DRESDNER C* PHILHARMONIE Dennoch gab es immer wieder Kritik an seinem „Kirchenstyl“, schon zu seinen Lebzeiten, mehr j aber noch und hauptsächlich viel später, als das I romantische 19. Jahrhundert das Mittelalter zu entdecken begann, nicht nur die gotischen Türme und die Bildwerke, sondern auch in der Musik ! das, was es für Mittelalter hielt: den angeblichen A-cappella-Stil der Gabrieli, Lasso und Palestrina. Leider waren diejenigen, die eine solche Kritik ' äußerten und sich auf die alten Meister beriefen, nicht vollständig informiert über historische Zusammenhänge. Hätten sie nämlich die weltli- I ehe Musik der genannten Altmeister besser (oder überhaupt) gekannt, so hätten sie deren Kirchen- | musik ebenfalls verwerfen müssen als der weltli chen nur allzu ähnlich und aus demselben Geist geflossen. Sie hielten Werke für eminent kirchlich, die in Wirklichkeit voll waren von einer eminent weltlichen Symbolik des Ausdrucks oder zum mindesten voll einer der weltlichen und kirchli chen Musik gemeinsamen Symbolik. Und dennoch hatten sie den Finger auf jene Stelle gelegt, die im Leben Mozarts eine gewich tige Rolle gespielt haben mag: sein Verhältnis zur Religion einerseits und seine freigeistige Einstel lung, die im Freimaurertum münden sollte, an dererseits. Natürlich kam Wolfgang aus einem Elternhaus mit leidlich strenger Einhaltung der kirchlichen Vorschriften: Kirchgang, Beten, Fa sten. Doch Vater und Sohn lernten schon auf ihren gemeinsamen Reisen die Welt kennen, er lebten andere Gedanken, andere Sitten und kehr ten mit wesentlich freierem Blick in die Heimat zurück. In Italien vollends ist auch den Mozarts die tiefe Irreligiosität nicht entgangen, die durch das fröhliche Zeremoniell der Kirche eher offen bart als verdeckt wurde. Trotzdem war man im Hause Mozart aufrichtig katholisch. Man lebte in einer Tradition, die nicht abzuschütteln war, auch | nicht abgeschüttelt werden sollte. Man wäre nie- ' mals auf eine solche Idee gekommen. Man kann te sich aus in allen großen und kleinen religiösen . „Unsere Kirchenstücke sind oft in ein rein verliebtes, leidenschaft liches Wesen ausgeartet und tragen ganz und gar das Gepräge der weltlichen Oper. Selbst die Kirchensachen von Mozart und Haydn ver dienen jenen Tadel", meinte der Heidel berger Universitäts professor Thibaut 1824.