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02-Abendausgabe Leipziger Tageblatt und Anzeiger : 25.07.1900
- Titel
- 02-Abendausgabe
- Erscheinungsdatum
- 1900-07-25
- Sprache
- Deutsch
- Vorlage
- SLUB Dresden
- Digitalisat
- SLUB Dresden
- Rechtehinweis
- Public Domain Mark 1.0
- URN
- urn:nbn:de:bsz:14-db-id453042023-19000725026
- PURL
- http://digital.slub-dresden.de/id453042023-1900072502
- OAI
- oai:de:slub-dresden:db:id-453042023-1900072502
- Sammlungen
- Saxonica
- Zeitungen
- LDP: Zeitungen
- Strukturtyp
- Ausgabe
- Parlamentsperiode
- -
- Wahlperiode
- -
-
Zeitung
Leipziger Tageblatt und Anzeiger
-
Jahr
1900
-
Monat
1900-07
- Tag 1900-07-25
-
Monat
1900-07
-
Jahr
1900
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LY70 wohl auch dir Diplomaten in Peking gemacht, doch nicht einer allein. Ganz falsch sei die Auffassung, daß Krittler gewissermaßen die Chinesen berauSgcfordert habe, indem <r sich zu Pferde in das Tsung li Damen begab. Der artiges sei öfter vorgekoiiime», ohne daß e» daS Gefühl der Chinesen je verletzt batte. Er, v. Brandt, babe sich öfters auch in einer Sänfte dorthin tragen lassen, waü jedenfalls eine viel gefährlichere Position gewesen fei. Im Uebrigen habe die jetzige Bewegung in Ostasien auch ihre geheimnißvollen Seiten. „Wir kennen die asiatische Welt noch wenig, die asiatischen Völker wirken anders als wir. Ein Beweis dafür sei der Ausstand in Kabul (Afgha nistan), von dem England seinerzeit überrascht worden sei. WaS die Beziehungen der Mächte zu Ostasien untereinander und besonders daS Verhältniß Deutschlands zu Rußland anbetrifft, so bemerkte v. Brandt: AlS eö sich 1895 bei Tschifu darum handelte, die Japaner von dem chinesischen Festlande fernzuhalten, entfernten sich die Franzosen, um Ungelegenheiten mit Japan zu vermeide», während daS deutsche Schiff dort blieb, um die Russen zu unterstützen. Damals sei Rußland durch uns die zuverlässigste Stütze zu Theil geworden. Deutschland habe stets ohne Neid auf die dominirende Rolle Rußlands in China gesehen. Die Ansicht sei ja begreiflich, daß Rußland, als nächster Nachbar Chinas, eine solche haben muß. Die deutsche Politik sei damit auch vollkommen einverstanden. Rußland lege Gewicht darauf, freundschaftliche Beziehungen zu China zu pflegen; dies sei für die Entwickelung der sibirischen Bahn, als einer Verbindungslinie für die Mandschurei, von höchster Wichtigkeit. Derartige Beziehungen seien auch unserem Handel von Nutzen. Deutschland habe das größte Interesse daran, daß eine Pacificirung ChiuaS baldmöglichst gelinge. — Zu der Frage, ob Deutschland sich nicht zurückziehen könne, da schwere Opfer erforderlich seien und Rußland allein die Action überlassen könne, äußerte Herr v. Brandt: Diese Besorgniß sei grundlos. Wir können nicht zurück, da wir Kiautschau brauchen. Wir müssen bleiben, koste eS, was eS wolle. Ein Zusammengehen Deutschlands mit Rußland erleichtere die Ausgabe und ziehe Frankreich nach sich. DaS Londoner Auswärtige Amt verkenne ebenfalls nicht die Sachlage, v. Brandt glaubt nicht, daß der Krieg lange dauern wird. Freilich müsse jetzt nach der Einnahme Tientsins unbedingt energisch vorgegangen werden. Die derzeitigen Kräfte reichten zu einer Offensive gegen Peking aus; eS dürfe nicht gezögert werden, da sonst zu erwarten stehe, daß sich der Aufstand nach dem Süden ausbreite. « - -——— * Bei der Auswahl des Personals der ost asiatischen Truppen sind die Verheiratheten von vornherein grundsätzlich ausgeschieden, so daß die Mann schaften und Avancirten durchweg ledige Leute sein dürften. Dagegen sind einzelne höhere Stellen doch mit verheiratheten Familienvätern besetzt worden; so sind unter Anderen ein Bataillonöcommandeur und ein Lazarethinspector dem Rufe de« Kaisers gefolgt, obwohl sie Frau und Kinder in der Heimath zurücklassen müssen. Von einem tragischen Geschick ist andererseits ein Stabsarzt betroffen worden, der