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88 SPEZIAL-NUMMER DER LEIPZIGER MONATSCHRIFT FÜR TEXT-IILNDUSTRIE. [No. III. Bedarf seiner Industrie doch auf den Import fremder Provenienzen angewiesen. Im Be richtsjahre war die Schafschur sehr gut ge wesen. Immerhin betrug aber die Einfuhr an Kämmlingen 15782 t gegen 15027 t in 1905, weiters an Wollabfällen 2161 t gegen 2056 t in 1905, endlich an Kunstwolle 2859 t gegen 2630 t in 1905. Während die ein geführte Schafwolle zu 75 Proz. über Eng land eingeführt wird und wohl zum größten Teile aus dem Transvaal stammen dürfte, wird Kunstwolle fast ausschließlich aus Deutsch land bezogen. Geringere Quantitäten Schaf wolle kommen aber auch noch aus Belgien, Frankreich und Deutschland. Erzeugt werden in den Niederlanden Buckskins, Kammgarne, Tuche, Serges und Flanell. An Tuchen werden sogenannte eng- j lische Stoffe erzeugt, die zum größten Teile nach England abgesetzt werden, um dann als englische Ware an den Weltmarkt zu kommen. Drei Viertel des holländischen Erzeugnisses finden im Auslande Absatz. Im Berichtsjahre wurden aus Holland Wollwaren ausgeführt 1547 t gegen 1443 t in 1905. Diesem Exporte steht aber die belangreiche Einfuhr von 11900 t gegen 10143 t in 1905 an Wollwaren verschiedenster Sorten gegen über. Davon kamen 2456 t aus Belgien, 7315 t aus Deutschland und 2114 t aus Eng land. Unter den aus Deutschland einge führten Waren ist gewiß ein nicht unbelang reicher Teil Fabrikat aus unserer Monarchie. Baumwollindustrie. Das Jahr 1906 war für diese Industrie, deren Hauptsitz die Twenthe (Provinz Overyssel) ist, namentlich die Städte Enschede, Almelo, Oldenzaal und Umgebung und in welcher ungefähr 35000 Personen guten Erwerb finden, trotz hoher Kosten des Rohmateriales und in weiterer Folge davon des Halbfabrikates ein sehr günstiges. In Holland bestehen 15 selbständige Baumwollspinnereien, welche insgesamt mit ungefähr 60000 Spindeln arbeiten, und eine bedeutende Anzahl Baumwollwebereien, die ungefähr 20 000 Webstühle im Betriebe haben. Einige Baumwollwebereien haben eigene Spin nereien angegliedert. Trotz der verhältnis mäßig großen Anzahl Spinnereien sind die holländischen Baumwollwebereien doch noch ! auf einen ziemlich umfangreichen Import von ausländischen Garnen, welcher größtenteils aus England, dann aus Deutschland, Belgien und Frankreich stammt, angewiesen. Im Berichtsjahre wurden an Baumwollgarnen 31295 t gegen 28541 t in 1905 importiert, davon kamen fast 24000 t, also mehr als zwei Drittel des Gesamtimportes, aus England Die holländischen Baumwollwebereien er zeugen vorwiegend Weiß-, Bunt- und be druckte Ware, Flanelle und Futterstoffe, weiter aus den Baumwollabfällen die für Ubersee stark begehrten Moltondecken, die hauptsächlich als Bettdecken Verwendung finden. Die Löhne bewegten sich in 1906 für den Durchschnittsarbeiter zwischen 9—16 fl. pro Woche. Diese verhältnismäßig billige Ar beitskraft ermöglichte es auch den hollän dischen Fabrikanten, am Weltmärkte kräftig aufzutreten und trotz hoher Preise der Garne mit befriedigendem Erfolge zu konkurrieren. Der Export Hollands, welcher sich mit Aus nahme von Frankreich, Russland, Österreich, Deutschland und Spanien auf fast alle Länder des Erdballes erstreckt, ist denn auch ein ziemlich bedeutender. Im Berichtsjahre wurden an Baumwollwaren verschiedener Art aus Holland 29891 t gegen 28695 t in 1905 ausgeführt. Bemerkenswert ist, daß es den Bestre bungen einer der größten Baumwollwebereien Hollands, welche za. 2500 Personen beschäftigt, gelungen ist, in den letzten Jahren auf dem Balkan und in Kleinasien festen Fuß zu fassen, und daß dieselbe dortselbst bedeutende Fortschritte zu verzeichnen hat. Man be hauptet, daß mehr als drei Viertel der Jahres produktion derselben nach diesem Absatz gebiete dirigiert wird. Teppichfabrikation. Dieselbe bildet einen ziemlich belangreichen Industriezweig in Holland und beschäftigt sich vorwiegend für den Export nach den eigenen und sonstigen überseeischen Besitzungen, aber auch nach dem Orient mit der Erzeugung von Kuh haarteppichen. Bekleidungsindustrie. In einigen größeren Städten, speziell aber in Amsterdam und Rotterdam, bestehen schon seit Jahren mehrere sehr bedeutende Herrenkleiderkon fektionäre, welche mitunter bis zu 200 Per sonen beschäftigen und die nicht nur en detail, sondern auch en gros arbeiten, indem sie kleineren Konfektionären Geschäfte einrichten | und dann an sie Waren für den Wiederver- I kauf abgeben oder in verschiedenen Orten auf dem flachen Lande selbst Filialen unter halten. Der Detailkundschaft liefern diese großen Unternehmen auch gegen Jahres abonnement, wobei bestimmte Tarife festge setzt sind, für welche für die verschiedenen