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Wöchentlich erscheinen drei Nummern. Prännmerations- Preis 22j Sgr. (; Tblr.) vierteljährlich, 3 Tblr. jüc das ganze Jahr, ohne Er höhung, in allen Theilen der Preußische» Monarchie. Magazin für die Man pränumerirt auf diese« Bciölatt der Allg. Pr. Staat«- Aeitung in Berlin in der Expedition (Mohren - Straße Nr. 34); in der Provinz so wie im Ausland« bei den Wohllibl. Post - Aemtern. Literatur des Auslandes. 24. Berlin, Freitag den 24. Februar 1837. Frankreich. Die Französische Philosophie unserer Zeit. (Nach der Hiklivtkeque Hniver-rette.) Der Stand der Philosophie in einem Lande läßt sich aus zwei wesentlich verschiedenen Gesichtspunkten betrachten: nämlich, entweder will mar, wissen, wie sich die Philosophie äußerlich manifestirt und welche Verbreitung sie gewonnen hat, oder man will in ihr inneres Leden, in die Gründe ihrer Entwickelung und ihres Fortschrittes Ein sicht gewinnen. Im ersten Falle lautet die Frage: wie weit und in welchem Grade ist die Philosophie populair geworden, im anderen Falle: wohin ist ihre Entwickelung als einer Wissenschaft gediehene Wer Ant wort sucht, der begebe sich im ersten Falle in die zahlreiche Gesellschaft der Gebildeten, unter das intelligente Volk, und sehe zu, wie die Phi losophie in diesen Kreisen ausgenommen wird; oder er suche im zweiten Falle Eingang in den wenig zahlreichen Kreis der wissenschaftlichen Denker, an deren geistige Wirksamkeit aller wahre Fortschritt der Phi losophie gebunden ist. Diese zwiefache Betrachtungsweise ist übrigens unerläßlich; denn die Differenz zwischen den beiden bezeichneten Sphären ist in jeder Hinsicht bedeutend, und man würde seht gehen, wenn man aus Beobachtungen, die für das eine Gebiet gelten, Schlußfolgcn auf das andere ziehen wollte. Es ist möglich, daß eine Nation Philosophen zählt, deren Forschungen die intellektuelle Wissenschaft ungemeine Fort schritte verdankt, ohne daß außerhalb ihrer Studierzimmer und außer halb des Kreises ihrer nächsten Schüler eine Bewegung, ei» Interesse für die Philosophie erwachte. Es ist andererseits möglich, daß die Philosophie in einer Nation sehr viele Köpfe einnimmt, sehr viel An theil, viele Wißbegier rege macht, und daß trotz dem ihr innerer Fort schritt sich aus nicht« reduzirt. Um es kurz zu sage», die Philosophie kann in die Breite, sie kann in die Tiefe wachsen, aber eins hängt mit dem anderen nicht zusammen. Wir wollen uns daher nach Raum und Kräslen bescheiden und uns hier zunächst auf die eine Hälfte der Be trachtung beschränken. ES soll demnach im Folgenden von der populai- ren Ausbreitung und Geltung der Philosophie die Rede sehn, natürlich das Wort populair in seiner besten und höchsten Bedeutung genommen. Ler Leser vrrsetze sich, wenn er es kann, eine Weile in die Zeit vor der Französischen Revolution, in da« ablaufende I8le Jahrhundert, zurück. Damals schien eine neue Aera für die Philosophie auszugchen, eine Feil lebendigen Fortschrittes und äußeren Erfolge«. Eine nicht geringe Fahl von Lenkern trat mit wissenschaftlichen Arbeiten, Vcr- suchcn und Forschungen hervor lind schien einen fruchtbaren Kern, einen starken organische» Mittelpunkt für die intellektuelle Wissenschaft abgeben zu wollen. Aus Frankreich waren seit einem halben Säkulum die aus gezeichnetsten Beobachter und Dolmetscher der Natur in allen ihren Reichen bervorgegangen; jetzt, so hoffte man, würden auch die