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Wöchentlich erscheinen drei Nummern. Pränumerations- PreiS 22; Sgr. (^ Thlr.) vierteljährlich, Z Thlr. für da§ ganze Jahr, ohne Er höhung, in allen Theilen der Preussischen Monarchie. a g a für die Man pränumerirt aus dieser Beilsiail der Allg. Pr. Staats- Zeitung in Berlin in der Expedition (Mohren-Straße Nr. 34); in der Provinz so wie im Auslände bei den Wodllöbl. Post-Aeml«rn. Literatur des Auslandes. 62. Berlin, Mittwoch den 24. Mai cr 1837. England. Hallam'S Europäische Literatur-Geschichte. Ariosto und Bojardo. Ariosto ist nach Horner der LicblingSdichtcr von Europa geworden. Seine Anmuth und Lcichligkcit, seine klare und schnell dahiuströmendc Sprache, die Mannigfaltigkeit und Schönbek der Erfindung, die raschen Uebergäuge und Sprunge, die von Kritikern sonst wobl getadelt werden, von ihm aber gerade mit bewunderungswürdiger Kunst angewendel sind, um das Ermüdende längerer Erzählungen z„ unlcrbrechcn, baden ibm den Sieg über alle seine Nebenbuhler in der Popularität ihrer Dich tungen verschafft. Ungefähr sechzig 'Ausgaben des Orlanlln I'Huso er schienen im sechzehnten Jahrhundert, und Niemand, sagt Bernardo Tasso, er mochte einem Stande, Aller oder Range angeboren,-welcher es im mer war, gab sich zufrieden, wenn er das Gedicht nur ein cinzigeswal durchgelcsen balle. Wenn der Wechsel der Sillen und Denkungsweise diese Bewunderung i» einiger Hinsicht bceinlrächligl bat, wenn wir aufbören, für die Niuerlichkeil der edlen Paladine begriffen zu sryn, und ibre Kämpse viclmcbr etwas eintönig finden, so ist dies das gemeinsame Loos aller Dichtkunst, welche, da sie allein vermittelst des Rufes, dessen sie in einem bestimmten Zeitalter genoß, aus die Verehrung der Nach welt Anspruch machen kann, sich selbst dem Geiste ihrer Zeil anpassen muß. Dieser Geist lebt aber überall in Ariost'S Gedichten. Sein -Zeil- aller war ein Jabrbundert des Krieges, des Glanzes und der Galan terie, das Rittcrlcben war noch nicht aus dem wirklichen Leben ver drängt, und so strahlte diese Zeit in hundert bunten Farben aus dem Spiegel der Romantik in die Gegenwart eines später» Jahrhunderts hinüber. ES ist nülunlrc als ein Vorwurf für Ariosto ausgesprochen wor den, daß er nicht ernst genug sev und sogar einen leisen Verdacht er regt, als spotte er selbst über den Gegenstand seiner Dichtung. Ich kann nicht cinscben, sagt Hallam, daß er dies in einem höheren Grade ihue, als cs mit Geschmack und Verstand vertraglich ist. In dieser Beziehung beobachten die Dichter der fahrenden Ritterschaft eine gewisse Sluscnfolgc, wo Pulci (der Dichter des großen Morgan!) und Spenser (der Dichter der Fccnkonigin) auf der obersten Sluse sieben; dec erste verwebt, voll mulhwilliger Ironie und Frivolität, Heiliges mit Unhcili- gcm, dec zweite dagegen folg! dem begeisterten Fluge seiner Phantasie und kennl nur Minne und ritterliche Treue in seinen Schöpfungen. Zwischen ihnen sieben Bojardo, Ariosto und Berni (ter Verfasser einer Parodie oder Travestie des Orluneln innruvrol»), von denen Keiner die Sache so ernst und tief aufgesaßt bat, als Spenser, Keiner aber -auch so ironisch als Pulci. ES war nichl leicht, in Italien, seildem Pulci in seinem Mvrgantc Maggiore einmal die lächerliche und burleske Seile hervorgehobrn balle, wieder den ernsten Ton ausrechi zu erhallen, welchen die Spanier in ihren Rittcrgeschichlrn während des sechzehnten Jahrhunderts