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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 27.03.1905
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1905-03-27
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19050327026
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1905032702
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1905032702
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1905
-
Monat
1905-03
- Tag 1905-03-27
-
Monat
1905-03
-
Jahr
1905
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Sette 2. Rr. 187. V9. Jahr«. gegen die russische Flotts wobei es für die Javaner vorteil hafter sein würde, die Hälfte ihrer Flotte zu verlieren, um nur zu verhindern, daß tue Russen ihr Ziel erreichen. Admiral Roswdjestwensky müsse das voraussehen und er müsse alle Willenskraft zusammennehmen, um den Japanern einen Kamps zu liefern. Schließlich, sagt Admiral Tschuschnin, sind wir besonders deshalb zumeist unterlegen, weil unS im letzten Moment die Willenskraft fehlte. Viert« japanische Anleihe. Rach einer Reuterdepesche aus Tokio haben am Sonntag die Zeichnungen der vierten inneren Anleihe ange- fongen; das kaiserliche Haus zeichnete 20 Millionen Den. V»n Her Mantfchnrei. In Petersburg eingelaufene Nachrichten bestätigen die Meldung aus privater Quelle über den andauernden Ruckzuaoer russischen Truppen, welcher durch die nachfolgenden Japaner sehr erschwert wird. Es bestätigt »ich ferner, daß die Japaner gegen Kirin marschie - r e n. Man glaubt, daß die 200 000 Mann Linjewitschs einem ernsten Angriff der Japaner nicht werden widerstehen können. — Nach einer zweiten Meldung, die aus Tokio kommt, ist Kuroki bereits mit der Lstarmee in Kirin ein getroffen und Nogi steht mit seinen Mannschaften nordwest lich von Meichalse. Beide japanische Flügel hoffen, sich nörd lich vom Sungarifluß die Hand reichen zu kön nen, um so der russischen Armee den Rückzug über den Sun- gari abichneiden zu können. Lharbin. Mit Rücksicht auf die Wichtigkeit, welche die Stadt Charbin im gegenwärtigen Stadium des russisch-japanischen Krieges mr fich beanspruchen darf, dürsten einige Angaben über den Lrl von Interesse sein. Tie Erbauung von Charbin «m Herzen der Mantschurei ist, wie die „Allgem. Marine- und V.anoelskorresponbenz" schreibt, «ine der g r o ß a r t igst e n Städtcentstehungen, welche die Welt jemals gesehen Hal. Ter Platz besteht gegenwärtig aus drei Komplexen, näm lich der alten Stadt, drei englische Meilen vom Zentraldepot cnn'ernt, ferner Presrin oder der Jlußstadt. dem gegenwärtigen Handelszentrum, und der Berwaltungsstadt in nächster Nach- barschasl der Eisenbahnstation. Bevor die Eisenbahn ingenieure den letzteren Punkt zu ihrem Hauptquartier wählten, war keinerlei Eisenbahngelegenheit in der Nachbar- 'chait. Ter ganze Platz ist daher ein rufsisches Produkt. An LtaatSgelLern sind für die Stadt bisher 30 Millionen Rubel verwandt. Nur Russen und Chinesen dürfen Land kaufen, Gebäude errichten oder dauernde Niederlassungen in Charbin an'angen. Von Charbin nach dem Amur lauten täglich in der Zeit, wo die S ch i f s a h r t offen ist — dieselbe beginnt im April und endet am 1. November —, gut ausgerüstete Dampfer. Im Oktober 1903 betrug die Zahl der regelmäßigen Eisenbahnzüge für Durchgangsverkehr täglich dreißig. In der Stadt sind etwa 400 Nesoshticks — russische W<w«n für den öffentlichen Gebrauch — vorhanden. Eine durch Auto- mobile getriebene Verbindung mit vier Maschinen besteht zwilchen der alten Stadt und der Verwaltungsstadt. Charbin wurde ursprünglich gegründet als Militärzentrum und V e r w a l t u n g s sta d t für das Gouvernement und die Eisenbahnverwallung. Sein Anwachsen zu einer Stadt von solcher Größe, wie sie jetzt da ist, war ursprünglich von seinen Schöpfern gar nicht vorgesehen und bedeutet für si« selbst eine Art Ueberraschung; inzwischen ist aber