sich für die China-Expedition meldete, noch bevor die Umfrage erging. Er hat vier Jahre im Dienste seines Vaterlandes in den afrikanischen Schutzgebieten zugebracht und hatte nach der Rückkehr in die Heimath das vorher ihm versagte Glück, seine Brant an den Traualtar zu führen. Nach kaum einjähriger Che wurde ihm die junge Frau kürzlich nach zweitägiger tückischer Krankheit durch den Tod entrissen. Wie gerufen kam dem schwer ge prüften Manne jetzt die Gelegenheit, in fernen Lauben im Dienste für Kaiser und Reich Vergessenheit in seinem Schmerz über den Verlust zu suchen. Die telegraphische Meldung deS bei einem Garderegiment angestellteu Stabsarztes wurde alsbald angenommen; er ist einem der vier Feldlazarethe zu- getheilt worden. Politische Tagesschau. ' * Leipzig, 25. Juli. Man wird den politischen Parteien im Allgemeinen keine Abneigung dagegen nachsagen können, sich selbst zu loben. Ein so maßloses, die Thatsachen der Geschichte und der Gegenwart mißachtendes Eigenlob aber, wie eS in der „Kölnischen Volkszeitung" anläßlich der Aus zeichnung des Reichstags-Präsidenten rasen Ballestrem an den Tag kommt, ist bei uns erfreulicherweise selten. Noch am 19. d. M. machte das rheinische CentrumSblatt selbst geltend, jene Auszeichnung sei keineswegs ohne Präcedenzfall: sei Graf Ballestrem früher als s. Z. die Herren v. Levetzow und v. Köller Excellenz geworden, so sei eS wahrscheinlich ge schehen, weil er sich durch seine Geschäftsführung ganz besonders ausgezeichnet habe. Vier Tage später faßt die „Kölnische Volkszeitung" die Ehrung des Grafen Ballestrem als einen Act auf, der auf die Initiative des Kaisers schließen lasse und eine anerkennende Beurtheilung der politischen Hal tung deS Reichstags bedeute. Welchen Antheil an dieser Auf fassung die CombinationSgabe der „Kölnischen VolkSztg." bat, beibe ununtersucht. Dagegen verdient das Bemühen deS führenden CentrumSorganö, die Auszeichnung deS Grafen Ballestrem als Gelegenheit für den Nachweis zu benützen, daß die Bedeutung deS Reichstages Dank dem Centrum gestiegen sei, eine kurze kritische Beleuchtung. Die „Kölnische Volkszeitung" behauptet, erst heute habe der Reichstag die ihm von der Verfassung angewiesene Stellung; wahrend der siebziger Jahre habe durchweg die Reichsregierung im Reichstage di« Führung gehabt; in de» achtziger Jahren hätte eS nicht zur Hebung de» Ansehens deS Reichstages beigetragen, daß daS Ceutrum als stärkste Partei den Couservativen da- Präsidium überließ; erst seit in den neunziger Jahren daS Centrum „auch daS Präsidium des Reichstages in die Hand nahm", ist die Be deutung dcS Reichstages .. gestiegen". Die Durchführung einer selbstständigen Finanzpolitik gegenüber Miquel'S Reformplan, die „völlige Umgestaltung der Flottengesetzvorlage" und die selbstständige Schaffung der Deckung, „daS sind Leistungen, wie sie weder in den siebziger, noch in den achtziger Jahren denkbar gewesen wären". — Wenn daS Centrnm auf die Verhinderung einer ReichSsinanzreform besonders stolz ist, so kann man nur sagen: Imbcrut sibi. Soll aber durch den Hinweis auf den Miquel'schen Plan angedeutet werden, daß früher ähnliche Gesetze vom Reichstage nicht hätten zu Fall gebracht werden können, so ist darauf zu entgegnen, daß selbst Fürst BiSmarck wiederholt vergebens für Gesetze von gleicher Tragweite eingetreten ist — wir erinnern nur an daö Scheitern der Vorlagen über daü Tabak- und daS Branntwein-Monopol. Spricht ferner die „Köln. VolkSztg." von einer völligen Umgestaltung deSFlotten- gesetzeS, so ist dies eine Uebertreibung ersten Range-; die Strei chung der AuSlandSkreuzer, die von der Negierung selbst erst von 1906 ab gefordert wurden, kann unmöglich als völlige Um gestaltung einer Vorlage bezeichnet werden, deren Kern, die Verdoppelung der Schlachtflotte, angenommen worden ist. Zeigt endlich die „Kölnische Volkszeitung" auf die selbst ständige Schaffung der Deckung als