Volltext Seite (XML)
Ludwig van IteHhovcn: Slaiionen seines Lebens (IV) Wien (1801 — 1809) Drei Werke, drei Jahreszahlen, und über allem steht ein Name: Wien, die Stadt, die Beethoven zur zweiten Heimat werden sollte, Wien, und eng damit verbunden, das Donautal mit seinen sanft geschwungenen Hügeln, jene österreichische Land schaft, die Beethovens Schaffen so vielfältig und fruchtbringend anregte. Idee und Text des Ballettes ,,Die Geschöpfe des Prometheus“ stammten von dem italienischen Tänzer Salvatore Vigano. Beethoven wurde aufgefordert, dazu eine Musik zu komponieren. Das fertige Werk umfaßte die Ouvertüre und 16 Einzel nummern. Am 21. März 1801 wurde das Ballett im Kärntnertortheater zum erstenmal aufgeführt. In einer Zeitungsbesprechung lesen wir darüber, daß Beethovens Musik wenig gefiel, aber auch der literarische Vorwurf wurde negativ beurteilt. Beethovens Musik sei zu gelehrt, hieß es, er habe wenig Rücksicht auf den Tanz genommen, und für ein Ballett, für eine Unterhaltung sei alles zu groß angelegt. Heinrich von Collin, der Verfasser des Trauerspiels „Coriolan“, berichtete über die Neuerungen des italienischen Ballettmeisters: „Diesen seltenen Sieg, welchen der neue Ballettmeister über den älteren hinwegtrug, hatte er der Zurückführung seiner Kunst von den übertriebenen, nichtssagenden Künstlichkeiten des italie nischen Ballettes auf die einfachen Formen der Natur zu danken.“ Nicht „Glieder verrenkungen, mühsame Stellungen und vielfach verschlungene Tänze, die keinen Eindruck der Einheit zurückließen“ dominierten und beherrschten den Bewegungs ablauf der Bühne, im Vordergrund standen plötzlich „Handlung, Tiefe der Empfin dung und reine Schönheit der Darstellung.“ Goethes Worte aus seinem „Prometheus-Fragment“ können wir unmittelbar und ohne Einschränkung auf Beethovens Leben, Wirken und Wollen übertragen: „Hier sitz' ich, forme Menschen Nach meinem Bilde, Ein Geschlecht, das mir gleich sei.“ Heute wird leider nur noch die Ouvertüre des Ballettes gespielt. Ob eine Wieder erweckung des gesamten Werkes nicht lohnte“ Beethoven selbst beschäftigte sich sehr eingehend mit diesem Stoff: Ein Thema verwendete er außer in dem Ballett nicht weniger als dreimal, und zwar (als Ursprung) in einem Kontertanz, im letzten Satz der „Eroica“ und in den Klaviervariationen op. 35, den sogenannten Eroica- Variationen. 1806 vollendete der Meister sein Violinkonzert, eine der glückhaftesten Schöpfungen und mit Recht seit Jahrzehnten als das klassische Konzert bezeichnet. Das Publi kum war begeistert, nur einige Fachleute fällten ein Fehlurteil, indem sie allen Ernstes behaupteten, das Werk enthalte zwar „manche Schönheit, sein Zusammen hang erscheine jedoch oft ganz zerrissen und die unendlichen Wiederholungen einiger gemeiner Stellen könnten recht ermüdend wirken.“