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Wöchentlich erscheinen drei Nummern. Pränumerano»»> Preis 22j Sgr. (; Thle.) vierteljährlich, Z Thlr. für Has ganze Jahr, a> hne Er höhung, in alten Theilen der Premüschc» Monarchie. für die Man vkänumerirt aus diese» Beiblatt der Allg. Pr StaatS- Zeltunz in Reelin in der Expedition (Mohren-Straße Nr. Z4); in der Provinz so wie im Auslande bel den WohUöbl. Post - Aemtern. Literatur des Auslandes. Berlin, Freitag den 10. Mär» 1837. Frankreich. Die heutigen Theaterdichter der Franzosen.') i. Scribe. Unter allen Gattungen der neueren Poesie ist cs nur die drama tische, welcher die Kritik besonders ansmerksam zu folge» scheint, — scheint, sage ich, denn wenn man der Sache friünütbig aus den Grund gebt, so stellt sich heraus, und wie sagen damit gewiß Niemanden etwas Neues, Laß keine Kritik so viel Lärm macht und so wenig chut, wie die dramatische. Allwöchentlich schießen die Feuilletons in die Höbe, ihre Zahl ist Legion, und bringen zu Protokoll, was für neue Stucke man vom Montage bis zum Sonnabend gegeben hat; aber mehr als Protokoll ist es auch nicht. Der Rezensent fiibrt gewissenhaft an, welche Schauspieler in dieser oder jener Rolle debünrl haben, welche mit Applaus begrüßt oder begleitet worden sind; er erzählt die Fabel des Stückes bis zum letzten Akt und bis zur letzten Scene, und dann ruht er aus seiner Arbeit aus, als hätte er ein recht sinnreiches und schweres Kapitel über die Kunst zu Tage gefordert. An einem so abgefaßten Feuilleton ist nun eigentlich nichts zu loben und nichts zu tadeln, ihm gebührt gar kein Platz in der Literatur. Ls begnügt sich, Register darüber zu führen, was beifällig ausgenommen und was burch- gefallen sev, und begiebt sich alles eigenen Vorlheils. Gleichwohl ist es hoch an der Zeil, daß unsere Theaterkritik in den Feuilletons einigermaßen ernster und gehaltreicher werde. Ls ist dahin gekommen, daß unsere dramatische Poesie bei aller anscheinenden Fruchtbarkeit doch im Grunde so armselig und dürftig beschaffen ist, wie keine andere. Die Beweise sind mit Händen zu greisen. Nehmen wir zuerst denjenigen dramatischen Schriftsteller vor, welcher die grüßte PopularilLr und dabei die schwächsten literarischen Ligenschasleu besitzt, Herrn Scribe. Wir haben in neuerer Zeit vier Stücke von ihm gese hen, bei denen ihm keiner von seinen unzähligen Mitarbeitern geholfen hat: I« mariage charterst, keriranil et liatan, I'-unbitioux und ganz, jüngst l» eamarallerie, alle vier sind gänzlich arm an Erfindung und dienen zum vollgültigen Beweis, daß Herr Scribe nichts Großes und Rechtes produziren kann. Und doch haben Ijertranst et liatan und la eamarailerie beim große» Publikum de» rauschcndste» Beifall gefunden. E« steht nicht zu leugnen, nur muß man es richtig erklären. Der große Applaus am Boulevard Bonne« Nouvelle und in der Rue Richelieu macht weder den, Autor »och dem Publikum so ungemri» große Ehre Herr Scribe war ganz der Manu dazu, bei Zeiten zu merken, wie in der Gesellschaft eine Scheidung eintrat zwifchen den enthusiastischen und den positiven Geistern, zwischen de» Uederzeugun- gen, den Leidenschaften, wenn man will, und den Interessen. LS war seinem Scharfsinn leicht, zu entdecken, wie das Rech, meistens