auf eine Thal hin, weiche die Bedeutung deS Reichstages gehoben habe, so sind gerade von Seiten des CentrumS hierbei so viel Verkehrtheiten theils beantragt, theils durchgesetzt worden, daß die Kunst der Gesetzgebung von zenem Vorgehen wahrlich nicht viel zu erwarten (hat. Angesichts eines so dürftigen Vorraths an Ruhmestiteln er scheint die Uebcrhebung der „Köln. VolkSztg." schon groß genug; noch größer aber erscheint sie, wenn man liest, daß gerad« die „Selbstbeschränkung deS Reichstages", d. h. doch seine Geneigt heit, Compro misse einzugeheu, von der „Köln. VolkSztg." rühmend hervorgehoben wird, weil sie Conflicte schwerer Art beseitigt babe. Gewiß liegt in diesem Lobe etwas Berechtigtes. Aber gebührt nicht dem Reichstage der siebziger Jahre mindestens das gleiche Lob? Sind nicht die Grundlagen unseres deutschen Wehrstaates und unseres deutschen Rechtsstaates in der ersten Hälfte der siebziger Jahre ebenfalls Dank der besonnenen Selbstbeschränkung des Reichs tages zu Stande gekommen? Der jetzige Reichs tag brauchte nur die Bahnen weiter zu wandeln, die in den siebziger Jahren beschritten wurden, als eS galt, die Fundamente deS neuen Reiche- zu befestigen. Damals freilich waren es die Nationalliberaleu, deren Aesonueuheit eS gedankt werden muß, wenn Conflicte schwerer Art in der früheilen Jugend dcS neuen Einheitsstaates ver mieden wurden: deshalb heute die Insinuation der „Kölnischen VolkSztg.", daß der Reichstag damals an die volle Bedeutung seiner verfassungsmäßigen Stellung nicht „heranreichte". Wie wenig ein solcher Borwurf begründe! ist, erhellt besonders klar aus dem im Widerspruch zum BundeSrathe beschlossenen Anträge LaSker'S, das bürgerlich« Recht unter die Gesetzgebung des Reiches zu stellen. Kein Geringerer als Herr Windthorst hat diesen Antrag als dem föderativenPriocip zuwiderlaufend erklärt und seineBesürworter als „NeichSfeinde" bezeichnet. Jetzt thut sich daS Centrum viel daraus zu gute, daß eS mit besonnenerjSelbstbeschränkung das Zustandekommen des Bürgerlichen Gesetzbuches er möglicht hat! Nein, die Bedeutung deS Reichstages auch vor der Periode des CentrumSglanzeS entsprach der Reichöverfassung, trotz und neben dem Fürsten Bis marck. Wie eö aber gegenwärtig in Wahrheit mit dem Ansehen deö Reichstages bestellt ist, darüber geben die wieder holten Klagen des Grafen Ballestrem über die schlechte Besetzung des Reichstages und seine Mahnungen, die Würde deS Reichstages durch pflichlmäßigeS Erscheinen »u wahren, ebenso Auskunft, wie die mehrfach bekundete Auffassung des Reichstages selbst, daß nur „Anwesenheitsgelder" ihn vor der Beschlußnnfähigkeit retten können! Hieran sollten die Vertheidiger der lsx Heinze nicht er innert zu werden brauchen. Die NeichSfinanzverwaltung hat, wie bereits mit- getheilt worden, die Anordnung getroffen, daß die (Lcsammt- kosteu der Expedition von Truppen nach Ostasien und der Bewegung von Schiffen dorthin unter einem besonderen Titel verrechnet werden sollen. DaS läßt darauf schließen, daß die Nachweisung dieser Ausgaben, nach Möglichkeit specialisirt, dem Reichstage zur nachträglichen Genehmigung unter breitet werden sollen, sobald er sich versammelt, und daß daun für den Nest de- Rechnang-jahre- eine Pauschalsumme für die Weitersührung der ostasiatischen Unternehmungen ge fordert werden wird. Mit Befriedigung ist aus der Anordnung der Finanzverwaltung zu ersehen, daß diese auf möglichst rasche Verrechnung der verausgabten Beträge dringt. Hieraus erwächst der Vortheil, daß man in jedem Augenblicke dem chinesischen Reiche die Rechnung der Koste» prasentiren kann, die uns aus dem Aufstande der Boxer gegen die Fremden entstanden sind, und ferner wird e» sich durch die dringlich« Anordnung der Finanzverwaltung verhüten lasten, daß, wie zu Zeiten der Pauschalwirthschaft in den Colonien, drei oder vier oder noch mehr Jahre vergehen, bis man endlich die Ausgaben sämmtlich übersieht