die Eisenbahnverwal- rung wie von einem Fieber ergriffen worden, den Ort zu einem großen russischen HandAs- und Industriezentrum zu machen und jede Art von Unterstützung urü> Forderung wird an gewandt, um fein weiteres Wachsen energisch zu ermutigen. Tas Kapital für die meisten Privatunternehmungen ist von sibirischen Juden hergegeben worden, Chinesen gaben das Geld für die Errichtung einiger der schönsten Privatgebäude, wie Hotels, Läden, Lagerhäuser usw. In dem Berwaltungsteil der Stadt werden keinerlei Privatgebäude geduldet, dagegen sind manche wichtige Baulichkeiten, u. a. ein Hotel und ein Theater, dicht bei der Verwaltungsstadt in der Errichtung be- griffen. Unter den Industrien Chardins sind zu nennen Ziegeleien, Spiritusbrennereien, Bohnenölpressen, Braue reien, Mühlen, Sagemühlen, Fabriken präservierten Fleisches und Zuckerbäckereien. Gegenwärtig sind acht Mahlmühlen mit einem Wert von 1 200 000 Rubel in Tätigkeit. In un mittelbarer Nähe der Stadt sind 200 Zieoelbrennereien mit einem Anlagekapital von 500 000 Rubel errichtet. Viele andere Industrien sind in der Anlage begriffen. Ta der Ort im Zentrum der überaus reichen ackerbautreibenden Landschaft gelegen ist, ist gar kein Zweifel vorhanden, daß er zu einer großen Zukunft bestimmt^ist. Die Hauptprodukte der Gegend find Weizen, Rindvieh, Schafe, Schweine, Hirse, Gerste, Haler, Bohnen, Futterkräuter, Häute. Wolle, Borsten, Hanf, Tabak und Holz. Ein« ganz« Anzahl vorhandener Mineralschätze sind noch nicht genügend aufgedcckt. ?sIM§che Lsgerrcha«. Leipzig, 27. Mär;. Eine offiziöse Ermahnung. Die „B. P. N." schreiben: Der Reichskanzler und Minister präsident gedenkt am Montag an der Verhandlung über die sozialpolitische Novelle zum Berggesetze teilzunehmen. Vielleicht wird er die Verhandlung einleiten. Aus diefer Tatsache erhellt schon die große Bedeutung, die der Verhandlung und Erlangung dieser Vorlage beigelegt wird. Die Mehrheit des Abgeordnetenhauses wird, wenn sie richtig verfahren will, nicht außer acht lassen dürfen, daß ihr eine entscheidende Mitwirkung bei der Lösung der in dem Gesetz entwurf ausgeworfenen Fragen nur dann möglich sein wird, wenn die Verhandlung zu einem positiven Ergebnisse führt. Tenn es ist klar, daß, wenn die Verhandlungen beider Häuser des Landtages zu einer Gestaltung des Gesetzes führten, die der Staatsregierung die Zustimmung unmöglich machte, ober wenn etwa gar die Vorlage im Abgeordnetenhause abgelehnt würde, sich sofort die Frage der Erledigung des gesetzgeberischen Problems im Wege der Reichsgesetzoebuna aufwersen müßte. Man wird sich auch ferner darüber klar sein müssen, daß, wenn dann im Reichstage aus der Initiative der ich über die literarische Bedeutung der Pariser Cabarets oder über die Feinheiten des Argots von Montmartre aufkläre, genug Zeit übrig lassen, um auch dir täglich «in paar Stunden zu widmen. Du kannst also ganz unbesorgt in die Zukunft schauen." Tie Frau Professor lächelte, ging ins Wohnzimmer, nahm aus der verschlossenen Schieblade des schönen, altertümlichen Mahagonisekretärs das Bankbuch und gab es ihrem Sohn. „Tu weißt, ich habe immer nur wenig bares Geld :m Hause. Hole dir also selbst von der Bank, was du brauchst. Aber an etwas Sparsamkeit solltest du dich wirklich gewöhnenI" „TaS wird schon noch kommen, Mamachen, wenn cs mal nötig wird. Danke schön. Uebrigens komme ich wahrscheinlich erst zu Tisch zurück. Ich bin sehr lange nicht im Kolleg gewesen und will heute wieder mal die Molitzre-Vorlesung besuchen. Vielleicht ist sie seht interessanter. Unsere Gäste bringe ich dann möglicherweise mit. Opitz ist sicher im Kolleg, und sie. Grolich treffen wir, wenn er von seinem Bureau kommt, vermutlich auf der Grimmschen. Also auf Wiedersehen. Wo stecken die Mädels?" „Henny ist schon bei ihrer Toilette, und Gerda sieht in der Küche nach dem Rechten. Auf Anna ist ja kein Verlaß." „Also