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KONGRESS-SAAL DEUTSCHES H YGI EN E - MU S EU M Sonnabend, den 13. November 1965, 19.30 Uhr Sonntag, den 14. November 1965, 19.30 Uhr 3. AUSSERORDENTLICHES KONZERT Dirigent: Horst Förster Solistin: Maud Martin-Tortclier, Frankreich Wolfgang Amadeus Mozart Sinfonie g-Moll KV 550 1756 - 1791 Allegro molto Andante Menuetto (Allegro) - Trio Finale (Allegro assai) Luigi Boccherini 1743 - 1805 Konzert für Violoncello und Orchester B-Dur Allegro moderato Andantino grazioso Allegro PAUSE Antonin Dvorak 1841 - 1904 Konzert für Violoncello und Orchester h-Moll op. 104 Allegro Adagio Allegro moderato MAUD MARTIN-TORTE LI ER wurde 1923 in Paris geboren. Bereits sechsjährig begann sie zu musizieren und wurde im Alter von elf Jahren vom Nationalkonscrvatorium Paris aufgenommen. Ihre Lehrer waren die Professoren Pierre Fournier und Maurice Marechal. Maud Martin-Tortclier ist Trägerin verschiedener Preise; ihre ausgedehnte Konzerttätigkeit führte sic - neben Auftritten in ihrem Heimatland - nach der Schweiz, nach den Niederlanden, in die CSSR, nach England, Kanada, Israel, in die DDR, nach Westdeutschland als Solistin wie auch als Partnerin ihres Mannes, des Cellisten Paul Tortclier, mit dem sic in Orchesterkonzerten und Soloabenden spielte. 1956 wurde Maud Martin-Tortclicr außerdem als Dozentin an das Nationalkonservatorium in Paris be rufen. ZUR EINFÜHRUNG Wolfgang Amadeus Mozarts „große“ g-Moll-Sinfonie (K.V 550) - so genannt zum Unter schied von der fünfzehn Jahre früher entstandenen „kleinen“ in der gleichen Tonart (KV 183) - ist eine der berühmten letzten drei Sinfonien des Komponisten, die auf diesem Gebiet seines Schaffens Abschluß und Höhepunkt zugleich darstellen. In un mittelbarer Folge wurden die Sinfonien in Es-Dur (KV 543), g-Moll und C-Dur (KV 551) im Sommer des Jahres 1788 in der ^unfaßbar kurzen Zeit .von Juni bis August niedergeschrieben. Es ist uns kein bestimmter Anlaß für die Entstehung dieser drei ihrem Charakter nach so verschieden gearteten Meisterwerke bekannt; wir wissen nicht einmal, ob Mozart sie überhaupt jemals in einer Aufführung gehört hat. Wenn auch keine Hinweise dafür existieren, daß der Komponist die drei Sinfonien als eine Art Trilogie, als in sich zusammenhängende Einheit geplant hätte, so bilden die anmu tig-heitere 'Es-Dur-, die dunkelgestimmte, schmerzerfüllte g-Moll- und die strahlende, lösende C-Dur- („Jupiter“-) Sinfonie doch durch organisches Sich-Ergänzen ihrer Inhalte eine natürliche Einheit, gehören sie innerlich zusammen. In einer Zeit schwerster wirtschaftlicher Sorgen geschaffen (gerade aus dem Sommer 1788 liegen verzweifelte Briefe des Meisters vor), zeigt die g-Moll-Sinfonie den erschütternden Niederschlag der „schwarzen Gedanken“, von denen Mozart einmal schreibt, zeigt die ernsten Zweifel, die ihn bedrängten. Nirgens finden wir bei ihm ein Gegenstück, in dem mit einer solchen Ausschließlichkeit schmerzlichen Empfindungen Ausdruck gegeben wurde, wie in diesem von Leid und Schicksalskampf geprägten Werk. Mozarts Zeit genossen empfanden die Sinfonie denn auch als befremdend düster, ja noch im Jahre 1802 wird sie in einer Leipziger Kritik „schauerlich“ genannt. Während die Romantik dagegen sogar hier wieder nur den „ewig heiteren“ Mozart sah und die Komposition als „anmutig-graziös“ auf faßte, müssen wir heute doch trotz der Verklärung des Schmer zes durch wunderbar edle Formen, durch das klassische Streben nach Klarheit und Schönheit wieder die heftige seelische Erregung, die das Werk durchzieht, sein tragisches, düsteres Grundgefühl und die volle Größe dieser Schmerzlichkeit zu erkennen suchen. Ohne Einleitung beginnt der erste Satz (Allegro molto) sogleich mit der erregten Klage des Hauptthemas. Auch das zweite Thema bringt keinen Gegensatz, sondern erweitert lediglich den dunklen Charakter der herauf beschworenen Stimmung durch sehnsuchts voll-wehmütige Töne. Die starke innere Spannung des Hauptthemas, dessen motivisches Material in der Durchführung dominiert, hält während des ganzen Satzes an. Nach er schütternden Wendungen, in denen trotziges Aufbegehren mit rührender Klage wechselt und zu dramatischen Auseinandersetzungen führt, klingt der Satz in schmerzlicher Re signation aus. - Im zweiten Satz, einem weit ausschwingenden, edlen Andante, bleibt der Grundcharakter trotz schwärmerischen Schwelgens in sanfteren, weicheren Klängen ebenfalls traurig und nachdenklich. Neben dem schwermütigen ersten Thema werden hier zwei weitere, kunstvoll miteinander verwobene Themen bedeutungsvoll. - Selbst das folgende Menuett verrät kaum noch seine Herkunft von der zierlichen, verspielten Tanzform des Rokokos, sondern ist in seiner herben, ja schroffen Anlage im Gegenteil ein Sinfoniesatz von der gleichen Bedeutung und Härte wie etwa der erste Satz. Nur im lieblichen Trio wird vorübergehend ein heiter-tröstlicher Ton angeschlagen. - Voller wilder Unruhe und Leidenschaftlichkeit stürmt schließlich das Finale dahin, dessen Hauptthema übrigens Beethoven später als melodischen Kern des Scherzos seiner 5. Sin fonie c-Moll verwendete. Fast nirgens findet sich ein Ruhepunkt, auch das gesangliche zweite Thema kann nur für kurze Zeit Beruhigung bringen. Schärfste Auseinander setzungen mit kontrapunktischen Verdichtungen und kühnen Modulationen in entfern teste Tonarten kennzeichnen den Verlauf dieses Satzes. An der tragischen Grund stimmung fcsthaltend, schließt die Sinfonie ohne befreiende Lösung ab. Luigi Boccherini, der als ein Charakter von großer Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Geduld und Sanftmut geschildert wird und in seinem selbstlosen Dienst für die Kunst zu den edelsten Gestalten der Musikgeschichte zählt, studierte Musik in seiner oberitalienischen