ZUM PROGRAMM nen“, hatte Dvorak an einen befreundeten böhmischen Musiker geschrieben. Zu den melodischen Charakteristika Amerikas zählte der Komponist vor allem die Penta tonik, den erniedrigten Leitton, Mollton- leitern ohne vierte und siebente Stufe, darüber hinaus als vorrangiges rhythmi sches Element die Synkopenbildung. In der Tat finden sich all diese Eigenheiten in den Hauptthemen der 9. Symphonie wie der: Das Thema der langsamen Einleitung ist von pentatonischen Wendungen geprägt, das Hauptthema erhält seine cha rakteristische Struktur durch die Synko pen, harmonische Abweichungen von der europäischen Molltonleiter bestimmen das Seitenthema, bevor eine berühmte Spiri tual-Melodie die thematische Schluss gruppe des ersten Satzes dominiert. Auch die Themen des zweiten Satzes, der maß geblich zur Popularität der Symphonie beigetragen hat, sind pentatonisch gebaut und verzichten auf die klassische Leitton spannung. In den Skizzen noch als „legen- da“ überschrieben, hat dieser Satz zahlrei che inhaltliche Interpretationen hervorge rufen, die sich aber weder musikalisch noch äußeren Quellen zufolge belegen lassen. Das Scherzo bildet einen merkwür digen Gegensatz zu den beiden vorange gangenen Sätzen und verzichtet durch wegs auf die genannten amerikanischen Stilelemente, greift vielmehr auf böhmisch-tschechische Tänze zurück und wird in der Literatur immer wieder als Beweis der grenzübergreifenden Weltspra che „Musik“ zitiert. Wie bereits der erste Satz folgt schließlich auch das Finale der Sonatenhauptsatzform und schlägt darüber hinaus durch die neuerliche Verwendung der Amerikanismen eine zyklische Brücke zum Beginn der Symphonie. Die Kritiken zur New Yorker Urauffüh rung am 16. Dezember 1893 beweisen, dass Dvoraks Partitur als wichtiger Beitrag zur Ausbildung und Anerkennung einer amerikanischen Kunstmusik verstanden wurde. Der New York Herald jubelte: „Eine Symphonie, die von amerikanischen Neger- und Indianermelodien angeregt wurde, eine Symphonie, die beweist, dass es amerikanische Kunstmusik gibt.“ Die New York Times schrieb: „Die Symphonie ,Aus der Neuen Welt“, eine Studie natio naler Musik. Eine Lehre für die amerika nischen Komponisten. Dvorak hat eine Symphonie geschaffen, deren Themen durchdrungen sind vom Geist der Neger- und Indianermelodien.“