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Wöchentlich erscheinen drei Nummern. Pränumcratilms- PreiS 22^ Sgr. Tblr.l »ierteliöhrlich, Z Td>r. für das ganze Jahr, ohne Er, böbung, in ollen ^keilen der Preußischen Monarchie. für die Man prännmerirt auf die sei Beiblatt der LUg. Pr. Staais- Zeitung in Berlin in der Expedition tModren - Straße No. Z4>; in der Provinz so wie im AuSlonde bei den Wohllöbl. Post - Aemtern. Literatur des Auslandes. 104. Berlin, Montag dei> 3l. Anglist I83S. Frankreich. Meine Reise nach Brundusunn. Ein Schreiben Jules Ianin'S an den Herausgeber der Revue de Paris. Sie wünschen cs, lbeurcr Freund, so will ich Ihnen denn meine letzte Steife erzählen, eine Sieise von 4V Meilen, eine der größte», die ich in meinem Leben gemacht. Vierzig Meilen! Ich bin vielleicht der einzige Mensch in der Pariser Well, der sein ganzes Lebe» lang, fort während und unablässig, zehn Jahre hinter einander an den literarischen Pflug angespannt geblieben ist, ohne jemals die Gränzcn des engen Feldes überschritten zu haben, das er nach allen Siichiungcn hi» durch- arbcitct. Die gute» Leute, die mir die Ehre erweisen, mich zu benei de», und die mir mein tägliches oder wöchentliches Theil, wie man zu sagen pflegt, von ihre» S^mähungcn zusammen lassen, würden viel leicht weniger wülhcnd gegen mich scyn, wen» sie wüßte», wie viel Stunde» Arbeit mir jeder Tag bringt, wie ich an die Schalle gebun den di», und wie der niedrigste literarische Handlanger, dem sein Herr den Lauspaß gegeben bat, der Mictbling, der sür bas liebe Tagciohu verleumdet, der arme Teusel, der für eine» festen Preis den Staal ordnet, der bleiche Neithard ohne Geist uns abue Schriftsteller-Talent, wie die Alle weit freier und glücklicher find, als ich, mein inneres Bc- wußlfcyn beiseilgesctzl, das versteht sich. Vor drei Machen also, wie die Sonne so brannte und mir Kopf und Hand ermüdet waren, sagte ich zu mir: Wie, wenn du reistest? Das war ei» großes Wort. Sieise»! nicht mehr hier segn, weit in der Ferne seh»! In neue Städte kommen, wo matt sicher ist, keinen Feind zu finde»; sich so sorglos von der Postkutsche sarirollc» lassen, die dec Engländer das Paradies auf Erden nennt; und dann nichts thuu, nichts hören, nichts denken über das, was man täglich thut, hört und sieht! Und seine Träume, seine Betrachtungen, seine Gedanke», seine traurigen und lustigen Phantasiegcbiidd, seine blaue» oder rascnfarbenc» Teufel ganz allein für sich zu'haben und nicht Alles brühwarm dem Drucker übergeben zu brauchen, der cs Dir mail und frostig zurückdringt; — vielleicht sür einen Engländer zu geile» und sich von der Aufwär- lerin im Gasthofe oder von dem Bettler an dec Landstraße Mvlord nennen zu hören; — oder gar Uorick's unsterblichen Klepper untcr- weges zu finden und ihn faust zu besteige» und seine» Weg aus diesem liebe», gutwillige», vortrefflichen Thier sanft zurückzulegeu! — Das beißt leben! Also vorwärts! Lebt wohl Theater, lebt wohl Bücher, leb' wohl Witz, leb' wob! Embildung, leb' wohl Prosa, leb' wodl gc- . meines Alltagsleben! Es geht auf die Reise. Sic können cs mir glauben, lieber Freund, daß sich Niemand, was das Reisen anbetrifft, in einer schöneren Lage befinde» kann, als -ich. Ich, der ich wirklich von sernen Lander» weiter nichts gesehen habe, als einmal eine Stunde lang Belgien, und das war schon um Lrciviertcl Stunden zu viel! und dal!» in mcinen