und in der Lage ist, eine Controlr der selben Platz greifen zu lasten. Durch die oppositionelle Presse Frankreichs ist im Hinblick auf die Möglichkeit einer Kriegserklärung an China die Erörterung der Frage in Fluß gebracht worden, ob nicht die Schließung der Session der Kammer, ohne deren Zu stimmung eine solche Erklärung Frankreichs nicht geschehen könnte, zu früh erfolgt sei. Dem gegenüver wird, wie der „Polit. Corr." aus Paris berichtet, an competenten Stellen betont, daß in Anbetracht der Ungeklärtheit der Lage in Peking, infolge deren eine Kriegserklärung vorläufig einfach unmöglich sei und auch für eine Berechnung über den Eintritt eines solchen Vorganges die Grundlage fehle, daS Beisammenhalten der gesetzgebenden Körperschaft zwecklos gewesen wäre. So weit sich zur Zeit ein Bild von dem Gesammtcharakter dcS zwischen China und den Mächten entstandenen Coxflictes gewinnen lasse, scheine eS, als ob man sich gegenüber einer umfassenden und von langer Hand mit Unterstützung der meisten Viciköuige und anderer chinesischen Behörden vorbereiteten Verschwörung befinde. Da« entschlossene und einige Vorgehen der Mächte und die Einnahme von Tientsin, sowie die großen Vorbereitungen der Verbüudrten für daS weiters Vorgehen dürften, wie man hoffen könne, auf die Kaiserin-Wittwe, falls sie überhaupt noch einen in Betracht zu ziehenden Machtfaetor bilde, sowie auf die Vicekönige ernüchternd wirken und sie wahrscheinlich zu dem Versuche bestimmen, jede Mitschuld an den Gewaltthaten der Boxer abznschütteln. Nähmen die Dinge diese Wendung, dann wäre nicht einzuseheu, welchen Vortheil eine Kriegserklärung an China bieten sollte. Er weise sich dagegen ein solcher Act als unausweichlich, dann werde derselbe in vollem Einvernehmen aller betheiligten Mächte erfolgen und eS sei selbstverständlich, daß die Re gierung die hierfür verfassungsmäßig erforderliche Zu stimmung der Legislative einholen werde. vom Kriege in Südafrika. Die Ungeduld und Sorge, mit welcher die eng lischen Politiker und die Presse von Großbritannien die Lage in Südafrika jetzt betrachten, werden durch einen Leitartikel des „Evening Standard" scharf hervorgehoben. Es heißt da wörtlich: „Gerade jetzt, wo die Lagt im fernen Osten sich derartig zugespitzt hat und die absolute Nothwendigköit für Groß britannien eingetreten ist, die nöthigen Arrangements so fort zu treffen, um an erster Stell« seine eigenen Inter essen erfolgreich zu wahren, und andererseits mit den übrigen Mächten zu cooperiren, müssen wir leider bekennen, daß das Kriegsglück in Südafrika, wie es uns in letzter Zeit zu Theil geworden ist, allgemein mit zunehmen der Ungeduld betrachtet wird, um nicht einen viel stär keren Ausdruck zu gebrauchen. Wir haben eine Armee von circa einer Viertelmillion Soldaten auf dem Kriegsschau plätze, die Woche auf Woche durch die geringen Ueberbleibsel des feindlichen Heeres mit Erfolg angegriffen, geschlagen oder nach Belieben vermieden werden, trotzdem mehr als die zehnfache lieber macht auf unserer Seite ist. Wir können nicht gerade sagen, daß unsere Truppen müßig sind, denn wir hören täglich von einer Recognoscirung dieses oder jenes Generals und von dem Vormarsche dieser oder jener Colonne, aber das that- sächliche.praktischeResultat aller dieser Bewegungen scheint auszubleiben. Wenn die letzten Rapporte ganz correct sind, so scheint General Rundle allerdings ein Boerencommando vollständig cernirt zu haben, ist aber in Anbetracht der starken feind lichen Position nicht im Stande, einen Angriff ohne un- verhältnißmäßig große Verluste zu risciren. Es ist eben immer das alte Lied, und das Ende ist noch gar nicht abzusehen." Es ist Thatsache, daß man in England allmählich eine große Kriegsunlust und -Müdigkeit zu verspüren beginnt und sich viel seitig kaum noch die Mühe nimmt, diese Symptome zu ver heimlichen. Inzwischen scheint die Aktivität derBoerenmit jedem Tage zuzunehmen und den Engländern immer mehr ztt schaffen zu machen. Nach den letzten Meldungen haben in drei Bezirken des Kriegsschauplatzes zu gleicher Zett Gefechte statt gefunden, und zwar mit für die Engländer sehr zweifelhaften Erfolgen. Lord Roberts versucht natürlich, den Vormarsch auf Middelburg von Pretoria zu forciren; die 1500 Boeren unter Commandant De Wet, welche von dem FourieSburg- Districte nach Nordwesten durchbrachen, attackirten die dritte englische Brigade unter General Litt!