zu bcbauplcn wußten; man muß aber auch zngcbcu, daß derselbe mit ter Fröhlichkeit eines Ariost nicht übeicinstimmtt. Denn eben diese sorglose Bebagl ich keil, diese stets heitere Laune verleihen ja dem Gedichte des Ariosto eine so ausgezeichnete Anmulh. ES ist vielleicht nichl überflüssig, hier zu bemerken, wie so ganz übereinstimmend der Englische Gelehrte mit unseren grössten Deutschen Dichtern — die er mulbmaßlich gar nichl einmal kannte — urthcill, namentlich mit Goethe, in jener unübertrefflich schönen Stelle in Tor- auaio Tasso, wo er den Antonio Moniecalkio vom Ariost sagen läßt, daß auf wohlgestimmter Laute wild Der Wahnsinn hm und her zu wühlen scheint lind dock im schönsten Takt sich mäßig halt und mit Tieck, der so schön sagt, daß Ariost uns seine bunte, bezau bernde Welt in de» klarsten Azur einer himmlischen Lieblichkeit und behaglichen Ironie stelle. Weiter sprich, Hallam über den Tadel, den Ariost von einige» Kri tikern zu erfahren gehabt habe, weil sein Gedicht »ur eine Fortsetzung des Orlanilo inmnurata von Bojardo seh"). Vielleicht halte er ur- ') Dieses Gedicht, von bedeutenden poetischen Vorzügen, ist in Italien, wo die Vermische Umgestaltung den echten Uiümäo imrmormu verdrängt hatte, so wie in Deutschland, fast dreihundert Jahre lang so gut wie ganz unbeach tet geblieben. Erst im Jahre 18ZZ erschien in London ein Abdruck desselben, von dem Professor der Jtalianischen Literatur, Antonio Panizzi, und in dem selben Jahre ein noch reicher ausgestattcter Abdruck, von Adolf Wagner iu Leipzig, im Fleischcrschcn UM-mo. Für Deutsche Leie" wird das Gedlchr durch die meisterhafte Verdeutschung von I. D. Gries cStuttgart, tW, 1836) r,,ui noch zugänglicher werden, der seine Verdienste durch den kri- sprünglich gar keinen ändert» Plan, als ciiie anziehenbe Geschichte in einer etwas besseren Art sorlzusctzcn, als vor ibm Agostini gelbem Halle, und damit mag auch wohl die Nachricht zusammenhängen, daß er zuerst nur einige wenige Gesänge geschrieben habe, bloß um seinen Freunden zu gefallen. Jedenfalls aber ist cs ausfallend, daß ei» so großer und berühmter Dichter eigentlich nichts mehr gewesen sehn soll, als der Fort- sctzcr eines anderen, der so kurze Zeit, vor ihm gelebt hatte, und wenn Salviati und andere Jialiaucr dies dnrch das Beispiel des Homer ver- lheidige» wollen, so erinnert Hallam ganz paffend dagegen, daß cs doch etwas Anderes sch, ein Nilleegedichl zu schreiben, als ein episches Ge dicht. Allerdings muß man eigentlich die Geschichte des Orlnncko ina- iunralu kennen, wenn man die des Oriancln turioso veistchen will, und eben so können wir die Jliadc Homers nicht anders ansehen, den» als ei» Bruchstück der Trojanischen Geschichte. Die Zeitgenossen dieses Dichters aber merkten ans einen solchen Zusammenhang zwischen Homer und frühere» Sänger» weniger, da ihnen der ganze Sagenkreis von Troja hinlänglich bekannt war, Ariost's Lcscr dagegen waren im Allge meinen mit dem Gedichte seines Vorgängers weit weniger bekannt. Den noch Hal die Erfahrung auch hier bewiesen, daß die Stimme des Pu blikums nichl immer ein Wiederhall ist von de» Ausstellungen kerKunst- richler. Denn das Pnbliknm girbl höchsten« den Mangel einer vor herrschenden und durchgehenden Einheil im Orlancln furioso zu, ohne sich aber um dieselbe scbr zu kümmern, da cs das Gedicht meistens in einzelnen, abgerissenen Theilen zu lesen pslegt. Die einzige Einheit be steht nur