beide in Mühen um unserer Gäste willen! Ich weiß nicht, welche das bessere Teil erwählet hat. Jedenfalls darf ich sie nicht stören. Guten Morgen!" „Guten Morgen, mein Junge!" Frau Professor Permoser sah ihrem Sohne nach. Leipziger Tageblatt. Parteien die im Abgeordnetenhause verworfene Regierungs vorlag« eingobracht würde, es der preußischen Regierung ausS äußerste erschwert, vielleicht unmöglich gemacht werden würde, ihren Standpunkt, daß die vorliegenden Fragen im Weg« der Landesgesetzgebung zu regeln sind, noch langer aufrecht zu er- lxüten. Verständige, die gesamte Lag« voll würdigende Taktik muß daher die Mobrheitsvarteien deS Abgeordneten hauses dazu führen, bei der Behandlung der in Rede stehenden Novelle sich das Ziel zu stecken, eine Zugleich den Interessen des Bergbaues wie der Industrie «ntsorrchende und der Re- aierung annehmbare Gestaltung der Vorlage herbeizuführen. Dazu ist Maßhalten und die Sammlung der verschiedenen Richtungen unter den Majoritätsparteien aus einer gemein samen Aktionsbasls um so dringlicher, als die Befürchtung nicht ganz abzuweisen ist, es könnte von denjenigen, die nur darauf brennen, die Bergavbeiterfragen der Reichsgesetzgebung zu unterstellen, darauf tzingearbeitet werden, mit Hulse der grundsätzlichen Gegner der Regierungsvorlage «inen nega tiven Ausgang der Verhandlungen heriveizuführen. Will da her die Mehrheit des Abgeordnetenhauses Nicht zu gunsten der Reichstagsmehrheit abdanken, so wird sie bei der Umände rung der Vorlage sich in solchen Schranken zu halten haben, daß die Regierung ihren Beschlüssen zustimmen kann. Es unterliegt schließlich aber auch keinem Zweifel, daß eine solche Sachbehandluiig aus das äußerste erschwert werden würde, wenn von vornherein eine tiefgehende MeinungÄierschieden- heit zwischen der Regierung uno den Rednern der Mehrheit des Landtages stattsände. Auch in Bezug auf Ton und Inhalt der Rede bei der Generaldiskussion der Vorlage wird man daher stets dessen eingedenk bleiben müssen, daß di« V e r st ä n- diaung mit der Regierung das Ziel der ganzen parlamentarischen Aktion sein muß. au leeteur. Im Zirkus Busch war kürzlich bei der agrarischen Heer schau dem Reichskanzler die Zensur: „als Vorletzter verletzt" erteilt worden. Man konnte danach annehmen, daß die Agrarier nunmehr wenigstens vorläufig zufrieden sein würden, wozu sie auch bei dem ausgesprochen agrarischen Charakter der Handelsverträge alle Urlache hätten. Aber weit gefehlt! In auffallendem Druck stehl in der bündlerischen „Dtsch. Tgsztg." zu lesen: Man müßte uns doch nachgerade etwas besser kennen, als daß man annehmen dürste, wir ließen uns durch kleine selbstverständliche Zugeständnisse, wie der Volksmund jagt, „einwickeln". Wir haben allerdings dem Reichskanzler un umwunden zugestanden, daß er bei dem Abschluss« der neuen Verträge mehr wirtschaftliche Kenntnis, mehr Geschick und mehr Wohlwollen für ine Landwirtschaft bekundet habe als seinerzeit der Graf Caprivi. Wir haben auch niemals ein Hehl daraus gemacht, daß es uns viel angenehmer sein würde, wenn wir der Regierung nicht zu opponiren brauchten, sondern immer mit ihr Hand in Hand gehen und Schulter an Schulter mit ihr die gemeinsamen Gegner be- kämpfen könnten. Aber ebenso wenig wie die Agrarier grundsätzlich oppositionell gewesen sind, ebenso wenig werden fie jemals sich zur Regierungspartei saus pbrass entwickeln. Augenblicklich liegt allerdings kein unmittelbarer Anlaß vor, der Regierung scharf und grundsätzlich cntgegenzu- treten. Wie lange dieser Zustand andauern wird, ist freilich eine offen« Frage. Es ist leicht möglich, daß wir bei der Neuregelung der Meistbeaünstigungsverträge wieder in eine Oppositionsstellung gedrängt werden. Trotz begründeter Bedenken wollen wir jedoch die Hoffnung nicht aufgeben, daß dies nicht der Fall sein werde. Sollte aber die Weilerberatung des neuen Börfengesetzes