« und zogen sich dann unbehelligt ebenso schnell wieder zurück, als sie gekommen waren. Ein anderes größeres Boeren-Commando ist zwischen Krügers dorp und Heidelberg durch die englischen Linien geschlüpft, hat sich unbemerkt der Eisenbahn genähert und einen nach Cap stadt bestimmten Transportzug zum Entgleisen ge bracht, indem es die Strecke auf eine beträchtliche Entfernung gründlich zerstörte. Wahrscheinlich war es diese selbe Boeren- abtheilung, welche es Unternahm, die Nataklinie südöstlich von Heidelberg zu zerschneiden, in welchem Unternehmen sie jedoch nach britischer Angabe nicht erfolgreich gewesen ist. Soweit bekannt ist, ist Lord Methuen, von dem man übrigens lange nichts mehr gehört hatte, auf dem Marsche von Krügers dorp nach Hekspoort ohne viel Widerstand zu finden. Die strategischen und taktischen Fähigkeiten des Generals De Wet müssen immer aufs Neue bewundert werden, und er scheint auch seine Unterführer in geeigneter Weise zu inspiriren und anzustellen, und dieser letzte Angriff auf die nach Süden führenden Eisenbahnlinien dürften nach einem wohlangelegten Plane dieses kühnen und gewandten Guerillafllhrers in Scene gesetzt worden sein. Es verlautet, daß General Hunter von Heidelberg aus mit einer Colonne die Verfolgung der „Raubzügler aus dem Freistaate" energisch aus genommen hat, aber viel Erfolg verspricht man sich von dieser „Energie" selbst in der Jingo-Presse schon längst nicht mehr. Man verspricht sich allerdings sehr viel von der jetzt in der Bildung begriffenen „Polizei-Truppe", die aus kriegserfahrenen südafrikanischen Colonialsoldatcn bestehen wird und ganz speciell den flinken und nimmermüden, umherschweifenden „Boeren- Banden" gefährlich werden soll, aber es ist und bleibt im höchsten Grade für die britischen Generale verdrießlich, daß sie für diesen unbequemen Kleinkrieg eben gar nicht die erforderliche Uebersicht und Entschlossenheit zu besitzen scheinen, und daß sie sich auf ihre Unterführer so außerordentlich wenig verlassen können. Im Allgemeinen operirt der englische Stabsofficier, sobald er s e l b st st ä n d i g auftritt, mit einem Mangel von strategischem und taktischem Wissen und Können, der immer aufs Neue die unsäglich ärmliche Aus bildung dieser Commandeure in Fricdenszeiten aufdeckt. Daher diese fortwährenden kleinen und größeren Mißerfolge und pein lichen Ueberraschungrn, die im britischen Haupt quartier andauernd Helle Verzweiflung Hervorrufen und zu unaufhörlichen Veränderungen in den niederen Commando- stellen Veranlassung geben. Das letzte Opfer seiner eigenen Unfähigkeit ist der Generalmajor Sir H. Colvile, der auf Inter vention des Stabschefs Lord Kitchener kurzer Hand nach Hause geschickt worden -ist, nachdem die bösen Boeren seine bisherige militärisch« Reputation, wie diejenige manches anderen eng lischen „Helden-Generals", schonungslos zu Schanden gemacht hatten. ViS jetzt hat Grneral-Commandant De Wet aller Bemühungen der Engländer, ihn zu fassen, mit glänzendem Erfolge gespottet. General Hunter, der unfähig war, den Durchbruch der Frei- ftaatler zu verhindern, ist nunmehr angeblich in deren Ver folgung begriffen, welche Action wohl besser als ein weiteres Herumtasten und Probiren des als einen der glänzendsten englischen Heerführer bezeichneten Generals hin gestellt wird. Auch die angeblich so brillanten Reiterführer Paget und Broadwood werden in ihrer „Verfolgung" wahrschein lich, wie