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Wochenschrift für Stadt und Land Zugleich Amtsblatt für den Bezirk deS königl. Landgerichts Mittwoch« erscheint je eine Nummer zu 1 Bogen. Da« Abonnement betrügt für t Vierteljahr lv Ngr. Alle Postämter ». Buch- handlungen nehmen Be stellungen hierauf an. Zeder Abonnent macht stch auf I halbe« Jahr verbindlich. Am Schluffe jede« Vier teljahre« wird l feiner Stahlstich in Quart gratis beigegeben. Nedigirt von VM. Otto Dehnel (seitherigem Redacteur der Erzgevirgischen Eisenbahn) unter Mitwirkung von ^üv. Fr. Roloff in Kirchberg, Oberlehrer Gg. A. Winter in Kirchberg und Im. Tr. Wöller in Leipzig. Für Anzeigen aller Art wird der Raum einer ge stalt. Zeile mit 1 Ngr. berechnet. Einzelne Nummern lo sten iS Ngr. i Inserate, sind portofrei einzusenden: «ach äk i rch- b erg an Oberl. Gg. A- Winter oder nach k«ic- zig an Im. Tr. Willer. I.) Leit- und Lebensbilder aus der Ge genwart und Vergangenheit. ' Etwas über Gewerbefreiheit. Ucbcr Gcwcrbcfrcihcit ist bereits so viel geschrieben, daß Ein sender dieses fast furchten muß, seine Worte hierüber möchten wenig Beachtung mehr finden; und doch kann das, was so tief indas bürgerliche Leben cingreift, wie dicseFrage, nicht allseitig genug erwogen werden, zumal es noch so viele sonst einsichts volle, einflußreiche Männer gibt, welche die Gewerbcfreiheit als das Ideal aller Vollkommenheiten des Gcwerbcstandes betrach ten, indeß sie doch nur den Keim der gänzlichen Vernichtung des Mittelstandes i» sich trägt, wie das Beispiel Preußens zur Genüge nachweist. Jeder, welcher seine Existenz begründen will, muß auch die Fähigkeiten haben, seinem Gewerbe vollständig verstehen zu kön nen; je geübter er in seinem Fache ist, desto sicherer wird seine Zukunft sein! Dieß ist in allen Ständen der Fall, noch mehr aber beim Handwerker, der seine Kenntnisse nicht aus Büchern schöpfen, sondern in der Werkstatt im In- und Auslande durch lange Uebungszeit sich praktisch angceignet haben muß. Wie kann daher ein junger: Handwerker, der sich selbstständig macht, nachdem er kaum Geselle ist, ja der oft die Lehrjahre nicht aus- gehalten hat (wenn anders bei Gewerbcfreiheit von Lehrzeit noch die Rede sein kann), fähig sein, sein eignes Fortkommen zu fin den? Wie kann ein splcher junger Mann eine oft zahlreiche Familie ernähren? Sagt man: solche junge Leute gründen keinen eignen Heerd, so verweise ich z. B. auf die Werkstätten der patcntirtcn Handwerker in Berlin ; die jungen abgezehrten Gestalten, Acltern einer Schaar in Lumpen gehüllter Kinder, sie werden beweisen, daß sie noch sehr jung in ihr Elend sich bega ben. Diese Unglücklichen, welche nur selten praktische Fähigkeiten in das praktische Leben mitbrachten, sind daher meist Sklaven reicher Fabrikanten oder fast in der Regel Händler (Juden), die ihnen ihre mechanisch gefertigten Arbeiten um jeden Spottpreis abkaufen, ja abkaufen müssen, wenn nicht Frau und Kinder hungern sollen.; sie kennen daö Elend, in dem diese Armen schmachten, sie wissen es vortrefflich zn ihrem Vortheile zu be nutzen. Vor dem Absätze auch der schlechtesten Waare ist diesen nicht bange; denn was sie am eignen Orte nicht vcrwerthen können, schicken sie in benachbarte Städte und Staaten, wo noch keine Gewerbcfreiheit, wo dich Elend im Gewerbestande noch nicht besteht, mithin auch solche: wohlfeile Waare nicht erzeugt werde» kann. Einen Beleg dafür geben dir spottwvhlfeilen Handwerks» waarcn, die in und außer den Messen massenweise nach Leipzig eingeführt werden, und trotz der Wohlfeilheit den Unternehmern doch noch ein erkleckliches Profitchen abwerfen. . , ES ist so häufig behauptet worden: derHandwerker erschlaffe beim Jnnuugszwange, die Concurrenz derGewerbefreiheit müsse ihn zu erhöhter Thätigkeit nnd zu größrer Fortbildung antrciben U. dcrgl. Ich behaupte gerade das Gegentheil: denn wer mit Nahrnngssorgen zu kämpfen hat, kann keine Zeit auf weitere Fortbildung verwenden, noch weniger die Hülfsmittel benutzen, die daz« nöthig sind; nnd da die Zahl der Junungsmitgliedcr keine geschloffene ist, so ist auch die Concurrenz in derselben groß genug, daß der Einzelne die Hände wahrlich nicht in den Schooß legen darf, wenn er nicht zurückbleibcn will. Nicht nnk im Interesse des Gewerbestandes allein ist die Gewerbcfreiheit virwerflich; auch das große Publi kum in Preußen fühlt schon längst die Rachthcile derselben; denn erstlich schreitet die Verarmung im Gewerbcstande da mit Riesenschritten vorwärts , wo eine maßlose Concurrenz besteht^ zweitens wird das Publikum schlecht bedient; denn wer gezwun gen ist, für jeden Preis zu arbeiten, kann unmöglich gute Arbeit liefern, nnd dann kann nur derjenige, welcher , seine Meister prüfung wirklich am besten bestand, dem Publikum aüch die meisten Garantien biete». Wäre die Gewerbcfreiheit wirklich so wünschenswerth, wie von mancher Seite behauptet wird- woher dann die vielen Stimmen aus Ländern, wo sie besteht, die ernst nnd dringend in und außer dem Gewerbestande die Aufhebung derselben verlangen? Dähingcgen ist eine zeitgemäße Verbesserung deS bisherigen Zunftwesens dringendes Bedürfniß nnd wird auch allwärts vom Gcwerbestjtnde gewünscht; auch unsre volköfrennd- liche Regierung hat diesem Wunsche Gehör gegeben und Ver treter aller gewerblichen Klaffen berufen, Um mit ihnen daS große Werk vyrzubereiten. Möge es in Pech ter Weise zn einem gt-