beliebt werden und die Regierung den agrarischen Verbesserungsvorschlägen starken Widerspruch entgeaenfetzen, so wurden wir dadurch gezwnuegen werden, wiederum «ine Oppositions- ftellung einzunehmen. Ob das im politischen Gesamt- mteresse liege, wollen wir der Beurteilung der maßgebenden Kreise überlassen. Tas heißt auf deutsch: wenn die Regierung den Agrariern bei Neuregelung der Meistbogünstigungsverträye und des Börsengesetzes nicht ebenfalls den Willen tut, so werden die Äündler wieder opponieren. Ein Anarchistenkongreß soll während der P f i n g st fe i e r t a g e in einer Stadt Mitteldeutschlands abgchalten werden. Es ist be reits der 4. Anarchisienkongreß: der dritte fand in Mannheim statt. Auf dem Kongreß soll unter anderem verhandelt wer den über: Organisation des Anarchismus, Generalstreik und Parlamentarismus, antimilitaristische Propaganda und Or ganisation und Agitation. — Im großen und ganzen scheint fetzt zum Glück wieder ein schärferer Wind gegen den Anarchis mus zu wehen. Alle anarchistischen Versammlungen werden jetzt wieder verboten, und zwar motivierte der Polizeipräsident in Berlin das letzte Verbot damit, daß die vor wenigen Tagen anberaumte Versammlung strafgesetzwldriaen Zwecken dienen sollte. Die Anarchisten haben erklärt, daß der Einberufer der Versammlung den Weg der Zivilklage beschreiten und versuchen werde, den Polizeipräsidenten schadenersatzpflichtig zu machen. Ein gleiches Verfahren soll auch gegen den Charlottenburger Polizeipräsidenten eingeleitet werden, der ebenfalls eine Anarchistenversammlung verbot. Nach den vor etlichen Monaten erfolgten Entscheidungen des Oberverwaltungsgerichts wurde längere Zeit der Abhaltung von Anarchistenversammlungen nichts in den Weg gelegi. Gestern fand eine Haussuchung in der Druckerei des ^Anarchisten" statt, gesucht wurde nach dem Manuskript der Broschüre „Der soziale Generalstreik". Gefunden soll nichts sein; die anarchistischen Genossen sind ersucht worden, alle Karten, Briefe, Emballagen von Drucksachensendungen sofort zu vernichten. Es scheint also auch hieraus hervorzugehen, als wenn die Ueberwachung der gefährlichen Elemente jetzt wieder schärfer gehandhabt werden soll. Die Rückkehr der Kongo-Kommission. Man schreibt uns: Auch in der vergangenen Woche haben die Führer der systematischen Kongo-Hetze wieder einige Nasen bekommen. Zuerst verbreiteten sie ein Interview, wel- i ches ein Mitarbeiter d«r Antwerpener Zeitung „Metropole" bei einem Angehörigen der aus dem Kongostaat zurückgekehr- ten Kommission in Southampton gehabt haben wollte, und be- schrieben hierbei mit sichtlichem Behagen die Äreueltaten, welche die Kommission bei ihrer Reise konstatiert haben sollte. Nun stellt sich aber unglückseligerweise heraus, daß diese ganze Erzählung erdichtet ist^denn die sämtlichen Mitglieder der Kommission samt ihrem Sekretär, namens Denyn, haben die Erklärung abgegeben, daß sie keine Journalisten empfangen und nach keiner Seite Mitteilungen gemacht haben. Tann kam die Nachricht, daß einer der drei Vizegouverneure des Kongostaates in Brüssel Selbst mord verübt habe. Auch dieser traurige Vorfall wurde von einigen Zeitungen alsbald mit den Untersuchungssraaen in Zusammenhang gebracht. Die wahrheitsgemäße Aufklärung ist aber, daß Herr Costermans, ein alter Soldat, seinen Posten im Innern des Kongostaales plötzlich infolge schwerer Erkrankung hat verlassen müssen, daß er schon auf der Heim- 'ahrt an schweren Fieberaniällen litt und daß er in seiner Heimat an einem neuen Anfall des gelben Fiebers die Hand an sich selbst gelegt hat. Er ist mit großen militärischen Ehren am 23. d. Mts. beerdigt worden. Nun werden mög- licherweise die Freunde der Kongoreform-Association erklären, das seien negative Beweise, und fragen, was Positives vor liege. Hierauf ist zu erwidern, daß die Kommission zunächst ihrem Auftraggeber, dem König Leopold, über