bisher, im Dunkeln tappen und den Erwartungen des Hauptquartiers nicht entsprechen. De Wet ist all' diesen Herren durchaus „über", und mit der Gewandtheit eines Jägers und der taktischen Sicherheit eines preußischen Generalstäblers, unter voller Ausnutzung der wundervollen Beweglichkeit seiner Truppen, entwischt er ihnen immer wieder und hält sie nur fort während nach seinem Belieben in Athem und in Unruhe. Sein Versuch, Lindley zu überrumpeln, mußte allerdings fehlschlagen, weil es den Engländern zur Abwechselung einmal möglich war, bei Zeiten ihre Vorkehrungen zu treffen, ohne daß es aber dem General Little, trotz seiner Uebermacht in allen Waffengattungen, gelungen wäre, selbst die Initiative zu ergreifen und seine Gegner zu fassen und zu schlagen. — Der Ausblick für die Engländer ist nach ihrem eigenen Geständnisse ganz und gar kein rosiger. * London, 25. Juli. Wie die Blätter vom gestrigen Tage auS Capstadt melden, batte die Carrington- und Rhodesia- Feldtruppe das erste Gefecht mit dem Feinde. Sie griff gestern die Stellung der Boeren am Selom-Flusse an und stürmte sie nach einem deftigen Gefecht. Die Engländer ver loren 4 Todte und 19 Verwundete; die Verluste der Boeren sind schwer. abbrechen ließ, wie der mit dem lustigen Künstlerkleeblatt, und außerdem auch tkün Verlangen tragen, seine nähere Bekanntschaft zu machen. , Die Summe dieser neuen Erlebnisse und Erfahrungen soiner- foitS war ein gesteigerter Groll gegen die Baronin. Wie gemäch lich und friedlich wäre das Zusammensein mit den Freunden ver laufen, wie anregend für ihn, ohne ihre Anwesenheit. Sie hatte ihn wieder indirect gestört und beraubt, und mochte sie in diesem Falle noch so unschuldig sein, er konnte ihr das wiederum Nicht ver zeihen. i Endlich reisten dtie Künstler ab. Acht Tage hatten sie bleiben wollen und fast drei Wochen waren sie geblieben. Hätte nicht eine besondere Angelegenheit ihre Anwesenheit in Berlin dringend erfordert, sie hätten vielleicht noch länger gezögert und in dem Ver kehr mit der Baronin noch größere Fortschritte gemacht. Graf Egon empfand nun sein Alleinsein wie eine Befreiung. Zeit genug hatte er auch vorher gehabt, aber nicht die innere Ruhe und Sammlung, deren er bedurfte, um mit Freude seiner Arbeit und seinen kleinen Liebhabereien obzuliegen. Freilich, merkwürdig still war es mit einem Male geworden im alten Schloß, aber besser diese Stille und Einsamkeit, als die steten Lobreden auf die göttliche Baronin. Sie wirkten auf ihn wie eine Herausforderung, «in steter, unangenehmer Reiz, und er konnte das auf die Dauer nicht ertragen. Je weniger er sich dar über aussprechen konnte, um so mehr wuchs die innere Ver stimmung gegen die neue Nachbarin. Dm Winter über blieb ihm ihr Anblick, ja fast die Erinne rung an sie, gänzlich erspart. Frau Wenslein durfte ihm gegen über ihren Namen nicht nennen, und er selbst war durch die großen Jagden und andere gesellige Veranstaltungen gänzlich in Anspruch genommen. — Nur am Weihnachtsabend, als er zu seinen Geschwistern fuhr, um der Bescheerung im neuen Schlosse mit all ihrem Kerzenglanz und Kinderjubel beizuwohnen, ge dachte er ihrer, und eine mitleidige Regung beschlich sein Herz. Wie die einsame Frau daS Fest wohl verleben würde, — das selbe Fest, an dem früher Rosi, ihr Töchterchen, ihr zugejauchzt, sie zärtlich umschlungen und dankend das schöne, blasse Gesicht mit Küssen bedeckt hatte! — Der Gedanke schmerzte ihn fast, aber heftig zog er die Schlittendeck« höher hinauf, schnürte den Pelz fester zusammen und brummte vor sich hin: „Unsinn, was geht's mich an. Wer sich was einbrockt, muß es auch aus essen. Irgend einen Trost wird sie wohl haben. Der Professor meinte, sie läse viel und liebe die Philosophie. Da kann sie ja den heiligen Abend in Gesellschaft ihrer Geistesheroen zubringen und sich an dm Problemen der Wissenschaft erbauen. Für'S Herz ist da» frriltch nicht», aber