zwois schönen Jahre» ei» rcizcudeS. grünes, murmelndes Fleckchen Erde, versteckt Himer eitler am Ufer der Rhone stehenden Weide, da ganz unten; das ehrliche und stille Dörfchen, wohin muh meine Gedanken, meine Erinnerungen, mein Schnett und mein Hoffet, beständig zurückoersetzcn. Das ist Mes, was ich von sernen Landen kenne. Auch bi» ich ei» Rcisendcr von einer seltenen Art, ein Reisender, der nicht- ficht von dem, was an seine» Augen vorüberzicht, und ter folglich — ja, ja, glaube» Sie cs »ur — nichts zu bcschrcibcti imd nichts zu erzählt» hat' Gesagt, gcthau; ich reise ab. Macht mir Platz und laßt mich durch, imd da»» vorwärts. 'Ach bin es, der vorüber fährt! Scho» verschwinde» z» meiner Rechte» und Linken die Bäume des Boulogncr Geholzes; schon entflicht mcinc» Blicken, vo» Englische Rossen schnell dahingctragc», das junge Paris, das so schön ist,'wenn man cs in dcr Ferne vorüberfliegcn siebt. Wen» man sp durch die Barriere du Troue aus Paris hmauS fährt, verläßt man es ungern. Matt sagt sich bei sich selbst, daß man doch braunen wicht wicdcrsindcn wird, was man hier verliert. Man wirst ciucn letzte» sehnsüchtigen Blick auf, diese Elegan;, auf diesen Geist, auf diele lcichic zwanglose Grazie, aus die sen herrliche» Lums, auf diese Welt dcr Ironie'und dcr Festlichkeiten, des Skeptizismus und des Witzes, des Mutbcs und dcr Sorglosigkeit, des Vergnügens und dcr Liebe; auf diele ganze Pariser Welt,'die matt nie inniger liebt, als wen» man ihr Lebewohl sagt; leichtfertig, aber gut; nicht sehr ergeben, aber auch nicht Rcl fordernd; geschmeidig, nicht aus niedriger Gesinnung, sonder» aus Gleichgültigkeit; Lcbm, Glück aind Zukunft von einem Tage zum anderen genießend; die ernsten Ge schäfte auf den anderen Morgen verschiebend; sich lenke» lassend von Jedem, der sie lenken will; immer zum Spott aufgelegt, doch ohne es böse zu meine». So lebe de»» wohl, du schöne Menge mit den schö ne» Rvffm, den langen Festen, den schönen Dame» und dem leichten Sinne, obgleich du schon weit von mir entfernt bist, und ich von dir; du gehst jetzt in die Oper, und ich, ich bin auf dem Wege nach einer Stadt, die man, glaube ich, die Stadt Rouen nennt. Der Weg ist herrlich. Man fährt hinab und hinauf imd durch frcundliche, vom sanfmi Licht dcs Mondes beleuchtete Dörfer. Eine Nachweise hat etwas sehr Schönes: alle Arbeit bat dann aufgebört auf der Erde, Alles ist Schlaf und Stillschweigen; selbst das Wasser, das de» ganzen Tag über gearbeitet hat, rubi aus wie der Mensch vom Schweiße seines Tagewerkes lind murmelt zu seiner eigenen Lust vor sich hin; man glaubt sich in ein Fcciilaud versetzt. Dort singen Bögel in dcm Wäldchen, hier trillern sich Frauen, an ihre Hausthllr gelehnt, ein Liedchen; ei» leichter Rauchstreis zieht in die Lüfte und ver kündet die Rube des Abends; eine friedliche Kirche, durch die das Montlicht schimmert, wirft ihre» heiligen, ländlichen Schalten auf uns hernicder; die Glocke läutet de» Abcnkscgen. Mein Gott, das Alles ist etwas sehr Gewöhnliches, ich weiß cs; ma» findet das Alles zur Ge nüge in dcr idhllischcn Poesie; auch die Verse dcs Hcrrn von Lamar- tme find ein wenig damit überfüllt; aber was will man machen, wenn man nun dieser Poesie leibhaftig begegnet, wenn man sie mit Herz und Hand'fühlt; wen» ma» wirklich gewahrt, daß dcr^Himmel sanfte ätbcr- rcinc Strahle» hat, die er auf uns herabsendet; wenn ma» im Laub den Vogel