ihre Eindrücke Bericht zu erstatten bat, und daß den neugierigen Protek toren des Kautschukhandels noch etwas Geduld zu empfehlen sein wird. Deutsches Reich. Leipzig, 27. Mär;. * Zur Einigung der Liberalen in Leipzig-Süd wird uns ge- schrieben: Im dritten Leipziger Landtagswahlkreil« haben sich bekanntlich die Liberalen alller Schattierungen aus die Kandidatur des national liberalen Kaufmanns Gontard geeinigt. Diese Kan didatur ist vielfach falsch aufgefaßt worden. Tie einen halten sie für eine nationalliberale in der Art der übrigen in Sachsen, nur daß die Freisinnigen sich ihr nolsns valeim an geschlossen haben; die anderen wieder sprechen von einem freisinnigen Vorstoß, da der erste Vorsitzende des liberalen Freisinnigen^ Vereins an der Spitze des Wahlausschusses sicht. Keine von beiden Deutungen ist richtig, und es muß dl«S mit aller Bestimmtheit ausgesprochen werden. Im dritten Wahlkreise handelt es sich um ein gemeinsames Vor gehen aller liberalen Parteien, von den Nationalliberalen bis zur freisinnigen Volkspartei. Alle Parteien sind gleich stark interessiert und beteiligt an dem gemeinsamen Wahlaus schuß. Im nationalliberalen wie im freisinnigen Lager hegt man den lebhaften Wunsch, daß ein solches Vorgehen auch in anderen sächsischen Wahlkreisen Nachahmung fände, da sich in der sächsischen Kammer nur zwei Parteien gegenüber stehen: die Konservativen und die Liberalen. Es kann für die Liberalen nur e i n e Äampfesfront geben: die gegen die Üebermacht der Konservativen. Berlin, 27. März. * Des Kaisers Mittelmeersahrt. Wie aus Lissabonder Draht meldet, wird an dem Straßenschmuck und an den übrigen Rüstungen zum würdigen Empfang des Kaisers fieberhaft gearbeitet. Alle Hauptstraßen sind fest lich geschmückt, besonders die deutschen Firmen bieten alles auf, um den Empfang auf das glänzendste zu gestalten. Gras Tallenbach, der deutsche Gesandte dort, konferierte mit dem Minister des Auswärtigen, um die Einzelheiten des Em pfanges fcstzusetzen. Der Kaiser wird auch, wie verlautet, einem ihm zu Ehren veranstalteten Stiergefecht beiwohnen. Die deutsche Kolonie in Oporto hat eine Abordnung nach Lissabon entsandt, die dem Kaiser eine Huldigung darbringen und bei dieser zwei Prachtbände über „Kunst und Natur in Portugal" überreichen soll. Von Aeußerungen der spanischen Presse ist ein Leit artikel des in Madrid erscheinenden „Liberal" bemerkenswert, der sich über die angebliche Verlegenheit Delcasses lustig macht und meint, der Artikel der „Temps" über Marokko sei mit Pomade statt mit Tinte geschrieben. Aeußerst bezeichnend sei, daß- die spanische und die englische Kolonie Tangers sich an schickten, den Kaiser festlich zu empfangen. In diesen Kreisen hoffe man, das Vorgehen Frankreichs werde durch den Besuch zum Stillstand gebracht. Sehr bemerkenswert sei ferner die freudige Erregung der Mauren und die Haltung des Sultans, der 16 000 Duros spende, um den erhabenen Gast zu feiern. Für Spanien sei die Einschiebung eines neuen, mächtigen Faktors in den marokkanischen Wirrwarr sehr zweckmäßig. In den letzten drei Monaten habe Spanien gesehen und gefühlt, was Frankreich mit den Rechten Spaniens vorhabe, trotz des vielgerühmten Vertrages. Jetzt könne Spanien noch gut machen, was schon von Beginn an auf Kosten Spaniens ver dreht gewesen sei. Stelle man das marokkanische Problem jetzt auf die richtige Grundlage, so werde es Spanien vielleicht gelingen, den Nest seines bescheidenen afrikanischen Erbteiles zu bewahren. Die Antwort des Sultans von Marokko auf die Anzeige von dem Besuch des deutschen Kaisers in Tanger äußert den Tank für die Ehre; der Sultan bedauert darin des weiteren, wegen Zeitmangels nicht persönlich erscheinen zu können, er entfende aber eine besondere Mission zu dem Empfang. Die „Times" melden aus Tanger: Mehrere hundert Marokkaner, Angehörige der benachbarten Stämme, haben sich bei