Rätbsel des Menschengeistes von Frankreich au« ihre befriedigende und glän zende Deutung gewinnen. Die beredteste» Lehrer, Schriftsteller voll Talent und Gcwandheit saßen und schrieben inmitten einer ausborchen- de» Jugend; da wurden alle Fragen erörtert über das Wissen des Menschen von seiner Seele, über die Geschichte und den Wechsel der philosophischen Meinungen, über Menschenrecht und Menschenpflicht. ES war vielleicht kein tiefer, kein höchst umfassender, aber doch gewiß ein anziehender, nützlicher, heilsamer Unterricht, eine Vorbereitung für die ernsteren Aufgaben des Denkens. Noch waren die Geister in Per großen Mehrzahl nicht gewöhnt und geübt, ihr Augenmerk auf die höchste», übersinnlichste» Objekte der reinen Intelligenz zu richten; der Lehrer mußte zu ihnen bimrelen, sich aus gleiche Höhe mit ihnen stel len, ihr Fassungsvermögen zur Philosophie heranbilde». Für sich abge sondert betrachtet, mochte cs wenig sehn, was im I8len Jahrhundert für die Philosophie gewirkt wurde, aber es war sehr viel im Vergleich mit früheren Feiten, es war ein großer, erster Schritt auf einer Bahn, die man seit vielen Menschenaltern nicht betreten. Leider hat es sich gezeigt daß die an solchen Anfang geknüpften Hoffnungen voreilig gewesen: nicht allein ist die Erfüllung auSgeblie- ben, sondern, wen» man sich in der Gegenwart umsteht, so findet man, daß man auch de» Hoffnungen auf lange Zeit hinaus Valet sagen muß. Die Fundgruben der PtzUmPphit stehen verlassen; nur wenige Denker arbeiten in der Einsamkeit, und es stört fie fast Niemand in ihrem Fleiß, al« eine gewisse Klaffe von Cbarlalane», die mit Philosophie prunken wollen. Ueberal: sonst herrscht Gleichgültigkeit, und wo diese überwunden oder »lGd ringedrungm ist, da regt sich der Unsin». Atle«, was für die Plilo phie geschieht, reduzirt sich somit auf die vulgairen Formeln, dle MM den Schülern in de» Klasse» verträgt, ans schale Versuche von Dilettanten und aus einige wenige Bücher voll Gelehr samkeit, die man nicht liest. Keine Spur mehr von dem Eifer, dem Fleiß, der Strebsamkeit, womit früher die Geister sich um da« Panier der Geisteswissenschaft drängten; da ist Alles zerstöbe» und zerstreut, andere Paniere sind ausgesteckt; der Glanz der philosophischen Studien ist vor dem Glanz der sogenannten Juli-Sonne ganz und gar erblichen. Die« ist ein Umstand, der näher ergründet zu werd«» verdient. Offenbar ist die Revolution des Jahre« 1830 ihren Ergebnissen nach weit mehr eine sociale, al« eine politische gewesen; von Tage zu Tage wird die« offenbarer. Ma» darf nur die gegenwärtigen Zustände betrachten und bedenken, wie wenig die Verfassung verändert ist und wie sehr die Sitten. Wenn eine Revolution so plötzliche und merk würdige Veränderungen in einer Gesellschaft zu Wege bringt, so muß ein bedeutende« Element, eine entschiedene K'rast und Tendenz dieser Gesellschaft von ihr ersaßt und umgewaiidelt worden sehn. Das philo sophische Bestreben war zur Zeil der Restauration beinahe in die Sitten eingedrungen, eö halte sich dec Jugend bemächtigt,, ihre Liebe und Nei gung gewonnen; kein Wunder, wenn die Philosophie auf da« entschei dendste von einer Revolution berührt worden ist, welche Jugend und Sitte» verwandelt hat. Und zwar konnte diese Berührung nicht anders als schädlich sevn; sie mußte in ihre» Folgen die Philosophie aufs tiefste beeinträchtige». Unter welchen Umständen, mit welchem Charakter ist denn jene philosophische