in der Liebe und im voraus angrkündiglcn Hciralh Nogcr'S und Bendamaule'S, welche als die mythischen Stamm-Aellern des Fürst lichen Hauses Este gellen, und gerade hierdurch gewann Ariost nicht, ter sich dazn bergab, der Eitelkeit eines kleinen Fürsien zu schmeicheln. Die Erfindung ist in Ariost's Gedicht weniger originell al« in dem des Bojardo, aber sie ist dasür ergötzlicher und mannigfaltiger. Die Mährchc» der alte» Mythologie und der netteren Rillcrwclt boken ihm bezaubernd schöne Episoden dar, wie die von Olympia und Biren, von Ariodanie »nd Einicvra, von Cloridan und Mcdoro, von Ferbino und Isabella. Auch ist er besser bekannt mit den Lateinischen Dichter» oder weiß sie wenigste»« besser zu gebrauche», al« sein Vorgänger. Die plötzlichen Ucberzänge und Sprünge aber, ost mitte» i» einem Gesänge oder gar in einer Stanze, die jeder Leser de« Ariost kennt, verdankt er dem Bojardo, der hier», die romantischen Dichtungen eine« früheren Zeitalters sich zum Muster genommen hatte. Wir müsse» also gerecht scy» und zugeben, daß Bo,ardo von diesen namenlosen Dichtern (na- mele.-s die Eigenthümlichkeitc» entlehnte, durch die sich der Eharakier seiner Helden attszeichnet, zugleich aber auch, daß Ariosto ihin hierin tcineswege« mit ängstlicher Genauigkeit uachfolgte. Sein Orlando Hal daher weniger von scner edlen Einfachheit und sein Astolfo weniger von jener heileren Prahlerei, welche die hervorstechenden Merk male dieser Helden in de» »duzen Sichlern dieses Sagenkreises zu seyn Psicgkn. Im Folgende» kommt Hallam ans Ariost's Sprache. Er erwähnt zuerst des Eoruiaui, eines Zlallänischeu KunstrichierS, ter es am Ariosto Hervorbob, daß er mil Metapher» sehr sparsam gewcse» sey, »»d daß er sich gcmciiiiglich mit de» deutlichste» Ausdrücke» begnügt habe, wodurch der Ausdruck, wenn er auch ,sicht gerade an Würde ge wann, doch eine größere Klarheit erhielt. Man kann noch binzufügen, sagt Hallam, daß cr nicht immer glücklich j„ bildlichen Ausdrücken war, daß er sogar mitunter gezwungen erscheint und nicht selten über da« richtige Maaß hinausgebl. Aber eben diese Durchsichtigkeit seine« Stil« ist jweisrlsohne die Ursache, daß ihn eben sowohl der große Hause liest und au ibm Behagen findet, als die Gebildeten, und eben dies scheint auch die Ursache zu scy», daß er in eine andere Sprache, die weniger musikalisch ist als die scinige, «ich! zur Befriedigung der Leser über tragen werden kann, oder dann der Vorzüge ermangelt, durch welche der cinsachstc Jtaliänische Bers, vermittelst des UeberffüsseS an reichen und wohllautenden Reimen und der Freiheit der Umgangssprache, sich zu einer in andere» Sprache» ungckanutcn Höhe erhebt.") Als Galilei gefragt wurde, durch welche Mittel cr es dahin gebracht habe, ftincu tisch berichtigten Tert und eine gelehrte Einleitung noch vermehrt hat, wor über die Jahrbücher s. wisscnsch. xnrik, 1837. Nr. «>—'.>2, ausführlicher be richtet haben. Ucber die Verbindung VcS Vojardo'fchcn «nd Arivsto'schen Gedichtes hat Wilh. Müller, im „Hermes - Nr. XVIII. lvom Jahre isrZ) L> AU—27l, leienswerthe Bemerkungen geliefert . ') Ware Herr Hallam i» Deutscher Literatur so bewandert, wie sein Landsmann, Herr Thomas Earl»lc, der i-yr in London Vorlciungen nbcr MvhtiaS und die Nibelungen halt, was aus den wenigsten Deutschen Uni versitären vorkommt, so würbe cr in einer Stclte, wie die obige ist, nicht un seren Gries und Streckfuß unerwähnt gelassen haben.