Saisons der Abonnent mit den entsprechen den Kleidungsstücken versehen wird. Die Herrenstoffe, wie Kammgarne, Che viots und sogenannte englische Tuche, werden größtenteils durch die nationale Industrie selbst geliefert, während sie aber auch aus Deutschland, Belgien und England eingeführt werden. Feine Herrenschneider beziehen auch Modestoffe aus Österreich-Ungarn. Die holländischen Herrenkonfektionäre arbeiten teilweise auch für den Export nach den niederländischen Kolonien und Afrika und erzeugen zu erstaunlich billigen Preisen. Ein Anzug ist schon für za. 3—4 fl. zu bekommen. Was die Damenkonfektion anlangt, so ist zu sagen, daß noch immer der größte Teil des Bedarfes aus Paris, Wien, Brüssel und Berlin bezogen wird, wobei letzterer Ort unstreitig und bei weitem den größten Teil liefert. Der größte Teil des Konsums in Damenkostümen, Jacketts und Mänteln wird in fertiger Fabrikware gedeckt, da die Maßarbeit in den holländischen Damensalons sehr teuer ist und sich nur wenige Damen diesen Luxus erlauben können. Der öster reichischen Kleiderindustrie zur Ehre muß hier rühmlich hervorgehoben werden, daß besonders in der holländischen Damenkon fektion zahlreiche Angehörige der österr. Monarchie namentlich als Zuschneider Stel lung gefunden haben, deren gute Arbeit An erkennung findet. Auch bestehen hier einige allerdings kleinere selbständige Ateliers, die von österreichischen Staatsangehörigen be gründet und nun ersprießlich geleitet werden. Blusenfabrikation. Es bestehen hier einige nationale Fabriken, welche namentlich ordinäre und mittlere Genres in Baumwoll blusen etc. erzeugen, mit denen das Ausland kaum konkurrieren kann. Feinere und feinste Genres werden noch immer stark aus dem Auslande importiert, doch befassen sich in der letzten Zeit mit deren Erzeugung auch hiesige Firmen. In Blusen ist der Wiener Geschmack sehr gewillt und wird gerne gekauft, weil derselbe viel vornehmer und aparter ist als die Berliner Ware. Textilwareneinfuhr. Baumwollwaren. An Baumwollgarnen ist für den inländischen Konsum namentlich für Webzwecke großer Bedarf, der vorwiegend durch zahlreiche Spinnereien im Lande selbst und dann von England, Deutschland und Belgien gedeckt wird. Häkelgarne für den Export nach den Kolonien liefert Deutsch land. Gehandelt werden vorwiegend weiße und rote Garne. Baumwollstoffe, gemeine, glatte, einfarbige, mehrfarbige, bedruckt und unbedruckt, werden im Lande selbst viel erzeugt. Die holländi sche Industrie ist auf den Export angewiesen. Sie findet in den Kolonien sehr gutes Ab satzgebiet und liefert dorthin namentlich Stückgut, Sarongs, Kains, gewebt und be druckt, in Konkurrenz mit Deutschland und der österr.-ungarischen Monarchie. Musselin und Gaze aus Baumwolle wird in Holland wenig erzeugt, jedoch fast nahe zu der ganze Bedarf aus England und der Schweiz, als Moskitonetze für die Kolonien, eingeführt. Baumwollspitzen liefert Deutschland, die selben geben einen guten Stapelartikel ab, Baumwollsamte und Plüsch sind in Holland selbst wenig gangbar, indes werden sie in den Kolonien zur Kleidung der Frauen von Eingeborenen stark begehrt. Geliefert werden sie von England, Deutschland und Österreich- Ungarn. Baumwollbandwaren in verschiedenen Far ben, speziell aber in weiß und rot, gehen stark nach Ostindien. J * Baumwollknopfwaren wurden früher viel aus Böhmen hier importiert, doch scheint in letzter Zeit Sachsen die Oberhand gewonnen zu haben. Baumwollwirkwaren liefern vorwiegend Württemberg und Holland selbst, in letzter Zeit kommt sehr viel aus Italien. Baumwollgürtel in verschiedenen Dessins, namentlich solche in den niederländischen Farben bis zu 5 inches breit, werden in den Kolonien viel verkauft und kommen zumeist aus Deutschland. Flachs, Hanf, Jute und andere Spinn stoffe. Flachs, roh, gehechelt und unge hechelt, wird aus Belgien und Deutschland bezogen. Der Import von Hanf, sowohl ge hechelt als auch ungehechelt, beziffert sich auf za. 15 Mill. Gulden jährlich. Der Haupt lieferant hierfür ist Deutschland, von wo aus über Hamburg ungefähr drei Viertel der Gesamteinfuhr kommen. Flachsgarne werden in Holland, da hier keine nationalen Spinnereien existieren, nicht erzeugt. Die Leinenindustrie bezieht den ganzen Bedarf dieser sowohl als auch an Hanfgarnen aus dem Auslande. Garne zu Webzwecken liefert vorwiegend Belgien; Hanfgarne, sogenannte Schuhgarne, kommen namentlich aus Frankreich und bilden einen sehr gangbaren Artikel, auch für den Export nach den niederländischen Kolonien werden dieselben viel verlangt. Dem Ver lauten nach soll Deutschland nicht imstande sein, mit der französischen Ware zu kon kurrieren. Leinenwaren, ungemustert, roh, gefärbt und mehrfarbig gewebt, bedruckt, werden im