Tanger verlammest, um am Tage des Eintreffens des deutschen Kaisers sich in Tanger einzufinden. Es werden keinerlei Ruhestörungen befürchtet. Seitens der Behörden werden an dauernd die größten Vorbereitungen zu einem würdigen Em pfang des Kaisers getroffen. Der Sultan hat den Scheck McLean zum Oberbefehlshaber sämtlicher Truppen in Tanger ernannt. Zuletzt sei noch mitgeteilt, was ein Hadi oder Heiliger dem Berichterstatter des „Journal" über den Kaiserbesuch zu sagen hatte. „Ich", so sprach^ der heilige Mann, „seit drei Tagen wissen, preußischer Sultan Tanger kommen. Seit einem Monat Pascha zahlt nicht mehr AskriS. Sultan hat nicht mehr Geld und preußischer Sultan kommt Geld geben." wie er die Weststraße entlang ging und dann bei der Katholischen Kirche links umbog. Mit seiner schlanken, zierlichen Gestalt und seiner knappen, eleganten Kleidung sah er recht vornehm und, wie sie meinte, echt pariserisch aus. Wieder kam ihr der Gedanke, ob sie sich nicht einstmals dem Willen ihres seligen Gatten gegenüber ernstlicher auf die Seite Ewalds hätte schlagen sollen. Vielleicht wäre es ihm angemessener gewesen, den Künstlerberuf seines Vaters zu ergreifen, als die Ge lehrtenlaufbahn sinzuschlagen. Er war ein leicht fertiges, bald übermütiges, bald unzufriedenes Welt kind und hatte gar nichts von dem gleichmäßigen Ernst oder der ruhigen Heiterkeit des Gelehrten. Jetzt kamen solche Erwägungen allerdings zu spät, und sie durfte auch hoffen, daß der Leichtsinn seiner verwöhnten Jugend mit der Zeit von selbst einer ernsteren Lebens- auffassung Platz Nischen würde. Ewald selbst hatte sich übrigens schon seit Jahren nicht mehr darüber beklagt, daß er die Musik nicht hatte zu feinem Lebensberuf machen dürfen. Er liebte die Musik zwar, aber er liebte sie ohne hinreißende Leiden schaft, und da er in seinen angenehmen Vermögens- Verhältnissen überhaupt nicht zu einer strengen und aus schließlichen Berufstätigkeit gezwungen war, so schien es ihm jetzt ziemlich gleichgültig, welche seiner Lieb- habereien er zum Hauptinhalt seiner zahlreichen Muße stunden machte. Toch war er Mann und Künstler genug, um an jeder erfolgreichen Betätigung der eigenen Kräfte und auch an den Erfolgen fremder Arbeit eine unmittelbare Freude zu empfinden. Er freute sich über die muntere Geschäftigkeit, die sich zu seiner Rechten auf dem Neubau des Rathauses regte, das dort an Stelle der alten Weißenburg erstand, und als er umbiegend die Prome nade in der Richtung auf die Thomaskirche zu verfolgte, war ihm, als ob heute das Straßenleben von einer besonderen Lebendigkeit,. ja, von einer eigentümlichen Aufgeregtheit erfüllt sei. Ter Anblick dieser lebhaften Unruhe war ihm an genehm. Sie schien von den Extrablättern verursacht zu werden, die allenthalben ausgeboten wurden. Was konnten sie Wichtiges enthalten? Um Politik kümmerte er sich nicht, und es war ihm gleichgültig, ob etwa die Chamberlainsche Politik in Südafrika irgend einen neuen Erfolg oder Mißerfolg davongetragen hatte. Als er jedoch bei der Thomaskirche hinauf und Uber den Thomaskirchhof ging, nahmen die Ansammlungen und die Aufregung der Menschen so sichtlich zu, daß hier offenbar ein örtliches Ereignis von Bedeutung vor liegen mußte. Er lächelte über die Neugierde des leicht- beweglichen Straßenpublikums. Aber wie er jetzt in die Thomasgasse einlenkte, um die Summe, deren er be durfte, in der Leipziger Bank zu erheben, da stand vor dein Bankgebäude eine dichtgedrängte, leidenschaftlich gestikulierende Menge, aus deren Mitte lebhaftes Sprechen und Rufen ertönte, und an deren Rande sich hier und da eine aufgeregte Gruppe loslöste, während an anderen Stellen die Zahl der unruhig Wartenden von neuen Ankömmlingen vergrößert wurde. Er winkte einen der Extrablattverkäufer heran, riß ihm ein Blatt weg und drückte ihm hastig ein Geldstück in die Hand, für welches sich der junge Mann iw