vielleicht hat sie gar kein Herz, son- dein nur ein lebhaftes Temperament und befindet sich äußerst wohl in der kühlen Atmosphäre." Ende Februar, als es nichts mehr zu schießen gab, ging Graf Egon, wie alljährlich um diese Zeit, nach Berlin und wurde von seinen Freunden mit Freuden begrüßt. Aber er bewegte sich diesmal nicht ausschließlich in Künstlerkreisen, sondern besuchte, als Gast des Poinzon Einsiedel, auch häufig einen exclusiven Club, wo hoch gespielt wurde und die Gesellschaft hauptsächlich aus Großgrundbesitzern, reichen Sportsleuten und Diplomaten bestand. — Auch Fremde wurden dort vorübergehend eingefllhrt, und obgleich Graf Egon selbst nicht spielte, machte es ihm doch Vergnügen, dem Treiben der Gesellschaft zuzusehen. Unter den eifrigen Hazardspielern fiel ihm bald ein Herr auf, der ihm vorgestellt worden war, dessen Namen er aber niicht verstanden hatte. Er war ein Hllhne von Gestalt, hatte kurz ge schorenes, rothes Haar, einen mächtigen Schnurrbart und rin derbes Gesicht mit brutalem, herausforderndem Ausdruck — ein sogenanntes Ohrfeigengesicht. Die Rücksichtslosigkeit, mit der er vorging, die finstere Entschlossenheit, welche ihn am Spieltische fcstyrelt, selbst dann, wenn er ungeheure Summen verlor, sein ganzes, mühsam beherrschtes, wenig sympathisches Gebühren, er regten Graf Egon's Aufmerksamkeit, und er benutzte bald eine Gelegenheit, um sich nach ihm zu erkundigen. Aber Niemand wußte so recht Bescheid. Er war ein Däne, hieß Baron Butenop und war van dem dänischen Gesandten eingeführt worden. Er selbst sprach immer nur von Paris, wo er die letzten Jahre ver bracht hatte, wohnte im Kaiserhof und gab sehr viel Geld aus. Daß er auch trank, war erwiesen, und sein Name wurde mit dem einer berühmten und berüchtigten Operettensängerin in nicht miß- zuverstehender Weise zusammen genannt. Eines Tages fuhr er mit dieser Dame, die sehr auffallend gekleidet war, im offenen Wagen Vie Linden entlang, und Graf Egon, der mit dem Prinzen und einem Rittmeister von den Garde-Ulanen vor dem CafS Bauer stand, sah ihm kopfschüttelnd nach. „Das ist doch stark", sagte er entrüstet, „so am Hellen Tage " Der Prinz stimmte ihm bei, aber der Rittmeister meinte lachend: „DaS sieht dem Kerl, dem Butenop, ganz ähnlich, der fragt den Teufel danach, waS sich schickt. In Paris soll er es ganz toll geitriebon haben, und seine Frau hat sich der Maitressen- wirthschaft wegen von ihm scheiden lassen." „So war er schon verheirathet?" fragte Graf Egon inter- essirt. „Ja, und zwar mit einer Deutschen, einer ganz reizenden Frau, deren Ehe «in einziges, langes Martyrium war. — Ich wsiß daS von einem Freunde, der in Nizza mit den Briden zu sammentraf und mehrere Monate mit ihnen verkehrte." Auch der Prinz wandte sich fragend zu ihm. -/ l „Hatte sie denn keine Verwandte, die sich ihrer annahmen?" meinte er. „Doch, — einen einzigen Bruder, den sie abgöttisch liebte. Um ihn nicht zu betrüben und in Conflict Mit ihrem Manne zu bringen, verheimlichte sie ihm ihr Elend, und da sie immer im Auslande lebte — der Baron war verschiedenen Gesandtschaften attachirt —, ließ sich das auch eine Weile durchführen. Schließ lich bekam er aber doch Wind davon, erschien in Paris und entriß seiner Schwester das Geständniß der Wahrheit. Die Folge war ein Duell. Der Unschuldige fiel, der Schuldige blieb am Leben, und die arme Frau mußte ihre wiedererlangte Freiheit mit dem Verluste des geliebten Bruders bezahlen. Daß er jung ver heirathet war und sine trostlose Wittwe hinterlieh, machte die Sache noch viel trauriger." Beide Herren hörten mit Interesse zu, aber Graf Egon wurde ganz eigenthümlich dabei zu Muthe. Hatte er das Alles, oder ganz Aehnliches nicht schon einmal gehört, wenn auch unter anderen Voraussetzungen? Klang durch die Worte des Ritt meisters nicht eine bekannte Melodie? — Eine Ahnung stieg in ihm auf, und, sich hastig dem Rittmeister zuwendend, sagte er: „Ein