gegen die Thalsachen, die Tugend gegen die Verhältnisse zurückstebrn muß, und wie der reichste Egoist den Armen auslachl, der seine Pflicht thut. So wirst er auf der einen Seite die großmüthigen Gesinnungen, die so leicht in ihrem Glauben getäuscht werden, und die alberne Linsalt, die sich alles Mögliche einredet, — er wirft diese beiden Charakter-Typen zusammen und stellt sie als gleich mitleidswürdig dar; aus der anderen Seile steht ihm der Lrsolg und mithin auch die Klugheit. Da« sind die Axiome seiner dramatischen Moral, die freilich in der heutigen Weil so viel und mehr als auf den Brettern gilt, und mit diesem Ideenvor- ratb macht er sich auf den Weg, der breit und offen vor ihm liegt. „Die Reichen haben Recht, daß 'sie reich sind, und von den Armen ist r< dumm, daß sie arm sind"; dieses Evangelium ist der Ausgangspunkt und da« Fiel der neuen Scribeschen Komödie. Nu» sollte man mei nen, wenn die« Evangelium so in einem fort verkündet wird, so müßte es am Ende eintönig und langweilig ausfallen Thut nicht«, Herr Scribe kennt sein Publikum und hat längst berauSgebracht, daß man nicht immer Neue« zu bringen braucht, um Glück zu machen. Diese» ewige Wenden und Wiederkäuen einer und derselben Idee verhilft ihm sogar gewissermaßen zur Popularität, will beißen zur gemeinen Verständlich keit. Der große Hause macht immer gern mit alte» Spaßen neue Be- katzutschast, und wenn man ihm dazu verhilft, daß er aus einer Sache klug wird, ohne daß es ihm viel Nachdenken und Aufmerksamkeit kostet, so gefällt ihm da« gar ungemein. Ein Witz, der zum hundertsten Mal vorkommt, wird natürlich gleich verstanden, da freuen sich die Leute denn ihre» eigenen Witzes und Scharfsinnes, wie sie da« so schön und schnell aussassen. Der ausgedienteste, der invalideste Gedanke macht Nach dtp kevue 6^« AoxlEW bei diesem Hausen da« meiste Glück. Diese« Rezept kennt Herr Scribe und weiß es in allen Fälle» meisterlich zu brauchen; darin besteht da« Geheimuiß seines vielen Glücke«. U Casimir Delavigne. Herrn Casimir Delavigne « dramatischer Ruf beruht nun freilich auf ungleich bessere» Ansprüchen; und doch müssen wir sagen, die Gründe, die Eigenschaften, die sein Glück in der dramatischen Lauf bahn gemacht, liege» eigentlich nicht innerhalb des Wesen« der Litera tur. sondern in Nebendinge». Delavigne verdient sich seinen Beifäll nicht sowohl durch da«, was er leistet, als vielmehr durch da«, wa« er vermeidet. Vor allen Dingen enthält er sich aller Erfindung; den» wer erfinden will, der setzt den Fuß in« Ungewisse, der riskirl; Herr Delavigne aber ist vorsichtig, er will immer fein sicher geben. Darum bület er sich sorgfältig vor alle» gewagten Neuerungen, so lange da« Publikum sic noch nicht durch beifällige Aufnahme legilimirl hat; dem Ungewöhnliche», an dem der Geschmack des Publikum« zur Stunde noch Anstoß nehmen könnte, geht er au« dem Wege, wie der ärgste» Todsünde; kurz, au« allen den Fehlern, die er nicht begangen oder nicht zu begehe» gewagt bat, summirt sich für Delavigne gewissermaßen eine negative Berühmtheit zusammen, deren Kredit eben darum auf breiterem Grunde steht, als dessen andere Dichter in unseren Tagen sich rühmen können. Nun düisen wir aber auch nicht ungerecht gegen ihn seyn; er lbul