Montag, 27. MSrz 19V8. Die „Nordd. Allaem. Ztg." kommentiert in ihrer Wochen rundschau den Besuch des Kaisers folgendermaßen: Der bevorstehende Besuch Sr. Majestät veS Kaisers in Tanger hat der deutsch«» um> der ausländischen Presse An laß zu allgemeinen Betrachtungen über die Stellung 'Deutschlands zur marokkanischen Frage gegeben. Von deutscher Seite ist hierbei mit aller Klarheit und Bestimmi- heit sestgestellt worden, daß unsere Politik keinerlei terri toriale Absichten bezüglich Marokkos verfolge, daß sie aber anderseits keinen Augenblick gesonnen gewesen sei, die deutschen wirtschaftlichen Interessen in dem nordweslasri- irischen Sultanat preiszugoben. Marokko ist völkerrechtlich ein souveräner Staat: an dieser Tatsache konnte durch das englisch-sranzösische Abkommen für Deutschland um so weniger etwas geändert werden, als, wie außer jedem Zweifel steht, Deutschland von dem Abkommen keinerlei amtliche Benachrichtigung erholten hat, obwohl seit seinem Abschluß ein volles Jahr verflossen ist. Hat man ander- wärts geglaubt, über die wirtschaftlichen Ansprüche Deutsch- iands stillschweigend Hinweggleiten zu können, ohne für ihre Sicherstellung ausreichende Bürgschaften Deutschland gegenüber zu leisten, so lag der Irrtum in der Austastung der Lage nicht auf deutscher, sondern auf französischer seile. In dem Verhältnis des Deutschen Reiches zu Marokko Hal sich nichts geändert, und es entsprach d^>er durchaus den internationalen Gepflogenheiten daß der Besuch des Kaisers im marokkanischenHasen nur der scherifitischen Negierung angezeial wurde. Wenn nun der Versuch gemacht wird, di« Sache so darzustellsn, als hätte dieser Besuch in Spanien Besorgnisse geweckt, so hat man «S auch in dieser Richtung mit irreführenden Ausstreuungen zu tun. In Spanien weiß man sehr wohl, daß Deutschland sich mit keinerlei An schlägen auf die Integrität Marokkos trägt; dort konnte demgemäß auch keine mißverständliche Auffassung des Kaiserlichen Besuches Platz greifen. Wir haben viämehr Grund zu der Annahme, daß in Spanien das Gegenteil von Besorgnissen zu tage getreten ist, die ja angesichts der vollkommen klaren Absichten der deutschen Politik im Ernst überhaupt nirgends entstehen können, sofern nicht eine Schädigung oder — und dies würde in der Wirkung das selbe bedeuten — eine Außerachtlassung wohlb«gründeter deutscher Rechte und Interessen geplant ist. * Der Kaiser und der Protestantismus. In der neuesten Nummer des „Hamb. Kirchenbl." veröffentlicht Senior D. Behrmann folgende Erklärungen zu seinen Mit- teilungen über die Aeußerungen des Kats« rs bei der Berliner Domwei h«: „Was ich vor drei Wochen vor läufig von der Einweihung des Domes zu Berlin mitaeteilt habe, Hat viel Staub aufgewirbelt. Da- ist weder Verdienst noch schuld meiner Mitteilung gewesen. Denn ich stimme den verständigen Organen der Tagespresse bei, die sich dahin geäußert haben, daß der Kaiser nichts anderes gesagt habe, als was von federn Protestanten zu erwarten gewesen fei. Die Absicht, die ich mit meinen Mitteilungen verfolgt hab«, bestand darin, auch für unsere hamburgischen kirchlichen Verhältnisse die allgemeine Wahrheit, daß es endgültig nicht auf den Aus- bau des kirchlichen Lebens Iso wichtig und nötig derselbe sein kannj, sondern aus sein« religiös sittlichen Früchte ankommi, auch durch die Autorität eines Koiserwortes zu bekräftigen, das so nachdrücklich und so wiederholt geäußert wurde, daß ich annehmen durfte, es sei nicht für mich allem bestimmt." * Bcthmann-Hollwegs Nachfolgerschaft. Nach einer of'i- ziösen Mitteilung hat bisher die Regierung wegen der Ueber- nahme des Postens des Oberpräsidenten der Provinz Bran denburg mit niemandem verhandelt. Gesprächsweise werden drei oder vier höhere Beamte als für die Stellung in Betracht kommend genannt, jedoch dürfte die Besetzung des Oberpräsi- diums Brandenburg noch nicht in nächster