unangenehmer, wüster Mensch, der mir vom ersten Augenblick an mißfiel. Und er heißt wirklich Butenop, Baron Butenop?" „Gewiß", erwiderte der Rittmeister. „Scram von Butenop. Dir Familie ist alt und in Dänemark ansässig." Wie betäubt ging Graf Egon neben den beiden Anderen her. „Scram von Butenop", wiederholte er, „Scram von Butenop", und sie, die geschiedene Frau, die mit ihm unter einem Dache lebte, die er verdächtigt und verabscheut hatte, — sie hieß Baronin Scram, Bernhardme von Scram. Es war offenbar derselbe Name. Plötzlich wandte er sich wieder an den Rittmeister, der mit dem Prinzen bereits von etwas Anderem sprach, und fragte, im Anschluß an seinen Gedankengang: „Waren Eigentlich Kinder da und hat sich her Baron nach der Scheidung wieder verheirathet?" „Kinder?" meinte Jener, sich besinnend, „nein, so viel ich weiß, nicht, aber möglich ist eS immerhin. Mein Freund, Graf Bohlen, kann Ihnen darüber Näherei sagen. Von einer zweiten Ehe habe ich nichts gehört, und ich glaube, ein Mensch wie der, wird sich hüten, seine Freiheit wieder aufzugeben. DaS erste Mal hat er auch nur des Geldes wegen geheirathet." „Ich hätte geglaubt, er selbst sei reich", warf Graf Egon ein. „Ist er auch, und wenn er mitunter ungeheure Summen verspielt, er gewinnt auch wieder, aber manche Menschen können ja nie genug haben, und seine Frau war eine Waise, der bei ihrer Volljährigkeit ein großes Vermögen ausgezahlt wurde. Die Hälfte davon hat er durchgebracht, die andere war glücklicher Weise sicher gestellt, und sie ist immer noch groß genug, um ihr ein recht angenehmes, genußreiches Dasein zu sichern." „Wo lebt sie denn jetzt?" „Das kann ich Ihnen nicht sagen, Verehrtester. Seit mehr als einem Jahre ist sie verschwunden, verschollen. Man munkelt etwas von den Hinterwäldern der nordöstlichen Provinzen, aber daß sie, als schöne, reiche, junge Frau sich dort verborgen hält, ist nicht wohl anzunehmen. Sie hat eine Zeit lang in der Gesellschaft eine große Rolle gespielt und keine Ursache, sich zu ver stecken. Ihr eigener Ruf ist tadellos." Graf Egon schwieg. Er mochte nicht weiter fragen, aber er wurde immer nachdenklicher. Sollte es möglich sein, daß seine neue Nachbarin identisch war mit der geschiedenen Frau dieses wüsten, brutalen, gewissenlosen Menschen? Daß sie wirklich zu den Opfern gehörte, den Märtyrern der Ehe, während er das Gegentheil von ihr glaubte? Hatte sein Vorurtheil ihn wirk lich so weit verblendet, ihn blind und taub gemacht gegen das Edle und Wahre in ihr? — — Im Geiste durchlebte er noch einmal die Stunde in der Kanzlei, in der er die Freundinnen belauscht hatte. — War denn nicht Alles klar und erwiesen? Sie hatte, unbefriedigt in der eigenen Ehe, den Gatten einer Anderen geliebt, seine Neigung erweckt und ihre eigene Leidenschaft so schlecht bewacht, daß die Flammen über Beiden zusammengrschlagen waren und er jede Vorsicht vergessen hatte. Dann kam die Forderung des be leidigten Gatten, das Duell mit dem tödtlichen Ausgang, der Haß und Fluch jener jungen Frau, der sie das Liebste geraubt aber paßte das, was sie gesagt hatte, nicht ebenso gut auf die Geschichte des Barons Butenop, war sie nicht wahr scheinlicher, wenn man die ruhige Haltung, den ungebeugten Stolz der Baronin in Erwägung zog? Konnte der zum Opfer gefallene junge Ehemann, den sie Freddy nannte, nicht wirklich ihr Bruder sein? Die Wittwe — ihre Schwägerin? ES stimmte Alles genau, nur Eins ließ sich nicht erklären: die An gelegenheit Wit der kleinen Rosi! Die Baronin hatte doch selbst erklärt: „Ich habe kein Recht auf sie" und „das Kind gehört zum Vater", hatte selbst von dessen Wiederverheirathung ge sprochen. Wenn nun ihr Gatte der Schuldige war, was zwang sie, ihm das Kind zu lassen, waS bewog sie, die Zukunft desselben einem Menschen anheimzugeben, der jede» Vertrauens un würdig war? (Fortsetzung folgt.)
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