mit unverdrossener Mühe und Ausdauer das Seinige, sich in diesem Ansehen mit Ehren zu erhalten. Macht er nicht« Großes, Neues, Geniales, so macht er doch, was er kann und so gut crs kann. In der Anlage und Durchführung seiner Stücke, in der Wahl und Charakteristik seiner Personen, im Technischen des Vers baues, in Cäsur und Reim läßt er sich» angelegen seyn, alle Pflich ten eines rechtschaffenen Dichters zu erfüllen. Kann er die größten Vorzüge nicht erreichen, so möchte er doch gern auch im Kleinsten feh lerlos seyn. Auch zum Genialen, Tiefsinnigen, Pathetischen nimmt er mit bestem Wille» seinen Anlauf, und es ist offenbar nicht seine Schuld, wenn er'« nicht über seine Kräfte hinauSdnnzt Die Natur bat ih» mm einmal nicht zum schöpferischen Dichter gemacht, und da kann Fleiß und Mühe nicht nachbelsen. Bekanntlich ist Delavigne bei Gelegenheit der Geburt des König« von Rom zum erstenmal als Dichter ausgetreten, und es lohnt der Mühe, ihm nachzugchcn und zur Einsicht zu kommen, wie er sich von damals bi» heut« durch- und emporgsbrachl bat. Auf welche Hülfs- miitel ba, er sich gestützt, mit welchen Tendenzen ist er in den Bund getreten, au welcher Seite ba, er da» Ppblikum zu fassen und seine Neigung zu erforschen gewußt, und welche poetische Aufgabe hat er sich überhaupt gestellt? Mit einem Wort, wie läßt sich seine Berühmtheit historisch erkläre»? Die Basts für alle Operationen Delavigne « beißt unverbrüchlicher Respekt vor dem, was eben Tradition ist. Er hat itiemal« daran ge glaubt, daß matt mit beständigen Nachahmungen Eorneille'S und Mo- liere'S ein geeignetes Reperloir für da» heutige Theater zu Stande brinzcn könne; aber gleichwohl rückte er mit der Losung Tartüffe und Cinna in das dramatische Feld. Seine Anerkennung dieser beide» Namen sicherte ihm den Beifall und die Gunst der großen Mehrzahl, während er doch im Stillen von den klassischen Mustern des 17lm Jahrhunderts so viel beibehallen oder so viel daran ändern konnte, al« ihm bequem war. Und man muß sagen, Delavigue's Ruf ist unter diesem wobllhätigen Schutz« der Tradition vortrefflich groß gediehen. Seine „Sicilianifche Vesper" ist freilich keine Fortsetzung Corneille'«, denn im Grunde ist sie doch nicht», als sonorer Tragödicnstyl. Seine „Schule der Alten" ist freilich keine Fortsetzung Moliöre's, denn im Grunde ist es nur der Stoff zu einer geistreichen Epistel in Dialog geklei det Aber der kluge Vater hat es verstanden, den beiden Kindern weiland Moliöre und weiland Corneille zu Palben zu geben, er nimmt de» Französisch-literarischen Patriotismus für sie in Anspruch, er proklamirt im Prolog oder auch mitten im Dialog seinen Respekt vor den Dich tern de« goldene» Säkulums, und siebe da, diese« Glaubensbekenntniß gilt bei einer Menge guter Leute als ei»e Gewähr seines Genies. Da bei wird denn da« Publikum in seiner Allgläubigkeit eigentlich mystifi- zut, aber auf eine so unschuldige Weise, daß wir es ihm nicht gar zu schlimm anrechnen wollen. Wer die Finte durchschaut, nun, der nimmt die Erklärungen des Dichter«, daß er sich zu diesen oder jene» Grund sätzen bekenne, für da« aus, was sie werlh sind, und ist Zeuge seinetz Erfolge«, ohne darum von sei»»» Leistungen eine höhere Meinung zu soffen. (Fortsetzung folgt.)