Tendenz ausgetreten, der sich unsere Jugend im letzten Drittel der Restauralionszeit so eifrig ergab? Sie gehörte al« ein Theil zu der Summe von offenen oder geheimen Opposition«-Bestrebungen; sie gehörte zu den lausend Waffen, womil man die Regierung All- Bourdonischen SlyleS und die Kasten-Ansprüche de« Adel« und der Priesterschast bekämpstc. Die geistige Bewegung lief vielleicht nicht auf da« Resultat einer Revolution hinaus, aber sie verlief sich in diesem Resultat. Die intellektuelle Wissenschaft stand zum Kampf in Reihe und Glied neben andere», die ihr gleich oder wohl über sie geschätzt wurden. Auf allen Punkte» ging der eifrige und glückliche Widerstand in den Angriff über, und so wurde auch die Philosophie nicht au« un eigennütziger Wißbegier um ihrer selbst willen studirl, sondern man wollte sie zum Angriff handhaben lernen; die Geister sollten frei wer den, um sich nicht in den Zwang der bestehenden Ordnung zu fügen. Man verschwor sich mit den Wissenschaften gegen da« Bourbonische Regiment, zuerst mit der Geschichte, zuletzt auch mit der Philosophie. Nun sollte ma» meinen, wenn die Philosophie ihr Schärflein zu dem großen Revolutions-Werke beigeiragen, so hätte ste von dem Er- gcbmß ihren Nutze» haben sollen. Sic Halle die Emaiicipalion herbei- führen helfen, sollte ihr nicht die neue Freiheit vor allen anderen zu Nutze kommen? — Lehrer und Schüler halten im Kampfe ihren Mann gestanden und sich i» die Krieg«-Disziplin geschickt; nun, sollte man meinen, würden sie in dem eroberten Lande der Freiheit mit Ehren Gmnd und Boden gewinnen und sich ihrem Werke mit erneutem Eifer zuwenden. Das Feld war offen; wa« sie früher hinderte, war gestürzt, bei Seite geschafft; nun also vorwärts!. Just da« Gegentbeil geschah. Die Anführer der bisherigen philosophischen Bewegung stürzten fich ur plötzlich in eine neue Laufbahn, die ihnen früher verschlossen gewesen, und verfolgten diesen Wcg mit solcher Hast und solchem Eiser, als hätten sie nie etwas Andere« ersehnt und erstrebt. Sie wendeten sich, vielleicht nur für einige Zeit, vielleicht auch für immer, von den Bahnen ihre« früheren Ruhme«; sie hingen, wie jener Gladiator bei Horaz, ihre Waffen im Tempel de« Gotte« auf und gingen anderen Künsten nach. Früher befanden ste sich außerhalb de« thälige» Leden«, da wandten ste sich einstweilen an die Wissenschaft, zur Au«hülse; fie wurden Philo sophen »st interim und gingen von Anfang a» mil dem edeln Vorsatz um, eine« Tage« ein große« Opfer zu bringen und ihre geistig wissen schaftliche Stellung für Rang und Aemter hinzugeben. Wer weiß, vielleicht hatten fie eine Ahnung, daß Ehre und Erfolg, unter günstigen äußeren Umständen erworben, ihnen nach solchem Umschwung der Dinge nicht mehr treu bleiben würden. Geistreiche» Männern war von jeher ein glücklich treffender Instinkt der Eitelkeit nicht fremd, und Vielen kam die Weisheit früh genug, daß ste die Welt gerade noch verließen, ehe die Welt fie verließ. Und doch, welch hoher Beruf war ihnen ausgcthan, wie edel, wie mächtig konnten fie wirken! Woran fehlte e« ihnen? An Talent, ge wiß nicht; vielleicht an Geflnnung, a» Muth. Sie sande» fich durch Glück und Erfolg j„ der schönsten Stellung; was fie zu tbun batten, das mußte ihr Gewissen ihnen Hgen, und fie konnten si-b dem gewach sen fühlen, e« rüstig »»greifen. Sie batten die Geister nach sich gezo gen auf den Wegen des freien Denken«, der philosophische» Emancipa-