittd dic ersten Pol nischen Druckschriften, die wir besitzen; die eine ist da« Psalterion der Königin Margarethe, ersten Gemahlin Ludwig'« I., König« von Polen und Ungarn (1383), wovon man da« Manuskript im St. Florians- Kloster bei Linz fand; da« andere, eine wichtige Sammlung von Na- lionaüEesetzen, dic im Jahre 1506 in Krakau bei Haller gedruckt und auf den Wunsch Königs Alexander vou dem Erzbischof von Gnesen, Johann Laski, geordnet wurde. Da« Jahrhundert Sigismunds « I. und Sigismund August s (1507 — 1572) wird von den Polen allge mein als da« goldene Zeitalter ihrer Literatur betrachtet. Sigismund I. unterließ nicht«, was Wissenschaften und Künste befördern konnte; er erhob sogar im Jahre 1535 sämmilichc Prosefforen der Universität Krakau in den Adelstand. Auch wurden seine Aufmunterungen und die seiner Nachfolger vom fchönstcn Erfolge gekrönt. Unter ihrer Re gierung reinigte sich dic Sprache, und das Lateinische wurde von den Literaten nicht mehr so häufig gebraucht; die klassischen Studien erhiel ten eine bessere Richtung. Das erste historische Werk, welches seit der Geschichte des Johann Longinue erschien, waren die Chroniken Joachim Bilski's, gedruckt zu Krakau im Jahre 1597. Die« ist die erste in der Volkssprache geschriebene Geschichte von Polen. Um dieselbe Zeil gab auch Lukas Gornicki, geboren 1515 und Sccrelair Sigismund Anguss'«, seine Geschichte der Krone Polen«, vrioje IV. Koranx palsleiöx, herau«. Diese Geschichte, die einen Zeitraum von 34 Jahren, von 1538 —I57L umsaßt, ist mit der größte» Unparteilichkeit geschrieben. Matthias Slryikowsti, geboren 1547, ArchidiakonuS vou Liefland, bat uns eine wichtige Chronik Lilthauens. au« den besten Quellen geschöpft, hinter-