Zeit entschieden werden, da man vermutlich dem neuen Minister des Innern Zeit und Gelegenheit geben wird, zu dieser wichtigen Perso- nalfrage selbst Stellung zu nehmen. * Zum Kapitel von der akademischen Freiheit. Tie „Dtsch. Ztg." hat erfahren, daß das preußische Kultusministerium an alle Universitäts- und Hochschulbehöroen einen Erlaß gerichtet habe, worin es heißt, datz neue SatzungSentwürse ihm zur Genehmigung unterbreitet werden müssen. Auch wird ihr berichtet, daß den Hochschulrektoren verboten sei, unter ein- ander in Verbindung zu treten. TaS letztere kann aber nicht stimmen, da doch alljährlich eine allgemeine Konferenz der preußischen Hochschulrektoren stattfindet. * * Wiesbaden. 26. März. Die hiesigen Zahnärzte haben einstimmig die Errichtung einer S ch u l za h n a r z t st e l l e beim Rwgistrat beantragt. * Stuttgart. 26. Marz. Vor der hiesigen Strafkammer wird morgen gegen Dr. Ludwig Thoma und Dr. Linn«koacl, Redakteure des „Simplizifsimus", wegen Beleidigung der Königsberger Polizei verhandelt. Wegen Beleidigung des Königs von Sachsen jMontignoso-Bilds wird gegen Dr. Linnekogel am 10. April vor dem hiesigen Schwur gericht verhandelt werden. * München, 26. März. Die Kommission für Arbeiter hygiene und Statistik der Abteilung für freie Arzl- Wahl des ärztlichen Bezirksvereins München hat sich dafür ausgesprochen, daß die Stadt sobald wie möglich die Schaffung eines Gemeindefonds zur Förderung der Arbeitslosen- Versicherung in München in die Wege leite. * Ulm, 25. März. Bebels Erbschaftsprozcß. Nach Mitteilung des Vorsitzenden des Landgerichts wird der Gerichtsbeschluß über die gestellten Anträge ^Erklärung der Nichtigkeit des Testaments einerseits und Abweisung der Klage anderseits! am 8. April verkündet. Aus der Ver handlung ist noch heroorzuheben: Bebel erklärte, daß er schon 1872 eine persönliche Zusammenkunft mit Leutnant Koll- mann gehabt habe. Er erhalt« jahraus jahrein viele Zu schriften und Anliegen aus allen Beoölkerungsschichten, es fe« also nicht verwunderlich, daß sich ein entlassener Leutnant an ihn gewandt habe. Bebel erinnerte an einen früheren ähn lichen Erbschaftsfall und versicherte, seine Beziehungen zu Kollmann seien nicht so locker gewesen, wie die Gegenparici behauptet habe. Die gewünschte Hülse habe er Kollmann frei- lich nicht leisten können, das habe er Kollmann mündlich und schriftlich auseinandergesetzt. Bebel endete seine Rede mit der Erklärung, daß er sich dem Antrag auf Abweisung der Klage anschließe. großem Erstaunen und vieler Höflichkeit bedankte. Dann las er, stutzte und erblaßte. Die Leipziger Bank hatte ihre Zahlungen ein gestellt. Ms er sich mühsam vom ersten Schrecken erholt hatte, las er das eilig überflogene Blatt noch einmal genauer und schalt sich, daß er sich von der bestürzten Menge mit solch' törichter Furchtsamkeit hatte anstecken lassen. Was war denn weiter geschehen? Hier war ausdrücklich nur von einstweiliger Zahlungseinstellung die Rede und die deutliche Zusicherung gegeben, daß die Geschäftsstockungen in wenigen Tagen behoben sein würden! Aber so sind diese Krämerseelen! Sowie ihnen einer nur mit der geringsten unangenehmen Bewegung an den Geldsack rührt, sofort überkommt sie die zitternde Todesangst, und sie verlieren alle Ruhe und Vernunft Ihm selbst war es wahrhaftig auch unlieb genug, vielleicht inehrere Tage auf fein Taschengeld warten zu müssen, das er so notwendig brauchte. Aber er war viel zu verständig, um deshalb gleich außer sich zu geraten und das Schlimmste zu befürchten. Die Folgen deS südafrikanischen Krieges hatten sich ja, wie er aus den Zeitungen wußte, schon in allerhand Geschäfts- stockungen gezeigt. Wahrscheinlich hing damit auch diese augenblickliche Zahlungseinstellung zusammen. Aber eine Zahlungseinstellung war noch kein Bankerott. (Fortsetzung folgt.)
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