singen und aus dcm Thurm djc Glocke lönc» hört? Man kann nichts Anderes ihn», als was Herr vo» Lamartine und alle große Dichter gcthau; man muß seinen Gesüblcn freien Lauf lasse», ohne sie znrückzudräuge»; man muß sic kurz und gut cingcsteben, und dann den Himmel und die Menscheu uni Vergebung bitten, wenn man nicht Herrn von Lamarstnc's Dichter-Ader in Kops und Hcrz hat. So bin ich denn in einer schönen Sommernacht nach der alten Normannenstadt gelangt. Die ganze Stadt ruhte im Schatten ihrer Kathedrale; so bei Nacht gesehen ist Ronen rin p tiorcsker Ort; jedes Haus dieser alte» Stadt Hal seine bcsonderc Pbvstognomic. Licbcn Sic die schmalen Fenster, hinter deut» die Geheimnisse der Familien sichern Schutz finden solle»; Liebe» Sie die allen heimlichen Dächer, die sich in die Straße hinauserstrcckr», als sollte» sic dtii vorübcrgchcndrn Frem den schützend decken ? Lieber Sic die von dcr Zeit geborstenen Mauern, die in ihrem Umkreise so vielen dahmgeschwnndcnen Geschlechtern Schirm lind Zuflucht gewährten, die so viele längstvcrgcffene Rcvolutioncn an sich vorübcrgehcn sahen? Liebe» Sie, sich durch die krummen Straßen zu wmden, in denen unsere Vorfahren sich herumtnmmcltcn? Und ist dies Alles nicht am Ende mehr weetb, al» dic Balkonc Ihrer modernen Häuser, dic keine Vergangenheit, keine Erinncrungrn, keine Geheimnisse haben? So erschien mir dic Stadt Ronen in jener Nacht; und ich konnte nicht müde werden, sic in ihrem schöne» nächtlichen Schleier zu betrachte»; ich kümmerte mich »ichl darum, wo ich ei» Obdach finden würde, und dachte nicht eher daran, an die Thur cincs Wirtbshauscs zu klopscn, bis ich die beiden große» Kolosse, den Ruhm der Stadt, dic Kathedrale und de» großen Eorncillc, angcstaunt batte; wetchc Wunder werke! Vor allen Dingen abcr verdient es ter große Eorneille, daß man sich vor ihm beuge! Welches Denkmal von Stein, Marmor oder Erz läßt sich fcincm Emna, feinem Polveukt, seine» Horazicrn vergleichen. Die Statue Pierre Eorneille's, wetchc auf der Brücke von Roncn sieht, ist, wie Sie wisse», ei» Werk unseres David, Mitgliedes des In stituts. Im Ganzen genommen ist sic schön gearbeitet. David ist ein denkciidcr Kopf und sehr bewandert in den Dichtern, dic er auswendig weiß, dic cr liebt und bewundert, wie sie nur irgend Einer bewundern kann. David ist auch ein großer Künstler, wiewohl seine Natur sich nicht sehr zum Mvthologischen hümeigt. Er weiß, daß dic Kunst nicht zu nichtsnützigcn Dingcn verschwcndct werdcn muß. Man braucht nicht zu fürchten, daß cs ibm Vergnüge» machen könnte, Fanuc» und Sa lven, Venus- odcr Bacchantcn-Gcstaltcn, verlassene Ariadnen oder do» nornde Jupiter aus dem Marmor zu bauen oder in Erz zu gießen; cr ist ein Bla»», dcr das große Verdienst hat, dic Kunst in die Wirklich keit cingeführt zu habe». Geben Sie ibm einen schönen Kopf, eine bohe Stirn, einen dcr edleren Geister nachzubildcn, auf die unsere Zeit stolz ist, so wird unser Künstler in seinem Element sevn. Wir haben ihn so den Kopf des Generale Foy kopiren sehen; wir haben ih», als Talma gestorben war, über, dieses schöne, von seinen Lcidc» entstellte Haupt sich neigen und, so'west die Kunst cs vermag, diese große Pbv- siognomic neu ins Lcbcn niscn sehen. Dcr arme Talma, wie ihn der Lod verändert Halle! Gebrochen hatte er mit seiner ciscrncn Hand jenen bezaubcrndcn Blick, der in Aller Hcrzen drang," häßlich verzerrt jenen ball»